Die Presseaussendung des Klimaschutzministeriums – Österreichische Stromversorgung ist sicher – anlässlich des schwerwiegenden Zwischenfalls im europäischen Stromversorgungssystem am 8. Jänner 2021 erfordert eine kritische Betrachtung, da sie eine Vielzahl an Fehler enthält, die nicht so stehen bleiben dürfen. 

Sicherheitsprotokolle und erneuerbare Energien haben Spannungsabfalls am Freitag abgefangen

Wien (OTS) – Am vergangenen Freitag kam es im Europäischen Stromnetz zu einem deutlichen Spannungsabfall. Die genaue Ursache in Südosteuropa dafür ist zum aktuellen Zeitpunkt noch unbekannt. Unmittelbar danach haben die europäischen Netzbetreiber reagiert und die vorgesehenen Sicherheitsprotokolle ausgelöst. Innerhalb von rund einer Stunde konnte der Normalzustand wiederhergestellt werden.

Was sind Sicherheitsprotokolle? Fakt ist, dass rechtzeitig und dafür vorgesehene automatisierte Sicherheitseinrichtungen ausgelöst wurden. Zudem gab es keinen relevanten Spannungsabfall, zumindest nicht überregional, sondern einen schwerwiegenden Frequenzeinbruch, was etwas fundamental anderes ist.

Das Ereignis in Südosteuropa war aller Voraussicht nach nicht dazu geeignet, eine derart schwerwiegende Störung alleine auszulösen. Anscheinend war die notwendige Momentanreserve im europäischen Verbundsystem zu gering, um solche Störungen zusammen mit allen Regelkraftwerken – wie bisher – beherrschen zu können. Das ist möglicherweise bereits ein grundsätzliches Problem, denn es werden fortlaufend Kraftwerke stillgelegt und abgebaut. Damit wird auch die Momentanreserve als inhärenter Energiepuffer fortlaufend verringert, ohne an die Beibehaltung des Ausregelvermögens des Gesamtsystems zu denken. Das wird als selbstverständlich und immer gegeben angesehen, was jedoch nicht der Fall ist. Genauere Details werden hoffentlich die Untersuchungen der ENTSO-E (Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber) ergeben.

Es ist richtig, dass die europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) bereits im Vorfeld eine hervorragende Arbeit gemacht haben und laufend machen, um Schlimmeres zu verhindern. Dennoch sollte dieses Ereignis als weiteres Warnsignal verstanden werden, da ein derartiger Frequenzeinbruch das letzte Mal 2006 passiert ist, wo aber dann bereits 10 Millionen Stromkunden in Westeuropa abgeschaltet werden mussten, um einen totalen Kollaps („Blackout“) zu verhindern. Dass derartige Ereignisse mit ungewöhnlich hohen Frequenzabweichungen im Steigen begriffen sind, ist dokumentiert, auch wenn sie 2020 145 Mal noch über den Schwellenwert von 49,8 Hertz bzw. unter 50,2 Hz also noch nahe genug der Sollfrequenz von 50 Hz geblieben sind.

„Der Zwischenfall am Donnerstag [Freitag!] hat deutlich gezeigt: Die Stromversorgung in Österreich ist sicher. Alle Sicherheitsvorkehrungen haben wie vorgesehen funktioniert. Und in Österreich haben erneuerbare Energien wie die Wasserkraft stabilisiert. Die Netzreserve in Österreich ist gut und sie sichert unsere Stromversorgung – auch in schwierigen Situationen. Österreichs Stromnetz ist eines der besten der Welt“, so Klimaschutzministerin Leonore Gewessler.

Dieser Vorfall hat NICHT gezeigt, dass „Die Stromversorgung in Österreich sicher ist.“, sondern dass das europäische Verbundsystem nicht unverwundbar ist! So wie ENTSO-E bereits 2015 gewarnt hat: „A large electric power system is the most complex existing man-made machine. Although the common expectation of the public in the economically advanced countries is that the electric supply should never be interrupted, there is, unfortunately, no collapse-free power system.“

In Österreich hat NUR die Wasserkraft als erneuerbare Energie inhärent zur Stabilisierung beigetragen (mit ihrem Anteil an der Momentanreserve). Wind- und PV-Strom können keinen Beitrag zur Stabilisierung leisten! Vor allem, weil die notwendigen Speichersysteme und entsprechend programmierte Leistungselektroniken samt einer Frequenzmessung fehlen!

Das österreichische Stromnetz ist Teil eines europäischen Verbundsystems, dass nur als Ganzes funktioniert. Auch wenn die österreichische E-Wirtschaft hervorragend aufgestellt ist, sitzen wir im gleichen Boot. Wenn das europäische Netz zusammenkracht, dann wohl auch in Österreich. Was uns aber gelingen wird, ist, dass nach einem Blackout (einem europaweiten Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfalls) die österreichische Stromversorgung wahrscheinlich wieder am raschesten zur Verfügung stehen wird. Viele andere schwerwiegende Folgen, wie etwa die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern, wird aber dann trotzdem nur sehr eingeschränkt funktionieren. Daher ist diese Presseaussendung auch gefährlich, weil sie die Menschen in eine falsche Sicherheit wiegt, was im Anlassfall fatal werden könnte!

Nun stehe die Ursachenforschung im Vordergrund. „Derzeit wird untersucht, was die konkrete Ursache für den Spannungsabfall am Freitag war. Zudem sorgen wir laufend für Verbesserungen, beispielsweise durch die kürzlich beschlossene Netzreserve. Dazu werde ich in den nächsten Tagen auch Gespräche mit E-Control und APG führen. Klar ist: Der Vorfall hat gezeigt, dass wir in Österreich für alle Fälle gut vorbereitet sind“, sagt Gewessler.

Auf was vorbereitet? Nur wer das Ganze kennt und versteht, versteht auch die Details und nicht umgekehrt! Eine systemische Weisheit! Die österreichische E-Wirtschaft ist sicher gut auf eine mögliche Großstörung vorbereitet und trainiert das auch regelmäßig, was man für viele anderen wichtige Infrastrukturen nicht behaupten kann. 

Umso fataler betrachte ich, dass die Klimaschutzmaßnahmen nicht zu Ende gedacht werden, wie ich das auch in einer Stellungnahme zum EAG (Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz) zum Ausdruck gebracht habe.

Die Regierung fördert 2021 Photovoltaik mit mehr als 100 Millionen Euro, aber ausschließlich für netzgekoppelte Anlagen (https://www.oem-ag.at/de/foerderung/photovoltaik/tariffoerderung). Das bedeutet: Per Förderanreiz wird ab sofort der nicht regelbare Anteil im öffentlichen Netz durch PV weiter erhöht. Das belastet das Ausregelvermögen und kann wie im August 2020 in Kalifornien zur Notwendigkeit führen, hunderttausende Stromkunden rollierend abschalten zu müssen. Wer eine netzdienliche inselbetriebsfähige Anlage samt lokalem Speicher machen möchte, schaut hingegen durch die Finger und darf die Investition alleine stemmen.

Wir können – ja wir müssen sogar – Klimaschutz und Robustheit gemeinsam denken und vorantreiben. Sowie das auch Gerhard Christiner, APG Vorstand, im Puls4 Interview klar ausgedrückt hat: Alles muss gleichzeitig, sich gegenseitig unterstützend und damit systemisch bewirkt werden, sonst fahren wir an die Wand. Und es hilft nichts, wenn wir unsere Hausaufgaben in Österreich machen. Wir sind Teil eines Verbundsystems, dass nur im Ganzen funktioniert und wo gerade sehr viel schiefläuft. Nicht zuletzt auch deshalb hat das Österreichische Bundesheer bereits vor einem Jahr vor einem Blackout binnen der nächsten 5 Jahre (also jetzt noch 4 Jahre) gewarnt. Wobei es nie um ein Datum, sondern um die Kurzfristigkeit geht!

Ob das in diesem Zeitraum so eintritt, weiß natürlich niemand und wir dürfen auch weiterhin darauf vertrauen, dass die ÜNB alles unternehmen werden, um es zu verhindern. Aber sie können das nur im Rahmen der von der Politik vorgegebenen Rahmenbedingungen, die jedoch zunehmend den physikalischen Gesetzen des Systems widersprechen. Auch wenn die beschlossene Netzreserve ein wichtiger Beitrag ist, lösen wir damit nicht das europäische Problem! Daher müssen wir uns auch als Gesellschaft auf ein mögliches Blackout vorbereiten, so wie das der Wehrsprecher der Grünen per OTS-Aussendung eingefordert hat. Nicht nur das Bundesheer, sondern alle (!), denn niemand kann 8 Millionen Menschen gleichzeitig helfen, wenn nichts mehr geht!

Es stimmt, dass sich die Diskussion in den österreichischen Medien derzeit verstärkt um Gas- und Atomkraftwerke dreht, was natürlich zu kurz greift. Ziel muss es weiterhin sein, eine Energiewende zu schaffen. Dazu ist es aber notwendig, den ersten vor dem zweiten Schritt zu tun: Sprich, es muss zuerst sichergestellt werden, dass ausreichend Ersatzlösungen zur Verfügung stehen, bevor die zu ersetzenden Lösungen abmontiert werden können. Und das passiert bisher viel zu wenig! Wir benötigen Speicherlösungen, die von inhärent (Momentanreserve) bis zu saisonalen Kapazitäten (Pumpspeicher, Power2Gas etc.) reichen. Immer im Sinne von sowohl-als-auch, den es gibt nicht nur die eine Lösung! Das nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa! Und dazu ein dezentralisiertes Energiezellensystem. Derzeit gibt es jedoch kaum Zielformulierungen, die das berücksichtigen. 

Siehe etwa auch die Beiträge StromMangelWirtschaft – Warum eine Korrektur der Energiewende nötig istEnergy Storage and Civilization: A Systems Approach oder Alle wollen importieren, aber niemand sagt, woher der Strom dann wirklich kommen soll.

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23.01.21: Netzbetreiber Amprion erwartet keine Black-Outs durch Kohleausstieg

Der zweitgrößte deutsche Übertragungsnetzbetreiber Amprion erwartet durch den Kohleausstieg keine größeren Risiken für das Gleichgewicht im Stromsystem.

„Es entsteht zwar eine Erzeugungslücke durch den Wegfall der Kohleverstromung“, sagte Amprion-Chef Hans-Jürgen Brick in einem am Montag veröffentlichen Interview der Nachrichtenagentur Reuters. „Aber die können wir vor allem durch Offshore-Strom schließen. Ich bin sicher, dass wir damit umgehen können.“Allein in Nordrhein-Westfalen müssten im Zuge des Kohleausstiegs bis 2035 Braun- Steinkohle-Kraftwerke mit einer Leistung 16 bis 17 Gigawatt bis 2035 ersetzt werden. In Süddeutschland werden von Amprion, TenneT und TransnetBW unter Aufsicht der Bundesnetzagentur bis 2022 neue Gasturbinen mit einer Leistung von insgesamt 1200 Megawatt gebaut, die die Netze stabilisieren helfen. „Die Vergabe läuft derzeit noch.“

Kommentar

Wenn man sich die Offshore-Produktion des vergangenen Monats und den Verbrauch ansieht, dann gibt es da eine leichte Lücke, die wohl nicht so einfach zu schließen ist …

210118 - DEU Offshort-Windstrom