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Das Buch „Count-the-Tankers: 206 Tage mitten in einer globalen Krise – was ich über Risikoanalyse, Vorausschau und ihre Grenzen gelernt habe“ von Marco Felsberger, mit dem ich gemeinsam mehrere Newsletter zum Thema #GlobalSystemRupture verfasst habe, ist eine besondere Selbstreflexion zu den Analysen im Zuge des Irankrieges ab dem 28. Februar 2026.

Zusammenfassung

Krisen verstehen: Warum weder Entwarnung noch Untergangsprognosen genügen

Die wichtigste Erkenntnis aus diesen Buchauszügen lautet: Nicht die ursprüngliche Störung allein entscheidet über den Verlauf einer Krise, sondern das Zusammenspiel von Abhängigkeiten, verfügbaren Puffern und Anpassungsfähigkeit. Wer für die Zukunft vorsorgen will, muss deshalb beides verstehen: wie sich Ausfälle ausbreiten – und wodurch sie aufgehalten werden können. Resilienz bedeutet dabei nicht, dass nichts passiert, sondern dass wesentliche Funktionen trotz einer Störung erhalten bleiben und ein rascher Wiederanlauf gelingt. Gerade die Dauer des Wiederanlaufs und die Herstellung einer neuen Normalität wird bei vernetzten Krisen häufig unterschätzt. 

1. Entscheidend sind die Abhängigkeiten hinter den sichtbaren Produkten

In einer Versorgungskrise richtet sich die Aufmerksamkeit meist auf bekannte Größen: Öl, Gas, Treibstoffe oder Lebensmittel. Marco Felsberger lenkt den Blick auf weniger sichtbare Voraussetzungen: chemische Vorprodukte, spezialisierte Transportbehälter, einzelne Industrieanlagen oder Nebenprodukte anderer Herstellungsprozesse. Gerade dort können Engpässe entstehen, die weit entfernte Branchen treffen.

Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen gezielt hergestellten Produkten und Nebenprodukten. Bei einem gezielt hergestellten Rohstoff können höhere Preise zusätzliche Produktion anregen – sofern Kapazitäten und Ausgangsstoffe verfügbar sind. Ein Nebenprodukt lässt sich dagegen nicht unabhängig vom Hauptprozess beliebig vermehren. Der Preis allein löst das Versorgungsproblem dann nicht.

Für die Vorsorge folgt daraus: Nicht nur fragen, wer ein Produkt liefert, sondern auch, wovon dessen Herstellung abhängt. Mehrere Lieferanten schaffen wenig zusätzliche Sicherheit, wenn sie dieselbe Vorstufe, denselben Produktionsstandort oder denselben Transportkorridor benötigen.

2. Abhängigkeit ist nicht dasselbe wie Verwundbarkeit

Ein hoher Importanteil aus einer gefährdeten Region sagt noch nicht, wie schwer eine Störung tatsächlich wirkt. Entscheidend sind auch Lagerbestände, alternative Bezugswege, technische Ausweichmöglichkeiten und die Zeit, die für eine Umstellung bleibt. Umgekehrt kann eine scheinbar komfortable Gesamtversorgung einen kritischen Mangel bei einem einzelnen Produkt verdecken.

Deshalb reichen pauschale Angaben wie „Vorräte für mehrere Monate“ nicht aus. Zu klären ist:

  • Welche konkreten Produkte und Qualitäten sind vorhanden?
  • Wer kann auf die Bestände zugreifen?
  • Lassen sie sich rechtzeitig an den benötigten Ort bringen?
  • Welche Funktion fällt zuerst aus, obwohl andere Vorräte noch reichen?

Die zentrale Zukunftsfrage lautet damit nicht: „Wie abhängig sind wir insgesamt?“, sondern: „Wie lange können wir unsere wesentlichen Leistungen unter diesen Bedingungen tatsächlich aufrechterhalten?“

3. Eine plausible Kaskade ist noch keine sichere Prognose

Eine der stärksten Aussagen ist die Selbstkritik des Analysten: Er konnte nachvollziehbare Wirkungsketten beschreiben, überschätzte aber wiederholt deren Endpunkt. Sein Modell bildete den Verlust von Angebot genauer ab als die Reaktionen der Betroffenen. Unternehmen suchten Ersatz, zahlten höhere Preise, änderten Produktionsverfahren oder reduzierten ihren Verbrauch. Dadurch endeten manche Entwicklungen vor der erwarteten physischen Nichtverfügbarkeit.

Das macht die ursprüngliche Gefahr nicht unwirklich. Es zeigt vielmehr, warum drei Zustände auseinandergehalten werden müssen:

  • Ein Produkt ist verfügbar, aber deutlich teurer.
  • Ein Produkt wird zugeteilt oder ist nur eingeschränkt erhältlich.
  • Ein Produkt ist für bestimmte Abnehmer tatsächlich nicht mehr verfügbar.

Diese Unterschiede bestimmen, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Wer jede Verteuerung als bevorstehenden Totalausfall interpretiert, kann ebenso Fehlentscheidungen treffen wie jemand, der steigende Preise für ein rein finanzielles Problem hält.

4. Anpassung verhindert Schäden – kann sie aber auch verlagern

Wenn ein System weiter funktioniert, bedeutet das nicht automatisch, dass die Krise folgenlos geblieben ist. In den Auszügen halten höhere Zahlungsbereitschaft, Verbrauchsreduktionen und veränderte Produktionsentscheidungen einzelne Lieferketten aufrecht. Gleichzeitig tragen andere Abnehmer die Kosten oder erhalten weniger. Eine stabilisierte Versorgung kann somit mit Produktionsverlusten, gestrichenen Leistungen oder verdrängter Nachfrage erkauft sein.

Auch technische Ausweichlösungen können neue Engpässe schaffen: Wird eine begrenzte Produktionskapazität zugunsten eines dringend benötigten Produkts verschoben, fehlt sie möglicherweise bei einem anderen. Deshalb muss jede Entlastung mit einer zweiten Frage verbunden werden: Wo entsteht dadurch zusätzliche Belastung?

Für die Zukunft bedeutet das: Nicht nur den unmittelbar geretteten Bereich betrachten, sondern auch die Nebenwirkungen auf andere Sektoren und auf wirtschaftlich schwächere Abnehmer.

5. Puffer kaufen Zeit – sie ersetzen keine dauerhafte Lösung

Vorräte, alternative Lieferungen und technische Anpassungen können eine Eskalation abfangen. Doch einige dieser Möglichkeiten werden dabei verbraucht. Eine überstandene erste Belastungsphase ist deshalb kein Beweis dafür, dass das System eine weitere ebenso gut verkraftet.

Die entscheidende Beobachtung lautet: Werden Reserven wieder aufgebaut oder weiterhin aufgezehrt? Ein System, das seinen Betrieb nur durch sinkende Lagerbestände aufrechterhält, befindet sich in einer anderen Lage als eines, dessen Versorgung nachhaltig wiederhergestellt ist. Frühere Anpassungserfolge dürfen daher ebenso wenig unbegrenzt fortgeschrieben werden wie frühere Zusammenbruchsszenarien.

6. Entwarnung braucht andere Belege als die Warnung

Eine Störung kann schnell entstehen, während ihre Überwindung viele aufeinanderfolgende Schritte benötigt: Sicherheit muss zurückkehren, Versicherungen müssen Risiken wieder übernehmen, Transportmittel neu positioniert und Lager aufgefüllt werden. Eine politische Ankündigung oder eine erste erfolgreiche Lieferung beweist deshalb noch keine Normalisierung.

Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen:

  1. Erster Erholung: Eine zuvor blockierte Funktion arbeitet wieder.
  2. Dauerhafter Erholung: Sie funktioniert verlässlich über mehrere Zyklen.
  3. Normalisierung: Mengen und Bestände stabilisieren sich, Notlösungen werden zurückgenommen.

Schutzmaßnahmen sollten entsprechend schrittweise und anhand mehrerer unabhängiger Beobachtungen zurückgefahren werden – nicht allein aufgrund einer beruhigenden Schlagzeile.

7. Gute Vorsorge braucht überprüfbare Entscheidungen

Marco Felsberger plädiert nicht dafür, auf sichere Vorhersagen zu warten. Entscheidend ist, rechtzeitig zu erkennen, wann Nichtstun riskanter wird als eine begrenzte Vorsorgemaßnahme. Dafür braucht es weder ein exaktes Krisendatum noch Gewissheit über den schlimmsten Verlauf.

Jede wichtige Entscheidung sollte jedoch mit überprüfbaren Bedingungen verbunden werden:

  • Welche Annahme begründet die Maßnahme?
  • Welche Beobachtung würde diese Annahme widerlegen?
  • Wann wird nachgesteuert?
  • Unter welchen Bedingungen wird die Maßnahme wieder beendet?

Ebenso wichtig ist die regelmäßige Rückschau: Nicht nur Treffer zählen, sondern prüfen, ob Prognosen systematisch zu früh, zu spät oder zu schwerwiegend ausfallen. Wer vor allem Katastrophen untersucht, muss besonders darauf achten, unspektakuläre Anpassungserfolge nicht auszublenden.

Die praktische Lehre ist eine doppelte Haltung: Abhängigkeiten und mögliche Kaskaden ernst nehmen, ohne ihre Eskalation für unausweichlich zu halten. Vorbereitung schafft Handlungsspielraum; laufende Überprüfung verhindert, dass aus berechtigter Vorsicht eine starre Erwartung wird.

Zitate

Ein maritimer Chokepoint ist eine schmale Passage, durch die ein großer Teil des Welthandels hindurchmuss. Zwei Dinge machen ihn gefährlich. Das erste ist die Konzentration: Eine große Menge an Fracht, darunter viele lebenswichtige Güter, bewegt sich durch einen engen Raum. Das zweite ist die Geografie selbst. Wo Land und Meer eng aufeinandertreffen, braucht ein Staat keine moderne Marine, um den Schiffsverkehr zu bedrohen. Raketen, Drohnen, Schnellboote und Minen von der eigenen Küste aus genügen. Das macht einen Chokepoint zu einem Hebel. Wer ihn bedrohen kann, gewinnt Macht über alle, die von den Warenströmen dahinter abhängig sind, selbst wenn er ihnen ansonsten weit unterlegen ist.

Davon gibt es weltweit eine Handvoll. Beim Öl nennen die Energieagenturen üblicherweise die Straße von Malakka zwischen Indonesien und Malaysia, durch die sogar noch mehr Öl fließt als durch Hormus, den Suezkanal und die parallel verlaufende Pipeline, Bab al-Mandab am südlichen Ende des Roten Meeres, den Panamakanal sowie die Meerengen am Bosporus und am Zugang zur Ostsee. Auch das Kap der Guten Hoffnung gehört dazu: als langer Umweg, wenn Bab al‑Mandab oder der Suezkanal ausfallen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Engstellen.

Schließlich geht es nicht nur um Öl und Gas, sondern auch um Lebensmittel, Containerfracht, Mineralien und andere Güter, die durch ihre eigenen Nadelöhre müssen. Und in der Arktis entsteht eine neue Engstelle, weil das Eis zurückgeht und nördliche Routen befahrbar werden.

Mehr als vier Fünftel des Öls und Gases, das Hormus passiert, gehen nach Asien. China und Indien allein nehmen fast die Hälfte des Rohöls ab, und Japan und Südkorea beziehen den Großteil ihres Rohöls durch die Meerenge. Die Vereinigten Staaten importieren nur sehr wenig über Hormus. Seit 2020 sind sie Nettoexporteur von Öl und Ölprodukten. Diese Asymmetrie ist für alles Folgende entscheidend: Die Länder, die diesen Krieg führten, gehörten zu denjenigen, die seinen wirtschaftlichen Folgen am wenigsten ausgesetzt waren. Und die Länder, die am stärksten betroffen waren, hatten bei der Entscheidung kein Mitspracherecht.

Öl und Gas sind nicht nur Brenn- und Treibstoffe. Bei der Raffination von Rohöl und der Verarbeitung von Erdgas entsteht eine ganze Familie von Stoffen, auf die der Rest der Industrie angewiesen ist. Naphtha ist in Asien ein Ausgangsstoff für Kunststoffe und Chemikalien. Helium wird im katarischen Industriekomplex Ras Laffan aus Erdgas abgetrennt. Dieser eine Komplex liefert etwa ein Drittel des weltweiten Heliums. Schwefel wird aus Öl und Gas entfernt; eben dieser Schwefel wird gebraucht, um aus Phosphatgestein Dünger herzustellen und Kupfer aus Erzen zu lösen. Harnstoff und Ammoniak, die stickstoffhaltigen Düngemittel, werden aus Gas vom Golf produziert. Auch die Aluminiumhütten am Golf laufen damit.

Was ich über komplexe Systeme gelernt habe, ist Folgendes: Oft lässt sich erkennen, wenn ein System einem Kipppunkt näherkommt. Was es schließlich darüber hinausschiebt, weiß man fast nie.

Gute Pläne, von fähigen Menschen ausgearbeitet, scheiterten, weil eine einzige Sache fehlte. Ein Ausrüstungsgegenstand, der nicht ankam. Eine Information, die den Menschen nicht erreichte, der sie brauchte. Niemand hatte sich Gedanken darüber gemacht, welche Folgen dieses eine fehlende Element für all das haben würde, was davon abhing.

Beides konnte gleichzeitig wahr sein. Regierungen verhandeln, während sie sich auf ein Scheitern vorbereiten, und diese Vorbereitung verändert wiederum die Verhandlungen. Der Fehler wäre gewesen, die eine Gruppe von Hinweisen für echt und die andere für bloßes Theater zu halten. Also tat ich, was ich in solchen Situationen immer tue: Ich gab den Hinweisen mehr Gewicht, deren Erzeugung tatsächlich etwas kostete. Erklärungen sind billig. Ein Außenminister kann morgens versöhnlich und nachmittags drohend klingen, ohne dafür etwas aufwenden zu müssen. Die Ford von der Karibik ins Arabische Meer zu verlegen, dauert Wochen und kostet täglich Millionen. Hunderte Flugzeuge zu verlegen, erfordert Stützpunkte, Besatzungen, Tankflugzeuge, Wartung und Munition. Die Evakuierung von Personal stört den Betrieb und hat einen politischen Preis. All das kann immer noch ein Bluff sein. Aber mit jedem Schritt wird der Bluff teurer.

Wenn ich wissen will, womit ein Unternehmen rechnet, schaue ich darauf, was es mit seinen knappen Ressourcen macht. Ein Unternehmen, das über die Diversifizierung seiner Lieferanten spricht, sagt mir etwas. Ein Unternehmen, das Verträge mit drei Alternativlieferanten abgeschlossen, mehr Geld für Lagerbestände ausgegeben und zusätzliche Lagerflächen angemietet hat, sagt mir sehr viel mehr.

Ein Kunde, der darüber nachdenkt, seine Bestände zu prüfen oder einen Alternativlieferanten anzurufen, muss das Datum des ersten Angriffs nicht kennen. Er muss wissen, ob sich die Wahrscheinlichkeit so weit verschoben hat, dass Nichtstun zur teureren Entscheidung geworden ist. In der letzten Februarwoche war ich der Ansicht, dass dieser Punkt erreicht war.

Ein Land, das auf einem dieser Wege verwundbar ist, hat ein Problem. Ein Land, das über fünf Wege betroffen ist, kann diese Probleme nicht eines nach dem anderen lösen. Indien schnitt über die größte Zahl an Wegen am schlechtesten ab, gefolgt von Japan und Südkorea bei Rohöl und Petrochemie. Neben jedes Land schrieb ich auch die Reichweite seiner Reserven, denn Abhängigkeit bedeutet etwas anderes, wenn man Puffer für Monate hat, statt nur für Tage. Bangladesch kam auf etwa fünf Tage. Indien auf ungefähr neuneinhalb. Pakistan auf rund zwanzig. Dort erwartete ich die ersten tatsächlichen Versorgungsengpässe.

In Bangladesch entwickelte sich die Lage so, wie die Zahl es erwarten ließ. Bis zum 9. März waren die Universitäten geschlossen. Vier der fünf Düngemittelfabriken stellten den Betrieb ein, und die Stromausfälle verdoppelten sich.

China entwickelte sich in die andere Richtung. Und gerade dieses Beispiel würde ich heute neben die Rangliste stellen, um zu zeigen, was eine Rangliste nicht leisten kann. Betrachtet man nur die Exposition, steht China in praktisch jeder denkbaren Aufstellung weit oben: Ungefähr die Hälfte seiner Rohölimporte und rund ein Drittel seiner LNG-Importe passieren Hormus. Zahlreiche Analysten, einige davon erfahrener als ich, nahmen diese Zahlen und prognostizierten einen chinesischen Notstand. Der kam nicht. Peking hatte seine Tanks vor dem Krieg gefüllt. Über das staatliche und kommerzielle System hinweg waren Vorräte in der Größenordnung von drei Monaten an Importen vorhanden. Außerdem bezieht China große Mengen russischen Rohöls und Gases, das niemals in die Nähe der Meerenge kommt. Im Vorjahr machte russisches Rohöl fast ein Sechstel der chinesischen Rohölimporte aus, mit Spielraum für mehr. Vermutlich hatte es auch schon eine Art Generalprobe gegeben. Die Angriffe auf den Iran im Juni 2025 hatten Peking gezeigt, wie ein solches Szenario aussehen würde. Die Käufe und der Lageraufbau in den folgenden Monaten passen dazu, dass jemand daraus die entsprechenden Schlüsse gezogen hatte.

Exposition beschreibt, wie viel Ihrer Versorgung durch den Teil des Systems läuft, der ausgefallen ist. Auswirkung beschreibt, was dieser Ausfall tatsächlich mit Ihnen macht. Das hängt von Puffern ab, von Routen, die niemand geschlossen hat, und davon, ob jemand vor dem Ereignis Geld in Vorsorge investiert hat.

Die Länder, die den Krieg führten, die Vereinigten Staaten und Israel, gehörten zu den wirtschaftlich am wenigsten Betroffenen. Die Länder, die die schwersten Folgen trugen – Indien, Japan, Südkorea und Pakistan –, hatten bei der Entscheidung nichts mitzureden.

Indien: Die neuneinhalb Tage bezogen sich auf die strategische Ölreserve der Regierung. Nicht enthalten waren die Bestände der indischen Ölvermarktungsunternehmen, die für weitere rund vierundsechzig Tage reichten. Das Land verfügte also über Rohöl für ungefähr vierundsiebzig Tage. Und ein Land mit vierundsiebzig Tagen Rohölvorrat muss in der zweiten Woche nicht rationieren.

Der Schwachpunkt war Kochgas: Rund sechzig Prozent des indischen Flüssiggases (LPG) kamen direkt aus dem Golf, ohne alternative Ausgangsstoffquelle. Innerhalb weniger Wochen bildeten sich Warteschlangen, und Kochgas wurde rationiert – in einem Land, das auf dem Papier komfortabel mit Öl versorgt war.

Wenn man mit öffentlich zugänglichen Quellen arbeitet, vor allem mit Zahlen zu strategischen Reserven, hat man nie das vollständige Bild.

Was man tun kann, ist, jede Prognose an etwas zu binden, das sich auch gegen sie entwickeln kann.

Ras Laffan in Katar ist einer der größten LNG-Komplexe der Welt. Dieser Komplex liefert rund ein Drittel des weltweit geförderten Heliums.

Helium ist dort ein Nebenprodukt. Es wird aus Erdgas abgetrennt, das ohnehin zu einem anderen Zweck verarbeitet wird. Das hat eine unangenehme Konsequenz. Niemand kann einfach beschließen, mehr Helium herzustellen, nur weil der Preis gestiegen ist.

Für Öl gibt es strategische Reserven, die Regierungen freigeben können. Für Helium nicht. Es muss bei extrem niedrigen Temperaturen gelagert werden, wird in speziellen kryogenen Behältern transportiert, und selbst ein gut verschlossener Tank verliert mit der Zeit einen Teil seines Inhalts. Die vorhandenen Bestände sind über das kommerzielle Versorgungssystem verteilt und bereits irgendjemandem zugesagt.

Die weltweite Produktion konzentriert sich auf wenige Regionen und große Anlagen. Für die kritischen Anwendungen lässt es sich kaum ersetzen, und bei einem Ausfall fehlen schnell verfügbare Reserven oder Ausweichmöglichkeiten. Nach den Produktionsschätzungen des USGS für 2025 entfielen rund 43 Prozent der weltweiten Heliumproduktion auf die USA und rund 33 Prozent auf Katar. Während die amerikanische Produktion auf mehrere Standorte verteilt ist, stammt der katarische Anteil aus dem Industriekomplex Ras Laffan. Wenn ein Fünftel des weltweiten Öls hinter einer Meerenge feststeckt, ist das eine ernste Abhängigkeit. Wenn ein Drittel des weltweiten Heliums hinter derselben Meerenge feststeckt, aus einem einzigen Industriekomplex stammt und sich das Helium in einem MRT-Magneten nicht ersetzen lässt, ist das eine andere Art von Fragilität.

Ein herkömmliches MRT‑Gerät enthält ungefähr 1.700 Liter flüssiges Helium in seinem Magneten. Durch Verdampfung geht jeden Tag etwas davon verloren; deshalb wird regelmäßig nachgefüllt. Kommt es zu einem sogenannten Quench, erwärmt sich der Magnet plötzlich und lässt sein Helium ab. Dann ist der gesamte Vorrat verloren und es werden auf einmal wieder 1.700 Liter gebraucht. Mein Bericht nannte für einen solchen Vorfall Kosten von mehr als 100.000 Dollar, noch ohne die Einnahmeausfälle durch nicht durchgeführte Untersuchungen. Neuere MRT‑Geräte mit praktisch verlustfreiem Heliumkreislauf arbeiten dagegen mit 7 bis 15 Litern und müssen kaum nachgefüllt werden.

Als ich an Tag 14 die ersten Berichte nachträglich bewertete, hatte sich die Helium-Prognose noch in anderer Hinsicht bestätigt. Keine einzige Regierung hatte Helium in einer Rationierungs- oder Notfallmaßnahme erwähnt. Zwei Wochen nach Kriegsbeginn, als ein Drittel der Weltversorgung gefährdet war, fehlte es auf jeder öffentlichen Liste, die ich finden konnte.

Was müsste physisch und kommerziell geschehen, damit sie stimmt?

Ein Markt kann sehr teuer werden, obwohl die Ware noch erhältlich ist. Er kann auch eine Zeit lang ruhig aussehen, weil die Lagerbestände verdecken, was vorgelagert bereits geschieht. Eine Forcemajeure-Erklärung ist dagegen ein datiertes Ereignis mit einem eindeutig zuordenbaren Absender, das man mit einem Lieferanten, einem Rohstoff und einer Ursache verbinden kann.

Ende März hatte ich 55 Erklärungen erfasst, und 92 Prozent davon hingen mit Hormus zusammen.

Geschichte, die in den Schlagzeilen nicht vorkam (Abbildung 6). Öffentlich sprach man über Öl. In meinem Tracker entfiel die mit Abstand größte Gruppe auf Naphtha und Petrochemie: etwa vier von zehn Erklärungen, noch vor LNG, Rohöl, raffinierten Produkten und Aluminium.

Am meisten überraschte die Kunden die Zeile mit Aluminium. Die Aluminiumhütten am Golf sind groß, effizient und nah an günstigem Gas. Als ihre Exporte stoppten, zeigten sich die Folgen innerhalb weniger Wochen in europäischen und asiatischen Lieferverträgen. Im Februar hatte mich niemand nach Aluminium gefragt.

CARVER (Criticality, Accessibility, Recognizability, Vulnerability, Effect und Recuperability.) denkt vom Konflikt aus nach vorn: Wo ist das System am stärksten exponiert, wenn der Iran Schaden verursachen will?

Bewerten Sie Ihre eigenen kritischen Lieferanten so, wie ein Angreifer – oder einfach das Pech – auf sie schauen würde: sechs Fragen, jeweils auf einer Skala von eins bis fünf.

KÜRZEL FRAGE ZU IHREM LIEFERANTEN WAS EINE HOHE BEWERTUNG BEDEUTET
C Wie viel meiner Produktion steht still, wenn dieser Lieferant ausfällt? Sie sind von ihm abhängig.
A Wie stark ist er Gefahren ausgesetzt: Konfliktgebiet, Überschwemmungsgebiet, einzige Zufahrtsstraße? Probleme können ihn leicht erreichen.
R Würde ein Außenstehender erkennen, dass er wichtig ist? Bei einer Störung wäre er ein Ziel oder würde Schlagzeilen machen.
V Wie wenig braucht es, um ihn stillzulegen: eine Anlage, einen Ofen, eine Person? Er ist fragil.
E Wer verliert zur selben Zeit noch seine Versorgung? Sie werden mit anderen um Alternativen konkurrieren.
R Wie lange dauert es, den Betrieb wiederaufzunehmen oder Ersatz zu finden? Die Wiederherstellung dauert lange.

Zwei Wochen nach Kriegsbeginn hielt ich inne und bewertete zum ersten Mal meine eigene Arbeit. Von vierzehn wesentlichen Prognosen aus den ersten Berichten hatten sich zwölf bestätigt, zwei waren teilweise richtig und keine war falsch.

Indien stellt ungefähr ein Fünftel der weltweit verwendeten Generika her und ist bei einem Teil seiner chemischen Vorprodukte auf Lieferungen aus China angewiesen, die über Logistikdrehscheiben am Golf laufen. Wenn Dubai und andere Routen gestört waren, konnte sich das Problem vom Golf auf die indische Arzneimittelproduktion und weiter bis in europäische Apotheken ausbreiten.

Das erste Preissignal war noch moderat. Der Wirkstoff für Paracetamol hatte sich in den ersten beiden Wochen um einen mittleren zweistelligen Prozentsatz verteuert, ungefähr im Bereich von 25 Prozent. Der heftige Ausschlag zeigte sich in der Logistik: Die Luftfrachtraten für pharmazeutische Güter aus Indien hatten sich verdoppelt oder verdreifacht, weil Unternehmen versuchten, die unterbrochenen Seerouten per Flugzeug zu umgehen. Ein europäischer Abnehmer würde den Mangel in Europa spüren. Der entscheidende Engpass konnte aber ein chinesisches Zwischenprodukt sein, das in einem Hafen der Emirate festsaß.

Wiederholt richtigzuliegen kann ein Modell besser machen. Es kann aber auch dazu führen, dass man weniger aufmerksam dafür wird, wo das Modell seine eigenen Annahmen allmählich verändert.

Rund 92 Prozent des weltweiten Schwefels fallen als Nebenprodukt bei der Erdölraffination und der Erdgasaufbereitung an. In großem Maßstab wird Schwefel nicht abgebaut. Er entsteht, wenn Kohlenwasserstoffe gereinigt werden. Der Nahe Osten produzierte etwa ein Viertel des weltweiten Schwefels und, was noch wichtiger ist, rund die Hälfte der auf dem Seeweg gehandelten Mengen. Als die Raffinerien am Golf ihre Produktion drosselten und die Lieferungen aus der Region ausblieben, blieb auch der Schwefel aus. Schwefel wird verbrannt, um Schwefelsäure herzustellen, die weltweit am häufigsten produzierte Industriechemikalie. Im industriellen Maßstab lässt sich diese Säure nicht ersetzen. Mit Schwefelsäure wird Phosphatgestein aufgeschlossen und zu Dünger verarbeitet; außerdem werden damit Kupfer und Nickel aus Erzen gelöst.

Der Nahe Osten stellte 24 Prozent des weltweiten Schwefels her, lieferte aber 50 Prozent des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Schwefels. Das sind zwei unterschiedliche Zahlen, die zwei unterschiedliche Fragen beantworten. Der Produktionsanteil sagt, wie viel des weltweiten Angebots aus einer Region stammt. Der Handelsanteil sagt, wie viel von dem, was der Rest der Welt geliefert bekommen muss, von dort kommt. Für einen Importeur in Marokko oder Chile zählt nur die zweite Zahl. Und die war doppelt so hoch.

Dann traf ein zweiter Schock auf den ersten. Am 10. April, Tag 42, wurde bestätigt, dass China, der weltweit größte Exporteur von Schwefelsäure, seine Ausfuhren ab Mai einstellen würde. Die Türkei hatte drei Tage zuvor Schwefelexporte verboten. Sambia hatte Ende März Ausfuhrgenehmigungen für Säure eingeführt.

Russland verlängerte seine Schwefelbeschränkungen und verbot anschließend per Dekret den Export von Schwefelsäure; das türkische Verbot galt bis ins dritte Quartal. Indonesische Nickelproduzenten würden ihre Produktion reduzieren: Das taten sie, sogar früher als innerhalb meines prognostizierten Zeitfensters. Ein großer Hersteller legte ab dem 1. Mai die Hälfte einer Anlage still. Chilenische Kupferminen würden ihre Säurelieferungen aus China verlieren: Das geschah, und sie kauften schließlich aus Indien, Bulgarien und anderen Ländern zu Preisen von mehr als 1.000 Dollar pro Tonne. Marokkos OCP, der weltweit größte Phosphatproduzent, würde die Produktion zurückfahren, ohne Force majeure zu erklären: Das Unternehmen zog Wartungsarbeiten vor, produzierte im gesamten zweiten Quartal deutlich unter seiner Kapazität und gab tatsächlich keine solche Erklärung ab. Die europäische Schwefelsäureversorgung würde sich vergleichsweise gut halten, weil Hüttenwerke wie Aurubis die Säure als Nebenprodukt herstellen und netto mehr davon verkaufen, als sie benötigen: Auch das traf ein. Im September lag der Schwefelpreis in China mehr als 200 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Von den vierzehn Prognosen zu Schwefel, Schwefelsäure und Ammoniak waren neun richtig, eine teilweise richtig, drei falsch und eine noch nicht fällig.

Das deutlichste Beispiel war die Demokratische Republik Kongo. Ich hatte prognostiziert, dass die dortigen Kupferminen Anfang Juni die Auslaugung von Erzen physisch einstellen müssten, weil keine Schwefelsäure mehr zu bekommen wäre. Sie stellten sie nicht ein. Sie zahlten außergewöhnlich hohe Preise, teilweise mehr als 1.000 Dollar pro Tonne, und arbeiteten mit weit geringeren Produktionseinbußen weiter, als mein Modell vorhergesagt hatte. Für die Minen selbst ging die Lage nie über Welle 1 hinaus: Die Säure war teuer, kam aber weiter an. Ich hatte den entscheidenden Produktionsfaktor und die geografische Diskrepanz erkannt. Ich hatte verstanden, dass Säure sehr teuer und schwer zu beschaffen werden würde. Unterschätzt hatte ich, wie viel ein Kupferproduzent zu zahlen bereit ist, um eine Mine nicht stilllegen zu müssen.

Im Nachhinein erkannte ich, was mein Modell tat. Sobald ich eine überzeugende Kette von der ursprünglichen Störung über mehrere Zwischenstufen nachgezeichnet hatte, war es verführerisch, die Linie einfach weiterzuführen, bis das Produkt schließlich verschwand. Jeder einzelne Schritt war plausibel. Deshalb erschien mir das Endergebnis verlässlicher, als es tatsächlich war. Ich modellierte sehr genau, wie Angebote verschwanden, aber kaum, wie sich Menschen verhielten, die mit weniger davon auskommen mussten.

Während einer Krise befinden sich die meisten Lieferketten die meiste Zeit in Welle 1 oder Welle 2. Die Wellen sind keine Treppe, die jeder Rohstoff zwangsläufig hinaufsteigt. Von allen Lieferketten, die ich beobachtete, erreichten nur sehr wenige tatsächlich eine breite physische Nichtverfügbarkeit. Wo es dazu kam, war sie lokal begrenzt: bestimmte Länder mit Reserven für fünf Tage, einzelne Kunden am Ende einer Prioritätenliste, einzelne Orte innerhalb des Kriegsgebiets. Ein Bericht, der einen ganzen Markt in Welle 3 einordnet, sollte die Frage auslösen, wer tatsächlich leer ausgeht.
Ein Bericht, der immer wieder von Welle 2 spricht, ist meistens zutreffender.

Keine einzelne Messgröße verdient blindes Vertrauen. AIS‑Daten haben Lücken, Schiffe schalten ihre Transponder aus, und auch die Preise für physische Ladungen sind Verzerrungen ausgesetzt. Hilfreich war, wenn unabhängige Beobachtungen dasselbe zeigten. Stieg die Tankerzahl, und blieb sie höher? Brachen die Prämien für physische Lieferungen ein? Wurde die Liste der Forcemajeure-Meldungen kürzer? Bewegten sich mehrere dieser Größen gleichzeitig, erhöhte ich die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich eine politische Einigung im physischen System bemerkbar machte. Taten sie das nicht, betrachtete ich die Ankündigung lediglich als möglichen Anfang.

Im Lauf des Frühjahrs entwickelte ich daraus eine kurze Checkliste für Kunden. Wenn eine Ankündigung kommt, prüfen Sie fünf Dinge, bevor Sie Schutzmaßnahmen zurücknehmen.

MESSGRÖSSE WORAN EINE ECHTE VERÄNDERUNG ERKENNBAR IST WARUM DAS ZÄHLT
Durchfahrten durch den Chokepoint Ein anhaltender Anstieg über mindestens zwei Wochen, nicht nur an einem Tag Ein einzelner Tag kann eine Ausnahme sein; zwei Wochen sind ein Muster.
Wer passiert die Meerenge? Unterschiedliche Reeder, Flaggen und Ladungen, nicht nur privilegierte Schiffe Ausnahmen sehen wie eine Wiedereröffnung aus, sind aber keine.
Kriegsrisikoprämien Über mehrere Wochen sinkende Prämien Versicherer brauchen Belege für eine anhaltende Beruhigung, nicht einen einzigen ruhigen Tag.
Aufschlag für physisches Öl gegenüber Futures Der Abstand zwischen kurzfristig verfügbaren Ladungen und der Terminkurve verringert sich Das zeigt, dass Käufer für sofort verfügbares Öl keinen hohen Aufpreis mehr zahlen.
Forcemajeure-Meldungen Erklärungen werden zurückgenommen, und die vertraglich vereinbarten Liefermengen fließen wieder Eine Anlage wieder hochzufahren ist nicht dasselbe wie, Verträge wieder zu erfüllen.

Wenn sich eine dieser Größen verändert, nehmen Sie es zur Kenntnis. Wenn sich drei gleichzeitig verändern und die Veränderung anhält, ist die Ankündigung im physischen System angekommen. Dann kann man beginnen, die Schutzmaßnahmen kontrolliert zurückzufahren. Bis dahin ist sie eine Schlagzeile.

Rund 30 Prozent des in Europa gelieferten Jet A1 kamen durch die Meerenge, und die Raffinerien im Mittelmeerraum verarbeiteten Rohöl aus dem Golf. Wenn Europa Hormus unmittelbar zu spüren bekommen würde, dann an den Flughäfen.

Die Kaskade entwickelte sich dann schneller, als mein Modell erwartet hatte. Zuerst kamen Treibstoffzuschläge auf Flugtickets und Kapazitätskürzungen. Die Philippinen riefen den Energienotstand aus. Australien erklärte eine nationale Krise und gab Reserven frei. Vietnam setzte 23 Flugverbindungen aus. In meinem Bericht von Tag 37 hielt ich fest, dass das Modell nun schon zweimal in dieselbe Richtung zu langsam gewesen war: Die Stilllegungen von Flugverbindungen in Südostasien kamen 32 Tage vor meiner zentralen Prognose. Ich erwähne das, weil es erklärt, in welcher Verfassung ich damals war. Zweimal war ich zu vorsichtig gewesen. Ein drittes Mal wollte ich nicht zu vorsichtig sein.

Dann, am 16. April, Tag 48, sagte der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur gegenüber Associated Press, Europa habe „vielleicht noch etwa sechs Wochen“ Kerosin, und bald werde man von Flügen zwischen europäischen Städten hören, die wegen Treibstoffmangels gestrichen würden. Lange Zeit erinnerte ich mich an die Reihenfolge falsch und erzählte die Geschichte so, als wären beide Signale ungefähr gleichzeitig gekommen. Das waren sie nicht. Die Warnung der IEA kam elf Tage nach meiner Schlagzeile von Tag 37. Sie hatte meinen Fehler nicht verursacht. Sie bestätigte einen Fehler, den ich bereits gemacht hatte, und zwar mit der wohl maßgeblichsten Stimme der Energiewelt. Das war das Schlimmere daran. Sobald die IEA es gesagt hatte, begann ich, meine eigene Zahl nicht mehr zu hinterfragen, sondern zu verteidigen.

Jetzt kommt der Teil, der mich noch immer ärgert. Abschnitt 3 des Berichts von Tag 37 zitierte unter meiner eigenen Schlagzeile den Betreiber der Flughäfen Venedig und Treviso: „Das Problem betrifft nur einen Lieferanten.“ Andere Lieferanten versorgten an den Flughäfen der Gruppe die Mehrheit der Fluggesellschaften. Ich hatte diesen Satz gefunden. Ich hatte ihn in den Bericht geschrieben. Und dann hatte ich einfach darüber hinweggelesen, weil ich wusste, was Flughafenbetreiber in einer Krise sagen. Sie spielen die Lage möglicherweise herunter. Das passiert häufig.

Mitte April lagen damit zwei Signale vor, beide real und scheinbar in dieselbe Richtung weisend. Flughäfen rationierten Treibstoff. Der höchste Energievertreter der Welt warnte vor einem Mangel. Ein lokaler Ausfall und eine maßgebliche Stimme fühlen sich gemeinsam wie eine Bestätigung an. Tatsächlich hatte ein einzelner Händler über das Osterwochenende ein Versorgungsproblem, während die allgemeine Warnung über Bologna im Besonderen nichts aussagte.

Rom-Fiumicino, den ich als Indikator dafür bezeichnet hatte, dass das Problem die großen italienischen Drehkreuze erreichte, war nie betroffen gewesen. Tag 58 kam und ging, ohne dass irgendein europäisches Drehkreuz wegen Treibstoffmangels den Flugbetrieb einstellen musste. Auf der anderen Seite der Bilanz geschah etwas, wofür mein Modell keinen Platz hatte. Lufthansa strich bis Oktober 20.000 Flüge aus ihrem Flugplan, bevor auch nur einem der von ihr angeflogenen Flughäfen der Treibstoff ausgegangen war. Die Fluggesellschaften reduzierten die Nachfrage schneller, als der Krieg das Angebot verringerte. Raffinerien an der amerikanischen Golfküste exportierten sechsmal so viel Kerosin nach Europa wie üblich. Die Raffinerien im Mittelmeerraum stellten ihre Produktion stärker auf Kerosin um, was dem System einer Schätzung zufolge ungefähr sechs Wochen verschaffte.

Was hat das gekostet? Mir ist kein Kunde bekannt, der aufgrund dieser Schlagzeile eine schädliche Entscheidung getroffen hätte. In den Berichten hatte ich empfohlen, die Treibstoffdeckung für die Flugpläne im Mai zu überprüfen, Verfahren zum Tankering vorzubereiten und Lieferungen von der amerikanischen Golfküste zu sichern. Letzteres tat anschließend der gesamte Markt.

Diese Geschichte hat noch eine letzte Wendung. Sie ist der Grund, weshalb ich nicht mehr an saubere, abgeschlossene Geschichten glaube. Die Raffinerien, die den Sommer retteten, indem sie mehr Kerosin produzierten, stellten dieses Kerosin aus demselben Fass Rohöl her, aus dem sonst Diesel geworden wäre. Wahrscheinlich hatte niemand sie eigens dazu aufgefordert. Die Raffineriemarge für Kerosin weitete sich aus, während die für Diesel das nicht tat.

Und eine Raffinerie, die einige Prozentpunkte ihrer Produktausbeute zwischen beiden verschieben kann, verschiebt sie dorthin, wo mehr Geld zu verdienen ist. Mehr steckt nicht dahinter. Kerosin und Diesel entstehen aus demselben Rohöl in derselben Destillationskolonne. Ein Modell, das sie als zwei getrennte Angebotszahlen führt, erkennt nicht, dass das eine auf Kosten des anderen produziert wird. Die Verbindungen zwischen den Lieferketten müssen deshalb so in das Modell aufgenommen werden, dass es ihnen folgen kann.

Ukrainische Drohnen griffen den Sommer über eine russische Raffinerie nach der anderen an, und im Juli verbot Moskau die Ausfuhr von Diesel vollständig. Europa fehlten Mengen aus zwei Richtungen zugleich: Rohölanteile, die im Frühjahr in die Kerosinproduktion gelenkt worden waren, und Mengen, die überhaupt nicht mehr raffiniert wurden. Das System hatte eine Lieferkette stabilisiert und die Rechnung an eine andere weitergereicht. Während ich dies im September schreibe, ist Diesel in Europa das knappe Produkt. Meine Prognose bis zum Jahresende baut darauf auf, und die Messgröße, die ich beobachte, liegt nicht mehr am Flughafen.

Harnstoff funktioniert anders. Er wird gezielt hergestellt, aus Erdgas oder, in China, aus Kohle. Ende Mai legte Peking Exportquoten fest. Anfang Juli senkte die Regierung die Mindestpreise, damit die Mengen tatsächlich auf den Markt gelangen konnten. Im August lieferten chinesische Verkäufer den Großteil einer großen indischen Ausschreibung. Bei Stickstoffdünger gibt es einen Lieferanten, der seine Produktion beziehungsweise seine Exporte flexibel erhöhen kann, wenn eine Regierung den Schalter umlegt. Phosphat hängt dagegen von einem Nebenprodukt ab, dessen Produktion niemand einfach einschalten kann.

Westeuropa und der Mittlere Westen der USA können ein oder zwei Saisonen überbrücken. Brasilien kann das nicht, denn tropische Böden binden Phosphor, und Soja braucht viel davon. In Subsahara-Afrika sind die Preise bereits unerschwinglich.

Bei Harnstoff ging die Nachfrage zurück und das Angebot kam wieder. Der Preis brach ein. Bei Phosphat ging die Nachfrage zurück, aber das Angebot schrumpfte mit. Der Preis blieb hoch.

Mein eigener Backtest bezeichnet die Empfehlung, Mengen langfristig preislich abzusichern, als die teuerste Fehlprognose der gesamten Reihe. Dem stimme ich zu. Ein Kunde, der ihr folgte, kaufte seinen Stickstoffbedarf für sechs Monate nahe dem Höchstpreis. Anfang Juni kostete dasselbe Produkt mehr als ein Drittel weniger als auf dem Gipfel im April. Ich wünschte, dieser Satz stünde nicht in meinem Buch. Aber er steht in meinem Prognoseverzeichnis, also steht er auch in meinem Buch.

Was schiefging, lässt sich einfach erklären. Ich hatte die Reaktion der Nachfrage aus den Modellen herausgelassen, weil sie schwierig zu modellieren ist. Das stand auch in den frühen Berichten. Ein Modell ohne Nachfragereaktion wird zwangsläufig immer zu weit in Richtung Knappheit ausschlagen; so ist es gebaut. Und ich hatte im April zwei Fragen nicht gestellt, die Harnstoff von Phosphat unterschieden hätten. Wird dieses Produkt absichtlich hergestellt, oder fällt es bei der Herstellung von etwas anderem an? Wer ein Produkt gezielt herstellt, kann auf Preisänderungen reagieren. Bei einem Nebenprodukt funktioniert das nicht.

Und wer ist der Lieferant, der zusätzliche Mengen auf den Markt bringen kann, und wer kontrolliert diesen Schalter? Bei Harnstoff lautete die Antwort „China“, und der Schalter lag in einem Ministerium. Weiß man das, handelt die Prognose nicht mehr vom Persischen Golf. Sie handelt davon, wann Peking entscheidet, dass seine eigenen Bauern versorgt sind und seine Produzenten die Marge im Exportgeschäft nutzen sollen.

Wer Rohstoffe einkauft, kann aus diesem Kapitel vor allem zwei Fragen und eine Gewohnheit mitnehmen. Finden Sie für jeden kritischen Einsatzstoff heraus, ob er gezielt produziert wird oder ein Nebenprodukt ist – und wer auf der Welt innerhalb eines Quartals zusätzliches Angebot schaffen könnte, wenn sich der Preis verdoppelte. Und wenn Ihnen dann jemand wie ich rät, Mengen abzusichern, tun Sie es so, wie ich es heute empfehle: Halten Sie den Preis fest, ab dem Sie die Absicherung bereuen würden, und das Signal, bei dem Sie sie wieder auflösen würden. Im April 2026 gab es dieses Signal. Es war die chinesische Exportquote. Und niemand hatte es aufgeschrieben.

Im Juni passierten allein mehr als drei Millionen Barrel saudisches Öl pro Tag eine Meerenge, durch die ein Jahr zuvor nur ein Bruchteil dieser saudischen Menge transportiert worden war. An Tag 51 bezeichnete ich Bab al-Mandab als den wichtigsten maritimen Chokepoint, über den niemand sprach.

Ein kleinerer Fehler gehört ebenfalls hierher, denn er zeigt, wie schnell eine richtige Aussage veralten kann. An Tag 150 erwartete ich, dass die Seefrachtraten für Container infolge der Huthi-Blockade steigen würden. Sie fielen, denn die Containerreedereien hatten zu diesem Zeitpunkt keine Exposition gegenüber dem Roten Meer mehr. Sie fuhren bereits seit Monaten um das Kap der Guten Hoffnung. Ich hielt das als Fehlprognose fest und erklärte den Grund. Innerhalb eines Monats war ungefähr ein Drittel der Kapazität auf der Route Asien–Europa wieder nach Suez zurückgekehrt. Die Exposition, von der ich meinen Kunden gerade noch erklärt hatte, dass sie nicht mehr existiere, hatte sich hinter meinem Rücken erneut aufgebaut.

Der wichtigste Effekt für dieses Buch war einer, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Backtesting war früher so mühsam, dass man es einmal im Jahr machte, wenn überhaupt. Heute kann ich ein Modell genauso leicht testen wie bauen, und das tat ich alle paar Wochen. Alles, was Sie in den letzten drei Kapiteln gelesen haben, jede Fehlprognose mit Datum und Richtung, steht nur deshalb hier, weil die nachträgliche Bewertung so viel weniger Aufwand verursacht. Dieselben Werkzeuge, mit denen ich über Nacht ein Modell für ein schwerwiegendes Szenario erstellen konnte, erlaubten mir, dessen Fehler innerhalb weniger Wochen zu finden. Sie beschleunigten meine Irrtümer und meine Korrekturen zugleich. Das eine wollte ich nicht ohne das andere haben.

Manchmal heißt es, Analysten hätten kein Skin in the Game, weil die Verluste bei ihren Kunden anfallen. Mein Einsatz ist mein Ruf. Wenn ich ihn verliere, verliere ich auch mein Einkommen – so wie eine Fabrik ohne Rohstoffe ihre Produktion verliert. Das ist weniger als der Einsatz eines Kunden, dessen Fabrik auf dem Spiel steht. Aber mehr habe ich bei meinen Berichten nicht zu verlieren.

Wenn ich meine Fehlprognosen aus den ersten zweihundert Tagen nebeneinanderlege, weisen die meisten in dieselbe Richtung (Abbildung 10). Die Ölpreisobergrenze von 130 bis 150 Dollar. Der Countdown von dreißig Tagen bis zur physischen Nichtverfügbarkeit von Schwefelsäure. Der Heliumengpass, den ich beinahe veröffentlicht hätte. Die italienischen Flughäfen als Welle 3. Harnstoff als Mangelware im April und die Empfehlung zur langfristigen Preisabsicherung im Mai. Szenario D mit einer Wahrscheinlichkeit von beinahe fünfzig Prozent. In jedem dieser Fälle war der Mechanismus real und die Richtung richtig. Nur das Ausmaß lag jeweils eine Stufe über dem, was tatsächlich eintrat. Sieben Fälle, eine Richtung. Die Hinweise darauf hatte ich viel früher, als ich sie verstand. An Tag 14 hielt mein erster Backtest fest, dass ich beim Ölpreis das Ausmaß falsch eingeschätzt hatte. Zugleich vermerkte er, dass mehrere Kaskaden eine oder zwei Wochen früher eingetreten waren als modelliert. Ich behandelte das als zwei gewöhnliche Fehler, einen beim Ausmaß und einen beim Zeitpunkt, und machte weiter. Im Juni war das Muster zu regelmäßig geworden, um Zufall zu sein.

Meine erste Reaktion war eine nachträgliche Korrektur. Wenn das Modell eine Zahl lieferte, die seiner Logik entsprach, meine Erfahrung aber ein weniger extremes Ergebnis erwarten ließ, reduzierte ich das ausgewiesene Ausmaß um dreißig bis vierzig Prozent, bevor der Bericht an Kunden ging. Ich nannte es einen Severity Haircut, einen Abschlag auf die Schwere der Folgen. Eine Weile konnte ich damit leben: als Preis dafür, schnell arbeiten zu können. Doch eine Korrektur, die jedes Mal in dieselbe Richtung und ungefähr in derselben Größenordnung vorgenommen werden muss, ist irgendwann keine Korrektur mehr. Sie ist Teil des Modells. Also hörte ich auf, zu fragen, wie groß der Abschlag sein sollte, und begann, zu fragen, warum das Modell überhaupt einen brauchte.

Ein Modell, das Angebot wegnimmt, der Nachfrage aber niemals erlaubt, zu reagieren, wird die Knappheit zwangsläufig jedes Mal überschätzen. Die Kupferminen im Kongo zahlten tausend Dollar pro Tonne Säure und laugten weiter Erz aus. Fluggesellschaften strichen zwanzigtausend Flüge, bevor einem Drehkreuz der Treibstoff ausging. Landwirte griffen auf den Phosphor im Boden zurück. Jede dieser Reaktionen lag außerhalb meines Modells. Und jede hielt die Kaskade eine Welle vor jener Stufe auf, die ich eingezeichnet hatte.

Eine zweite technische Ursache steckt in den historischen Fällen, aus denen ich gelernt habe. Ich verbringe mein Berufsleben damit, Störungen zu untersuchen. Deshalb kenne ich vor allem jene Fälle besonders gut, die schlimm genug verliefen, um später ein Buch darüber zu schreiben: 1973, 1991, Fukushima, COVID, die Ever Given. Sie zeigen, was einem System unter Belastung passieren kann.
Aber sie sind eine schlechte Stichprobe dafür, was einem belasteten System normalerweise passiert, denn über die unspektakulären Fälle schreibt niemand. Niemand veröffentlicht eine Fallstudie über einen Dienstag, an dem ein Chokepoint fragil aussah, jemand eine Umgehung fand und sich der Markt wieder seinem üblichen Niveau annäherte. Wenn die eigene Intuition an Katastrophen geschult ist, erwartet man Katastrophen zu häufig. Meine war es.

Unter diesem Druck muss man irgendwo Abstriche machen, und ich entschied, wo. Wenn ich einen Kompromiss eingehen musste, lag ich lieber auf der sicheren Seite. Für einen Risikoanalysten bedeutet die sichere Seite: die schwerwiegendere Entwicklung. Eine Warnung, die zu früh kommt, kostet einen Kunden etwas Geld und Aufmerksamkeit. Eine Warnung, die zu spät kommt, kann eine Produktionslinie kosten. Angesichts dieser Asymmetrie ist ein Modell, das zu schweren Folgen tendiert, durchaus vertretbar.

Sichtbar wurde das alles durch die Backtests, die inzwischen so wenig Aufwand verursachten, dass ich sie alle paar Wochen durchführen konnte. Ohne sie hätte ich den Abschlag Monat für Monat etwas großzügiger angesetzt, jede Fehlprognose einzeln erklärt und wäre langsam abgedriftet. Ich kenne dieses Abdriften von anderen, und ich war selbst nahe genug daran, um es beschreiben zu können: ein Analyst, der ein halbes Jahr nach Beginn einer Krise noch immer das nahe Ende beschwört, während alle anderen längst wieder ein gutes Leben führen.

Die Meerenge war schnell geschlossen worden, weil alle Faktoren, die zur Schließung beitrugen, gleichzeitig in dieselbe Richtung wirkten: Das Kriegsrisiko stieg, Reeder und Charterer zogen sich zurück, Besatzungen verweigerten Fahrten, und der Verkehr brach innerhalb weniger Tage zusammen. Die Minen kamen erst danach und machten aus der wirtschaftlichen Schließung eine physische Blockade.
Der umgekehrte Weg ist eine Abfolge, bei der jeder Schritt auf den vorherigen warten muss. Zuerst müssen die Kampfhandlungen aufhören – und auf Dauer ausbleiben. Dann müssen die Minen gefunden und geräumt werden. Das lässt sich nicht beschleunigen, nur weil ein Diplomat etwas unterschrieben hat. Danach brauchen die Versicherer genügend ruhige Wochen, um das Kriegsrisiko neu zu bewerten. Nach vier gescheiterten Waffenruhen verlangten sie dafür mehr Zeit, als sie noch im März gebraucht hätten. Anschließend müssen die Reeder entscheiden, dass die Verbesserung dauerhaft genug ist, um Schiffe im Wert von Hunderten Millionen einzusetzen. Diese Schiffe befinden sich nach Monaten der Umleitungen an den falschen Orten und müssen erst neu positioniert werden. Danach müssen die Ladungen durch Häfen und Lager zu Kunden gelangen, die seit Monaten mit zugeteilten Mengen auskommen. Erst dann spürt ein europäischer Abnehmer überhaupt etwas.

Ich hatte Monate damit verbracht, Vergleichsfälle für den Zusammenbruch zu finden, aber keinen einzigen für die Erholung.

Ein Instrument, das Verschlechterungen erkennen soll, enthält jene Variablen, die sich bei einer Verschlechterung am schnellsten verändern. Das sind nicht unbedingt die Variablen, die bestimmen, wie es wieder besser wird.

Während der Schließung war der Rückgang von 138 Schiffen täglich in Richtung null ein direktes Maß für die Schwere der Störung. Während der Erholung konnten die ersten Schiffe nicht dieselbe Aussagekraft haben. Eine einzelne Passage kann auf eine Ausnahmegenehmigung zurückgehen, auf eine geschützte Ladung oder auf einen Reeder mit höherer Risikobereitschaft. Was ich brauchte, war Beständigkeit: verschiedene Reeder, verschiedene Flaggen, verschiedene Ladungen, über mehrere Wochen hinweg.

Deshalb unterteilte ich die Erholung in drei Stufen und wollte das Wort nicht mehr verwenden, ohne zu sagen, welche ich meinte.
Erste Erholung: Etwas, das blockiert war, funktioniert wieder; ein Schiff passiert die Meerenge, ein Versicherer macht ein Angebot, ein Werk nimmt die Produktion auf.
Dauerhafte Erholung: Es funktioniert über mehr als einen Zyklus hinweg, und Kunden beginnen wieder Vorräte aufzubauen, statt nur von der gerade zugeteilten Menge zu leben.
Normalisierung: Die Mengen nähern sich dem früheren Niveau, Notlösungen werden aufgegeben, Lagerbestände sind wieder aufgebaut und die Routen aus Kriegszeiten tragen keinen unverhältnismäßig großen Anteil des Handels mehr. Der Juni war die erste dieser Stufen. Er war nie die dritte.

Inzwischen glaube ich ohnehin, dass „Reparatur“ das falsche Wort ist. Nach einer so schweren Störung kehrt nicht dasselbe System zurück, das vorher existiert hat. Käufer haben Verträge mit anderen Lieferanten geschlossen. Regierungen bauen Pipelines, die 2025 noch unwirtschaftlich erschienen. Versicherer haben ihre Annahmen neu geschrieben. Der Iran hat für die Meerenge eine Behörde, einen Registrierungskanal und eine Gebühr geschaffen.
Institutionen überdauern Waffenruhen. Manches, was eine Krise hervorbringt, bleibt bestehen. Das Erholungsmodell muss deshalb zwei Fragen zugleich beantworten: Wie schnell kehrt die alte Funktion zurück? Und wie viel vom alten System wird währenddessen ersetzt?

Der erste sichtbare Beginn einer Erholung ist genau der Moment, in dem Kunden wieder teure Entscheidungen treffen – diesmal in die andere Richtung. Während der Verschlechterung haben sie Notvorräte gekauft, Zweitlieferanten gesichert, Preise abgesichert, Frachtraum gebucht und Ineffizienz in Kauf genommen, weil mangelnde Vorbereitung schlimmer gewesen wäre. An dem Tag, an dem sich die Krise zu entspannen scheint, wirkt das plötzlich wie Verschwendung. Die Geschäftsführung will die Absicherungen auflösen, gebundenes Kapital freigeben und Notfalltransporte streichen. Ein Analyst, der die Erholung zu früh ausruft, gibt diesen Entscheidungen einen ebenso falschen Zeitpunkt wie einer, der zu Beginn die Eskalation übersieht.

Wenn Sie untersuchen, was einen Chokepoint schließen kann, schreiben Sie gleichzeitig auf, was seine Wiederöffnung physisch erfordert, wer Entscheidungen treffen muss, welche Verzögerungen entstehen und welche Beobachtung eine erste Verbesserung von einer dauerhaften unterscheidet.

Ein Modell, das den Zusammenbruch klar erkennt, kann gerade dann am unzuverlässigsten sein, wenn das System beginnt, sich zu erholen.

Nehmen Sie den Mechanismus und die Abfolge ernst. Betrachten Sie den Zeitpunkt als Bandbreite und planen Sie nur dann mit der frühen Grenze, wenn es für Sie schlimmer wäre, zu spät als zu früh zu sein. Behandeln Sie jede absolute Mengenangabe als Obergrenze eines Analysten, der lieber zu deutlich als zu spät warnt, und rechnen Sie mit einem geringeren Ausmaß. Und wenn ein Bericht aufhört, eine Lieferkette zu erwähnen, fragen Sie nach dem Grund. Schweigen ist noch keine Bewertung.

Profitiert ein Krisenanalyst nicht von der Angst? Wenn ich recht habe, ist irgendjemandem etwas Schlimmes passiert. In diesem Jahr bedeutete das Schlangen für Kochgas in Indien, geschlossene Universitäten in Bangladesch in der zweiten Kriegswoche, Unternehmen, die mit ihren Beschäftigten untergingen, und Landwirte auf nährstoffarmen Böden, die in dieser Saison weniger Phosphat auf ihre Felder bringen werden. Das ist es, was ich analysiere: negative Ereignisse und negative Kaskaden. Selbst wenn eine Einschätzung zutreffend war und ich manchmal durch alte Berichte blättere und denke, dass das eine gute Analyse gewesen ist, empfinde ich kaum Genugtuung. Die Bestätigung hängt mit so viel Leid anderer Menschen zusammen. Ich glaube nicht, dass man das feiern sollte. Ich kann es jedenfalls nicht. Deshalb hofft ein Teil von mir jedes Mal, wenn ich ein schwerwiegendes Szenario modelliere, dass die Welt mir das Gegenteil beweist. In diesem Jahr tat sie das oft. Und noch nie war ich so froh darüber, korrigiert zu werden.

Unter dem Schutz der amerikanischen Marine erholten sich die Öltransporte durch Hormus im Monatsverlauf auf mehr als achtzig Prozent des Vorkriegsniveaus. Am 8. Oktober passierten knapp 20,8 Millionen Barrel die Meerenge, mehr als im Durchschnitt vor dem Krieg. Mein eigenes Signal für eine Wiederöffnung – zwei Wochen verlässlicher Passagen mit Kriegsrisikoversicherung – wurde nie ausgelöst.

Drei Tage nach dem Rekorddurchsatz passierten nur noch 2,9 Millionen Barrel die Meerenge.

Diesel ist in Europa die Lieferkette, die dem Zusammenbruch am nächsten ist, und am 14. Oktober ist das noch immer so.

Die beobachtbaren Ölvorräte sind seit Kriegsbeginn um mehr als fünfhundert Millionen Barrel gesunken. Die größte koordinierte Freigabe von Ölreserven in der Geschichte der IEA ist beinahe aufgebraucht.

Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass dieser Winter schlimmer werden könnte als mein schlimmstes Szenario, dürfen Sie lächeln und denken: Da ist er wieder.
Deshalb formuliere ich das Argument so, dass Sie es überprüfen können. Jedes Mal, wenn ich in diesem Jahr physische Nichtverfügbarkeit vorhergesagt habe, hielt das System eine Stufe früher an, bei der Rationierung. Das gelang ihm, weil es Spielraum hatte. Die Preise stiegen und die Nachfrage gab nach. Vorräte wurden freigegeben. Raffinerien veränderten ihre Produktion. Ladungen kamen von der anderen Seite der Welt. Ich lernte, das von meinen Modellen ausgewiesene Ausmaß abzumildern, und der Abschlag, den ich heute verwende, wurde anhand dieser Erfahrung kalibriert.

Doch diese Erfahrung entstand in einem System, das noch Puffer hatte. Ein großer Teil davon ist inzwischen verbraucht. Die ausgleichenden Kräfte funktionieren weiterhin. Preise rationieren nach wie vor die Nachfrage, und hohe europäische Margen ziehen noch immer Lieferungen aus Amerika, Indien und China an. Sie wirken aber langsamer als die Kräfte in die Gegenrichtung, und eine von ihnen hängt inzwischen von einer Abstimmung in Washington ab. Es ist möglich, dass meine Erkenntnis über die eigene Voreingenommenheit gerade ihre Gültigkeit verliert. Genauso möglich ist, dass sich das System ein weiteres Mal anpasst, wie schon das ganze Jahr über, und ich im Februar eine weitere Zeile unter „zu schwerwiegend“ in meine Tabelle eintragen muss. Ich weiß nicht, was von beidem geschieht. Aber ich kann aufschreiben, was ich erwarte, mit Daten, und Ihnen sagen, worauf Sie achten sollten.

Seit September hat sich eine Sache zugunsten Europas verändert, ohne dass irgendjemand in Europa etwas dafür getan hätte. Ein sehr starkes El Niño macht einen milden Winter wahrscheinlich. Mein Modell setzt die Wahrscheinlichkeit, dass der Zeitraum Dezember bis Februar wärmer wird als der Durchschnitt von 1991 bis 2020, inzwischen auf 82 Prozent. Das senkt das Gasrisiko spürbar.
Für Diesel hilft es wesentlich weniger. Im selben Modell hat der Zustand der Meerenge ungefähr den dreifachen Einfluss auf Diesel, Heizöl und Kerosin wie ein deutlich kälterer Winter. Und eine späte Kälteperiode im Februar würde den Vorteil beim Gas vollständig zunichtemachen. Deshalb liegen die folgenden Zahlen unter denen, die ich im September schrieb. Das Wetter hat sie verändert. Die Puffer sind nicht zurückgekehrt.

Wahrscheinlichkeit, dass bis zum 31. Dezember in mindestens einem EU‑Staat nationale Lagerfreigaben in Kraft sind: 95 Prozent. Wahrscheinlichkeit für eine Dieselrationierung an Tankstellen in der gesamten EU bis zum 31. März, meine Welle 3: 1 Prozent. Wahrscheinlichkeit, dass vor dem 31. März mindestens ein Flughafen in der EU die Treibstoffaufnahme per NOTAM einschränkt: 58 Prozent; dass ein großes Drehkreuz dies tut: 7 Prozent.

Sichtbar wurde das alles durch die Backtests, die inzwischen so wenig Aufwand verursachten, dass ich sie alle paar Wochen durchführen konnte. Ohne sie hätte ich den Abschlag Monat für Monat etwas großzügiger angesetzt, jede Fehlprognose einzeln erklärt und wäre langsam abgedriftet. Ich kenne dieses Abdriften von anderen, und ich war selbst nahe genug daran, um es beschreiben zu können: ein Analyst, der ein halbes Jahr nach Beginn einer Krise noch immer das nahe Ende beschwört, während alle anderen längst wieder ein gutes Leben führen.

Die Meerenge war schnell geschlossen worden, weil alle Faktoren, die zur Schließung beitrugen, gleichzeitig in dieselbe Richtung wirkten: Das Kriegsrisiko stieg, Reeder und Charterer zogen sich zurück, Besatzungen verweigerten Fahrten, und der Verkehr brach innerhalb weniger Tage zusammen. Die Minen kamen erst danach und machten aus der wirtschaftlichen Schließung eine physische Blockade.
Der umgekehrte Weg ist eine Abfolge, bei der jeder Schritt auf den vorherigen warten muss. Zuerst müssen die Kampfhandlungen aufhören – und auf Dauer ausbleiben. Dann müssen die Minen gefunden und geräumt werden. Das lässt sich nicht beschleunigen, nur weil ein Diplomat etwas unterschrieben hat. Danach brauchen die Versicherer genügend ruhige Wochen, um das Kriegsrisiko neu zu bewerten. Nach vier gescheiterten Waffenruhen verlangten sie dafür mehr Zeit, als sie noch im März gebraucht hätten. Anschließend müssen die Reeder entscheiden, dass die Verbesserung dauerhaft genug ist, um Schiffe im Wert von Hunderten Millionen einzusetzen. Diese Schiffe befinden sich nach Monaten der Umleitungen an den falschen Orten und müssen erst neu positioniert werden. Danach müssen die Ladungen durch Häfen und Lager zu Kunden gelangen, die seit Monaten mit zugeteilten Mengen auskommen. Erst dann spürt ein europäischer Abnehmer überhaupt etwas.

Ich hatte Monate damit verbracht, Vergleichsfälle für den Zusammenbruch zu finden, aber keinen einzigen für die Erholung.

Ein Instrument, das Verschlechterungen erkennen soll, enthält jene Variablen, die sich bei einer Verschlechterung am schnellsten verändern. Das sind nicht unbedingt die Variablen, die bestimmen, wie es wieder besser wird.

Während der Schließung war der Rückgang von 138 Schiffen täglich in Richtung null ein direktes Maß für die Schwere der Störung. Während der Erholung konnten die ersten Schiffe nicht dieselbe Aussagekraft haben. Eine einzelne Passage kann auf eine Ausnahmegenehmigung zurückgehen, auf eine geschützte Ladung oder auf einen Reeder mit höherer Risikobereitschaft. Was ich brauchte, war Beständigkeit: verschiedene Reeder, verschiedene Flaggen, verschiedene Ladungen, über mehrere Wochen hinweg.

Deshalb unterteilte ich die Erholung in drei Stufen und wollte das Wort nicht mehr verwenden, ohne zu sagen, welche ich meinte.
Erste Erholung: Etwas, das blockiert war, funktioniert wieder; ein Schiff passiert die Meerenge, ein Versicherer macht ein Angebot, ein Werk nimmt die Produktion auf.
Dauerhafte Erholung: Es funktioniert über mehr als einen Zyklus hinweg, und Kunden beginnen wieder Vorräte aufzubauen, statt nur von der gerade zugeteilten Menge zu leben.
Normalisierung: Die Mengen nähern sich dem früheren Niveau, Notlösungen werden aufgegeben, Lagerbestände sind wieder aufgebaut und die Routen aus Kriegszeiten tragen keinen unverhältnismäßig großen Anteil des Handels mehr. Der Juni war die erste dieser Stufen. Er war nie die dritte.

Inzwischen glaube ich ohnehin, dass „Reparatur“ das falsche Wort ist. Nach einer so schweren Störung kehrt nicht dasselbe System zurück, das vorher existiert hat. Käufer haben Verträge mit anderen Lieferanten geschlossen. Regierungen bauen Pipelines, die 2025 noch unwirtschaftlich erschienen. Versicherer haben ihre Annahmen neu geschrieben. Der Iran hat für die Meerenge eine Behörde, einen Registrierungskanal und eine Gebühr geschaffen.
Institutionen überdauern Waffenruhen. Manches, was eine Krise hervorbringt, bleibt bestehen. Das Erholungsmodell muss deshalb zwei Fragen zugleich beantworten: Wie schnell kehrt die alte Funktion zurück? Und wie viel vom alten System wird währenddessen ersetzt?

Der erste sichtbare Beginn einer Erholung ist genau der Moment, in dem Kunden wieder teure Entscheidungen treffen – diesmal in die andere Richtung. Während der Verschlechterung haben sie Notvorräte gekauft, Zweitlieferanten gesichert, Preise abgesichert, Frachtraum gebucht und Ineffizienz in Kauf genommen, weil mangelnde Vorbereitung schlimmer gewesen wäre. An dem Tag, an dem sich die Krise zu entspannen scheint, wirkt das plötzlich wie Verschwendung. Die Geschäftsführung will die Absicherungen auflösen, gebundenes Kapital freigeben und Notfalltransporte streichen. Ein Analyst, der die Erholung zu früh ausruft, gibt diesen Entscheidungen einen ebenso falschen Zeitpunkt wie einer, der zu Beginn die Eskalation übersieht.

Wenn Sie untersuchen, was einen Chokepoint schließen kann, schreiben Sie gleichzeitig auf, was seine Wiederöffnung physisch erfordert, wer Entscheidungen treffen muss, welche Verzögerungen entstehen und welche Beobachtung eine erste Verbesserung von einer dauerhaften unterscheidet.

Ein Modell, das den Zusammenbruch klar erkennt, kann gerade dann am unzuverlässigsten sein, wenn das System beginnt, sich zu erholen.

Nehmen Sie den Mechanismus und die Abfolge ernst. Betrachten Sie den Zeitpunkt als Bandbreite und planen Sie nur dann mit der frühen Grenze, wenn es für Sie schlimmer wäre, zu spät als zu früh zu sein. Behandeln Sie jede absolute Mengenangabe als Obergrenze eines Analysten, der lieber zu deutlich als zu spät warnt, und rechnen Sie mit einem geringeren Ausmaß. Und wenn ein Bericht aufhört, eine Lieferkette zu erwähnen, fragen Sie nach dem Grund. Schweigen ist noch keine Bewertung.

Profitiert ein Krisenanalyst nicht von der Angst? Wenn ich recht habe, ist irgendjemandem etwas Schlimmes passiert. In diesem Jahr bedeutete das Schlangen für Kochgas in Indien, geschlossene Universitäten in Bangladesch in der zweiten Kriegswoche, Unternehmen, die mit ihren Beschäftigten untergingen, und Landwirte auf nährstoffarmen Böden, die in dieser Saison weniger Phosphat auf ihre Felder bringen werden. Das ist es, was ich analysiere: negative Ereignisse und negative Kaskaden. Selbst wenn eine Einschätzung zutreffend war und ich manchmal durch alte Berichte blättere und denke, dass das eine gute Analyse gewesen ist, empfinde ich kaum Genugtuung. Die Bestätigung hängt mit so viel Leid anderer Menschen zusammen. Ich glaube nicht, dass man das feiern sollte. Ich kann es jedenfalls nicht. Deshalb hofft ein Teil von mir jedes Mal, wenn ich ein schwerwiegendes Szenario modelliere, dass die Welt mir das Gegenteil beweist. In diesem Jahr tat sie das oft. Und noch nie war ich so froh darüber, korrigiert zu werden.

Unter dem Schutz der amerikanischen Marine erholten sich die Öltransporte durch Hormus im Monatsverlauf auf mehr als achtzig Prozent des Vorkriegsniveaus. Am 8. Oktober passierten knapp 20,8 Millionen Barrel die Meerenge, mehr als im Durchschnitt vor dem Krieg. Mein eigenes Signal für eine Wiederöffnung – zwei Wochen verlässlicher Passagen mit Kriegsrisikoversicherung – wurde nie ausgelöst.

Drei Tage nach dem Rekorddurchsatz passierten nur noch 2,9 Millionen Barrel die Meerenge.

Diesel ist in Europa die Lieferkette, die dem Zusammenbruch am nächsten ist, und am 14. Oktober ist das noch immer so.

Die beobachtbaren Ölvorräte sind seit Kriegsbeginn um mehr als fünfhundert Millionen Barrel gesunken. Die größte koordinierte Freigabe von Ölreserven in der Geschichte der IEA ist beinahe aufgebraucht.

Wenn ich Ihnen jetzt sage, dass dieser Winter schlimmer werden könnte als mein schlimmstes Szenario, dürfen Sie lächeln und denken: Da ist er wieder.
Deshalb formuliere ich das Argument so, dass Sie es überprüfen können. Jedes Mal, wenn ich in diesem Jahr physische Nichtverfügbarkeit vorhergesagt habe, hielt das System eine Stufe früher an, bei der Rationierung. Das gelang ihm, weil es Spielraum hatte. Die Preise stiegen und die Nachfrage gab nach. Vorräte wurden freigegeben. Raffinerien veränderten ihre Produktion. Ladungen kamen von der anderen Seite der Welt. Ich lernte, das von meinen Modellen ausgewiesene Ausmaß abzumildern, und der Abschlag, den ich heute verwende, wurde anhand dieser Erfahrung kalibriert.

Doch diese Erfahrung entstand in einem System, das noch Puffer hatte. Ein großer Teil davon ist inzwischen verbraucht. Die ausgleichenden Kräfte funktionieren weiterhin. Preise rationieren nach wie vor die Nachfrage, und hohe europäische Margen ziehen noch immer Lieferungen aus Amerika, Indien und China an. Sie wirken aber langsamer als die Kräfte in die Gegenrichtung, und eine von ihnen hängt inzwischen von einer Abstimmung in Washington ab. Es ist möglich, dass meine Erkenntnis über die eigene Voreingenommenheit gerade ihre Gültigkeit verliert. Genauso möglich ist, dass sich das System ein weiteres Mal anpasst, wie schon das ganze Jahr über, und ich im Februar eine weitere Zeile unter „zu schwerwiegend“ in meine Tabelle eintragen muss. Ich weiß nicht, was von beidem geschieht. Aber ich kann aufschreiben, was ich erwarte, mit Daten, und Ihnen sagen, worauf Sie achten sollten.

Seit September hat sich eine Sache zugunsten Europas verändert, ohne dass irgendjemand in Europa etwas dafür getan hätte. Ein sehr starkes El Niño macht einen milden Winter wahrscheinlich. Mein Modell setzt die Wahrscheinlichkeit, dass der Zeitraum Dezember bis Februar wärmer wird als der Durchschnitt von 1991 bis 2020, inzwischen auf 82 Prozent. Das senkt das Gasrisiko spürbar.
Für Diesel hilft es wesentlich weniger. Im selben Modell hat der Zustand der Meerenge ungefähr den dreifachen Einfluss auf Diesel, Heizöl und Kerosin wie ein deutlich kälterer Winter. Und eine späte Kälteperiode im Februar würde den Vorteil beim Gas vollständig zunichtemachen. Deshalb liegen die folgenden Zahlen unter denen, die ich im September schrieb. Das Wetter hat sie verändert. Die Puffer sind nicht zurückgekehrt.

Wahrscheinlichkeit, dass bis zum 31. Dezember in mindestens einem EU‑Staat nationale Lagerfreigaben in Kraft sind: 95 Prozent. Wahrscheinlichkeit für eine Dieselrationierung an Tankstellen in der gesamten EU bis zum 31. März, meine Welle 3: 1 Prozent. Wahrscheinlichkeit, dass vor dem 31. März mindestens ein Flughafen in der EU die Treibstoffaufnahme per NOTAM einschränkt: 58 Prozent; dass ein großes Drehkreuz dies tut: 7 Prozent.

Zuletzt aktualisiert am 08. November 2026 um 21:21