In unserem Newsletter #20 vom 12. April sowie in der ersten Aktualisierung #21 vom 5. Mai haben wir Sie über den vierten globalen Systembruch informiert. Seit der letzten Aktualisierung sind bereits zwei Monate vergangen. Einerseits liegt das an den dynamischen Entwicklungen rund um die Straße von Hormus und dem Iran-Krieg. Nach einer kurzen Deeskalation und der ersten Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs ist es nun zu einer erneuten militärischen Eskalation gekommen. Die Folgen sind bisher nicht absehbar. Wir gehen jedoch von einer weiteren Verschärfung der Lage aus.
Andererseits haben wir – wie auch andere Analysten – überrascht festgestellt, dass die von uns erwarteten negativen Entwicklungen im Logistikbereich bisher nicht in der erwarteten Dimension eingetreten sind.
Unser Ziel ist es, dieses Thema klar anzusprechen, auch wenn vieles noch schwer greifbar ist. So wollen wir einen Beitrag dazu leisten, die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit rechtzeitig zu erhöhen, um nicht erneut von einer systemischen Krise völlig überrascht zu werden. Denn damit entsteht die Gefahr, dass durch Aktionismus noch mehr Schaden entsteht. Wir können die Realität ignorieren, aber nicht die Folgen dieser Selbsttäuschung.
Der Wissensstand dieses Newsletters entspricht dem Stand vom 12. Juli 2026. Weitere Aktualisierungen und Details werden folgen.
Wesentliche Punkte für eilige Leser
Die Aktualisierung kommt zu dem Schluss, dass der „globale Systembruch“ nicht vorbei ist, sondern sich nur verzögert und derzeit durch Reserven, Umleitungen und politische Notlösungen überdeckt wird.
Kernaussage
Die Lage bleibt fragil, obwohl die befürchteten Folgen bisher nicht in voller Stärke eingetreten sind. Der Hauptgrund ist nicht Entwarnung, sondern eine temporäre Stabilisierung durch aufgebrauchte Puffer, vor allem bei Ölreserven, Lagerbeständen und logistischen Ausweichrouten.
Warum bisher vieles ausblieb
Die Energie- und Lieferketten waren bisher widerstandsfähiger als zunächst angenommen. Aber nur, weil viele Staaten und Unternehmen massiv Reserven eingesetzt haben. Dadurch wurde Zeit gewonnen, nicht Stabilität geschaffen. Ein System, das seine Krisen nur durch das Aufbrauchen seiner Puffer übersteht, ist beim nächsten Schock fragiler, als zuvor.
Was die Lage weiter verschärft
Besonders kritisch bleiben die erneute Eskalation rund um die Straße von Hormus, die zunehmende Verknappung bei strategischen Reserven, gestörte Raffineriekapazitäten und drohende Folgeeffekte bei Treibstoff, Industrieproduktion und Nahrungsmitteln. Hinzu kommen neue Brandbeschleuniger wie ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien, mögliche Wetter- und Hafenstörungen in Asien sowie der chinesische Helium-Exportstopp.
Europa und Russland-Ukraine
Für Europa steigt das Risiko nicht nur indirekt über Preise und Lieferketten, sondern auch direkt über hybride Angriffe, Sabotage, Cyberangriffe und Störungen kritischer Infrastruktur im Zusammenhang mit dem Russland-Ukraine-Krieg. Die Sicherheitslage bleibt damit Teil eines größeren vernetzten Konfliktsystems.
Konsequenz für Vorsorge
Die zentrale Botschaft lautet: Vorsorge, Wachsamkeit und Anpassungsfähigkeit bleiben zwingend notwendig. Gerade weil die Krise bislang verzögert wurde, können neue Schocks umso heftiger wirken, wenn sie auf bereits ausgedünnte Puffer treffen.
Die Kernbotschaft
Warum gibt es dennoch keine Entwarnung?
In vielen Bereichen gab es eine überraschende Anpassung, die wir in unseren ersten Betrachtungen zu wenig antizipiert haben. Die globalen Energie- und Lieferketten haben sich als deutlich widerstandsfähiger erwiesen als gedacht. Viele der eingesetzten Mechanismen, die eine raschere Eskalation verhindert haben, sind jedoch nur vorübergehend einsetzbar. Die Puffer sind inzwischen weitgehend aufgebraucht.
Die strategischen Reserven wurden in vielen Ländern – allen voran in den USA und in China – sehr stark beansprucht, wofür sie auch grundsätzlich da sind. Kommerzielle Lagerbestände gingen zurück und Raffinerien verschoben Wartungsarbeiten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Umgehungs-Pipelines wurden stärker ausgelastet, Fluggesellschaften strichen Flüge und Flugbuchungen gingen zurück. Ärmere Länder begannen mit der Rationierung von Treibstoff.
Diese Maßnahmen verschafften Zeit. Sie schufen jedoch keine zusätzliche Widerstandsfähigkeit für die nächste Störung. Ein System, das überlebt, indem es seine Puffer aufbraucht, wird zunächst einmal fragiler, selbst wenn die aktuellen Marktpreise etwas anderes signalisieren.
Dies ist besonders wichtig, wenn mehrere Engpässe und Krisensituationen zusammenwirken. Der Hormus-Schock blieb unter anderem deshalb beherrschbar, weil alternative Routen zur Verfügung standen und der Gesamtmarkt mit relativ hohen Lagerbeständen in die Krise ging. Eine gleichzeitige Sperrung von Bab el-Mandeb, ein weiterer schwerwiegender Infrastrukturausfall oder eine schlechte Ernte infolge von Düngemittelengpässen können jedoch nun noch ganz andere Kettenreaktionen auslösen.
Das Überstehen vergangener Krisen ist leider kein Beweis für zukünftige Widerstandsfähigkeit.
Die wichtigste Lehre daraus ist: Der Rückgang der Ölpreise bedeutete nicht das Ende der Krise. Ein Großteil der Kosten hatte sich lediglich an andere Stellen verlagert: auf erschöpfte Lagerbestände, auf Staatsausgaben sowie auf eine reduzierte Industrieproduktion und Flugausfälle. In ärmeren Ländern spürten die Haushalte dies unmittelbar durch Treibstoffrationierungen, Stromausfälle und Einkommensverluste.
Daher haben wir bisher sowohl auf geopolitischer als auch auf logistischer Ebene eine verzögerte Krisendynamik erlebt. Die von uns prognostizierte dritte Welle des Tsunamis wurde somit verzögert. Sie könnte uns erneut überraschen, wie es etwa beim ersten großen systemischen Bruch ab 2007 der Fall war, als die Welle Europa erst ein Jahr später traf.
Die Verzögerung ist auch darauf zurückzuführen, dass die beiden großen Protagonisten China und die USA erhebliche Maßnahmen ergriffen haben, um eine wirtschaftliche Eskalation zu verhindern bzw. hinauszuzögern. China hat seinen Öl-Import drastisch reduziert. Einerseits durch den massiven Rückgriff auf die strategischen Reserven und andererseits durch eine Reduzierung des Bedarfs. Auch die USA haben massiv auf ihre strategischen Reserven zurückgegriffen, die nun ein bisher nicht gekanntes niedriges Niveau erreicht haben. Analysten sprechen davon, dass bei einer Fortsetzung der Entnahme wie bisher in spätestens drei Wochen ein kritisches Niveau erreicht wird, ab dem mit technischen Problemen bei der Entnahme zu rechnen ist.
Weitere Brandbeschleuniger
Drohnenangriffe auf russische Raffinerien
Durch weitreichende und umfassende ukrainische Drohnenangriffe sind in Russland mittlerweile mehr als die Hälfte der Raffinerien schwer beschädigt oder stehen bereits still. Die Folge sind weitreichende Treibstoffrationierungen. Russland war bisher der zweitgrößte Dieselexporteur und muss inzwischen sogar aus Weißrussland oder Indien importieren.
Weltweite Raffineriekapazitäten
Hinzu kommt, dass die weltweiten Raffineriekapazitäten seit Jahren aufgrund des Kostendrucks reduziert wurden und Investitionen in neue, umgerüstete oder erneuerte Kapazitäten zu niedrig ausfallen. Die Nachfrage nach bestimmten Produkten wie Diesel, Kerosin und Benzin wächst schneller als die verfügbare Verarbeitungskapazität. Das eigentliche Nadelöhr ist daher häufig nicht mehr das Rohöl, sondern dessen Verarbeitung zu passenden Produkten.
Besonders kritisch ist, dass Raffinerien technisch sehr unterschiedlich aufgestellt sind: Manche können schwere oder schwefelreiche Rohöle verarbeiten, andere nicht. Dadurch sind Ausfälle einzelner Anlagen nicht leicht ersetzbar, und regionale Engpässe können sich rasch global auswirken.
Eskalation im Ukrainekrieg und in Russland
Inzwischen sprechen einige russische Akteure daher nicht mehr von einer „Spezialoperation“, sondern von einem Krieg. Dadurch dreht sich die Eskalationsspirale auch bei den eingesetzten Kampfmitteln und Angriffszielen weiter nach oben. Auch die Drohungen in Richtung Europa werden lauter. In den vergangenen Monaten kam es zudem zu einer Reihe von Sabotageangriffen auf kritische Infrastrukturen, bei denen die Täterschaft nicht eindeutig zuordenbar ist. Erst am vergangenen Freitag wurde eine wichtige deutsche Bahnstrecke durch einen Brandanschlag schwer beschädigt. Inzwischen konnte der Bahnverkehr mit Einschränkungen wieder aufgenommen werden.
Starkes El-Niño-Jahr und Hitzwellen in Europa
Als ob das nicht bereits genug wäre, verdichten sich zudem die Hinweise auf ein starkes El-Niño-Jahr. Dies lässt vor allem für den pazifischen Raum eine Zunahme von Extremwetterlagen erwarten, die auf bereits geschwächte und angeschlagene Volkswirtschaften treffen. Gerade an diesem Wochenende zog der Taifun Bavi in Richtung der global wichtigen Häfen in Südchina nahe an Taiwan vorbei. Mehrere Häfen wurden gesperrt. In der Region wurden zudem vorsorglich über zwei Millionen Menschen evakuiert.
Die erste große Hitzewelle Ende Juni in Europa, insbesondere in Frankreich, war nur der Anfang. Daher ist im Laufe des Sommers auch auf europäischen Flüssen, spezielle dem Rhein, mit Einschränkungen bei der Schiffbarkeit zu rechnen. Das hätte auch Auswirkungen auf die Energieversorgung in Deutschland und der Schweiz.
China stoppt den Heliumexport
Am 10. Juli hat nun auch noch China einen sofortigen Stopp des Heliumexports verordnet. Dadurch wird es zu einer weiteren Verknappung auf dem Weltmarkt und zu weiteren Preisschwankungen kommen. Bisher hat Europa rund 10 Prozent seines Heliumbedarfs aus China gedeckt. Für die globale Versorgung ist Helium weniger wegen seines Volumens als vielmehr wegen seiner systemischen Hebelwirkung in verschiedenen Lieferketten, wie in der Halbleitertechnik und Medizin, relevant.
Wesentliche Ableitungen
Systemische Einordnung
Im Sinne eines systemischen Blicks gilt: In einem vernetzten System zieht jede Intervention Nebenwirkungen nach sich, die erst verzögert und an anderer Stelle sichtbar werden. Ein sinkender Preisindex, mehr Schiffe, die die Straße von Hormus passieren, oder ein vorübergehend niedrigerer Verbrauch können deshalb leicht den Eindruck von Entspannung erzeugen, obwohl die eigentlichen Verwundbarkeiten nur verdeckt bleiben. Die zentrale Unsicherheit besteht nicht nur darin, ob ein einzelner Schock eintritt, sondern auch darin, ob noch mehrere Belastungen zusammenfallen und auf bereits geschwächte Puffer treffen.
Um diese systemischen Zusammenhänge besser verstehen zu lernen, sei an dieser Stelle auch eine aktuelle Buchempfehlung ausgesprochen. Unter www.saurugg.net/seeing-in-systems gibt es eine deutschsprachige Zusammenfassung sowie wesentliche Zitate aus dem Buch „Seeing in Systems: Practical Concepts for Everyday“.
Offene Unsicherheiten
Als besonders unsicher gelten weiterhin die weitere Nutzung und Verfügbarkeit strategischer Reserven, eine weitreichende Öffnung der Straße von Hormus, die tatsächliche Belastbarkeit der internationalen Schifffahrt, die Wirkung verzögerter Schocks bei Düngemitteln und Nahrungsmitteln sowie die finanzielle Resilienz hoch verschuldeter Staaten und Unternehmen.
Die bisherige Entspannung ist daher oberflächlich: Wenn Reserven geleert werden, ist die kurzfristige Ruhe teuer erkauft und die Anfälligkeit für den nächsten Schock steigt. Auch die Sicherheitslage bleibt sehr fragil, da politische Fristen und militärische Fehlkalkulationen jederzeit eine erneute Eskalation auslösen können.
Russland, Ukraine und Europa
Im Russland-Ukraine-Krieg bleibt das Eskalationspotenzial hoch, gerade weil hybride Angriffe und Sabotageakte in Europa bereits Teil des Konfliktraums geworden sind. Berichte über koordinierte Sabotageakte, Drohnenvorfälle, Cyberangriffe, Störungen kritischer Infrastrukturen und Angriffe auf Logistikachsen zeigen, dass Europa nicht nur indirekt betroffen ist, sondern als Teil des erweiterten Konfliktsystems betrachtet werden muss. Das bedeutet für Europa: Selbst ohne direkte Kriegsbeteiligung kann die Unterstützung der Ukraine, die Verwundbarkeit kritischer Infrastrukturen und die politische Polarisierung zu steigenden Risiken führen.
Konsequenzen für die Vorsorge
Die bisherigen Empfehlungen aus den vorangegangenen Analysen bleiben deshalb vollumfänglich gültig: Vorsorge, Wachsamkeit und Anpassungsfähigkeit sowie ein Frühwarnsystem und Reserven sind in einer Lage mit erhöhter Komplexität und geringer Fehlertoleranz unverzichtbar. Bei der heutigen Planung sollte nicht nur das wahrscheinlichste Szenario betrachtet werden, sondern es sollten auch Kaskaden, Engpässe und gleichzeitige Störungen berücksichtigt werden. Die richtige Schlussfolgerung lautet daher nicht „Entwarnung“, sondern: Die Lage ist trotz einer breiteren, anderen Wahrnehmung strukturell weiterhin verletzlich und kann jederzeit eskalieren. Der globale Systembruch ist vielleicht pausiert, aber nicht aufgehoben. Erst die Historiker werden uns den genauen Verlauf erklären können.
Daher gilt weiterhin: akzeptieren – loslassen – gedulden – kooperieren
Die gesamte Betrachtung mit tiefergehenden Details von Marco und Velina finden Sie hier
Zuletzt aktualisiert am 12. Juli 2026 um 16:05
