Quelle: www.welt.de

Bislang war die Bundesregierung davon ausgegangen, dass in Europa genug Kraftwerke bereitstehen, um nach dem deutschen Atom- und Kohleausstieg Lücken in der deutschen Stromversorgung zu füllen. Eine gefährliche Fehleinschätzung, wie jetzt aus der Studie „Verfügbarkeit ausländischer Kraftwerkskapazitäten für die Versorgung in Deutschland“ hervorgeht.
Tatsächlich stellt die Studie ebenso grobe wie folgenreiche Rechenfehler in den Strategiepapieren der Bundesregierung fest. So war das Bundeswirtschaftsministerium im „Grünbuch“ von 2014 davon ausgegangen, dass in dem für Deutschland relevanten Marktgebiet Kraftwerksüberkapazitäten von 60 Gigawatt bestünden. „Die genannte Zahl von 60 Gigawatt ist jedoch nicht korrekt“, stellt die BDEW-Untersuchung jetzt fest. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWI) habe Daten der europäischen Netzbetreiber „falsch interpretiert“. Die Überkapazitäten in Deutschland und den Anrainerstaaten waren zu diesem Zeitpunkt tatsächlich „um den Faktor 3-4 niedriger“.

Noch im November vergangenen Jahres hatte es in einem Papier aus dem BMWI geheißen, rein nationale Leistungsbilanzen zur Stromversorgung seien „veraltet“ und hätten „keine Aussagekraft“, vielmehr müsse „Versorgungssicherheit europäisch gedacht werden“. Inzwischen distanziert sich das BMWI von dem Papier. Doch damals hatte es dort geheißen, es sei ohne Probleme möglich, sieben Gigawatt Kohlekraft schon 2020 in Deutschland stillzulegen, da „in Europa beträchtliche Überkapazitäten von 40 Gigawatt“ bestünden. Auch diese Zahl, stellt die BDEW-Analyse jetzt fest, sei „nicht belegt“ und erscheine „zu hoch“.
 
Der wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission rechnet jetzt vielmehr damit, dass die Kohlekapazitäten in der EU-28 bis 2025 von 150 Gigawatt auf 105 Gigawatt zurückgehen. Bis 2030 sei ein weiterer Rückgang auf 55 Gigawatt zu erwarten. „Dies entspricht einer Abnahme von 63 Prozent“, warnen die EU-Statistiker: „Zusätzliche Abschaltungen von Kraftwerkskapazitäten in Deutschland würden diese Situation noch verschärfen.“
 
Damit fehlen schon in Kürze überall in Europa Kraftwerke mit „gesicherter Leistung“, die unabhängig von den aktuellen Wind- und Sonnenverhältnissen Strom produzieren können. In Zeiten von „kalten Dunkelflauten“, die im Winter oft auch zwei Wochen lang anhalten können, drohe Elektrizität in ganz Europa zeitgleich knapp zu werden, warnt der BDEW: „Die Zeiten, in denen sehr viel Strom nachgefragt wird, sind in Mitteleuropa nahezu deckungsgleich: Ist die Stromnachfrage in Deutschland hoch, ist dies in der Regel auch in den angrenzenden Staaten der Fall.“
 
„Egal, wohin man seinen Blick auf einer Europakarte auch schweifen lässt: Fast überall sollen gesicherte Stromerzeugungskapazitäten vom Netz genommen werden“
Für Deutschland wäre es damit aber „zu riskant, sich zum Beispiel in einer Winter-Dunkelflaute auf Stromimporte zu verlassen“, argumentiert der Energieverband: „Wir werden in Deutschland neue Erzeugungskapazitäten auf Basis von Gas brauchen.“
Allerdings werden neue Gaskraftwerke derzeit fast nirgendwo geplant, weil die Refinanzierung unter den Bedingungen der Energiewende zu riskant erscheint.
 

Update 26.04.19: Übertragungsnetzbetreiber: Netzausbau noch teurer als bisher erwartet

Quelle: www.en-former.com

Nach der ersten Konsultationsrunde hat sich herausgestellt: Die Energiewende fordert noch mehr Investitionen

Mitte April haben die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) den zweiten Entwurf für den Netzentwicklungsplan 2030 (Stand 2019) vorgelegt und an die Bundesnetzagentur übergeben. Neben kleineren Anpassungen und Neuberechnungen steht eine grundlegende Erkenntnis: Der Ausbau des Höchst- und Hochspannungsnetzes wird noch teurer als bislang erwartet. Die ÜNB fordern zwischen 1.600 und 1.700 Kilometer zusätzliche neue Übertragungsleitungen. Damit erhöhen sie ihr Bedarfsprognose noch einmal im Vergleich zum ersten Entwurf.

Den Neuberechnungen zufolge steigen die Kosten schon im mittleren der drei Planungsszenarien (sogenanntes Szenario B 2030) im Vergleich zum ersten Entwurf von 52 Milliarden Euro auf 61 Milliarden Euro. Den Empfehlungen der Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung kommt allerdings das Szenario C am nächsten, das den geringsten Anteil von Strom aus Kohle und Gas zugrunde legt. Hier sehen die ÜNB einen Investitionsbedarf von 62,5 Milliarden Euro.

In diesem Szenario müssten auch die meisten zusätzlichen Leitungen neu gebaut werden, die im Bundesbedarfsplan und im Energieleitungsausbaugesetz noch nicht vorgesehen sind, nämlich 1.700 Kilometer. Außerdem seien dann zusätzliche 3.250 Kilometer an Netzverstärkungen auf Bestandstrassen nötig. Insgesamt beläuft sich im Szenario C der Netzausbau- und Netzverstärkungsbedarf bis 2030 auf 12.090 Kilometer.

Darüber hinaus werden in allen Szenarien neben den drei bereits geplanten Gleichstrom-Verbindungen von Nord- nach Süddeutschland zwei weitere nötig. Sie sollen jeweils eine Leistung von 4 Gigawatt (GW) über insgesamt 1.160 Kilometer übertragen können. Hinfällig geworden ist keine einzige der bisher veranschlagten Netzausbau-Maßnahmen – in keinem der Szenarien.

Bereits jetzt klagen die Netzbetreiber über zeitweise Engpässe. Da in den kommenden Jahren die verbleibenden Atomkraftwerke vom Netz gehen und der Anteil Erneuerbarer Energien am Stromnetz weiter steigen wird, wächst auch das innerdeutsche Gefälle bei der Stromerzeugung mit einem Erzeugungsüberschuss im Norden und Osten und einem Erzeugungsdefizit im Westen und Süden.

Die west- und süddeutschen Bundesländer müssen zwischen einem Viertel und der Hälfte ihrer jährlichen Stromnachfrage aus dem In- und Ausland importieren.

Eine Bewertung der Versorgungssicherheit beinhaltet der Netzentwicklungsplan nicht: Im Szenario C steht einer Residuallast von 80 GW eine gesicherte Leistung von 80,7 GW gegenüber. Letzte setzt sich zusammen aus 69,1 GW konventioneller Kraftwerksleistung, 6,0 GW Biomasse und 5,6 GW Wasserkraft. Dabei werden aber Nichtverfügbarkeiten etwa aufgrund von Revisionen oder Wasserstand nicht berücksichtigt.

Damit Versorgungssicherheit gewährleistet bleibt, müssen Lastmanagement und Stromimporte aus dem Ausland einiges auffangen – die Autoren des Netzentwicklungsplans nehmen 6 GW an.

Update 21.05.19: Problem Verfügbarkeit

Professor Harald Schwarz (PDF-Datei)

„Es gibt seit zehn Jahren ausreichend Studien dazu. Möchte man in einem Land sichere Stromversorgung, benötigt man gesicherte Kraftwerksleistung. Seit hundert Jahren heißt die Regel, dass die gesicherte Leistung die mögliche Höchstlast in einem Stromnetz übersteigen muss. Schauen wir uns die letzten zehn bis 15 Jahre Energiewende in Deutschland an, so haben wir um die 120 Gigawatt PV- und Windstrom aufgebaut. Die gesicherte Leistung von PV ist aber 0%, bei Wind onshore ist es 1%, bei Wind offshore 2%. Im Klartext liefern die 120 GW, die wir in den letzten 15 Jahren aufgebaut haben, nahezu null Beitrag zur gesicherten Leistung. Wir werden ausschließlich mit Wind und PV nie eine gesicherte Stromversorgung aufbauen.

Erneuerbare Energien: „Null Beitrag zur gesicherten Leistung“

Vor zehn Jahren standen uns deshalb rund 100 GW Kraftwerksleistung aus sicheren Energieträgern zur Verfügung, das sind Kohle, Gas, Atom, Biomasse und Laufwasser. Die mögliche Höchstlast in Deutschland liegt derzeit bei ca. 85 GW. Inzwischen ist die gesicherte Leistung auf knapp 90 GW abgeschmolzen  und der Kohlekommissionsbericht sieht vor, dass wir davon bereits in drei Jahren weitere 20 GW gesicherte Leistung abschalten. Das soll dann noch weiter fortgesetzt werden. Wir geben in drei Jahren also unsere sichere Stromversorgung „aus eigener Kraft“ auf und haben dann nur noch 80% der notwendigen gesicherten Kraftwerkleistung im eigenen Land, die wir brauchen, um uns verlässlich zu versorgen. 2030 sinkt das weiter auf 60%. Wo soll der Rest herkommen? Es gibt kein Konzept und bei unseren Planungshorizonten kann ich mir keine reale Lösung vorstellen.“

„Die Bundesregierung Deutschland verfügt derzeit über kein Konzept zum Ersatz der fossilen Energieträger. 2020 wird bereits eine Unterdeckung der relevanten Höchstlast im deutschen Stromsystem vorhanden sein, mit der Abschaltung weiterer Kohlekraft und der verbliebenen Atomkraft wird diese Lücke 2022 gut ein Fünftel der möglichen Höchstlast umfassen.“

 

Kommentare

Es ist erfreulich, dass sich nun doch jemand auch mal mit den Fakten beschäftigt. Siehe dazu etwa auch Die Energiewende: Fiktion und Wirklichkeit oder Süddeutschland braucht künftig zunehmend Stromimporte – nur woher?. Wenn es eng wird , importieren bereits seit Jahren mehrere Länder aus Deutschland: Schweiz, Frankreich, Belgien, Österreich. … Und alle sagen, alles kein Problem, wir können eh importieren bzw. sagt das der Markt aufgrund des Preises. Aber wenn der bisherige Exporteur nun auch zum Importeur wird, dann wird es spannend. Ganz abgesehen davon, dass Versorgungssicherheit kein nationales Thema ist. Alle sitzen im selben Boot und gehen gemeinsam unter …

Update 26.04.19

Der viel größere Brocken bei den Kosten wird noch überhaupt nicht thematisiert: Die Energiebevorratung! Denn die Netz können nur etwas verteilen, wenn auch etwas da ist. Und die PV kann (da in der Nacht keine Sonne scheint) 0% gesicherte Leistung und der Wind im unteren einstelligen Prozentbereich sicherstellen. Die Energiewende ist ein Fleckerlteppich von Einzelmaßnahmen und Lösungen, die eben kein Ganzes ergeben. Und auch hier geht man wieder von 6 GW gesicherte Importleistung aus, die nicht überprüft wurden und auch nicht absehbar sind, da bisher schon die Nachbarländer aus Deutschland importieren, wenn es kritisch wird. Siehe auch Süddeutschland braucht künftig zunehmend Stromimporte – nur woher?

Zusatzinformation von einer Fachveranstaltung am 08. Mai 2019: Deutschland könnte bereits im Winter 2019/20 einen Importbedarf von 0,5 GW haben, sollte es durch eine Dunkelflaute eng werden.

Update 21.05.19

Natürlich müssen wir die Energiewende schaffen. Wir werden dies aber nicht mit Wunschvorstellungen tun. Daher ist dieser kritische Hinweis durchaus berechtigt. Und ja, es gibt Lösungsansätze. Aber wir brauchen eine breite reale Verfügbarkeit und nicht nur Papier, damit das auch in der Realität funktioniert.