Am 18. Juni  fand die Synergiekonferenz 2015 des Resilienz Netzwerks Österreich (RNÖ) im Festsaal der FH Campus Wien statt. Hier einige Eindrücke von der Konferenz, die unter dem Motto „Connecting the dots“ gelaufen ist.

Wie wahrscheinlich ist ein Ausfall des Internet?

Niemand kann wirklich sagen, wie wahrscheinlich ein großflächiger Ausfall des Internets ist. Die Techniker sagen, es ist nicht ausgeschlossen, aber eher unwahrscheinlich, da es ja zur Erhöhung der Ausfallsicherheit von Kommunikationsverbindungen konzipiert wurde. Jedoch wurde es niemals für die heutigen Anforderungen errichtet. Gleichzeitig machen wir uns zunehmend von der Verfügbarkeit des Internets abhängig. In letzter Konsequenz muss damit gerechnet werden, dass ein Internetausfall zu ähnlich weitreichenden Auswirkungen wie ein Blackout führen würde – es ist sogar möglich, dass ein Internetausfall zum Blackout führeb kann, da etwa die Sekundärregelung bzw. der Stromhandel über Internet abgewickelt wird.

Letztendlich ist es wiederum egal, ob es möglich ist – es geht um die damit verbundenen Konsequenzen, auf die wir nicht vorbereitet sind, weil wir keine Rückfallebenen vorgesehen haben.

In letzter Zeit häufen sich auf jeden Fall die warnenden Stimmen, die auf die zunehmenden Verwundbarkeiten hinweisen. Siehe etwa IoT security: It’s going to come crashing downSicherheitsexperten warnen vor Stromausfall im LandGlobal Threat Intelligence Report 2015IAEA urges action on cyber threats to nuclear facilitiesIntelligente Städte: „Smart wäre, wenn man den ganzen Quatsch lassen würde“). Hier auch noch eine Warnung von Danny Hillis, Computeringenieur und Mitentwickler des Internets aus dem Jahre 2013:

Danny Hillis: The Internet could crash. We need a Plan B

Danny Hillis: The Internet could crash. We need a Plan B

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KIRAS-Projekt „Ernährungsvorsorge in Österreich“

In Kürze wird das Sicherheitsforschungsprojekt „Ernährungsvorsorge in Österreich“ (EVA) abgeschlossen. Die Projektleiterin, Ulrike Kleb, präsentierte einige aufschlussreiche Ergebnisse aus der Studie. Damit gibt es erstmals eine konkrete Untersuchung für Österreich. Die Selbstversorgungsfähigkeit der österreichischen Bevölkerung scheint etwas besser zu sein, als die der deutschen Bevölkerung (siehe Katastrophenschutz-Leuchttürme Berlin).

Befragung

  • 1849 Haushalte haben den Fragebogen retourniert; es gibt rund 3,8 Millionen Haushalte in Österreich (2014)
  • Szenario 1: Keine Einkaufsmöglichkeit, Strom und Wasser vorhanden -> 190.000 Haushalte haben ab dem 4. Tag
    keine Vorräte mehr
  • Szenario 2: Keine Einkaufsmöglichkeit, kein Strom, kein Wasser (z.B. Blackout!) -> 1.4 Millionen Haushalte sind ab dem 4. Tag ohne Lebensmittel
    Anmerkung: Ein Blackout über vier Tage ist für Österreich eher unwahrscheinlich. Jedoch wird es Tage wenn nicht Wochen dauern, bis die Lebensmittelversorgung nach einen Blackout wieder normal funktioniert!
  • Wasservorrat pro Kopf: 11-26% der befragten Haushalte verfügen über KEINE Wasservorräte!! (Anmerkung: Der Prozentsatz unterscheidet sich in Gemeinden unterschiedlicher Größe – Die Wassereigenbevorratung ist derzeit generell ziemlich gering ausgeprägt und wird wohl zu einer der größten Herausforderungen bei/nach einem Blackout! Siehe Stromausfall brachte auch Probleme mit der Trinkwasserversorgung bzw. die Studie Energy blackouts and water outages.
  • 51% der Haushalte haben eine Kochmöglichkeit bei Stromausfall – aber – nur 37% haben eine Kochmöglichkeit für geschlossene Räume
  • 6% aller Haushalte haben eine Notstromversorgung
  • 14.4% der Haushalte benötigen spezielle oder diätetische Lebensmittel
  • 65 Unternehmen aus der Lebensmittelversorgungskette haben den Fragebogen beantwortet
  • 30% haben noch keine Vorsorge getroffen oder keine Überlegungen angestellt!
  • Nur 26% der Unternehmen haben eine Notstromversorgung zur Aufrechterhaltung des Normalbetriebs (Anmerkung: Ob damit wirklich ein Normalbetrieb aufrechterhalten werden kann, muss eher bezweifelt werden)
  • Erdgas ist für 60% der Unternehmen, vor allem für die Produktion, dringend erforderlich (siehe auch Wie sicher ist unsere Erdgasversorgung wirklich?)
  • Wasservorrat pro Kopf nach Gemeindegröße Reichweite der Lebensmittelvorräte

Gefahrenfelder

  • Geringe „Awareness“ hinsichtlich Krisen/Katastrophen
  • Zuständigkeiten und Abläufe unklar
  • Große Ungewissheit / Unsicherheit bezüglich Blackout
  • Geringe Lagerhaltung in Unternehmen -> Just-in-Time

Handlungsoptionen und Maßnahmen

  • Einbindung der Bevölkerung unverzichtbar!
  • Private Bevorratung und Vorsorge
  • Klärung der Zuständigkeit
  • Steigerung der Resilienz im Ernährungssektor

Kommentar

Damit werden die bisherigen Annahmen auch wissenschaftlich belegt – wir sind als Gesellschaft in keinster Weise auf ein Blackout oder auf ein sonstiges strategisches Schockereignis vorbereitet, was dazu führen wird, dass die Folgen weit verherrender ausfallen werden. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die fehlende Sicherheitskommunikation und ein ehrlicher und transparenter Umgang mit systemischen Risiken.

Sobald der offizielle Bericht vorliegt, wird hier eine weitere Analyse erfolgen.

Resilienz Monitor Austria

Zusätzlich wurde ein zweites, im Abschluss befindliches Sicherheitsforschungsprojekt vorgestellt: Resilienz Monitor Austria

Auch Harald Katzmair (FASresearch) stieß in die selbe Kerbe. So wie wir derzeit organisatorisch aufgestellt sind, wird die Bewältigung eines strategischen Schockereignisses unnötig schwierig ausfallen. Resilienz ist grundsätzlich nichts Neues und bedeutet, in schwierigen Situationen handlunsgfähig zu bleiben bzw. Probleme zu lösen. Nur werden wir in unserer heutigen hoch vernetzten und wechselseitig abhängigen Welt mit völlig neuen Herausforderungen konfrontiert, die mit unseren bisherigen Lösungskompetenzen alleine nicht zu bewältigen sind. Umso schlimmer ist es, dass die Selbsthilfe- und Selbstversorgungsfähigkeit der Bevölkerung so schlecht ausgeprägt ist.

  • Kritische Erfolgsfaktoren: Improvisation, Kollaboration, Verhaltensänderung, Offenheit
  • Vorbereitung auf Unsicherheit: Vernetztes Denken, Unterstützung Top-Down, Standardisierung, Verhaltensänderung, Offenheit
  • Der Resilienz-Monitor führt vor Augen, dass gerade die Bevölkerung überhaupt nicht gut adressiert wird, bzw. in die Krisenbewältigung eingebunden ist, obwohl diese für die Bewältigung von strategischen Schockereignissen ganz essentiell ist! Auch das österreichische Bundesheer ist sehr schlecht angebunden.

Um mit den absehbaren Unsicherheiten und Turbulenzen erfolgreich umgehen zu können, ist Flexibilität gefordert – denn Dynamik und Flexibilität lässt sich nur mit Flexibilität und Agilität bewältigen.

Auch hier wird es nach Verfügbarkeit des Abschlussberichtes eine weitere Analyse geben.

Das Abschlussvideo der Konferenz nahm unser Denken und Handeln mit einem Schmunzeln aufs Korn.

https://youtu.be/TU7RBqTndJ8

Kommentar

Zusammenfassend bzw. „connecting the dots“ habe ich für mich folgendes Resümee gezogen: Es ist egal, wie das Szenario aussieht, die wesentlichen Faktoren, um die Bewältigungskompetenzen zu erhöhen bzw. um die gesamtgesellschaftliche Resilienz generell zu erhöhen sind:

  • Eine integrierte Sicherheitskommunikation auf nationaler Ebene
  • Erhöhung der Selbstwirksamkeit der Bevölkerung und damit Gesellschaft durch Information & Ausbildung
  • Die geistige Einstellung auf turbulente Zeiten
  • Eigenvorsorge/Eigenbevorratung durch die Bevölkerung