Letzte Aktualisierung am 04. Mai 2022.

Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2020, 2021 und 2022

Das Österreichische Bundesheer und die Verteidigungsministerin haben im Rahmen des Sicherheitspolitischen Jahresauftaktes ein Blackout als sehr wahrscheinliches und binnen der nächsten 5 Jahre zu erwartendes Ereignis klassifiziert. Die Blackout-Vorsorge betrifft alle, nicht nur einzelne Organisationen!

Neben der Geopolitik bleibt das Risiko resilienzgefährdender Ereignisse wie gravierende Blackouts, souveränitätsgefährdende Cyber-Angriffe und unkontrollierter Massenmigration unvermindert hoch. Das größte Risiko für eine nächste Systemkrise in Österreich birgt sicherlich ein flächendeckender Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall („Blackout“) mit dessen Eintritt Fachexperten zu Folge binnen der nächsten fünf Jahre  zu rechnen ist und an dem Europa und Österreich erst am 8. Jänner 2021 knapp vorbeigeschrammt sind.

Anmerkung: Binnen der nächsten 5 Jahre bezieht sich nicht auf ein konkretes Datum, sondern auf eine kurzfristige Entwicklung.

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums am 25. Juni 2020

ORF Talk am 25. Juni 2020: Angekündigte Bundesheeres-Reform sorgt für Aufregung

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Oberst Michael Bauer, zur geplanten Heeres-Reform und wo das Heer jetzt geschrumpft werden soll.

Blackout Vorsorge: Österreichisches Bundesheer – ORF ZIB 1 01.04.21

Sicher. Und morgen? Sicherheitspolitische Jahresvorschau 

2020

Die Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2020
Risikobild ÖBH 2020

2021

Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2021
SPJV21 - Auswirkungen auf die österreichische Sicherheit 1 – 3 Jahre

2022

Risikolandschaft Österreich 2022
2022 - Auswirkungen auf die österreichische Sicherheit 1-3 Jahre
JVS-Erläuterung der Grafik

2022: Potenzielle Systemkrise Blackout - Der unterschätzte Lieferkettenkollaps

Zusammenfassung

Das Risiko und die schwerwiegenden Folgen eines europaweiten Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfalls („Blackout“) werden weiterhin unterschätzt. Einige Betrachtungen berufen sich auf die fehlende Evidenz und vernachlässigen dabei die steigende Fragilität, die in den vergangenen Monaten weiter zugenommen hat. In der Sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2020 und 2021 wurden mögliche Auswirkungen eines Blackouts erörtert. Die getroffenen Aussagen sind weiterhin vollinhaltlich gültig. Zusätzlich wird das Szenario Strommangellage („Strommangelbewirtschaftung“) realistischer, da die Kapazitäten für eine verlässliche Stromversorgung quer über Europa reduziert werden.

Zwei Großstörungen im Jahr 2021

Im Jahr 2021 kam es im europäischen Verbundsystem zu zwei Großstörungen, die zu weitreichenden Netzauftrennungen führten. Am 8. Jänner 2021 führte eine Überlastung in einem kroatischen Umspannwerk zum Ausfall von 14 Knotenpunkten quer über den Westbalkan. Am 24. Juli 2021 löste ein Flächenbrand unter einer Hochspannungsleitung in Frankreich eine Kaskadenreaktion aus, die zur Abtrennung der Iberischen Halbinsel vom kontinentaleuropäischen Verbundsystem führte. In Spanien und Portugal mussten rund zwei Millionen Kundinnen und Kunden vom Stromnetz getrennt werden, um ein Blackout auf der Iberischen Halbinsel zu verhindern. In beiden Fällen konnte die Großstörung nach etwa einer Stunde behoben werden, was eine hervorragende Leistung war. Am 17. Mai 2021 kam es zu einem weiteren schwerwiegenden Zwischenfall in Polen, der ebenfalls sehr gut bewältigt werden konnte.

In den letzten Jahrzehnten gab es jedoch nur drei weitere derartige Großstörungen. Daher sollte immer wieder die Aussage der europäischen Übertragungsnetzbetreiber im Abschlussbericht zum Blackout in der Türkei im Jahr 2015 – der dritten Großstörung – ins Bewusstsein gerufen werden:

“A large electric power system is the most complex existing man-made machine. Although the common expectation of the public in the economically advanced countries is that the electric supply should never be interrupted, there is, unfortunately, no collapse-free power system.”

Im Gegensatz zu vielen anderen Sektoren gibt es nach solchen Ereignissen einen umfassenden „Lessons-Learned-Prozess“. Dennoch gibt es keine hundertprozentige Sicherheit, wie auch immer wieder betont wird. In letzter Konsequenz geht es bei derartigen HILP-Events (High Impact Low Probability) nicht um den tatsächlichen Eintritt, sondern um das Schadenspotenzial. Die dadurch gebotene Vorsorge darf sich jedoch nicht nur auf den Stromsektor beschränken, sondern muss gesamtgesellschaftlich erfolgen.

Steigende Strompreise

Ab Sommer 2021 kam es zu massiven Preissteigerungen auf den europäischen Strommärkten, die sich auch im Jahr 2022 und darüber hinaus fortsetzen dürften. Während sich 2020 die Preisspanne noch zwischen 20 und 50 Euro pro Megawattstunde bewegte, stieg diese ab Herbst 2021 mit einer sehr hohen Volatilität auf 100 bis 300 Euro. Auslöser sind unter anderem deutlich gestiegene Gas-, Kohle- sowie CO₂-Preise und sinkende Produktionskapazitäten. Weitere Preissprünge sind mit der weiteren Abschaltung von deutschen Atom- und Kohlekraftwerken bis Ende 2022 zu erwarten, da die fehlende Leistung auch mit Gaskraftwerken ersetzt werden muss. Gleichzeitig waren die europäischen Gaslagerstätten bereits im Herbst 2021, insbesondere in Deutschland und Österreich, unterdurchschnittlich gefüllt.

Krisenpotenzial Gasversorgung

Mögliche Gasversorgungsprobleme könnten im Frühjahr 2022 zu erheblichen Versorgungsproblemen führen, da Gas vor allem in der Lebensmittelproduktion eine wichtige Rolle spielt. Zudem wird in Österreich im Winter sehr viele Strom aus Gaskraftwerken produziert. Dieses Problem könnte durch eine Eskalation der politischen Krise in Belarus oder der Ukraine zusätzlich verschärft werden. Die hohen und steigenden Energiepreise werden sich zudem auf die gesamte Wirtschaft und damit mittelfristig auch auf die Versorgung der Bevölkerung negativ auswirken. Auch die Inflation wird damit weiter angeheizt.

Unterschätzte Lieferkettenprobleme

2021 kam es durch unterschiedliche Ereignisse zu zahlreichen Lieferkettenproblemen. So mussten etwa durch eine Strommangellage in Texas im Februar 2021 mehrere Chipproduktionsanlagen den Betrieb einstellen. Der Wiederanlauf dauerte zum Teil mehrere Monate. In Asien kam es durch Wasserknappheit, die COVID-Pandemie oder durch Strommangellagen zu weitreichenden Lieferkettenunterbrechungen. Auch die Blockade des Suezkanals durch das Frachtschiff „Ever Given“ im März 2021 und der LKW-Fahrermangel in immer mehr Ländern führten zu Problemen in den Logistikketten.

Während die aktuellen Verwerfungen in den globalen Lieferketten durch Einzelereignisse ausgelöst wurden, würde es bei einem Blackout zu einem weitreichenden und chaotischen Ausfall der europäischen Produktionsanlagen und Lieferketten mit globalen Auswirkungen kommen.

Ableitungen

Aus heutiger Sicht ist nicht absehbar, wie lange der Wiederanlauf und die Resynchronisierung der Logistik nach einem Blackout dauern wird. Die Auswirkungen eines Blackouts auf die Grundversorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen wären jedoch katastrophal, und dessen längerfristige Folgen werden weitgehend unterschätzt.

Viele Blackout-Vorbereitungsmaßnahmen konzentrieren sich nach wie vor nur auf den Stromausfall (Stichwort: Notstromversorgung). Es wäre jedoch zwingend eine koordinierte Vorgangsweise zur Abfederung der erwartbaren und länger andauernden Versorgungsunterbrechungen erforderlich. Diese beginnt bei der Eigenbevorratung der Bevölkerung sowie bei der vorbereiteten und geordneten Abgabe von verderblichen Waren und dem Schutz der Verkaufseinrichtungen vor Zerstörungen und geht bis zu einer vorbereiteten Rationierung und Notversorgung.

Kernaussagen

  • Das Risiko und die schwerwiegenden Folgen eines europaweiten Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfalls („Blackout“) werden weiterhin unterschätzt und auf die leichte Schulter genommen.
  • Dabei geht es weniger um eine konkrete Vorhersage, die bei einem HILP-Event (High Impact Low Probability) nicht evidenzbasiert möglich ist, als um die schwerwiegenden Folgen, die eine gesamtgesellschaftliche Vorsorge gebieten.
  • Ein Blackout hätte einen weitreichenden und chaotischen Ausfall der europäischen Produktionsanlagen und Lieferketten mit globalen Auswirkungen zur Folge.
  • Eine koordinierte gesamtstaatliche Vorgangsweise zur Abfederung der zu erwartenden und länger andauernden Versorgungsunterbrechungen ist zwingend geboten.

2021: Herausforderung Blackout - Die nächste Systemkrise in Österreich?

Zusammenfassung

In der Sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2020 wurden die Probleme im europäischen Stromversorgungssystem sowie die erwartbaren Folgen eines europaweiten Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfalls (Blackout) beleuchtet. Die getroffenen Aussagen sind unvermindert gültig, so auch, dass binnen der nächsten fünf Jahre mit dem Eintritt eines solchen Ereignisses zu rechnen ist. Dabei geht es nicht um ein konkretes Datum, sondern um die unmittelbare Bedrohung.

Die Coronakrise hat dazu geführt, dass viele Blackout-Vorsorgevorhaben aufgeschoben wurden. Daher gilt weiterhin der Appell für eine ganzheitliche und gesellschaftliche Vorbereitung und Vorsorge auf erwartbare schwerwiegende Versorgungsunterbrechungen infolge eines Blackouts oder durch andere mögliche Ereignisse.

Die Negativspirale setzt sich fort

Während des ersten Corona-Lockdowns führte die gesunkene Wirtschaftsleistung zu einem Stromüberangebot in Europa. Dieses wirkte sich unmittelbar negativ auf die Verfügbarkeit der systemkritischen Momentanreserve aus. Dieses Phänomen wird mit dem weiteren Ausbau von volatilen und dem gleichzeitigen Rückbau von konventionellen Erzeugungsanlagen verstärkt auftreten. Ein erwartbarer Wirtschaftseinbruch in Folge der Coronakrise könnte dies zusätzlich beschleunigen.

Hinzu kamen ein erfolgreicher Sabotageangriff auf eine 220-kV-Höchstspannungsleitung in der Schweiz und der Ausfall von mehreren polnischen Kohlekraftwerken in Folge von Extremwetterereignissen Ende Juni 2020.

Zusätzlich mussten durch die Coronakrise wichtige Wartungsarbeiten in französischen Atomkraftwerken aufgeschoben werden. Infolgedessen müssen nun 13 von 57 Reaktoren Ende Februar 2021 vom Netz genommen werden. Eine Strommangellage mit notwendigen Flächenabschaltungen wird nicht ausgeschlossen.

Absehbare Wetterextreme werden die Strominfrastruktur und -produktion weiter unter Stress setzen. Sinkende Flusspegelstände wirken sich nicht nur auf die Stromproduktion von Wasserkraftwerken negativ aus. Auch die Kühlleistung für kalorische Kraftwerke sinkt drastisch.

Bis Ende 2022 werden die letzten sechs deutschen Kernkraftwerke stillgelegt. Hinzu kommen eine Reihe von Kohlekraftwerken mit einer ähnlich hohen Leistungskapazität. Polen will in den nächsten Jahren ebenfalls eine Reihe von Kohlekraftwerken und Frankreich mehrere Atomkraftwerke stilllegen. Geplante Netzprojekte sind oftmals erheblich verzögert. Besonders kritisch sind die fehlenden Speicherkapazitäten, um die volatile Stromerzeugung zu puffern. Die erforderlichen Dimensionen werden deutlich unterschätzt.

Hinzu kommt, dass immer mehr Länder auf Stromimporte setzen wollen und gleichzeitig überall die Kapazitäten heruntergefahren werden. Darüber hinaus müssen bis 2025 70 Prozent der grenzüberschreitenden Stromverbindungen in der EU für den europäischen Stromhandel geöffnet werden. Dies ermöglicht einerseits einen verbesserten Austausch, bedeutet jedoch andererseits auch, dass sich mögliche Störungen viel leichter und schneller ausbreiten können, also ein Blackout begünstigen.

Die europäischen und österreichischen Blackout-Vorsorgemaßnahmen sind unzureichend

Mittlerweile gibt es zahlreiche Aktivitäten zur Blackout-Vorsorge in Österreich. Aus der Gesamtsicht sind die bisher getroffenen Maßnahmen jedoch unzureichend, da diese häufig nur Teilaspekte wie etwa die Notstromversorgung oder einzelne Organisationen betreffen. Die Folgen eines Stromausfalls gehen aber weit darüber hinaus. Es zeigt sich immer wieder: Der Teufel steckt im Detail.

Bei einer längeren Stromabschaltübung eines Bundesheerverbandes wurden zahlreiche bisher kaum beachtete Erfahrungen gemacht, die sich auch in vielen anderen Bereichen negativ auswirken würden. So versagten etwa binnen der ersten zwölf Stunden Notstrombetrieb fünf von sechs Kleinnotstromaggregaten. Die stromabhängigen berührungslosen Armaturen in den Sanitärräumen gaben kein Wasser mehr ab, was auch viele andere Einrichtungen wie Hotels, Raststätten oder Bürogebäude betreffen wird. Trotz funktionierender Wasserversorgung gibt es kein Wasser. Elektronische Zutrittsanlagen verriegelten und konnten nicht umgangen werden.

Auch in anderen kritischen Einrichtungen gibt es ähnlich schwerwiegende Erfahrungen. In einem Krankenhaus wurde festgestellt, dass die Versorgungsreichweite bei Reinigungsmaterialien oder bei der OP-Bekleidung gerade einmal einen Tag reicht. Auch bei anderen kritischen Versorgungsgütern würde bereits nach wenigen Tagen ein nicht beherrschbarer Engpass auftreten und einen Notbetrieb

gefährden. Viele Gesundheitseinrichtungen haben Lebensmittel nur für wenige Tage vorrätig. Zudem gibt es in diesem Bereich zahlreiche transnationale Abhängigkeiten. Ohne funktionierende Versorgung droht rasch ein Chaos, wie das auch bei der Versorgung mit wichtigen Schutzausrüstungsgütern während der Coronakrise zu beobachten war. Dabei hat hier die Logistik noch funktioniert, auch wenn bei einzelnen Gütern kurzfristige Versorgungslücken aufgetreten sind.

Ableitungen

Die Coronakrise hat offengelegt, wovor Experten seit Jahren warnen: Unsere moderne Gesellschaft ist kaum auf weitreichende vernetzte Krisen und Versorgungsunterbrechungen vorbereitet. Es fehlt nicht nur an Schutzausrüstung und realistischen Vorbereitungsmaßnahmen, sondern vor allem an einer alltagstauglichen Sicherheitskommunikation, die über die unmittelbare Krisenbewältigung hinausgeht und immer wieder die notwendigen Präventionsmaßnahmen und die Eigenvorsorge adressiert, um mit unerwarteten Ereignissen und Unsicherheiten besser umgehen zu können. Diese Kluft und die mangelnde Selbstwirksamkeit vieler Menschen führt zu einem zunehmenden Vertrauensverlust in staatliche Strukturen und zu einer wachsenden Polarisierung und Reaktanz.

Sollte es in den kommenden Jahren erwartungsgemäß zu weiteren gravierenden Krisen kommen, könnte dies zu schwerwiegenden sozialen Verwerfungen führen. Um diesen Entwicklungen vorzubeugen, wäre eine offene und ehrliche Sicherheitskommunikation erforderlich: Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar. Die erwartbaren Krisen erfordern ein sehr hohes Maß an Selbstwirksamkeit und dezentrale Selbstorganisationsfähigkeit, denn niemand kann Millionen Menschen notversorgen. Soziale Stabilität kann nur bottom-up aufrechterhalten oder wiederaufgebaut werden. Eine adaptierte und gelebte Umfassende Landesverteidigung, wie sie in der österreichischen Verfassung verankert ist, könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Kernaussagen

  • Binnen der nächsten fünf Jahre ist mit einem Blackout zu rechnen.

  • Eine weitreichende Versorgungskrise, wie sie etwa nach einem Blackout zu erwarten ist, ist ohne eine selbstwirksame und vorbereitete Bevölkerung sowie vorbereitete Gemeinden nicht beherrschbar.

  • Die bisherige Sicherheitskommunikation zur Bewältigung der Coronakrise, aber auch eines möglichen Blackouts ist stark verbesserungswürdig.

  • Schlimmer als Unsicherheit ist Scheinsicherheit.

2020: Handlungsfähigkeit und Handlungsoptionen bei Extremereignissen am Beispiel Blackout

Zusammenfassung

Die Wahrscheinlichkeit eines europaweiten Strom- und Infrastrukturausfalls (»Blackout«) und dessen Folgen werden weitgehend unterschätzt. Dies insbesondere, da die vielschichtigen Veränderungen im europäischen Verbundsystem sowie die steigenden gesellschaftlichen Abhängigkeiten von lebenswichtigen Infrastrukturen nur selten in ihrer vollen Tragweite wahrgenommen werden. Dabei ist ein Blackout ein sehr realistisches Szenario, mit dem binnen der nächsten fünf Jahre zu rechnen ist. Die derzeitigen Planungen für den Systemumbau stehen im Widerspruch zu den physikalischen Möglichkeiten und Grenzen des Systems.

Mangels Evidenz lässt sich jedoch keine statistische Wahrscheinlichkeit berechnen. Bei extrem seltenen, aber mit extremen Auswirkungen verbundenen Ereignissen (»Schwarzen Schwänen«) ist das jedoch auch die falsche Methode für die Risikobewertung. Entscheidend ist, dass die europäische und damit auch die österreichische Gesellschaft so gut wie nicht auf ein derartiges Szenario vorbereitet ist. Wie Untersuchungen zeigen, wären bei einer weitreichenden Versorgungsunterbrechung bereits am Ende der ersten Woche rund zwei Drittel der Bevölkerung nicht mehr in der Lage, sich selbst ausreichend zu versorgen. Aber auch im Best-Case-Szenario wird die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Gütern nicht vor Ablauf einer Woche wieder anlaufen können. Eine weitreichende Versorgungsunterbrechung würde unsere moderne und stromabhängige Gesellschaft binnen weniger Tage an den Rand der Belastbarkeit bringen, da weder die Bevölkerung noch die Unternehmen oder der Staat darauf vorbereitet sind.

Ausgangslage

Das europäische Stromversorgungssystem befindet sich seit rund zwei Jahrzehnten in einem massiven Umbruch. Mit der Marktliberalisierung (»Unbundling«) ab der Jahrtausendwende erfolgte eine Aufsplittung in unterschiedliche Akteurs- und Interessensgruppen, die teilweise widersprüchliche Interessen verfolgen. Bei der Energiewende wird ein systemwichtiges Element, konventionelle Kraftwerke, durch ein nicht gleichwertiges Element ersetzt. Im Gegensatz zu den bisherigen Kraftwerken verfügen Photovoltaik- und Windkraftwerke über keine Speicher, um die volatile Erzeugung ausgleichen zu können. Es gibt auch keine entsprechende gesamtheitliche Energiebevorratung. Das Stromversorgungsystem funktioniert jedoch nur, wenn die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch permanent sichergestellt werden kann. Seit Jahren steigen daher die Aufwände für die Aufrechterhaltung der Systemstabilität. Alleine in Österreich sind die Kosten für kritische Systemeingriffe in sieben Jahren von zwei Millionen Euro auf 346 Millionen Euro im Jahr 2018 explodiert. Mittlerweile sind fast täglich zunehmend aufwändigere Interventionen erforderlich, um einen Kollaps zu verhindern. Nicht nur in Österreich. Aber auch die voranschreitende Vernetzung (»Digitalisierung«) schafft neben den Vorteilen auch neue Verwundbarkeiten – Stichworte Komplexität und Cyberangriffe. Hinzu kommen vermehrt Extremwetterlagen: Hitze- und Kältewellen, Hoch- und Niedrigwasser, Stürme etc. Ein Blackout wird durch die Kumulation von an und für sich beherrschbaren Einzelereignissen ausgelöst, was durch eine permanent angespannte Netzsituation wesentlich begünstigt wird. Als Trigger kommen unterschiedliche Ereignisse wie Extremwetter, technisches oder menschliches Versagen, Cyberangriffe oder IT-Störungen, Terroranschläge oder auch Sonnenstürme und Erdbeben in Frage. Als derzeit wahrscheinlichstes Szenario wird vom Autor eine Komplexitätsüberlastung mit einem Kollaps ohne externe Intention erwartet. Bei diesem Best-Case-Szenario ist mit einem mehrtägigen Stromausfall zu rechnen. In Österreich mit zumindest 24 Stunden, auf europäischer Ebene mit rund einer Woche, bis die Stromversorgung wieder halbwegs stabil funktioniert. Wie lange es dauern wird, bis danach die Telekommunikationsversorgung wieder weitgehend funktioniert, ist unklar. Es sollten zumindest mehrere Tage erwartet werden (Hardwareschäden, technische Probleme, Überlastung). Damit funktionieren weder Produktion und Treibstoffversorgung noch die Verteilung von Waren. Zusätzlich ist die Versorgung hochgradig transnational organisiert und international abhängig. Der Wiederanlauf der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern sollte daher nicht vor der zweiten Woche erwartet werden. Viele Vorsorgemaßnahmen beschäftigen sich jedoch hauptsächlich mit dem Stromausfall selbst. Zudem wird die Rolle des eigenen Personals völlig unterschätzt, das in der Regel genauso schlecht vorgesorgt hat, wie der Rest der Bevölkerung. Wenn jedoch die Menschen zu Hause mit der Krisenbewältigung beschäftigt sind, werden sie weder anderen helfen noch die Systeme wieder hochfahren können. Ein Teufelskreis, der dadurch verstärkt wird, dass kaum jemand über die Möglichkeit eines Blackouts und seine Folgen wirklich informiert ist. Viele Krisenpläne werden der erwartbaren Realität nicht standhalten.

Hier hat sich ein Sicherheits- bzw. Verletzlichkeitsparadox eingestellt: Je sicherer ein System scheint, desto verwundbarer ist es, da die Handlungskompetenzen und Vorsorgemaßnahmen fehlen, um mit größeren Störungen umgehen zu können.

Ableitungen für die Krisenbewältigung

Im Gegensatz zu vielen anderen möglichen und bekannten Szenarien kann ein solches Ereignis nur auf der lokalen Ebene bewältigt werden. In der Familie, in der Nachbarschaft und in der Gemeinde. Alles andere wird nicht funktionieren, da alle selbst betroffen sind bzw. der Umfang der Betroffenheit einfach zu groß ist. Durch den Ausfall fast aller Kommunikationskanäle ist auch kaum eine übergeordnete Koordinierung und damit kein angemessenes Krisenmanagement möglich. Hier bestehen jedoch viele falsche Erwartungen. Eine punktuelle Hilfe kann nur dann funktionieren, wenn in der jeweiligen Organisation eine entsprechende ganzheitliche Vorsorge getroffen wurde. Das beginnt bei der Vorsorge in der Familie, damit überhaupt mit einer ausreichenden Personalverfügbarkeit gerechnet werden kann. Das Personal muss dann auch darauf vertrauen können, dass man im Dienst bzw. Einsatz ausreichend versorgt wird, was derzeit in vielen Bereichen nicht gesichert ist. Das gilt auch für das Österreichische Bundesheer. Um die aufgezeigte gesellschaftliche Verwundbarkeit reduzieren zu können, ist dringend eine breite gesellschaftliche Debatte und die Eigenvorsorge möglichst vieler Menschen erforderlich. Letztere stellt das wesentliche Fundament für alle anderen organisatorischen Maßnahmen dar. Das Österreichische Bundesheer könnte die wichtige Debatte darüber anstoßen. Zum einen im Hinblick auf die kommunizierten Defizite bei den eigenen Ressourcen und damit der Handlungsfähigkeit, zum anderen aber auch aus Eigeninteresse: Die eigene Handlungsfähigkeit erfordert zwingend handlungsfähige Soldatinnen und Soldaten. Und die Basis dafür ist die versorgte Familie.

Kernbotschaften

  • Die gesellschaftliche Verwundbarkeit war aufgrund der vielschichtigen Abhängigkeiten von lebenswichtigen Infrastrukturen noch nie so hoch wie heute.
  • Ein europaweiter Strom- und Infrastrukturausfall (»Blackout«) hat das Potenzial, den über Jahrzehnte aufgebauten Wohlstand binnen weniger Tage zu zerstören.
  • Eine weitreichende Versorgungsunterbrechung kann auch durch andere Ereignisse wie eine Pandemie, einen Kernkraftwerksunfall, ein Erdbeben oder einen Cyber-Zwischenfall ausgelöst werden.
  • Ein derartiges Szenario ist ohne eine selbstwirksame und vorbereitete Bevölkerung nicht beherrschbar, und hier gibt es noch sehr große Defizite.

Sicher. Und morgen? Sicherheitspolitische Jahresvorschau 2022

Top-Risiko Blackout

Blackout – Und dann?

Das Österreichische Bundesheer informiert nun (September 2021) alle Angehörigen des Bundesheeres (inkl. Miliz) über das Thema Blackout-Vorsorge in den eigenen 4 Wänden. Damit wird eine wichtige Vorreiterrolle übernommen und es werden hoffentlich viele andere Organisation diese, Beispiel folgen. Der Bundesheer Folder wurde mit Unterstützung der Österreichische Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV) und auf Basis des GfKV-Folders erstellt. Dieser steht allen unter der Creative Commons International Lizenz 4.0 (Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen) kostenlos zur Verwendung zur Verfügung.

ÖBH-Blackout-Folder

13.10.21: Verteidigungsministerium informiert Gemeinden über Blackout

Quelle: OTS

6.285 Plakate an 2.095 Gemeinden

Wien (OTS)„Österreich ist keine Insel der Seligen, sondern liegt mitten im Herzen Europas. Das heißt, auch wir müssen in nächster Zeit mit einem Blackout rechnen. Ein einsatzrealistisches Szenario, wie ein europaweiter Stromausfall kann immer möglich sein“, sagt Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und gab damit den Startschuss für die Plakataktion „Blackout – Was tun, wenn alles steht?“.

Insgesamt 2.095 Gemeinden erhalten ab heute 6.285 Plakate, die vor einem möglichen Blackout warnen und Infos und Tipps für die Bevölkerung bieten sollen. Gemeinsam mit dem Präsidenten des Österreichischen Gemeindebundes Alfred Riedl ersucht die Ministerin die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aller österreichischen Gemeinden um öffentlich wirksames Aushängen der Plakate.

„Was tun, wenn tatsächlich nichts mehr funktioniert? Kein Strom, kein Wasser und keine funktionierende Infrastruktur. Der Eintritt eines Blackouts hat gravierende Folgen. Mit unserer Aktion wollen wir die Bevölkerung auf diese mögliche Gefahr aufmerksam machen und gleichzeitig Tipps und Informationen bieten, wie sie sich für den Fall der Fälle vorbereiten kann. Ein österreichweiter Ausfall kann jederzeit passieren und darauf bereitet sich auch unser Heer bestmöglich vor“, so die Verteidigungsministerin.

„Das Bundesheer ist ein wesentlicher Sicherheitspartner in unserem Land und ein wichtiger Partner für alle Gemeinden. Mit 100 Kasernen und mehr als 55.000 aktiven Soldaten (inkl. der Miliz) ist unser Heer auch für die Regionen ein wichtiger Arbeits- und Wirtschaftsfaktor! Wir haben in den letzten Monaten auch erlebt, dass das Bewusstsein für Sicherheit, Zivilschutz, Blackout und Krisenvorsorge in der Bevölkerung und in den Gemeinden weiter gestiegen ist! Umso mehr ist es auch wichtig, sich auf Krisenereignisse gemeinsam vorzubereiten“, betont der Gemeindebundpräsident Alfred Riedl.

Das Österreichische Bundesheer rüstet sich schrittweise für ein Blackout, um in diesen Fällen Schutz und Hilfe bieten zu können. Mit autarken Kasernen, moderner Ausrüstung und regelmäßigen Übungen sollen im Ernstfall die Einsatzorganisationen durch das Bundesheer bestmöglich versorgt und unterstützt werden.

Ein Blackout bezeichnet einen länger andauernden Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall, bei welchem schlagartig nichts mehr funktioniert. Das Bundesheer ist zu diesem Zeitpunkt mit den meisten Ressourcen noch weitgehend einsatzfähig, da bereits jetzt in die Autarkie investiert wird. Es stehen zum Beispiel Kommunikationssysteme, Transportmittel sowie Treibstoff und Verpflegung zur Verfügung.

Mehr Informationen zum Thema „Blackout“ finden Sie unter: www.bundesheer.at/blackout.

ÖBH-GB-Kampagne

10.07.22: Aufforderung zur Eigenvorsorge | Keine Frage ob, sondern wann

Blackouts, Cyberangriffe und Terroranschläge – auch in Österreich reale Gefahren, auf die sich der Staat vorbereiten muss: Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) hat nun mit Austrian Power Grid einen Kooperationsvertrag abgeschlossen, um die kritische Infrastruktur in unserem Land zu sichern.