Der ganze Beitrag/das ganze Interview: https://www.phoenix-hq.de/p/72-stunden-dann-ist-deutschland-ein
Im Dezember 2025 hat Marco Woldt Sandra Kikas eine Reihe von Fragen geschickt. Es war kein Recherche-Auftrag und kein PR-Termin. Es war ein Phoenix-Klartext-Protokoll – schriftlich, asynchron, ohne Filter. Ich wollte verstehen, wie das deutsche Gesundheitssystem aus der Perspektive einer Person aussieht, die es nicht aus Berichten kennt. Sondern aus hunderten Häusern. Aus 14 Jahren Personaldisposition.
Sandra Kikas hat über vierzehn Jahre lang für einen bundesweit agierenden Personaldienstleister Pflegekräfte disponiert. Nicht in drei Häusern. In Hunderten. Quer durch die Republik. Unikliniken, Akutkliniken, Rehakliniken, Pflegeeinrichtungen, Hospize, Psychiatrien, JVAs. Sie hat nicht eine Station gesehen – sie hat den Querschnitt eines ganzen Landes gesehen. Und sie war diejenige, die gerufen wurde, wenn die Strukturen vor Ort versagten.
Wenn wir über einen deutschlandweiten Blackout sprechen, müssen wir aufhören, abstrakt zu denken. Wir müssen konkret benennen, was tatsächlich passiert – und warum bereits in den ersten zwölf Stunden tausende Menschen sterben.
Die erste große Sterbewelle betrifft die außerklinische Intensivpflege. Diese Menschen sterben nicht irgendwann, sondern in dem Moment, in dem der Akku ihres Beatmungsgeräts leer ist. Sobald kein Strom mehr da ist, fallen die Beatmung aus, die Absaugung aus, die Ernährungspumpe aus, die Überwachung aus. Es gibt keine Alternative, keine Ausweichstation, keine Klinik, die tausende Beatmungspatienten aufnehmen könnte, und keine Familie kann zwölf oder vierundzwanzig Stunden manuell beatmen. Das bedeutet: In den ersten sechs bis zwölf Stunden sterben tausende Menschen allein dadurch, dass ihre lebensnotwendige Technik ohne Strom nicht mehr funktioniert. Das ist keine Annahme, sondern die technische und medizinische Realität.
In den Pflegeheimen bricht nach wenigen Stunden ebenfalls jede Struktur zusammen. Diese Einrichtungen haben nahezu keinen Notstrom, keine funktionierenden Aufzüge, keine Lichtversorgung, keine Sauerstoffsysteme, keine Küche, keine Wärme, keine Dokumentation. Schon nach zwölf Stunden bedeutet das Dehydratation, Atemnot, Kreislaufversagen, Stürze, akute Desorientierung – und erste Todesfälle. Nach einem Tag steigen die Sterbezahlen massiv. Und selbst wenn doppelt so viele Pflegekräfte im Dienst wären, würde es nichts ändern, weil ohne Strom weder Geräte funktionieren noch Grundversorgung möglich ist. Der Zusammenbruch ist systemisch, nicht personell.
Hospize geraten ebenfalls in eine extrem belastende Situation. Schmerzpumpen fallen aus, Absaugung fällt aus, Sauerstoff fällt aus. Menschen sterben, und sie sterben unter Bedingungen, die wir uns als Gesellschaft kaum vorstellen können, weil die gesamte palliative Infrastruktur ausfällt.
Rehakliniken verlieren innerhalb weniger Stunden jede medizinische Handlungsfähigkeit. Ohne Monitoring, ohne Aufzüge, ohne Hilfsmittel werden Patienten, die eigentlich stabil wären, plötzlich zu medizinischen Notfällen. Eine Verlegung in Kliniken ist unmöglich, weil diese längst an ihrer Belastungsgrenze sind.
Psychiatrien geraten vollständig außer Kontrolle. Diese Einrichtungen sind in hohem Maß von Licht, Türsystemen, Sicherheitstechnik, Struktur, Reizkontrolle, Medikamentenlogistik und Kommunikation abhängig. Fällt das alles aus, entsteht nicht einfach Unruhe, sondern ein kompletter Verlust der Steuerbarkeit. Menschen in akuten Psychosen, schweren Depressionen oder manischen Phasen reagieren auf Dunkelheit, Geräuschlosigkeit und Strukturverlust mit Angst, Verwirrung, Aggression oder Suizidalität. Viele verlassen die Klinik, weil Türen und Sicherheitssysteme nicht mehr zuverlässig funktionieren. Damit entstehen Gefährdungslagen sowohl für die Betroffenen selbst als auch für Unbeteiligte.
In den Justizvollzugsanstalten stellt sich ein ähnliches Bild dar. Die meisten JVAs verfügen nur über Notstrom für wenige Stunden – oft etwa vierundzwanzig, in manchen Fällen vierzig oder etwas darüber. Wenn der Diesel verbraucht ist und kein Nachschub kommt, fallen Kameras, Türsteuerungen, Schleusen, Beleuchtung, Alarmanlagen und interne Kommunikation aus. Ein Gefängnis ohne funktionierende Sicherungstechnik ist kein Gefängnis mehr, sondern ein Gebäude voller Menschen, die nicht mehr kontrolliert werden können. Das Risiko für Aufstände, Gewalt und Todesfälle steigt unmittelbar und drastisch. Auch hier könnte selbst eine doppelte Personalstärke nichts ausrichten, weil sich kein Mensch zwischen hunderte Türen stellen und ein elektronisches System ersetzen kann.
Die Kliniken selbst halten am längsten stand, aber auch sie kollabieren. Notstromaggregate laufen nur begrenzte Zeit, oft gerade einmal ein bis zwei Tage. Wenn der Diesel ausgeht, bricht die gesamte Intensivmedizin sofort zusammen. Beatmung, Perfusoren, Dialyse, Monitoring, OP-Technik – alles fällt aus. Intensivpatienten sterben unmittelbar, weil die Geräte, die sie am Leben halten, ohne Strom nicht funktionieren. Kein Team der Welt kann zehn, zwanzig oder fünfzig Menschen gleichzeitig manuell beatmen. Die moderne Medizin endet in dem Moment, in dem der Notstrom endet.
Parallel dazu rutscht die Gesellschaft in ein existenzielles Versorgungsloch. Es gibt kein Wasser, kein Essen, keine Medikamente, keine Heizung, keine Kühlung, keine Information. Supermärkte bleiben geschlossen, weil ohne Strom keine Tür, keine Kasse, kein Scanner, keine Kühlung und keine Sicherheit funktioniert. Menschen stehen vor verschlossenen Türen, realisieren, dass es keine Möglichkeit gibt, Lebensmittel oder Medikamente zu bekommen, und die Lage kippt von Unsicherheit in Panik, von Panik in Aggression. Das führt zu Plünderungen, Gewalt, Verzweiflung und weiteren Todesfällen.
In der Summe bedeutet das: Wir kommen nicht bis achtundvierzig Stunden, ohne dass tausende Menschen gestorben sind. Nicht, weil „nur” Personal fehlt, sondern weil unser Fundament fehlt. Die außerklinische Intensivpflege verliert Menschen in den ersten Stunden, Pflegeheime verlieren Menschen am ersten Tag, Psychiatrien verlieren die Kontrolle, JVAs verlieren die Sicherheit, Kliniken verlieren die Intensivmedizin, und die Bevölkerung verliert Versorgung, Information und Orientierung. Ein deutschlandweiter Blackout wäre kein Stromausfall, sondern ein vollständiger Strukturbruch.
Der ganze Beitrag/das ganze Interview: https://www.phoenix-hq.de/p/72-stunden-dann-ist-deutschland-ein
