Wie wir sie mit System erkennen und überwinden können

Meadows, Donella H: Die Grenzen des Denkens – Wie wir sie mit System erkennen und überwinden können. München: oekom verlag, 2010 Autorin: Donella H. Meadows, amerikanische Umweltwissenschaftlerin und Autorin, war eine Pionierin der Umwelt- und Sozialanalyse. Sie wurde als Hauptautorin des internationalen Bestellers ‚Die Grenzen des Wachstums‚ einem breiten Publikum bekannt. Sie starb 2001 im Alter von 59 Jahren. Dieses Buch ist Ihr Vermächtnis. Kurzbeschreibung: Donella H. Meadows erklärt, wie komplexe Systeme funktionieren, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und wo Sie Ihre Kräfte am wirkungsvollsten einsetzen. Mit klarer Sprache, einfachen Erläuterungen und praxisnahen Beispielen – gewürzt mit einer Prise Humor. So leicht war es noch nie, die Welt zu durchschauen! Schon damals arbeitete sie daran, die Zusammenhänge zu ergründen, die hinter den Problemen unserer Zeit stehen. Ob Überbevölkerung, Klimawandel oder die Ausbeutung der letzten Ölreserven: Die Ursachen sind nicht eindimensional, verschiedene Faktoren kommen zusammen, überlagern oder verstärken sich. Donella Meadows zeigt, wie man diese Abhängigkeiten erkennen und sich zunutze machen kann. Sie führt so zu neuen Einsichten: Wie können wir in einer komplexen Welt, die chaotischer, überfüllter, vernetzter und veränderlicher ist als je zuvor, die drängenden Probleme unserer Zeit lösen? Das Originalmanuskript für dieses Buch wurde 1993 fertig gestellt. Als Buch ist es erst 2008 erschienen. Nichtsdestotrotz ist die Aktualität auch 2018/19 noch vollinhaltlich gegeben. Es sollte mit Sicherheit neben „Die Kunst vernetzt zu denken“ von Frederik Vester zur Basisliteratur für vernetzt denkende Menschen zählen! Hier einige Auszüge aus dem Buch:

Systeme bestehen aus drei Dingen: Aus Systemelementen, Verknüpfungen und einer Funktion oder einem Zweck. S. 26

Man sollte lieber mit dem Zergliedern in Einzelteile aufhören und stattdessen nach den Verknüpfungen suchen also denjenigen Beziehungen, die die Systemelemente zusammenhalten. S. 28

Ein System behält im Allgemeinen seine Identität und verändert sich – wenn überhaupt – nur langsam, selbst bei komplettem Austausch seiner Elemente – jedenfalls solange die Systemverknüpfungen und der Systemzweck intakt bleiben. Veränderungen bei den Verknüpfungen (also in der Systemstruktur) hingegen können das erheblich verändern. S. 32

Oben sagte ich, dass das Auswechseln von Spielern, solange sie das gleiche alte System weiterspielen, einen Eingriff auf niedrigem Niveau darstellt. S. 188

Das ist auch der Grund, warum sich in der Politik wenig ändert. So lange die Systemstrukturen unverändert sind, sollten keine großen Veränderungen erwartet werden.

Die Wechselbeziehungen in einem System zu verändern, kann also dramatische Veränderung bedeuten. S. 32

Hier ein wunderbares Beispiel dafür:

Bestände verändern sich im Allgemeinen langsam, selbst wenn ihre Zu- oder Abflüsse sich plötzlich ändern. Daher wirken Bestände in Systemen wie Verzögerungen, Puffer, Trägheiten oder Stoßdämpfer. S. 39

Ausgleichende Rückkoppelungen (oder negative Rückkoppelungen) – Minuszeichen. S. 45

Selbstverstärkende Rückkopplungsschleifen (oder positive Rückkoppelung) – Pluszeichen. S. 47f

Die Verdopplungszeit entspricht in etwa 70 geteilt durch die Wachstumsrate (in Prozentanteilen pro Zeiteinheit). S. 50

S69 Eine Verzögerung in einer Rückkopplung kann ein System zum Schwingen bringen. S. 72

Auch im europäischen Stromversorgungssystem wird dieses Phänomen bereits beobachtet. 

Wenn man einen Kapitalbestand aufbaut, der von einer nicht erneuerbaren Ressource abhängig ist, fällt man umso tiefer und schneller, je höher und rascher man gewachsen ist. In Anbetracht des exponentiellen Wachstums von Abbau oder Verbrauch bringt eine Verdopplung oder Vervierfachung der nicht erneuerbaren Ressourcen nur wenig zusätzliche Zeit, um Alternativen zu entwickeln. S. 81

Siehe auch Der Seneca-Effekt. Warum Systeme kollabieren und wie wir damit umgehen können.

Eine Menge, die exponentiell einer Einschränkung oder Grenze entgegenwächst, erreicht diese überraschend schnell. S. 81

Warum funktionieren Systeme so gut? Versuchen Sie, sich die Eigenschaften gut funktionierender Systeme vorzustellen, die Ihnen vertraut sind — Maschinen, menschliche Gemeinschaften oder Ökosysteme -, wahrscheinlich fällt Ihnen dabei mindestens eines von drei Merkmalen auf: Widerstandsfähigkeit, Selbstorganisation oder Hierarchie. S. 94

Widerstandsfähigkeit ist nicht mit einem statischen oder zeitkonstanten Zustand gleichzusetzen. Widerstandsfähige Systeme können sehr dynamisch sein. S. 96

Resilienz wird auch häufig mit nur Widerstandsfähigkeit übersetzt. Im Sinne der hier getroffenen Definition für Widerstandsfähigkeit passt das durchaus. Es ist aber nichts starres und bedarf einer Lern- und Anpassungsfähigkeit, die heute in vielen Bereichen nicht gegeben ist. Siehe etwa die Verwundbarkeit der Gesellschaft durch Versorgungsengpässe

Eine Gesellschaft, die unaufhörlich von »Produktivität« spricht, das Wort »Widerstandsfähigkeit« aber kaum versteht und noch weniger benutzt, wird produktiv, nicht aber widerstandsfähig. S. 201

Unsere zahlenbesessene Kultur hat uns die Vorstellung vermittelt, das Messbares wichtiger ist als Nichtmessbares. S. 203

Sollten wir uns hier und heute wiedererkennen?

Statische Stabilität kann man direkt sehen. Sie ist als Veränderung des Systemzustands von Woche zu Woche oder von Jahr zu Jahr feststellbar. Widerstandsfähigkeit hingegen ist oft sehr schwer zu erkennen, solange man ihre Grenzen nicht überschreitet, ihre ausgleichenden Rückkopplungen nicht überwältigt und beschädigt und damit einen Zusammenbruch der Systemstruktur auslöst. S. 96

Was voll auf das Thema Blackout und Versorgungsabhängigkeit zutrifft.

Systeme müssen nicht nur auf Produktivität oder Stabilität, sondern auch auf Widerstandsfähigkeit ausgerichtet funktionieren — also mit der Fähigkeit, sich von Störungen zu erholen, sich selbst wieder herzustellen oder zu reparieren. S. 97 Weil das System üblicherweise seinem Spiel viel mehr Aufmerksamkeit Widmet als seiner Spielfläche, kann der Verlust der Widerstandsfähigkeit überraschend auftreten. Eines Tages tut es etwas, das es schon hundertmal vorher getan hat, und verunglückt. S. 98

Und gerade das wird häufig unterschätzt, vor allem auch wieder beim Thema Blackout.

Hierarchien sind brillante Systemerfindungen, nicht nur, weil sie einem System Stabilität und Widerstandsfähigkeit verleihen, sondern auch, weil sie die Informationsmenge reduzieren, die jedes Einzelteil des Systems im Auge behalten muss. In hierarchischen Systemen sind die Beziehungen innerhalb der Teilsysteme enger und stärker als die Beziehungen zwischen den Teilsystemen. Alles ist noch immer mit allem anderen verbunden, aber nicht gleich stark. S. 103

Vester - Vernetzung - Chaos

Frederic Vester: Unkontrollierte Vernetzung (Wachstum) führt zum Chaos

 

Vester - Vernetzung - lebensfähig

Frederic Vester: Kontrollierte Vernetzung (Wachstum) mit Substrukturen („Hierarchien“) ermöglicht auch große lebensfähige Gebilde

Der ursprüngliche Zweck einer Hierarchie ist immer, seinen ursprünglichen Teilsystemen zu besseren Leistungen zu verhelfen. S. 104

Wenn die Ziele eines Teilsystems die Ziele des Gesamtsystems zu des Ungunsten dominieren, nennt man das resultierende Verhalten Suboptimierung. Gleichermaßen schädlich wie Suboptimierung ist natürlich das Problem zu großer zentraler Kontrolle. Würde das Gehirn jede Zelle so strikt kontrollieren, dass sie ihre Selbsterhaltungsfunktionen nicht mehr ausüben könnte, würde der ganze Organismus absterben. S. 105

Hierarchische Systeme entwickeln sich von unten nach oben. Zweck der oberen Hierarchieebenen ist es, den Zweck der unteren Ebenen zu dienen. S. 105

Lineare Beziehungen sind leicht zu erklären: je mehr, desto besser. Lineare Gleichungen sind lösbar, weswegen sie für Fachbücher geeignet sind. Lineare Systeme besitzen einen wichtigen modularen Vorteil: Man kann ihr Verhalten als Summe einfacher Verhaltensprozesse ermitteln — die sich einfach addieren lassen. Nichtlineare Systeme sind im Allgemeinen nicht lösbar. Ihr Verhalten kann nicht durch Addition einfacher Verhaltensprozesse ermittelt werden … Nichtlinearität bedeutet, dass das Funktionieren des Systems die Regeln selbst verändert … Diese vertrackte Veränderlichkeit erschwert es, Nichtlinearität zu berechnen, aber sie schafft gleichzeitig ein reiches Spektrum von Verhaltensmöglichkeiten, die in linearen Systemen nie vorkommen. James Gleick, Verfasser von Chaos: Making a New Science S. 111

Wenn wir in Systembegriffen denken, erkennen wir, dass der populäre Begriff »Nebenwirkungen« ein grundlegendes Missverständnis Dieser Ausdruck bedeutet grob »Wirkungen, die ich nicht vorhergesehen habe oder über die ich nicht nachdenken will.« . Nebenwirkungen verdienen das Adjektiv »neben« genauso wenig, wie die »Haupt«-Wirkung ihre Bezeichnung verdient. Das Denken in Systembegriffen ist schwierig, und wir verbiegen unsere Sprache gerne, um uns vor dieser notwendigen Veränderung unseres Denkens zu schützen.« Garrett Hardin, Ökologe Systemanalytiker tappen oft in die umgekehrte Fall: Sie ziehen die Grenzen zu weit. S. 120

Vorbeischießen am Ziel, Schwingungen und Zusammenbrüche werden immer von Verzögerungen verursacht. S. 127 Wegen langer Verzögerungen beim Bau neuer Kraftwerke schlagen sich die Stromversorger mit Zyklen von Überkapazitäten gefolgt von Unterkapazitäten herum, die zu Spannungseinbrüchen in den Versorgungsnetzen führen können. S. 128

Auch das müssen wir derzeit leider im europäischen Stromversorgungssystem beobachten. Die vermeintlichen Überkapazitäten gehen stark zurück, neue Kraftwerke werden kaum gebaut, dafür werden in den nächsten Jahren immer mehr alte Kraftwerke vom Netz gehen, deren Leistung durch volatil einspeisende Kraftwerke aus erneuerbaren Energien nicht kompensiert werden kann. Die Konsequenzen sind absehbar und werden leider kaum verstanden.

Eingeschränkte Rationalität bedeutet, dass Menschen auf der Grundlage der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen recht vernünftige Entscheidungen treffen. Allerdings ist die verfügbare Information, besonders die über weiter entfernt liegende Teile des Systems, nur unvollkommen. Fischer wissen nicht, wie viel Fisch vorhanden ist, noch weniger wissen sie darüber Bescheid, wie viel Fisch am gleichen Tag noch von anderen Fischern gefangen werden. S. 129

Auch dieses Phänomen ist im europäischen Stromversorgungssystem zu beobachten.

Rational denkende Eliten … wissen über ihre eigenen abgeschlossenen technischen oder wissenschaftlichen Welten alles, was es zu wissen gibt, aber es fehlt ihnen ein breiterer Blickwinkel. Von marxistischen Kadern bis hin zu Jesuiten, von Harvard-Absolventen zu Stabsoffizieren … teilen sie ein grundlegendes Interesse: wie sie ihr eigenes System zum Funktionieren bekommen. Darüber … verliert die Zivilisation zunehmend die Orientierung und wird immer unergründlicher. John Ralston Saul, Politikwissenschaftler S. 124

Änderungsresistenz entsteht aus der eingeschränkten Rationalität der Akteure in einem System, in dem jeder (oder im Falle einer Behörde jede) nur eigene Interessen verfolgt. S. 136

Ebenfalls in Form des „Unbundlings“ bzw. durch die Marktliberalisierung im europäischen Stromversorgungssystem zu beobachten.

Die Alternative zu der Methode, Änderungsresistenz mit Gewalt zu überwinden, ist zunächst so wenig einleuchtend, dass sie kaum vermittelbar ist: einfach loslassen. Unwirksame Strategien aufgeben. Die Mittel und Energien, die für Zwang und Widerstand notwendig wären, besser für konstruktivere Zwecke verwenden. Dem System werden Sie Ihren Willen nicht aufzwingen können. Aber es wird sich weniger schlimm verhalten, als Sie glauben, weil ein Großteil des Geschehens, das Sie korrigieren wollten, Folge Ihrer eigenen Handlungen war. S. 137

Hier spiegelt sich der Machtkampf zwischen alter zentralisierter Energie(Strom)Welt und der erneuerbaren dezentralisierten Stromwelt wider.

Man kann das Problem von vornherein vermeiden, indem man die Fähigkeit des Systems stärkt, mit seinen Belastungen selbst fertig zu werden. Diese Option, nämlich dem System zu helfen, sich selbst zu helfen, kann viel billiger und einfacher umzusetzen sein, als das System zu übernehmen und selbst zu betreiben — etwas, das linke Politiker oft nicht zu verstehen scheinen. S. 159

Ein Aspekt, der besonders auch auf die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung zutrifft. Mangels Sicherheitskommunikation kann sie aber nicht wirksam werden.

Wie ich bereits in Kapitel I (Seite 26) sagte, lässt sich Systemverhalten am über seinen Zweck oder sein Ziel beeinflussen. Der Grund: das Ziel ist der Richtungsgeber des Systems, aus dem sich nicht nur die Abweichungen ableiten, die Handlungen nötig machen, sondern die auch anzeigen, inwieweit die ausgleichenden Rückkopplungsschleifen ihre Aufgaben erfüllen oder nicht erfüllen. Wenn das Ziel schlecht definiert ist, wenn es nicht das misst, was es messen sollte, wenn es die tatsächliche Verhaltensgüte nicht widerspiegelt, dann kann das System unmöglich das gewünschte Ergebnis hervorbringen. Wie bei den drei Wünschen im Märchen haben Systeme die schlimme Tendenz, nur das und genau das zu tun, was man von ihnen verlangt. Man muss sich sorgfältig überlegen, was man von ihnen verlangt. Wenn es sich beim erwünschten Systemzustand um die nationale Sicherheit handelt und diese durch die Höhe der Ausgaben für das Militär definiert wird, wird das System Militärausgaben produzieren. Es kann damit für nationale Sicherheit sorgen oder auch nicht. Tatsächlich kann die Sicherheit sogar untergraben werden, wenn die Ausgaben zu Lasten anderer Teile der Wirtschaft gehen, und wenn das Geld für überdimensionierte, unnötige oder untaugliche Waffensysteme ausgegeben wird. Wenn der erwünschte Systemzustand ein gutes Bildungswesen ist und die Zielerfüllung an der Höhe der Ausgaben für jeden Schüler oder Studenten gemessen wird, wird das zu entsprechenden Ausgaben führen. Wenn die Qualität der Bildung über die bei standardisierten Tests erzielten Leistungen gemessen wird, wird das System entsprechende Leistungen hervorbringen. Was diese Messgrößen mit guter Bildung zu tun haben könnten, darüber sollte nachgedacht werden. Während der Frühzeit der Familienplanung in Indien wurden Programmziele über die Zahl der zur Empfängnisverhütung eingesetzten Spiralen definiert. Um die Zielvorgabe zu erfüllen, setzten Ärzte Spiralen ein, Ohne die Frauen vorher um Erlaubnis zu fragen. In diesen Beispielen wird der Aufwand mit dem Resultat verwechselt, einer der häufigsten Fehler, die beim Entwerfen von Systemen mit falscher Zielsetzung gemacht werden. S. 163f

Kontraintuitiv mit diesem Wort beschreibt Forrester komplexe Systeme. Hebelpunkte sind häufig nicht intuitiv erkennbar. Auch wenn sie erkannt werden, greifen wir oft verkehrt herum ein und verschlimmern damit systematisch alle Probleme, die wir gerade lösen wollen. S. 171

Genau das sehen wir immer häufiger in der Politik und auch bei Behörden: Statt Probleme offen anzusprechen und anzugehen, werden sie eher in bester Absicht „vertuscht“. Beim Thema „Blackout“, um „keine Panik“ auszulösen. Damit wird genau das Gegenteil erreicht, das Vertrauen der Bevölkerung in die staatlichen Strukturen sinkt. Im Schadensfall wird es daher zu kaum absehbaren Kommunikationskrisen und gesellschaftlichen Verwerfungen kommen.

Wahrscheinlich 90 eher 95, nein 99 Prozent unserer Aufmerksamkeit verwenden wir auf Parameter, aber sie haben nur wenig Hebelwirkung. S. 173

Ein System kann oft dadurch stabilisiert werden, dass man die Kapazität eines Puffers erhöht. Aber wenn ein Puffer zu groß ist, wird das System unflexibel. Es reagiert zu träge. Und Aufbau oder Unterhaltung großer Puffer, wie Stauseen oder Lagervorräte, kann sehr teuer werden. Unternehmen haben die Just-in-time-Lagerhaltung erfunden, weil gelegentliche Störungen durch Schwankungen oder Pannen billiger sind (jedenfalls für sie) als feste, unveränderliche Lagerhaltungskosten — und weil verschwindende Lagervorräte ein flexibleres Reagieren auf veränderliche Nachfrage erlauben. S. 175

Unsere heutige Just-in-Time Logistik ist derart überoptimiert, dass sie bereits wieder systemgefährdend ist. Auch hier fand ein Überschießen (mehr von mehr ist auf Dauer nicht gut; positive Rückkopplung) statt. Das wird im Alltag noch kaum wahrgenommen. Im Blackout-Fall könnte das aber zum völligen gesellschaftlichen Kollaps führen. Siehe etwa Studie „Ernährungsvorsorge in Österreich“.

Wenn übergroße Verzögerungen in einem System auftreten, bei dem ein Schwellenwert, ein Gefahrenpunkt, ein Bereich existiert, in dem nicht wieder gutzumachender Schaden angerichtet werden kann, kann auf das Überschwingen ein Zusammenbruch folgen. S. 177

Was wir leider sowohl im europäischen Stromversorgungssystem als auch in Folge in der hoch optimierten und wechselseitig abhängigen Versorgungslogistik beobachten werden.

Einige dieser Regelschleifen sind meist inaktiv — wie das Notkühlsystem eines Atomkraftwerks oder Ihre Fähigkeit zur Regelung der Körpertemperatur durch Schwitzen oder Frösteln aber dennoch sind sie für das langfristige Wohlergehen des Systems unverzichtbar. Wir machen einen schwerwiegenden Fehler, wenn wir auf diese Regelmechanismen für »Notfälle« verzichten, weil sie nur selten genutzt werden und Kosten verursachen. Kurzfristig scheint dies ohne Folgen zu bleiben. Langfristig verringern wir aber drastisch den Bereich der Bedingungen, in denen das System überleben kann. S. 178f

Und genau das haben wir in den vergangenen Jahren wegoptimiert, wodurch nach einem Blackout ein fataler gesellschaftlicher Kollaps droht, wenn die Entwicklungen nur annähernd so verlaufen, wie das heute erwartet werden muss.

Obwohl es keine weiteren Unterschiede in den Häusern gab, war der Stromverbrauch um 30 Prozent niedriger in den Häusern, in denen der Zähler gut sichtbar im Hausflur hing. Mir gefällt diese Geschichte, weil sie ein Beispiel für einen Eingriffspunkt mit großer Hebelwirkung in der Informationsstruktur des Systems ist. Hier handelt es sich weder um die Anpassung eines Parameters, noch um die Stärkung oder Schwächung einer existierenden Rückkopplung. Es ist eine neue Schleife, die eine Rückkopplung dorthin liefert, wo vorher keine war. Verlorengegangene Informationsflüsse Sind die häufigste Ursache für das Versagen von Systemen. Zusätzliche oder wieder hergestellte Information kann viel bewirken, meist auf viel einfachere und kostengünstigere Weise als bei Wiederherstellung der physischen Infrastruktur. S. 182f

Das wäre ein Punkt für Smart Meter („Intelligente Stromzähler“), wenn die Umsetzung dementsprechend erfolgen würde, was aber selten der Fall ist.

Menschen haben einen systematischen Hang dazu, der Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen aus dem Weg zu gehen. S. 183

Siehe Skin in the Game.

Die erstaunlichste Leistung von lebenden Systemen und Sozialsystemen ist ihr Vermögen, sich durch Schaffung ganz neuer Strukturen und Verhaltensweisen selbst komplett zu ändern. In biologischen Systemen nennt man dieses Vermögen Evolution. S. 185

Die Fähigkeit zur Selbstorganisation ist der stärkste Ausdruck der Widerstandsfähigkeit. Ein System, das sich weiterentwickeln kann, kann fast alle Veränderungen überdauern, indem es sich selbst ändert. S. 185

Wie verändert man also Paradigmen? Thomas Kuhn, der das bahnbrechende Buch über die großen wissenschaftlichen Paradigmenwechsel schrieb, hat dazu einiges zu sagen. Man lenkt fortwährend die Aufmerksamkeit auf die Anomalitäten und das Versagen des alten Paradigmas. Man hört nicht auf, laut und unbeirrt auf der Grundlage des neuen Paradigmas zu sprechen und zu handeln. Man stellt Menschen, die dem neuen Paradigma folgen, an öffentlichkeitswirksame und einflussreiche Stellen. Man verschwendet keine Zeit mit Reaktionären, sondern arbeitet zusammen mit den aktiven Betreibern des Wandels und der breiten Masse aufgeschlossener Menschen in der Mitte der Gesellschaft. S. 190

Selbstorganisierende nichtlineare Rückkopplungssysteme sind grundsätzlich nicht vorhersagbar. Sie sind nicht steuerbar. Sie sind nur auf sehr allgemeine Weise begreifbar. Das Ziel, die Zukunft genau vorherzusehen und sich perfekt auf sie vorzubereiten, ist nicht zu erreichen. Die Vorstellung man könnte ein komplexes System dazu bringen, genau das zu tun, was man von ihm möchte, lässt sich, wenn überhaupt, bestenfalls nur vorübergehend umsetzen. S. 194f

Die vorübergehende Steuerbarkeit führt eben zur Selbsttäuschung, da ja der Eindruck entsteht, dass es doch geht. Siehe auch die Truthahn-Illusion

Die Zukunft kann nicht vorausgesagt werden, aber sie kann in Visionen gefasst und liebevoll verwirklicht werden. Systeme können zwar nicht beherrscht, aber entworfen und neu entworfen werden. S. 195

Mentale Flexibilität — also die Bereitschaft, Grenzen neu zu ziehen, zu bemerken, dass das System in einen anderen Modus geschaltet hat, zu erkennen, wie eine Struktur neu entworfen werden muss ist unverzichtbar, wenn man in einer Welt flexibler Systeme lebt. S. 199

Ich vermute, dass Fehlfunktionen in Systemen meistens wegen einseitiger, verspäteter oder fehlender Information auftreten. S. 200

Eigentlich sprechen wir nicht über das, was wir sehen; wir sehen nur das, worüber wir auch sprechen können. S. 201

Denken Sie daran, dass Hierarchien dazu da sind, den unteren Schichten des Systems zu dienen, nicht den oberen. Maximieren Sie keine Einzelbereiche von Systemen oder Teilsystemen, ohne dabei das Ganze im Auge zu behalten. Versuchen Sie nicht, wie Kenneth Boulding es ausdrückte, unter großen Anstrengungen etwas zu optimieren, das überhaupt nicht getan werden sollte. Versuchen Sie, Eigenschaften des Gesamtsystems zu fördern, wie Wachstum, Stabilität, Vielfalt, Widerstandsfähigkeit und Nachhaltigkeit — ob sie nun einfach messbar sind oder nicht. S.205

Hierarchien werden heute aber häufig anders herum gedacht und gehandhabt. Zum anderen spiegelt sich hier Effektivität versus Effizienz wieder. Die richtigen Dinge tun, oder die Dinge richtig tun. Effizienz ist mittlerweile häufig zum Selbstzweck geworden. Die Zielausrichtung wird häufig nicht mehr hinterfragt. Auch hier haben wir eine positive, selbstverstärkende Rückkopplung. 

Er schloss daraus, dass nicht Investoren von außen, sondern von innen gebraucht werden. S. 206

Das spricht wiederum für Bürgerbeteiligungsmodelle, um etwa Energiezellen zu realisieren.

In einer Welt komplexer Systeme ist es nicht angebracht, mit starren, unbeirrbaren Leitlinien voranzupreschen. »Den Kurs halten« ist nur dann eine gute Sache, wenn man sicher ist, auf dem richtigen Kurs zu sein. Zu tun, als habe man alles im Griff, selbst wenn das nicht so ist, ist nicht nur ein Patentrezept für Fehler, sondern auch dafür, aus Fehlern nicht zu lernen. Was in einem Lernprozess wirklich angebracht ist, sind kleine Schritte, ständiges Beobachten und die Bereitschaft, den Kurs zu ändern, während man noch dabei ist herauszufinden, wohin er führt. S. 208

Je weiter der wirksame Zeithorizont, desto besser die Überlebenschancen. S. 210

Was wiederum unseren kurzsichtigen vor allem betriebswirtschaftlichen Zyklen (Berichten) widerspricht.

Wenn Sie sich auf einem trügerischen, kurvigen, unbekannten, mit und Hindernissen übersäten Pfad bewegen, wäre es unvernünftig, den Blick gesenkt zu halten und immer nur auf den nächsten Schritt zu achten. Genauso wäre es, nur in die Ferne zu spähen und nicht mitzubekommen, was sich direkt unter Ihren Füßen befindet. Man muss sowohl die Nähe als auch die Ferne im Auge behalten also das ganze System. S. 210

Interdisziplinäre Kommunikation funktioniert nur, wenn es um die Lösung eines echten Problems geht, und wenn die Vertreter der verschiedenen Disziplinen sich mehr um die Lösung des Problems kümmern als darum, akademisch korrekt zu sein. S. 211

 

Zusammenfassung der Systemprinzipien

Systeme

  • Ein System ist Mehr als die Summe seiner Teile.
  • Viele der Verknüpfungen in Systemen wirken über den Informationsfluss
  • Der unauffälligste Systembestandteil, nämlich seine Funktion oder sein Zweck, hat im Allgemeinen den kritischsten Einfluss auf das Systemverhalten.
  • Systemstruktur ist die Quelle des Systemverhaltens. Systemverhalten offenbart sich als eine Abfolge von Ereignissen im Zeitverlauf.

Bestände, Flüsse und dynamisches Gleichgewicht

  • In einer Zustandsgröße (Bestandsgröße) ist die Geschichte ihrer wechselnden Zu- und Abflüsse in der Vergangenheit gespeichert.
  • Wenn die Summe der Zuflüsse die der Abflüsse übersteigt, vergrößert sich der Bestand.
  • Wenn die Summe der Abflüsse die der Zuflüsse übersteigt, verkleinert sich der Bestand.
  • Wenn die Summe der Abflüsse gleich der der Zuflüsse ist, verändert sich der Bestand nicht — er bleibt in einem dynamischen Gleichgewicht.
  • Ein Bestand (eine Zustandsgröße) kann sowohl durch Erhöhung der Zuflussrate wie auch durch Verringerung der Abflussrate vermehrt werden.
  • Bestände wirken in Systemen wie Verzögerungen, Puffer, Trägheiten oder Stoßdämpfer.
  • Bestände sorgen dafür, dass Zu- und Abflüsse entkoppelt und voneinander unabhängig sein können.

Rückkopplungsschleifen

  • Eine Rückkopplungsschleife ist eine geschlossene Kette kausaler Verknüpfungen, die von einem Bestand ausgehen und über eine Anzahl von bestandsabhängigen Entscheidungen, Regeln, physikalischen Gesetzen oder Eingriffen über eine Flussgröße wieder auf den Bestand zurückwirken.
  • Ausgleichende Rückkopplungsschleifen sind dämpfende oder ziel- suchende Strukturen in Systemen und bewirken damit sowohl Stabilität wie auch Widerstand gegen Veränderungen.
  • Selbstverstärkende Rückkopplungsschleifen führen zu beschleunigtem Anwachsen eines Bestandes mit der Zeit (exponentielles Wachstum) und schließlich zum Zusammenbruch, wenn physische Grenzen erreicht werden.
  • Informationen aus einer Rückkopplungsschleife – selbst immaterielle Signale – können sich nu auf zukünftiges Verhalten auswirken; die Schleife kann ein Signal nicht rasch genug (übermitteln, um das Verhalten zu korrigieren, das das aktuelle Rückkopplungssignal verursacht hat.
  • Eine bestandserhaltende Rückkopplung muss auf einen Sollwert ausgerichtet sein, bei dem die auf den Bestand einwirkenden Zu- und Abflüsse kompensiert werden. Das angestrebte Bestandsziel kann sonst durch die Rückkopplung nicht erreicht werden.
  • Systeme mit gleicher Rückkopplungsstruktur erzeugen gleiches dynamisches Verhalten.

Dominanzverlagerung, Verzögerungen und Schwingungen

  • Komplexes Systemverhalten entsteht oft, wenn die relativen Stärken von Rückkopplungsschleifen sich verlagern und sich dadurch die Dominanz über das Verhalten von einer auf eine andere Schleife verlagert.
  • Eine Verzögerung in einer Rückkopplung kann ein System zum Schwingen bringen.
  • Änderung der Verzögerungsdauer kann zu großen Veränderungen im Systemverhalten führen.

Szenarien und das Testen von Modellen

  • Systemdynamische Modelle erkunden mögliche Zukunftsoptionen und erlauben die Untersuchung von »Was-wäre-wenn«-Fragen.
  • Die Brauchbarkeit eines Modells hängt nicht davon ab, ob seine Betriebsszenarien realistisch sind (schließlich kann niemand das genau wissen), sondern ob das Verhaltensmuster, mit dem es reagiert, realistisch ist.

Systembeschränkungen

  • In physischen, exponentiell wachsenden Systemen gibt es mindestens eine selbstverstärkende Rückkopplung, die das Wachstum steuert, und mindestens eine dämpfende, die es begrenzt, weil kein physisches System in einer begrenzten Umgebung ständig weiter wachsen kann.
  • Nicht erneuerbare Ressourcen sind durch ihre Bestände begrenzt.
  • Erneuerbare Ressourcen werden durch ihre Zu- und Abflüsse begrenzt.

Widerstandsfähigkeit, Selbstorganisation und Hierarchie

  • Es gibt immer Grenzen der Widerstandsfähigkeit.
  • Systeme müssen nicht nur auf Produktivität oder Stabilität, sondern auch auf Widerstandsfähigkeit ausgerichtet sein.
  • Systeme weisen die Eigenschaft der Selbstorganisation auf der Fähigkeit, sich selbst zu strukturieren, neue Strukturen zu erschaffen zu lernen und an Vielfalt und Komplexität zu gewinnen.
  • Hierarchische Systeme entwickeln sich von unten nach oben. Zweck der oberen Hierarchieebenen ist es, den Zwecken der unteren Ebenen zu dienen.

Quellen überraschenden Systemverhaltens

  • Viele Zusammenhänge in Systemen sind nichtlinear.
  • Es gibt keine eigenständigen Systeme. Die Welt ist ein Kontinuum. Wo die Grenze um ein System gezogen werden muss, hängt vom Betrachtungszweck ab.
  • Der momentan am meisten limitierende Input hat für ein System die momentan größte Bedeutung.
  • Jede physische Entität mit mehrfachen Zu- und Abflüssen wird durch mehrere Schichten von Begrenzungen umschlossen.
  • Wachstum stößt immer an Grenzen.
  • Eine Größe, die exponentiell einer Einschränkung oder Grenze entgegen wächst, erreicht diese überraschend schnell.
  • Treten in Rückkopplungsschleifen lange Verzögerungen auf, so ist irgendeine Art der Vorausschau zwingend erforderlich.
  • Die eingeschränkte Rationalität jedes Akteurs in einem System kann zu Entscheidungen führen, die das Wohl des Gesamtsystems beeinträchtigen.

Denkweisen und Modelle

  • Alles, was wir über die Welt zu wissen glauben, ist ein Modell.
  • Unsere Modelle haben mit der realen Welt vieles gemeinsam.
  • Unsere Modelle sind weit davon entfernt, die reale Welt vollständig wiederzugeben.