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Warum?

Durch die umfangreichen Maßnahmen („Lockdown“/“Shutdown“) zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus steigt als wenig beachtete Nebenwirkung die Gefahr für einen europaweiten Strom- und Infrastrukturausfall („Blackout“), obwohl gegenteiliges beteuert wird. Dafür sind mehrere Faktoren ausschlaggebend:

Die Gefahr, dass wichtiges Personal in kritischen Bereichen (Leitwarten, Kraftwerksbetrieb, Wartung, Stromhandel etc.) erkrankt und ausfällt. Hier wird zwar kommuniziert, dass umfangreiche Vorsorgen getroffen wurden, wovon auch auszugehen ist. Jedoch gibt es auch hier keine hundertprozentige Sicherheit. Schon gar nicht, wenn wie derzeit erwartet wird, sich die Situation über Monate ziehen könnte. Im europäischen Verbundsystem gibt es 43 (ÜNB) Leitwarten mit einer überschaubaren Anzahl von Mitarbeitern. Einerseits werden durch die Automatisierung in vielen Bereichen die Risiken minimiert, gleichzeitig kann aber gerade deswegen wichtiges Personal im Bedarfsfall fehlen, um kritische Eingriffe (Redispatching etc.) sicherstellen zu können (Ambivalenz). Zudem gibt es mittlerweile in der gesamten Versorgungskette unzählige kritische Zusatzprozesse und Abhängigkeiten, die uns gar nicht alle bewusst sind (Komplexität).

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Anmerkung: Die Netz- und Kraftwerksbetreiber tun mit Sicherheit ihr Bestes, um die Situation im Griff zu behalten. Aber jedes System, das „too-big-to-fail“ ist, gerät bei großen Störungen unter enormen Stress. Daher hat sich in der Natur auch „small-is-beautiful“ durchgesetzt. Ein zusätzliches Blackout wäre natürlich verheerend und wir hoffen alle, dass es nicht dazu kommt. Die erhöhte Möglichkeit jedoch einfach zu ignorieren, wäre blauäugig und gefährlich. Hätte uns jemand vor wenigen Wochen die jetzige Situation geschildert, wäre er wohl für verrückt erklärt worden. Wir sollten daher mit dem Schlimmsten rechnen und auf das Beste hoffen und vorbereitet sein! Wir haben bereits bei der sich ankündigenden Pandemie wichtige Zeit verstreichen lassen. Wollen wir diesen Fehler wiederholen?

So kommt es durch den Wirtschaftseinbruch zu einer sinkenden Stromnachfrage. Damit entsteht zu bestimmten Zeiten ein enormer Stromüberschuss. Aufgrund der derzeitigen regulatorischen Vorgaben, speziell in Deutschland, muss aber Strom aus Erneuerbare Energien (EE) Erzeugungsanlagen vorrangig abgenommen werden. Ein Gegensteuern wäre hier rasch notwendig, ist aber nicht absehbar.

Denn was zwar für den Klimaschutz erfreulich ist, führt gleichzeitig zu einer wenig beachteten Nebenwirkung. Diese betreffen vor allem die rotierenden Massen (Generatoren), welche ohne Steuerungseingriffe die immanente und systemkritische Stabilität und Ausregelung des fragilen Systems sicherstellen. Durch die sinkenden Strompreise werden konventionelle Kraftwerke und damit die rotierenden Massen aus dem Markt gedrängt (Merit-Order-Effekt). Diese kritische Systemdienstleistung kann bisher nur mit rotierenden Massen im großen Stil erbracht werden. Batteriegroßspeicher können zwar auch kurzfristig einspringen, aber es braucht dann wieder flexible, rasch und verlässlich verfügbare Kraftwerke, die eine Abweichung über einen längeren Zeitraum als für ein paar Sekunden oder Minuten ausgleichen können müssen. Diese rechnen sich jedoch nicht im derzeitigen Marktumfeld.

Anmerkung: Bis April sind noch viele konventionelle Kraftwerke durch die Fernwärmeauskopplung im Einsatz. Diese werden dann wahrscheinlich deutlich zurückgefahren. womit das Problem erst dann richtig zu steigen beginnt.

Viele konventionelle Kraftwerke können bei einem derart niedrigen Strompreis nicht einmal mehr die eigenen Betriebskosten decken. Die wirtschaftlichen Folgen sind absehbar. Auf kurze Sicht mag das durchaus positiv klingen. Sowohl für den Klimaschutz als auch was den Strompreis für die Endkunden betrifft. Jedoch ist das nicht zu Ende gedacht. Denn sollte es zu einem Blackout kommen, wäre der gesellschaftliche Schaden unbezahlbar. Der niedrige Strompreis kommt ebenfalls nicht bei den Endkunden an, weil die Kosten für die steigenden Eingriffe zur Stabilisierung („Redispatching“) auch an die Kunden weiterverrechnet werden.

Hinzu kommt, dass sich der Bau von für die Energiewende unverzichtbaren Speichersystemen, wie Pumpspeicherkraftwerken oder rasch einsetzbaren, flexiblen Kraftwerken, um die volatile Erzeugung aus Windkraft- und PV-Anlagen ausgleichen zu können, weiter verzögern wird (Energiebevorratung). Diese Anlagen haben sich bisher nicht gerechnet und werden das nun noch weniger tun. Und wenn sie es tun, ist es bereits zu spät, da Infrastrukturprojekte nicht von heute auf morgen umgesetzt werden können. Ein gefährlicher Teufelskreis, wo massive regulatorische Eingriffe erforderlich wären. Diese müssten aber in eine völlig andere Richtung gehen als bisher, was nicht sehr wahrscheinlich ist. Damit steigt die kurz- bis mittelfristige Blackout-Gefahr.

Meldungen

31.03.20: Households warned to prepare for BLACKOUTS by keeping torches and warm clothes nearby amid battle to keep the lights on Fears raised that sickness and self-isolation could lead to engineer shortages and possibility of power cuts

30.03.20: Live-Tracker: So bremst Corona die Wirtschaft – Echtzeit-Daten über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise sind sehr schwer zu beschaffen. Ein Großteil der wirtschaftlichen Aktivitäten hängt jedoch stark von der Nutzung von Elektrizität ab. Da die Coronavirus-Krise weite Teile der Wirtschaft unter Druck setzt, geht der Energieverbrauch zurück, wie eine ab heute täglich aktualisierte Live-Grafik der Agenda Austria zeigt.

Besonders an den Wochentagen zeigen sich die Effekte des eingeschränkten Wirtschaftslebens. Mit Rückgang des Wirtschaftslebens verringert sich auch der Energieverbrauch. Natürlich sinkt die Wirtschaft nicht eins zu eins mit der Energienutzung, aber es ist ein Indikator. So ist der Stromverbrauch in Italien seit Ende letzter Woche bereits um mehr als ein Viertel im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Die in Deutschland erst später beschlossenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronakrise lassen bis dato nur einen leichteren Rückgang beim Energieverbrauch erkennen. Auch hierzulande ist der Stromverbrauch zwar sichtbar rückläufig, aber in einem geringeren Ausmaß.


29.03.20: Die Coronakrise und der Strommarkt Wie unsere hauseigenen Stromhändler berichten, sind die Auswirkungen allerdings weniger aufgrund der gesunkenen Strompreise, sondern wegen der Lastverschiebungen im Tagesverlauf bemerkenswert. Normale Gewohnheiten der deutschen Stromverbraucher wie frühmorgens aufstehen, Licht machen, Duschen, die Kaffeemaschine einschalten und vieles mehr verschwinden durch die Ausgangsbeschränkungen oder verteilen sich auf den ganzen Tag.

Der enorme Rückgang des Stromverbrauchs zeigt auch deutliche Effekte auf dem Regelenergiemarkt. So stieg der Preis für negative Sekundär- und Minutenreserveleistung am vergangenen Wochenende stark an, da die Netzbetreiber durch den Einsatz von großen Mengen negativer Sekundärregelleistung (SRL) und Minutenreserveleistung (MRL) dem Stromnetz den überschüssigen Strom entziehen mussten.

Normale Leistungspreise für negative SRL und MRL liegen im einstelligen Eurobereich – am Samstag (21.03.2020) stiegen die Preise jedoch zunächst auf 20 Euro pro MW, am Sonntag dann auf rekordverdächtige 80 Euro pro MW an. Die Netzbetreiber deckten sich mit negativer Regelenergie für die erwarteten Stromverbrauchseinbrüche am Montag ein.

Die charakteristischen Peaks, also die Höchstverbrauchswerte, sind im derzeitigen Preisverlaufsprofil eines normalen Tages am Intradaymarkt kaum zu erkennen. Unsere Stromhändler müssen daher an eine neue Situation im Stromhandel anpassen, der sie weder während ihrer Ausbildung noch bisher im Arbeitsalltag begegnet sind. Auch in der Primärregelleistung (PRL), die keine negativen und positiven Produkte kennt, sondern kontinuierlich die Netzfrequenz ausgleicht, wurden sehr viel höhere Leistungspreise als üblich erzielt (Samstag 164 Euro/MW, Sonntag 260 Euro/MW). Auf dem Regelenergiemarkt kam es trotz der sprunghaft gestiegenen Nachfrage nach negativer Regelenergie zu keinen Turbulenzen.


21.03.20: Der Strompreis am Wochenende 21./22. März ist trotz schlechtem Wetter im Keller. Die Kraftwerke können längst nicht mehr kostendeckend betrieben werden. Siehe Aktuelle Lage


18.03.20: Zehn Prozent weniger Stromverbrauch Durch die Coronavirus-Krise ist der Stromverbrauch merklich, um rund zehn Prozent, zurückgegangen. Damit liege Österreich im europäischen Gleichklang. Frankreich habe auch rund ein Zehntel Rückgang eingemeldet, Italien minus 20 Prozent. Die Strompreise seien aufgrund der geringeren Nachfrage rückläufig. In Europa gebe es derzeit das „altbewährte Bild“ mit Frankreich und Deutschland als Stromexporteuren und dem Rest Europas als Importeur, vor allem Italien – nicht nur wegen der Corona-Krise. Frankreich exportiere aktuell sehr viel, über 10.000 Megawatt (MW), Deutschland bis zu 10.000 MW. Der Rest Europas sei Importeur. Auch Österreich finde sich momentan unter den Stromeinfuhrländern.


17.03.20: Corona-Pandemie senkt Strompreisnivau