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In unserem letzten Newsletter vom 12. April haben wir Sie erstmals über den bevorstehenden globalen Systembruch informiert. Nach vier Wochen haben wir nun eine Aktualisierung erstellt (die gesamte Detailbetrachtung finden Sie hier). Leider hat sich die Lage seither nicht verbessert, ganz im Gegenteil. Auch wenn es militärisch momentan nach einer Deeskalation aussieht, breiten sich die bereits ausgelösten Kaskadeneffekte in den Lieferketten unumkehrbar weiter aus und werden in den kommenden Wochen und Monaten an Dynamik gewinnen. Wir können nicht vorhersagen, wann genau und mit welcher Stärke uns die Wellen – um beim Bild des Tsunamis zu bleiben – treffen werden. Unserer Einschätzung nach spätestens im Spätsommer bis Frühherbst.

GlobalSystemRupture Tsunami Wellen

Unser Ziel ist es, dieses Thema klar anzusprechen, auch wenn vieles noch schwer greifbar ist. So wollen wir einen Beitrag dazu leisten, die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit rechtzeitig zu erhöhen, um nicht erneut von einer systemischen Krise völlig überrascht zu werden. Denn damit entsteht die Gefahr, dass durch Aktionismus noch mehr Schaden entsteht. Wir können die Realität ignorieren, aber nicht die Folgen dieser Selbsttäuschung. 

Der Wissensstand dieses Newsletters entspricht dem Stand vom 5. Mai 2026. Weitere Aktualisierungen und Details werden folgen. 

Wesentliche Punkte für eilige Leser

Der globale Systembruch ist bereits eingetreten – nicht als Prognose, sondern als laufende Realität. Die Auswirkungen sind bisher noch nicht überall spürbar, breiten sich aber unaufhaltsam aus.

Lage & Einschätzung

  • 6 von 7 Kaskadenvektoren (Energie, Nahrung, Industrie, Finanzen, Konflikt, Fiskalwesen) sind gleichzeitig aktiv und verstärken sich gegenseitig.
  • Die Hormus-Krise hat strukturell höhere Energiepreise, gestörte Lieferketten und Engpässe bei Nahrungsmitteln, Industriegütern und Halbleitern ausgelöst – auf Monate bis Jahre.
  • Basisszenario (55 % Wahrscheinlichkeit): langwieriges Patt – keine akute Systemkrise in Europa, aber ein irreversibler globaler Strukturbruch. Der erste spürbare Höhepunkt wird uns vermutlich im Spätsommer/Frühherbst 2026 erwarten. Die gesamte Übergangsphase wird wohl 5 bis 10 Jahre dauern.

Konkrete aktuelle Warnsignale

  • 10 von 11 globalen Industrielieferketten im Engpass
  • Europäische Dieselpreise +27%, AdBlue +20–25%; für Q3 weitere Anstiege bis 70 % prognostiziert
  • 70 % der US-Landwirte können sich Betriebsmittel für die Aussaat 2026 nicht leisten
  • 9,1 Mio. neue Menschen in Asien von Ernährungsunsicherheit betroffen
  • Gasspeichers-Zeitfenster für Winter 2026/27 schließt sich; europäische Ammoniakzuteilung hat begonnen

Grundhaltung

Akzeptanz – Loslassen – Geduld – Kooperation. Wer jetzt auf rasche Normalisierung wartet, verliert wertvolle Zeit. Weder Pessimismus noch Realitätsverweigerung helfen – gefragt ist konstruktive Zuversicht.

Die Kernbotschaft

Der globale Systembruch ist keine Prognose mehr, sondern bereits bittere Realität, auch wenn die Folgen bisher nicht überall spürbar sind. Und genau darin liegt die Gefahr, denn die Auswirkungen schleichen sich zunächst langsam ein, dann steigern sie sich immer schneller und exponentiell. Bereits sechs von sieben Kaskadenvektoren (Energie, Nahrung, Industrie, Finanzen, Konflikt und Fiskalwesen) sind gleichzeitig aktiv und wirken wechselseitig selbstverstärkend. Wer jetzt auf eine rasche Normalisierung wartet, verliert wertvolle Zeit. Das Bild des Tsunamis, bei dem die Wellen nicht sofort erkennbar sind, ist daher weiterhin sehr zutreffend.

Die Hormus-Krise ist ein Übergang in eine neue Systemrealität: höhere strukturelle Energiepreise, gestörte Lieferketten und Ausfälle für Nahrungsmittel, Industriegüter und Halbleiter – auf Monate bis Jahre. Selbst eine Wiedereröffnung der Meerenge bedeutet keine schnelle Erholung. Die Auswirkungen werden auf Jahre spürbar bleiben.

Das aktuelle Basisszenario (mit einer Wahrscheinlichkeit von mittlerweile 55 %) ist ein langwieriges Patt: Die Folgen sind einerseits gering genug, um in Europa keine akute Systemkrise hervorzurufen. Andererseits sind sie weitreichend genug, um zu einem irreversiblen globalen Systembruch mit weitreichenden Veränderungen auch in Europa zu führen. Wir befinden uns mittendrin.

Was wir jetzt tun können

Akzeptanz – loslassen – Geduld – Kooperation

Je besser und je früher wir akzeptieren, dass drastische Umbrüche bevorstehen, auch wenn diese aktuell noch schwer greifbar sind, desto eher werden wir die richtigen Schritte für eine positive Zukunftsgestaltung setzen können. Das bedeutet auch, dass wir bisher erfolgreiche Konzepte, Prozesse usw. loslassen müssen, um Freiräume und Ressourcen für Neues zu schaffen, wenn diese in Zukunft voraussichtlich keinen Mehrwert mehr schaffen werden (siehe Exnovation). 

Für diese globale Umbruchphase ist Geduld erforderlich, da mit einer fünf- bis zehnjährigen Übergangsphase zu rechnen ist, bis sich wieder eine neue Stabilität aufbaut (siehe Weltordnung im Wandel). Wer dabei erfolgreich sein will, sollte auf Kooperation setzen, denn das komplexe Umfeld, das wir mit der Digitalisierung und Vernetzung geschaffen haben, erfordert eine ebenso hohe Komplexität auf der Steuerungsseite, die nur durch Kooperation erreicht werden kann.

Für die Politik

  • Diplomatischen Druck für Deeskalation erhöhen: Jeder weitere Kriegstag im Iran verlängert die Krise um Monate. Europa muss eigenständige diplomatische Initiativen entwickeln, ohne auf US-Initiative zu warten.
  • Ehrliche Kommunikation statt Beschwichtigung: Die Bevölkerung und Wirtschaft brauchen realistische Zeitrahmen, keine Durchhalteparolen. Das öffentliche Narrativ muss vom „temporären Schock“ zur „strukturellen Anpassung“ wechseln.
  • Das Finanzsystem als möglicher Brandbeschleuniger: Wenn Unternehmen aufgrund von Einschränkungen und Ausfällen in den Lieferketten unter Druck geraten, kann sich dieses Problem in einer hoch vernetzten und wechselseitig abhängigen Wirtschaft rasch ausbreiten. In einer bereits angeschlagenen Wirtschaft kann dies zu einer breiten Schieflage führen. Die Liquidität ist dann nicht mehr gesichert, und starre Finanzregeln könnten das Problem noch verschärfen. Dies sollte durch eine entsprechende, vorausschauende Auseinandersetzung und Abstimmung verhindert werden.
  • Energiesicherheit auf nationaler und europäischer Ebene priorisieren: Das Zeitfenster, um die Gasspeicher für den kommenden Winter 2026/27 ausreichend zu füllen, schließt sich langsam. Die europäische Ammoniakzuteilung hat bereits Anfang Mai begonnen. Die daraus resultierenden Engpässe in der Landwirtschaft und Industrie erfordern rasches Handeln. Hier sollte vor allem auf europäischer Ebene kooperiert werden.
  • Nahrungsmittelversorgung absichern: 70 % der US-Landwirte können sich Betriebsmittel für die Aussaat im Jahr 2026 nicht leisten. Bereits 9,1 Millionen Menschen in Asien stehen neu auf der Liste der von Ernährungsunsicherheit betroffenen Menschen der UN. Importabhängigkeiten bei Düngemitteln und Nahrungsmitteln müssen, sofern noch möglich, diversifiziert werden. 

Für Unternehmen

  • Lieferketten neu bewerten: 10 von 11 globalen Industrielieferketten befinden sich im Engpass. Unternehmen sollten – sofern sie dies noch nicht getan haben – ihre kritischen Vorleistungen (Energie, Düngemittel, Industriegase, Halbleiter, aber auch andere Güter, die davon abhängig sind oder aus dem asiatischen Raum kommen) identifizieren und Alternativquellen sichern.
  • Planungshorizont anpassen: Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Krise länger als sechs Monate andauern wird, ist sehr hoch. Der Budgetrahmen und die Beschaffungsstrategien für die Jahre 2026/27 müssen dies berücksichtigen. Wer nur auf die Schlagzeilenpreise achtet, ignoriert das eigentliche Signal: Der physisch lieferbare Brent-Preis liegt rund 25 USD über dem Terminkontrakt.
  • Energiekosten und AdBlue-Verfügbarkeit absichern: Die europäischen Dieselpreise sind bereits um 27 % gestiegen, die AdBlue-Preise um 20–25 %. Für das dritte Quartal werden weitere Anstiege um bis zu 70 % prognostiziert. Betriebe, die von der Logistik abhängig sind, brauchen Puffer und Ausweichpläne. Die steigenden Transportkosten werden sich in allen Bereichen negativ auswirken.
  • Resilienz statt Effizienzoptimierung: Just-in-time-Strukturen sind in einem multiplikativen Krisenmodus gefährlich. Lagerbestände, redundante Lieferwege und dezentrale Produktionskapazitäten bieten strategischen Schutz. Dafür ist es aber in vielen Bereichen bereits zu spät.
  • Anpassungsfähigkeit: Resilienz wird häufig nur mit Widerstandsfähigkeit gleichgesetzt. Bei diesem disruptiven globalen Systembruch greift dies viel zu kurz. Jetzt geht es um Frühwarnmechanismen, den Aufbau von Puffern (finanziell, Freiräume, Ressourcen) und vorausschauende Planung, um besser und schneller auf die zu erwartenden Veränderungen reagieren und sich anpassen zu können. Die Wahrscheinlichkeit, dass die alte Welt, wie wir sie kannten und uns zurückwünschen, zurückkehrt, ist gering. 

Für die Bevölkerung

  • Prioritäten neu denken: Spätestens ab Sommer ist mit deutlichen Einschränkungen im Flugverkehr und Preissteigerungen zu rechnen. Auch in anderen Bereichen sind Preissteigerungen und Lieferengpässe zu erwarten. Es lohnt sich daher, sich jetzt Gedanken darüber zu machen, wie man damit umgehen kann und was wirklich wichtig ist.
  • Persönliche Vorsorge als Normalzustand begreifen: Preisanstiege bei Energie, Nahrungsmitteln und Alltagsgütern werden nicht verschwinden oder noch deutlich zunehmen. Wer Vorräte angelegt hat, ist deutlich weniger anfällig für kurzfristige Engpässe und Versorgungsunterbrechungen und sorgt so für mehr Sicherheit für sich und sein Umfeld.
  • Informiert bleiben – aber selektiv: Vieles ist noch schwer greifbar. Gleichzeitig kann man sich durch negative Nachrichten auch selbst weiter hinunterziehen lassen. Auch wenn die Aussichten wenig erfreulich sind, ist Zuversicht eine zentrale Voraussetzung, um eine positive Zukunft zu gestalten und das Beste aus dem zu machen, was kommt. Weder Pessimismus noch eine optimistische Realitätsverweigerung können das leisten.
  • Lokale und regionale Netzwerke stärken: In einer vernetzten Krise sind soziale Gemeinschaft, lokale Selbstversorgung und gegenseitige Unterstützung keine Romantik, sondern die Basis für die Krisenbewältigung. Versuchen Sie daher, entsprechende lokale und regionale Netzwerke aufzubauen oder zu unterstützen, um einen konstruktiven Beitrag zu leisten.

Warum Zuversicht jetzt keine Schwäche ist –
sondern die entscheidende Stärke

Die Lage ist ernst. Das haben wir in diesem Newsletter nicht beschönigt. Aber genau deshalb lohnt es sich, über die richtige innere Haltung nachzudenken, denn sie entscheidet darüber, ob wir handlungsfähig bleiben oder gelähmt werden.

Ulrich Schnabels bekannte Parabel von den drei Fröschen bringt es auf den Punkt: Drei Frösche fallen in einen Topf mit Sahne. Der Pessimist sagt: „Wir kommen hier nie raus“ – und ertrinkt. Der Optimist wartet auf Rettung und denkt: „Das wird schon gut ausgehen“ – und ertrinkt ebenfalls. Der zuversichtliche Frosch denkt weder das eine noch das andere. Er sagt sich: „Die Lage ist schwierig, aber eine Sache kann ich tun: strampeln.“ Er strampelt, bis die Sahne zu Butter wird, und springt aus dem Topf.

Diese Parabel trifft den Kern dessen, was jetzt gefragt ist. Pessimismus lähmt und führt zur Kapitulation. Naiver Optimismus, das Warten auf eine schnelle Normalisierung oder Rettung von außen, ist ebenso gefährlich, weil er wertvolle Zeit kostet. Zuversicht ist etwas anderes: Sie sieht die Realität klar, lässt sich von ihr aber nicht lähmen. Sie fragt nicht „Wo ist der Masterplan?“, sondern „Was kann ich jetzt tun?“

Genau diese Haltung ist in einer fünf- bis zehnjährigen Übergangsphase gefragt. Nicht die Illusion, dass alles wieder wird wie früher. Sondern das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und in die Kraft von Gemeinschaft, lokalem Zusammenhalt und Kooperation. Denn Zuversicht ist nicht nur eine persönliche Ressource, sondern auch sozial ansteckend. Wer in seinem Umfeld zuversichtlich und konstruktiv handelt, stärkt damit auch die Resilienz seiner Familie, seiner Nachbarn, seiner Gemeinde und auch seines Unternehmens.

Strampeln wir gemeinsam – denn nur so wird aus Sahne ein fester Boden.

Die gesamte Detailbetrachtung finden Sie hier.

Detailbetrachtungen von Velina Tchakarova

Detailbetrachtungen von Marco Felsberger

Zuletzt aktualisiert am 08. Mai 2026 um 22:23