Am 10. Mai fand in Berlin das Symposium der Berliner Feuerwehr „Stromausfall in Berlin – Aus der Praxis für die Praxis“ mit 200 Teilnehmern aus unterschiedlichen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) aus dem Bundesgebiet (Deutschland) statt. Dabei handelte es sich um die Nachbesprechung des Stromausfalls in Berlin-Köpenick (19.-20. Februar 2019). Herbert Saurugg war zu diesem Symposium eingeladen und hat die wesentlichen Erkenntnisse auch in Hinblick auf eine Blackout-Vorsorge zusammengefasst. Viele Punkte sind im Krisenmanagement allgemein bekannt. Jedoch wurde wieder bestätigt, dass das, was auch bei einem solch umfangreichen Ereignis durch die BOS sehr erfolgreich bewältigt werden konnte, im Fall eines Blackouts nicht möglich sein wird. Daher ist es umso wichtiger, genau über diesen Punkt hinauszugehen und sich damit auseinanderzusetzen, was trotz der zu erwartenden Ohnmacht und Hilflosigkeit noch gemacht werden kann, um die zu erwartenden Schäden und Todesfälle zu reduzieren.

Es wurde auch das Thema/Problem „(Nicht-)Vorsorge der Bevölkerung“ angesprochen und die Erhöhung der Selbstwirksamkeit eingefordert („Resilienz“). Die Frage an das Podium, ob die MitarbeiterInnen der repräsentierten Organisationen und deren Familien in der Lage wären, sich selbst zumindest zwei Wochen versorgen zu können, wurde ausweichend bzw. nicht beantwortet. Das bestätigte leider die generelle Erfahrung und macht klar, warum die Bevölkerung nicht besser aufgestellt ist: Wenn nicht einmal die BOS diese Vorsorge entsprechend ernst nehmen, warum sollte das irgendjemand anderer tun? Eine ähnliche Erfahrung machte ich wenige Tage zuvor bei einer Blackout-Veranstaltung mit Vertretern von Versorgungsunternehmen. So wurde zwar von erfolgreichen Inselnetz- und Schwarzstartübungen berichtet. Die Frage bzgl. der Vorsorge des eigenen Personals wurde jedoch negativ beantwortet. Die Selbstwirksamkeit des eigenen Personals ist Voraussetzung für alle anderen erforderlichen Maßnahmen! Und dies gilt nicht nur für die Zeit des unmittelbaren Stromausfalls, sondern vor allem bis zum Wiederanlauf einer halbwegs stabilen Versorgung mit lebenswichtigen Gütern (2 Wochen).

Mein Dank gebührt der Berliner Feuerwehr und allen Referenten und Organisationen, die sehr offen mit den aufgetretenen Problemen umgegangen sind. Genau das ist die Voraussetzung, um daraus für zukünftige Ereignisse zu lernen. So galt auch das Motto: „Der Kluge lernt aus seinen Fehlern, der Weise lernt aus den Fehlern der anderen, der Narr weder aus dem einen noch aus dem anderen.“

Ausgangslage

  • Stromausfall 19.02.19 14:10 Uhr – 20.02.19 21:22 Uhr (31 Stunden)
  • Betroffen: Bezirk Berlin-Köpenick; 10.000 Haushalte (~ 70.000 Einwohner entspricht rund ~2 Prozent der Berliner Bevölkerung), 2.000 Unternehmen; Randbezirk, viele Einfamilienhäuser, eher ländlich geprägt. Zwei Krankenhäuser, zahlreiche unvorbereitet Pflegeeinrichtungen

Zentrale Erkenntnisse und Folgerungen für die Blackout-Vorsorge

  • In der Krise Köpfe kennen (3K) war sehr wichtig.
  • Die Wiederanlaufdauer von komplexen Infrastrukturversorgungsleistungen wird häufig unterschätzt.
  • In der Gemeinde sollten entsprechende Dokumentationen aufliegen: Wo gibt es noch funktionierende Strukturen oder Ressourcen bzw. welche Problembereiche existieren (Pflegeeinrichtungen, Pflege zu Hause, Notstromaggregate, Insulinversorgung etc.)?
  • Die zu früh erwartete bzw. kommunizierte Wiederversorgung mit Strom führte zu erheblichen Problemen bei den BOS (Schichtdienstvorbereitung). ->Lieber eine längere Ausfallzeit kommunizieren.
  • Die Ressourcenplanung ist bei mobilen Notstromaggregaten (Leistung) sehr wichtig. Ansonsten stehen diese bei falschen Einrichtungen bzw. können diese nicht optimal genutzt werden.
  • Die Getränke- und Essenversorgung muss frühzeitig vorbereitet werden, da hier eine gewisse Vorlaufzeit erforderlich ist.
  • Die rechtzeitige Vorbereitung eines Schichtbetriebes ist sehr wichtig.
  • Busse und Taxis (mit Funkverbindung) als Notrufsäulen.
  • Dezentrale Informationspunkte (Aushänge beispielsweise an Bushaltestellen).
  • Mobile Anlaufstellen wurden eingerichtet (Fahrzeuge).
  • Erkundungsfahrten zu wichtigen/kritischen Einrichtungen organisieren (Pflege etc.).
  • Zusammenarbeit mit Hausgemeinschaften/Hausmeistern organisieren, damit Informationen leichter verteilt werden können.
  • Mobile Einheiten (Erste-Hilfe, Ansprechpartner).
  • Mobile Notstromeinrichtungen müssen einfach und ohne spezielle Ausbildung zu bedienen sein.
  • Selbsthilfe-Basen: Notstrom, wer betreut diesen?
  • Rückmeldungen „Bevölkerung“: „Ihr (BOS) wart da“ – soziale Wärme sehr wichtig! „Wir hätten gerne gewusst, wo Anlaufstellen eingerichtet werden.“ -> Sicherheitskommunikation bereits vor der Krise
  • Handy-Ladeplätze waren sehr wichtig und beruhigten, auch wenn kein Netz verfügbar war.
  • Was tun während eines Blackouts? Handouts vorbereiten.
  • Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung/Organisationen erhöhen: Bei einem Blackout gibt es nicht genug Ressourcen. Das sollte bereits vorher vermittelt werden.

Kommunikation

  • Das Festnetz ist sofort ausgefallen.
  • Die Basisstationen der Handynetze sind spätestens nach 5 Stunden ausgefallen. Zum Teil gab es eine eingeschränkte Versorgung aus den Nachbargebieten. Die Provider waren nicht in der Lage, eine mobile Basisstation zum Einsatz zu bringen.
  • Die Basisstationen der BOS-Sendemasten wurden mit Notstrom versorgt.
  • Auch die Helfer benötigen Informationen bzw. wird von „der Bevölkerung“ erwartet, dass diese informiert sind.
  • Es waren nur eingeschränkt Lautsprecherwagen verfügbar (6 Stück, zu wenige laut) -> Die Wirkung von Lautsprecherwagen wird überschätzt, wie bereits mehrere Ereignisse gezeigt haben.
  • Notrufe – wie soll das laufen – muss kommuniziert werden!
  • Pressearbeit: Vertrautes Gesicht/Stimme ist wichtig
  • Botschaft: Umfang der Lage, Gebiet, Dauer, „Geben Sie aufeinander acht!“,
  • Radio: Funktioniert die Übertragung zum Sender?
  • Wie bringt man Informationen (bei einem beschränkten Stromausfall) über die Medien an die Bevölkerung? Die wollen nur Stories und interessieren sich nur für Nebensächlichkeiten. Das sollte bereits vorher abgestimmt werden! Etwa mit einem Auftrag zur Hilfeleistung und Deeskalation!! (Journalisten sind in der Regel ähnlich „ahnungslos“ wie der Rest der Bevölkerung und denken möglicherweise nicht an die Folgen durch eine falsche Kommunikation.)

Allgemeine Erkenntnisse

  • Die Bevölkerung war sehr besonnen und unaufgeregt (à sozialer Zusammenhalt am Beginn, aber man muss auch mit Eskalationen rechnen, vor allem, wenn es länger dauert). In anderen Bezirken hätte es wahrscheinlich einen anderen Verlauf genommen.
  • Probleme bei der Wasserversorgung.
  • Die Inhaber von Geschäften haben aus Sorge vor Einbrüchen in den Geschäften übernachtet. -> Wie kann hier Verbindung gehalten werden?
  • Ein mobiles Notstromaggregat (beim Abwasserpumpwerk) und ein Einfamilienhaus haben gebrannt.
  • Nach der Wiederkehr der Stromversorgung gab es binnen kürzester Zeit 58 Brandmeldeanlagenfehlalarme -> Wie geht man damit um?
  • Es kam zu einem rund 5-10-faches Einsatzaufkommen.
  • Es wurden Erkundungskräfte an potentielle Hotspots entsandt.
  • Türen haben sich nicht schließen lassen (Gemeinde, Supermärkte).
  • Die Notstromversorgung war unzureichend; Es fehlte auch an Informationen, wo noch etwas funktioniert hat (zum Beispiel war eine Schule & Internat notstromversorgt).
  • Ein wichtiger Krisenstab war nicht schichtfähig.
  • Improvisationsvermögen ist sehr wichtig.
  • Besser mit den Betreibern von zivilen Kritischen Infrastrukturen vernetzen.
  • Einsatzkräfte: Ausleuchten von Stiegenhäusern, Ersatzakkus, Ersatzlampen, Stirnlampen.
  • Die verschiedenen Krisenstäbe müssen voneinander wissen bzw. Verbindung halten können; ein gemeinsames Lagebild/Krisenstab (alle sehen die gleichen Informationen) wäre sehr hilfreich.

Gesundheitsversorgung

  • Hier gab es erwartungsgemäß die meisten Probleme und Einsätze.
  • Ein Krankenhausnotstromaggregat viel nach 7 Stunden Betrieb aus. Dieses wurde erst 2009 (!) installiert. Schuld war eine defekte Steuerungsplatine, die aus einer anderen Stadt herangeschafft werden musste. -> Neueres Gerät ist oft anfälliger, als altes.
  • Die Evakuierung war sehr gut vorbereitet, nahm aber sehr viel Zeit und Ressourcen in Anspruch; auch die Rückführung -> Im Blackout-Fall wird so etwas nicht möglich sein.
  • Die ersten Pflegeeinrichtungen hatten binnen 90 Minuten Probleme (Intensivpatienten).
  • Datenlage bei Pflege ambulant/stationär war unklar- Eine Verbesserung ist erforderlich (Zuständigkeiten). -> Für die Blackout-Vorsorge wäre es hilfreich, zu wissen, wie viel Menschen über 65 Jahre in der jeweiligen Region leben.
  • Erkundung, wo sind die Einrichtungen und sind Probleme absehbar. Melder vorbeischicken.
  • Die Zubereitung von künstlicher Ernährung für Patienten, die zu Hause betreut werden, stellte sich als Problem dar.
  • Die (warme) Küchenversorgung in Krankenhäusern kann oft nicht aufrechterhalten werden.
  • In Berlin gibt es 3.000 Dialysepatienten. Es ist jedoch nur eine Station notstromversorgt.
  • Die Berliner Krankenhäuser verfügen über eine zumindest 36-stündige Notstromversorgung.

 

Chatham House Rule

Im Vordergrund des Symposiums stand der Austausch von Erfahrungen und Lehren aus dem Einsatzverlauf unter den Bedingungen der Chatham House Rule. Dies garantiert ein Höchstmaß an Anonymität und ermöglicht Teilnehmenden und Referenten einen offenen Austausch in vertraulicher Atmosphäre. Konkret besagt die Regel, dass den Teilnehmenden die freie Verwendung der dort erhaltenen Informationen unter der Bedingung gestattet ist, dass weder die Identität noch die Zugehörigkeit von Rednern oder anderen Teilnehmenden preisgegeben werden.