Europa kann die deutsche Stromversorgung nicht retten

Quelle: www.welt.de

Bislang war die Bundesregierung davon ausgegangen, dass in Europa genug Kraftwerke bereitstehen, um nach dem deutschen Atom- und Kohleausstieg Lücken in der deutschen Stromversorgung zu füllen. Eine gefährliche Fehleinschätzung, wie jetzt aus der Studie „Verfügbarkeit ausländischer Kraftwerkskapazitäten für die Versorgung in Deutschland“ hervorgeht.
Tatsächlich stellt die Studie ebenso grobe wie folgenreiche Rechenfehler in den Strategiepapieren der Bundesregierung fest. So war das Bundeswirtschaftsministerium im „Grünbuch“ von 2014 davon ausgegangen, dass in dem für Deutschland relevanten Marktgebiet Kraftwerksüberkapazitäten von 60 Gigawatt bestünden. „Die genannte Zahl von 60 Gigawatt ist jedoch nicht korrekt“, stellt die BDEW-Untersuchung jetzt fest. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWI) habe Daten der europäischen Netzbetreiber „falsch interpretiert“. Die Überkapazitäten in Deutschland und den Anrainerstaaten waren zu diesem Zeitpunkt tatsächlich „um den Faktor 3-4 niedriger“.

Noch im November vergangenen Jahres hatte es in einem Papier aus dem BMWI geheißen, rein nationale Leistungsbilanzen zur Stromversorgung seien „veraltet“ und hätten „keine Aussagekraft“, vielmehr müsse „Versorgungssicherheit europäisch gedacht werden“. Inzwischen distanziert sich das BMWI von dem Papier. Doch damals hatte es dort geheißen, es sei ohne Probleme möglich, sieben Gigawatt Kohlekraft schon 2020 in Deutschland stillzulegen, da „in Europa beträchtliche Überkapazitäten von 40 Gigawatt“ bestünden. Auch diese Zahl, stellt die BDEW-Analyse jetzt fest, sei „nicht belegt“ und erscheine „zu hoch“.

Der wissenschaftliche Dienst der EU-Kommission rechnet jetzt vielmehr damit, dass die Kohlekapazitäten in der EU-28 bis 2025 von 150 Gigawatt auf 105 Gigawatt zurückgehen. Bis 2030 sei ein weiterer Rückgang auf 55 Gigawatt zu erwarten. „Dies entspricht einer Abnahme von 63 Prozent“, warnen die EU-Statistiker: „Zusätzliche Abschaltungen von Kraftwerkskapazitäten in Deutschland würden diese Situation noch verschärfen.“

Damit fehlen schon in Kürze überall in Europa Kraftwerke mit „gesicherter Leistung“, die unabhängig von den aktuellen Wind- und Sonnenverhältnissen Strom produzieren können. In Zeiten von „kalten Dunkelflauten“, die im Winter oft auch zwei Wochen lang anhalten können, drohe Elektrizität in ganz Europa zeitgleich knapp zu werden, warnt der BDEW: „Die Zeiten, in denen sehr viel Strom nachgefragt wird, sind in Mitteleuropa nahezu deckungsgleich: Ist die Stromnachfrage in Deutschland hoch, ist dies in der Regel auch in den angrenzenden Staaten der Fall.“

„Egal, wohin man seinen Blick auf einer Europakarte auch schweifen lässt: Fast überall sollen gesicherte Stromerzeugungskapazitäten vom Netz genommen werden“

Für Deutschland wäre es damit aber „zu riskant, sich zum Beispiel in einer Winter-Dunkelflaute auf Stromimporte zu verlassen“, argumentiert der Energieverband: „Wir werden in Deutschland neue Erzeugungskapazitäten auf Basis von Gas brauchen.“
Allerdings werden neue Gaskraftwerke derzeit fast nirgendwo geplant, weil die Refinanzierung unter den Bedingungen der Energiewende zu riskant erscheint.

Kommentar

Es ist erfreulich, dass sich nun doch jemand auch mal mit den Fakten beschäftigt. Siehe dazu etwa auch Die Energiewende: Fiktion und Wirklichkeit oder Süddeutschland braucht künftig zunehmend Stromimporte – nur woher?. Wenn es eng wird , importieren bereits seit Jahren mehrere Länder aus Deutschland: Schweiz, Frankreich, Belgien, Österreich. … Und alle sagen, alles kein Problem, wir können eh importieren bzw. sagt das der Markt aufgrund des Preises. Aber wenn der bisherige Exporteur nun auch zum Importeur wird, dann wird es spannend. Ganz abgesehen davon, dass Versorgungssicherheit kein nationales Thema ist. Alle sitzen im selben Boot und gehen gemeinsam unter.

Update 26.04.19: Übertragungsnetzbetreiber: Netzausbau noch teurer als bisher erwartet

Quelle: www.en-former.com

Nach der ersten Konsultationsrunde hat sich herausgestellt: Die Energiewende fordert noch mehr Investitionen

Mitte April haben die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) den zweiten Entwurf für den Netzentwicklungsplan 2030 (Stand 2019) vorgelegt und an die Bundesnetzagentur übergeben. Neben kleineren Anpassungen und Neuberechnungen steht eine grundlegende Erkenntnis: Der Ausbau des Höchst- und Hochspannungsnetzes wird noch teurer als bislang erwartet. Die ÜNB fordern zwischen 1.600 und 1.700 Kilometer zusätzliche neue Übertragungsleitungen. Damit erhöhen sie ihr Bedarfsprognose noch einmal im Vergleich zum ersten Entwurf.

Den Neuberechnungen zufolge steigen die Kosten schon im mittleren der drei Planungsszenarien (sogenanntes Szenario B 2030) im Vergleich zum ersten Entwurf von 52 Milliarden Euro auf 61 Milliarden Euro. Den Empfehlungen der Kommission Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung kommt allerdings das Szenario C am nächsten, das den geringsten Anteil von Strom aus Kohle und Gas zugrunde legt. Hier sehen die ÜNB einen Investitionsbedarf von 62,5 Milliarden Euro.

In diesem Szenario müssten auch die meisten zusätzlichen Leitungen neu gebaut werden, die im Bundesbedarfsplan und im Energieleitungsausbaugesetz noch nicht vorgesehen sind, nämlich 1.700 Kilometer. Außerdem seien dann zusätzliche 3.250 Kilometer an Netzverstärkungen auf Bestandstrassen nötig. Insgesamt beläuft sich im Szenario C der Netzausbau- und Netzverstärkungsbedarf bis 2030 auf 12.090 Kilometer.

Darüber hinaus werden in allen Szenarien neben den drei bereits geplanten Gleichstrom-Verbindungen von Nord- nach Süddeutschland zwei weitere nötig. Sie sollen jeweils eine Leistung von 4 Gigawatt (GW) über insgesamt 1.160 Kilometer übertragen können. Hinfällig geworden ist keine einzige der bisher veranschlagten Netzausbau-Maßnahmen – in keinem der Szenarien.

Bereits jetzt klagen die Netzbetreiber über zeitweise Engpässe. Da in den kommenden Jahren die verbleibenden Atomkraftwerke vom Netz gehen und der Anteil Erneuerbarer Energien am Stromnetz weiter steigen wird, wächst auch das innerdeutsche Gefälle bei der Stromerzeugung mit einem Erzeugungsüberschuss im Norden und Osten und einem Erzeugungsdefizit im Westen und Süden.

Die west- und süddeutschen Bundesländer müssen zwischen einem Viertel und der Hälfte ihrer jährlichen Stromnachfrage aus dem In- und Ausland importieren.

Eine Bewertung der Versorgungssicherheit beinhaltet der Netzentwicklungsplan nicht: Im Szenario C steht einer Residuallast von 80 GW eine gesicherte Leistung von 80,7 GW gegenüber. Letzte setzt sich zusammen aus 69,1 GW konventioneller Kraftwerksleistung, 6,0 GW Biomasse und 5,6 GW Wasserkraft. Dabei werden aber Nichtverfügbarkeiten etwa aufgrund von Revisionen oder Wasserstand nicht berücksichtigt.

Damit Versorgungssicherheit gewährleistet bleibt, müssen Lastmanagement und Stromimporte aus dem Ausland einiges auffangen – die Autoren des Netzentwicklungsplans nehmen 6 GW an.

Kommentar

Der viel größere Brocken bei den Kosten wird noch überhaupt nicht thematisiert: Die Energiebevorratung! Denn die Netz können nur etwas verteilen, wenn auch etwas da ist. Und die PV kann (da in der Nacht keine Sonne scheint) 0% gesicherte Leistung und der Wind im unteren einstelligen Prozentbereich sicherstellen. Die Energiewende ist ein Fleckerlteppich von Einzelmaßnahmen und Lösungen, die eben kein Ganzes ergeben. Und auch hier geht man wieder von 6 GW gesicherte Importleistung aus, die nicht überprüft wurden und auch nicht absehbar sind, da bisher schon die Nachbarländer aus Deutschland importieren, wenn es kritisch wird. Siehe auch Süddeutschland braucht künftig zunehmend Stromimporte – nur woher?.

Zusatzinformation von einer Fachveranstaltung am 08. Mai 2019: Deutschland könnte bereits im Winter 2019/20 einen Importbedarf von 0,5 GW haben, sollte es durch eine Dunkelflaute eng werden.

Update 21.05.19: Problem Verfügbarkeit

Professor Harald Schwarz (PDF-Datei)

„Es gibt seit zehn Jahren ausreichend Studien dazu. Möchte man in einem Land sichere Stromversorgung, benötigt man gesicherte Kraftwerksleistung. Seit hundert Jahren heißt die Regel, dass die gesicherte Leistung die mögliche Höchstlast in einem Stromnetz übersteigen muss. Schauen wir uns die letzten zehn bis 15 Jahre Energiewende in Deutschland an, so haben wir um die 120 Gigawatt PV- und Windstrom aufgebaut. Die gesicherte Leistung von PV ist aber 0%, bei Wind onshore ist es 1%, bei Wind offshore 2%. Im Klartext liefern die 120 GW, die wir in den letzten 15 Jahren aufgebaut haben, nahezu null Beitrag zur gesicherten Leistung. Wir werden ausschließlich mit Wind und PV nie eine gesicherte Stromversorgung aufbauen.

Erneuerbare Energien: „Null Beitrag zur gesicherten Leistung“

Vor zehn Jahren standen uns deshalb rund 100 GW Kraftwerksleistung aus sicheren Energieträgern zur Verfügung, das sind Kohle, Gas, Atom, Biomasse und Laufwasser. Die mögliche Höchstlast in Deutschland liegt derzeit bei ca. 85 GW. Inzwischen ist die gesicherte Leistung auf knapp 90 GW abgeschmolzen  und der Kohlekommissionsbericht sieht vor, dass wir davon bereits in drei Jahren weitere 20 GW gesicherte Leistung abschalten. Das soll dann noch weiter fortgesetzt werden. Wir geben in drei Jahren also unsere sichere Stromversorgung „aus eigener Kraft“ auf und haben dann nur noch 80% der notwendigen gesicherten Kraftwerkleistung im eigenen Land, die wir brauchen, um uns verlässlich zu versorgen. 2030 sinkt das weiter auf 60%. Wo soll der Rest herkommen? Es gibt kein Konzept und bei unseren Planungshorizonten kann ich mir keine reale Lösung vorstellen.“

„Die Bundesregierung Deutschland verfügt derzeit über kein Konzept zum Ersatz der fossilen Energieträger. 2020 wird bereits eine Unterdeckung der relevanten Höchstlast im deutschen Stromsystem vorhanden sein, mit der Abschaltung weiterer Kohlekraft und der verbliebenen Atomkraft wird diese Lücke 2022 gut ein Fünftel der möglichen Höchstlast umfassen.“

Kommentar

Natürlich müssen wir die Energiewende schaffen. Wir werden dies aber nicht mit Wunschvorstellungen tun. Daher ist dieser kritische Hinweis durchaus berechtigt. Und ja, es gibt Lösungsansätze. Aber wir brauchen eine breite reale Verfügbarkeit und nicht nur Papier, damit das auch in der Realität funktioniert.

Update 31.05.19: Deutschlands Bedarf an Reserve-Kraftwerken verdoppelt sich

Quelle: Die Welt

Deutschlands Bedarf an Reserve-Kraftwerken verdoppelt sich: Die Energiewende fordert das Stromnetz zunehmend heraus. Die Netzagentur hält eine Verdopplung der Reserve-Kraftwerke auf zehn Gigawatt für nötig. Das entspricht der Leistung von zehn Atomkraftwerken. Der Kohleausstieg ist da noch gar nicht eingepreist. Es gibt nach wie vor einen Bedarf an Netzreserve, um das deutsche Stromnetz in kritischen Situationen stabil zu halten. Bislang haben Energiekonzerne 110 Kraftwerksblöcke mit einer Kapazität von 22.000 Megawatt zur Stilllegung angemeldet. In 27 Fällen hat die Bundesnetzagentur die Abschaltung bereits untersagt. Aus diesem Pool wird auch die Netzreserve für den kommenden Winter gebildet, die von der Regulierungsbehörde mit 5126 Megawatt angegeben wird. Zudem verlangt eine neue Stromhandelsverordnung der EU, dass die Netzbetreiber mehr grenzüberschreitende Leitungen dem internationalen Stromhandel zur Verfügung stellen müssen. Auch dadurch steigt der Re-Dispatch-Bedarf. Woher die nötigen Reservekraftwerke im Winter 2022 kommen sollen, ist einstweilen noch unklar. Der Bedarf von mehr als zehn Gigawatt übersteigt bei Weitem das, was an inländischen Kraftwerken zu diesem Zeitpunkt der Netzreserve zur Verfügung stehen wird. Womöglich müssen dann erneut ausländische Kraftwerke zur Sicherung des deutschen Stromnetzes angemietet werden. Die Bundesnetzagentur hält daher an der Praxis fest, Netzreserve im Ausland erst zu kontrahieren, wenn die Bedarfsanalyse für den unmittelbar folgenden Winter einen entsprechenden Bedarf ergibt. Offenbar hegt die Bundesnetzagentur keinen Zweifel, dass Kraftwerkskapazitäten in dieser Größenordnung im Ausland auch 2022 noch kurzfristig kontrahiert werden können. Welche Preise dann aufgerufen werden, ist allerdings unsicher: Schließlich werden auch in zahlreichen europäischen Nachbarländern fossile Kraftwerke reihenweise stillgelegt. Was aktuell an Zubau stattfindet, sowohl an erneuerbaren Energien als auch an Gaskraftwerken, kann nicht kompensieren, was an gesicherter Leistung mit dem schrittweisen Kohleausstieg und dem Kernenergieausstieg vom Netz geht.

Stromnetzausbau geht zu langsam voran:

Quelle: Die Welt

Der Netzausbau kommt nicht so schnell voran, wie es nötig wäre. Das schlage sich in hohen Kosten für die Systemsicherheit nieder. 1,4 Milliarden Euro kosteten demnach im vergangenen Jahr Maßnahmen wie Leistungsanpassungen von Kraftwerken und die Vorhaltung von Reservekraftwerken, die über die Netzentgelte auf die Verbraucher umgeschlagen werden. Aktuell sind laut Homann rund 7700 Kilometer neue Stromleitungen in Deutschland geplant. Davon befinden sich 4600 Kilometer in Planungsverfahren und nur 1800 Kilometer sind genehmigt. Von den genehmigten Leitungen wurden laut dem Jahresbericht der Behörde Stand drittes Quartal 2018 nur 950 Kilometer gebaut.

Kommentar

Ein völliger Irrsinn, der absehbar in die Katastrophe führt. Rundherum werden Kraftwerke geschlossen. Etwa gerade in Österreich das Kohlekraftwerk Dürnrohr, das bisher zur Netzreserve für Deutschland eingesetzt wurde. Damit kann Österreich, wenn es eng wird vielleicht gerade noch den Eigenbedarf decken. Wenn wie im Jänner 2017, nicht einmal diesen. Wie kann man glauben, dass es da dann schon kurzfristig abrufbare Kraftwerke geben wird? Und auch wenn die Nord-Süd-Leitungen in Deutschland fertig sind, was ja noch länger dauern dürfte. Wenn nichts produziert wird (Dunkelflaute), kann auch nichts transportiert werden.

Update 16.06.19: Auch in Deutschland [Europa] wird der Mega-Blackout wahrscheinlicher

Quelle: Die Welt

Zwar sind derzeit noch Kraftwerke mit einer Kapazität von 4,4 Gigawatt im Bau. Doch stillgelegt werden bis 2023 rund 18,6 Gigawatt. Damit sinkt die von Wind und Sonne unabhängige, gesicherte Leistung von derzeit 90 auf dann nur noch 75,3 Gigawatt – zu wenig, um die deutschen Spitzenlast von 81 Gigawatt in einer kalten Dunkelflaute noch zu decken. In diesem Fall könnten nur Stromimporte aus Nachbarländern die Abschaltung von Stromverbrauchern verhindern.

Update 14.08.19: Deutschland importiert so viel wie noch nie

Grafik: www.agora-energiewende.de (Saldo Import/Expert);

28. Juni: Produktion regenerativ: 11,842 GW Produktion, konventionell: 39,848 GW, Verbrauch: 60,857 GW, Import 9,167 GG

14. August: Produktion regenerativ: 10,561 GW Produktion, konventionell: 33,539 GW, Verbrauch: 53,329 GW, Import 9,229 GW

There have already been warning signs this year as Germany’s net exports in the first half of 2019 fell by 14%. The situation has been exacerbated by a European heat wave that drove demand in France to near record levels in June, curbing its export availability. (Quelle: www.reuters.com)

Update 29.06.19: Belgien vor großen Lastdeckungsproblemen

BelgienBeschleunigte Stilllegungen von Kohlekraftwerken in Westeuropa in den Jahren 2022-2023 – insbesondere in Deutschland – könnten dazu führen, dass Belgien im Winter mehr als 1 GW an zusätzlicher Kapazität benötigt. Die Situation würde sich durch die geplante Schließung von 2 GW an KKW-Kapazitäten noch verschärfen. Das Land plant, bis 2025 aus der Kernenergie auszusteigen, wobei die ersten Reaktoren ab 2022 vom Netz gehen sollen. Im Oktober 2022 wird demnach der Betreiber Electrabel Doel 3 (1 GW) schließen und Tihange 2 (1 GW) im Februar 2023 – was einem Drittel der KKW-Flotte des Landes entspricht. Elia hob eine „zunehmende Dringlichkeit der Situation“ hervor und forderte die Regierung auf, Ersatzkapazitäten zu einer Priorität zu machen. Elia schätzte in einem Bericht aus dem Jahr 2017, dass Belgien 3,6 GW neue Kapazität benötigen würde, um die Stilllegung der Kernkraftwerke des Landes auszugleichen, hat diese Zahl aber nun im aktuellen Bericht aufgrund beschleunigter Stilllegungen von Kohlekraftwerken in seinen Nachbarländern, hauptsächlich Deutschland, auf 3,9 GW erhöht.

Update 02.07.19: Chaotische Zustände im deutschen Stromnetz

Quelle: FAZ, spiegel.online, merkur.de, handelsblatt.de

Im deutschen Elektrizitätsnetz ist es im Juni mehrmals zu schweren Krisen mit europaweiten Folgen gekommen. Die Systemsicherheit war sogar gefährdet. Am 6., 12. und 25. Juni sei teils deutlich weniger Elektrizität eingespeist worden als gerade benötigt worden wäre. Der Bedarf an dieser Regelenergie habe im Schnitt mehr als 6 Gigawatt betragen. Das sei doppelt so viel gewesen wie vertraglich bereitgestanden habe. Auch auf Angebote von Unternehmen, ihren Stromverbrauch gegen Bezahlung abzuschalten, habe man zurückgegriffen, sagte die Tennet-Sprecherin. Marktteilnehmer sehen in ungenauen Verbrauchs- und Erzeugungsprognosen einen Grund für die Probleme. Die Stromhändler hätten deshalb zu wenig Strom geordert und sich darauf verlassen, dass genügend Regelenergie vorhanden sei. Die Kosten für die Notmaßnahmen landen über die Netzentgelte bei den Stromkunden.

Die kritische Lage konnte nur mit Hilfe aus den Nachbarländern bereinigt werden. Auf F.A.Z.-Anfrage gaben die vier Netzbetreiber am Montag zu: „Die Lage war sehr angespannt und konnte nur mit Unterstützung der europäischen Partner gemeistert werden.“ An der Börse schossen die Kurzfristpreise für Strom in die Höhe. Eine Megawattstunde kostete am vergangenen Samstag in der Spitze 37.856 Euro, obwohl man sie in ruhigen Zeiten teils schon für zehn Euro bekommt. Insgesamt lagen die Regelenergiekosten am 29. Juni bei rund 17 Millionen Euro, an normalen Tagen kommen teils nur wenige Tausend Euro zusammen.

Die „starke Unterspeisung“ sei im sogenannten Markt für Regelenergie aufgetreten, sagte ein Amprion-Sprecher. Dieser dient dazu, kurzfristige Schwankungen auszugleichen, die teils binnen Minuten auftreten. Die Vermeidung solcher Unregelmäßigkeiten ist für die Versorgungsstabilität essenziell wichtig. Gerät das System aus der Balance, schwankt auch die sogenannte Stromfrequenz – was ganze Fabriken aus dem Takt bringen kann.

Ursache könnten Spekulationen von Händlern sein. Marktteilnehmer, darunter die Firma Next Kraftwerke, vermuten hinter den Engpässen im Juni das Werk von Spekulanten. Es besteht demnach der Verdacht, dass Händler Versorgungslücken im Regelenergiemarkt zunächst bewusst nicht ausgeglichen hätten, um später höhere Gewinne einzustreichen. Wenn dies an vielen Stellen gleichzeitig passiert, steigen nicht nur die Preise – es steigt auch die Gefahr eines Blackouts. Die aktuellen Rahmenbedingungen des Regelenergiemarkts sind nach Darstellung von Next Kraftwerke nicht ausreichend, um solche Manipulationen zu unterbinden.

In den vergangenen Monaten wurde nun immer mehr Regelenergie abgerufen. „Denn seitdem ist der Arbeitspreis im Allgemeinen deutlich niedriger als vor der Neuregelung“, sagt Podewils, „teilweise ist er sogar günstiger als der kurzfristige Strompreis an der Strombörse.“ Händler hätten deshalb Strommengen, die ihnen gefehlt hätten, um ihre Stromlieferverträge zu erfüllen, nicht wie bisher kurzfristig im untertägigen Handel an der Strombörse beschafft, sondern stattdessen in Kauf genommen, dass die fehlenden Liefermengen über den Regelenergiemechanismus ausgeglichen wurden.

„Das ist der Anreiz, den das Mischpreisverfahren unbeabsichtigt setzt. Dabei ist die Regelenergie für den Notfall gedacht“, sagt Podewils. Wenn nun eine Vielzahl von Händlern die günstigere Regelenergie anstelle von teureren regulären Stromkäufen nutzt, ist am Ende nicht mehr genug Regelenergie verfügbar, und die Gefahr eines Blackouts droht.

Kommentar

Natürlich kann man im Nachhein leicht sagen, dass keine Gefahr bestanden hat, was aber alleine von den Fakten (Einsatz der doppelten Reserveleistung!!) falsch ist. Damit gab es 2019 bereits 8 (!) kritische Ereignisse (10. und 24. Jänner, 03. April, 20. Mai, 07. Juni), die vom Markt proviziert worden sind. Alle in der Fachwelt wissen darum. Aber die Marktgläubigkeit behält die Oberhand. Oder wie Franz Hein immer zu sagen pflegt, wird hier eine unglaubliche Geldwäsche betrieben. Der Markt bereibt Gewinnmaximierung und wenn etwas aus dem Ruder läuft, zahlen die Haushaltskunden über die Netzentgelde die Rechnung. Einfach unfassbar aber Realität.

 

Faktenlage

Aufgrund der zunehmend häufiger geäußerten Meinung, dass sich eh alles ausgeht, habe ich einmal versucht, die Faktenlage im Schnellverfahren zusammenzustellen. Hier die Darstellung des deutschen Kraftwerkparks (Quelle: smard.de):

ArtMW (installiert)Verfügbarkeit (%)Real (ohne Kohle/Atom)
Biomasse7.4640,85.971
Wasserkraft5.2250,84.180
Wind Offshore6.4090,1641
Wind Onshore52.3940,052.620
Photovoltaik43.26900
Sonstige Erneuerbare6670,8534
Kernenergie9.51600
Braunkohle21.20500
Steinkohle25.29300
Erdgas31.6640,825.331
Pumpspeicher9.4220,98.480
Sonstige Konventionelle7.2770,85.822
219.80553.578

Am 1.1.2019 gab es in Deutschland rund 220 GW installierte Kraftwerksleistung. Betrachtet man die realen Verfügbarkeit mit halbwegs optimistisch angenommen Werten und geht davon aus, dass es keinen Kohle- und Atomstrom gäbe, dann steht noch eine Leistung von rund 54 GW zur Verfügung. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 60-80 GW ist das zu wenig. Der Zubau von PV und Wind ist natürlich nicht berücksichtigt. PV bleibt aber in der Nacht weiterhin NULL!

Im Stromversorgungssystem geht es jedoch nicht um 99,99 % Verfügbarkeit, sondern um 100 Prozent, da es ansonsten sofort zum Totalkollaps („Blackout“) kommt. Ausgenommen, man schafft noch vorher die Balance durch Flächenabschaltungen zu erhalten. Unsere sonstige Versorgungsinfrastrukturen und die Menschen sind jedoch weder auf das eine noch auf das andere vorbereitet.

Wir können die Klimaziele auch damit schaffen, indem wir unsere überlebenswichtigste Infrastruktur zerstören. Damit würde eine Reihe von anderen Problemen auch gelöst (Sarkasmus). Gleichzeitig riskieren wir damit auch gleich noch ein paar SuperGAUs in Mitteleuropa (wenn durch das Blackout die Kühlung der über 100 Reaktoren nicht mehr sichergestellt werden kann).

Klimaschutz ja! Aber mit Köpfchen und unter Berücksichtigung von physikalischen und systemischen Realitäten! Und mit weniger Zahlenspielertricks!

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