Was zählt in einer unsicheren Zukunft?
In der sechsten Folge der Reihe „How to Think About the Future“ untersucht Nate Hagens (The Great Simplification), wie Menschen unter Bedingungen großer Unsicherheit sinnvoll handeln können. Seine zentrale Botschaft lautet: Wir brauchen keine präzise Vorhersage der Zukunft, sondern eine Entscheidungslogik, die in möglichst vielen denkbaren Zukunftsszenarien trägt.
Besonders wichtig sei dabei, irreversible Verluste zu vermeiden, lokale Handlungsfähigkeit aufzubauen und nicht dem Wachstumsparadigma blind zu folgen.
Hier eine deutschsprachige Zusammenfassung.
Zukunft als Möglichkeitsraum
Hagens versteht die Zukunft nicht als gerade Linie, sondern als Landschaft mit verschiedenen Wegen, Engpässen, Abzweigungen und Kipppunkten. Wirtschaft, Energieversorgung, geopolitische Ordnung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Stabilität der Ökosysteme beeinflussen sich gegenseitig.
Daraus folgt eine wichtige Konsequenz: Niemand kann mit Sicherheit sagen, welche konkrete Zukunft eintreten wird. Möglich sind sowohl Szenarien einer langfristigen Stabilisierung als auch autoritäre, fragmentierte oder zunehmend zerfallende Gesellschaftsformen.
Planung sollte deshalb nicht ausschließlich auf ein einziges Zukunftsbild ausgerichtet sein. Sinnvoller sind Maßnahmen, die auch unter unterschiedlichen Bedingungen nützlich bleiben.
Zwei Arten des Scheiterns
Beim Handeln unter Unsicherheit unterscheidet Hagens zwei grundlegende Fehler:
- Fehler durch Unterlassen: Eine reale Gefahr wird unterschätzt oder ignoriert. Beispiele sind der mangelnde Schutz von Böden und Biodiversität, fehlende kommunale Resilienz oder eine zu langsame Transformation des Energiesystems.
- Fehler durch falsches Handeln: Man reagiert zwar, orientiert sich aber an einem unvollständigen Modell und verschärft dadurch andere Probleme. Eine Maßnahme kann in einem Bereich sinnvoll erscheinen, aber an anderer Stelle Kaskadeneffekte auslösen.
Die Herausforderung besteht darin, weder passiv auf vollständige Gewissheit zu warten noch mit übermäßiger Sicherheit eine einzelne, möglicherweise falsche Lösung durchzusetzen.
Wachstum als falsches positives Signal
Eine der schärfsten Thesen der Folge betrifft die Annahme, dass die Wirtschaft dauerhaft wachsen wird. Hagens zufolge behandeln Regierungen, Unternehmen, Finanzsysteme und Institutionen Wachstum nicht als ein mögliches Szenario, sondern als stabile Grundlage ihrer gesamten Planung.
Sollte diese Annahme nicht mehr gelten, könnten viele heute sinnvolle Vorhaben problematisch werden:
- Für Expansion ausgelegte Infrastrukturen werden bei wirtschaftlicher Schrumpfung zu dauerhaften Instandhaltungslasten.
- Finanzinstrumente, die auf stetige Wertsteigerung und Zinseszins angewiesen sind, verlieren ihre Grundlage.
- Institutionen, die wachsende Überschüsse verteilen sollen, sind schlecht darauf vorbereitet, mit sinkenden Ressourcen umzugehen.
- Großprojekte können bei falscher Dimensionierung neue Abhängigkeiten und Belastungen schaffen.
Hagens kritisiert damit nicht jede Form von Investition oder technologischem Fortschritt. Er warnt vielmehr davor, Maßnahmen automatisch auf eine Zukunft auszurichten, in der mehr Energie, mehr Rohstoffe, mehr Kapital und mehr wirtschaftliche Aktivität verfügbar sind.
Reversible und irreversible Verluste
Der wichtigste Bewertungsmaßstab der Folge ist die Unterscheidung zwischen reversiblen und irreversiblen Verlusten.
Geld, Arbeitsplätze, Marktanteile oder bestimmte materielle Güter können grundsätzlich wiedergewonnen werden. Andere Verluste lassen sich dagegen nur über sehr lange Zeiträume oder überhaupt nicht rückgängig machen.
- fruchtbare Böden
- Grundwasserreserven
- ausgestorbene Arten
- Bestäuberpopulationen
- gesellschaftliches Vertrauen
- institutionelles Erfahrungswissen
- demokratische Normen
- die körperliche und psychische Gesundheit
Das gegenwärtige Wirtschafts- und Politiksystem optimiert häufig auf kurzfristig messbare Größen wie Bruttoinlandsprodukt, Effizienz und Quartalsgewinne. Dadurch werden reversible Werte geschützt, während irreversible Grundlagen schleichend erodieren können.
Die daraus abgeleitete Priorität lautet: Es kann vernünftig sein, Geld, Effizienz oder Komfort zu opfern, um Böden, Ökosysteme, soziale Beziehungen und menschliche Entwicklung zu bewahren.
Für Energie- und Infrastrukturprojekte bedeutet das beispielsweise, nicht nur Kosten und Leistung zu betrachten. Ebenso relevant sind Wartbarkeit, lokale Versorgungssicherheit, ökologische Folgekosten, Wissenstransfer und die Frage, ob Schäden später tatsächlich behoben werden können.
Robuste Maßnahmen statt Zukunftswetten
Hagens empfiehlt Maßnahmen, die in vielen unterschiedlichen Zukunftsszenarien nützlich bleiben. Dazu gehören insbesondere:
- Bodenfruchtbarkeit und lokale Ökosysteme stärken.
- Nachbarschaftliche und kommunale Beziehungen aufbauen.
- Praktische Fähigkeiten wie Reparatur, Lebensmittelproduktion, Erste Hilfe und Wasserbewirtschaftung erlernen.
- Abhängigkeiten von fragilen globalen Lieferketten reduzieren.
- Lokale Energie-, Lebensmittel- und Wassersysteme resilienter gestalten.
- Wissen innerhalb von Organisationen und Gemeinschaften weitergeben.
- Vertrauen und Kooperationsfähigkeit pflegen.
Solche Maßnahmen sind sowohl in einer relativ stabilen Zukunft als auch in einer Phase wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Störungen sinnvoll. Eine lokale Energiezelle, ein funktionierendes Nachbarschaftsnetzwerk oder gut dokumentiertes technisches Wissen sind nicht nur Krisenvorsorge. Sie verbessern auch unter normalen Bedingungen die Autonomie und Anpassungsfähigkeit einer Gemeinschaft.
Der Grundgedanke lautet: Unter echter Unsicherheit ist Robustheit wichtiger als maximale Optimierung. Ein System, das unter nur einer idealen Bedingung besonders effizient ist, kann anfälliger sein als ein etwas weniger optimiertes System, das mehrere Störungen verkraftet.
Allgemeine und persönliche Verpflichtungen
Nicht jede sinnvolle Strategie muss auf alle denkbaren Zukünfte ausgerichtet sein. Hagens räumt Raum für persönliche Schwerpunktsetzungen ein. Menschen können sich mit großer Leidenschaft einer bestimmten Aufgabe widmen – etwa dem Schutz von Meeresökosystemen, der nuklearen Abrüstung, dem Erhalt einer Sprache oder der Renaturierung eines Flusses.
Diese fokussierten Verpflichtungen entspringen einer besonderen persönlichen Bindung. Gerade diese Leidenschaft kann langfristige Arbeit ermöglichen, die sich nicht allein durch allgemeine Resilienzargumente begründen lässt.
Für die meisten Menschen empfiehlt sich eine Kombination aus zwei Elementen:
- Eine Grundlage aus robusten Maßnahmen, die dem eigenen Haushalt und der lokalen Gemeinschaft in vielen Szenarien helfen.
- Ein oder zwei persönliche Schwerpunktprojekte, die den eigenen Werten und Interessen entsprechen.
Handlungsfähigkeit auf lokaler Ebene
Angesichts globaler Krisen entsteht leicht ein Gefühl der Wirkungslosigkeit. Einzelne Menschen können weder das globale Energiesystem noch die planetare Entwicklung allein verändern.
Hagens schlägt deshalb vor, Handlungsfähigkeit dort zu suchen, wo Ergebnisse sichtbar werden:
- im eigenen Haushalt
- im Garten oder Wohnumfeld
- in persönlichen Beziehungen
- in der Nachbarschaft
- in lokalen Vereinen und Institutionen
- im eigenen Unternehmen
- in einer Region oder einem Einzugsgebiet
Auf diesen Ebenen ist der Zusammenhang zwischen Handlung und Wirkung unmittelbar erkennbar. Wer an einer lokalen Initiative teilnimmt, Wissen weitergibt, einen Gemeinschaftsgarten aufbaut oder eine kommunale Notfallstruktur verbessert, schafft konkrete Veränderungen.
Viele solcher lokalen Beiträge können später größere gesellschaftliche Veränderungen ermöglichen, auch wenn der einzelne Beitrag auf globaler Ebene kaum sichtbar ist.
„Beschränkt“ bedeutet nicht vorherbestimmt
Hagens betont, dass physikalische und ökologische Grenzen die Zukunft zwar beschränken, aber nicht vollständig bestimmen. Die Menschheit kann nicht beliebig viel Energie und Material verbrauchen oder ökologische Systeme dauerhaft überlasten.
Innerhalb dieser Grenzen gibt es jedoch große Unterschiede zwischen möglichen Entwicklungen. Die Spannweite reicht beispielsweise zwischen:
- Gemeinschaften, die in schwierigen Zeiten kooperieren, und solche, die zerfallen.
- Regionen mit funktionierenden lokalen Versorgungssystemen und Regionen mit hoher Abhängigkeit.
- einer Zukunft der schrittweisen Reparatur und einer Zukunft des zunehmenden Kontrollverlusts.
- einer Welt, in der kommende Generationen noch tragfähige Lebensbedingungen vorfinden, und einer Welt mit deutlich eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten.
Die Zukunft ist demnach nicht vollständig offen, aber auch nicht festgelegt. Entscheidungen auf Haushaltsebene, in Organisationen, Kommunen und Regionen beeinflussen, welche der möglichen Entwicklungen wahrscheinlicher werden.
Fazit
Die Folge liefert keine konkrete To-do-Liste und auch keine Prognose für ein bestimmtes Zukunftsszenario. Stattdessen entwickelt sie eine Methode für Entscheidungen unter Unsicherheit:
- Nicht auf eine einzige Zukunft wetten.
- Unterlassene Maßnahmen ebenso ernst nehmen wie falsche Maßnahmen.
- Reversible und irreversible Verluste unterschiedlich bewerten.
- Natürliche Lebensgrundlagen und sozialen Zusammenhalt priorisieren.
- Robuste Strukturen statt maximaler kurzfristiger Effizienz aufbauen.
- Dort handeln, wo die eigene Wirkung sichtbar wird.
- Zusätzlich persönliche Themen verfolgen, für die man besondere Verantwortung oder Leidenschaft empfindet.
Die vielleicht wichtigste Frage aus der Folge lautet daher:
Was kann ich heute schützen, aufbauen oder weitergeben, das auch unter sehr unterschiedlichen Zukunftsbedingungen wertvoll bleibt?
So wird Zukunftsvorsorge von einem Versuch, Unsicherheit zu beseitigen, zu einer Praxis der Orientierung, der Resilienz und des bewussten Schutzes dessen, was sich nicht einfach wiederherstellen lässt.
Nate Hagens, „What Matters Most in an Uncertain Future? | How to Think About the Future Pt 6“, Frankly 151, veröffentlicht am 17. Juli 2026.
Zuletzt aktualisiert am 22. August 2026 um 20:10

