Das Buch „Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen“ von Yuval Noah Harari ist zwar bereits 2017 erschienen, enthält aber umso interessantere Gedanken zu den Entwicklungen rund um KI und sonstige gesellschaftliche Veränderungen. Hier daher wieder eine Zusammenfassung.
Zusammenfassung
Yuval Noah Harari beschreibt in Homo Deus eine Menschheit, die ihre traditionellen Überlebensprobleme zunehmend unter Kontrolle gebracht hat. Hunger, Seuchen und Krieg sind zwar nicht verschwunden, haben sich jedoch von vermeintlich unbeherrschbaren Naturgewalten zu politischen, wirtschaftlichen und organisatorischen Herausforderungen entwickelt. Dadurch verschiebt sich die menschliche Agenda: An die Stelle des bloßen Überlebens treten die Ziele Unsterblichkeit, Glück und göttliche Schöpferkraft.
Vom Überleben zum Streben nach mehr
Harari zeichnet zunächst ein optimistisches Bild des vergangenen Fortschritts. Wirtschaftswachstum, wissenschaftliche Erkenntnisse, Medizin und eine bessere Versorgung mit Energie und Rohstoffen haben die Lebensbedingungen großer Teile der Menschheit verbessert. Hunger, Krankheiten und Gewalt verursachen heute – global betrachtet – deutlich weniger Todesfälle als in früheren Epochen.
„Wenn wir unsere Errungenschaften der Vergangenheit anerkennen, dann erwächst daraus eine Botschaft der Hoffnung und der Verantwortung, die uns zu noch größeren Anstrengungen in der Zukunft ermutigt.“
Diese Fortschritte haben jedoch eine Kehrseite. Die moderne Gesellschaft erzeugt ihren Wohlstand durch ein Wirtschafts- und Wachstumssystem, das die ökologischen Grundlagen dieses Wohlstands belastet:
„Wir haben es in erster Linie dank unseres phänomenalen Wirtschaftswachstums, das uns mit reichlich Nahrung, Medizin, Energie und Rohstoffen versorgt, geschafft, Hunger, Krankheit und Krieg unter Kontrolle zu bringen. Doch genau dieses Wachstum destabilisiert das ökologische Gleichgewicht des Planeten auf vielfältige Weise.“
Damit entsteht ein grundlegendes Dilemma: Die Menschheit verfügt über immer mehr technische und wirtschaftliche Macht, ist aber zugleich von einem System abhängig, das seine eigene ökologische Basis gefährdet. Obwohl die Folgen des Klimawandels und der Umweltzerstörung bekannt sind, fehlt vielfach die Bereitschaft, dafür reale wirtschaftliche und politische Kosten zu tragen.
Wachstum als moderne Glaubensüberzeugung
Harari interpretiert den Glauben an Wirtschaftswachstum nicht nur als ökonomische Theorie, sondern als eine Art moderne Religion. Kapitalismus, Sozialismus und andere politische Systeme unterscheiden sich in vielen Punkten, teilen aber häufig die Vorstellung, dass eine wachsende Wirtschaft die Voraussetzung für gesellschaftlichen Fortschritt und politische Stabilität ist.
„Wirtschaftswachstum ist somit zu einem wichtigen Knotenpunkt geworden, an dem sich fast alle modernen Religionen, Ideologien und Bewegungen treffen.“
Diese Wachstumslogik setzt jedoch voraus, dass immer neue Bedürfnisse, Märkte und Projekte entstehen. Eine Gesellschaft, die auf kontinuierliche Expansion angewiesen ist, kann sich nur schwer mit einem stabilen Gleichgewicht zufriedengeben. Deshalb wird der Mensch ständig dazu motiviert, mehr zu konsumieren, mehr zu leisten und neue Ziele zu verfolgen.
Harari stellt diesem Zwang zur Steigerung die Frage entgegen, ob die Menschheit nicht lernen müsste, mit dem bereits Erreichten auszukommen:
„Werden wir uns damit zufriedengeben, uns an dem Erreichten zu erfreuen, Hunger, Krankheit und Krieg im Zaum zu halten und das ökologische Gleichgewicht zu bewahren?“
Seine Antwort fällt skeptisch aus. Der menschliche Geist reagiert auf Fortschritt nicht automatisch mit Zufriedenheit, sondern entwickelt neue Erwartungen. Verbesserte Lebensbedingungen führen daher nicht zwingend zu größerem Glück, sondern häufig zu höheren Ansprüchen.
Glück und die Grenzen materiellen Fortschritts
Harari unterscheidet zwischen objektiven Lebensbedingungen und subjektivem Glück. Menschen fühlen sich nicht deshalb zufrieden, weil es ihnen im historischen Vergleich besser geht, sondern weil ihre tatsächliche Lebenssituation ihren Erwartungen entspricht. Steigende Erwartungen können deshalb einen Teil des materiellen Fortschritts wieder neutralisieren.
„Auf psychologischer Ebene hängt Glück eher von Erwartungen als von objektiven Bedingungen ab.“
Das menschliche Belohnungssystem sorgt dafür, dass angenehme Empfindungen nur vorübergehend anhalten. Nahrung, Besitz, Status oder sexuelle Erfüllung führen zu kurzfristiger Befriedigung, erzeugen aber zugleich neue Bedürfnisse. Dauerhafte Zufriedenheit ist auf diesem Weg kaum erreichbar.
Harari formuliert deshalb eine radikale Gegenposition zur modernen Beschleunigungslogik:
„Um wahres Glück zu erlangen, müssen die Menschen das Streben nach angenehmen Empfindungen verlangsamen und nicht beschleunigen.“
Diese Überlegung besitzt auch eine gesellschaftliche und politische Dimension. Wenn Wirtschaft und Konsum auf ständig wachsendem Begehren beruhen, wird die Suche nach Glück zu einem Motor für Ressourcenverbrauch, Konkurrenz und ökologische Belastung. Die Frage nach dem guten Leben ist damit untrennbar mit der Frage nach einem tragfähigen Wirtschaftssystem verbunden.
Kooperation, gemeinsame Erzählungen und Macht
Ein zentraler Gedanke Hararis lautet, dass die besondere Stärke des Menschen nicht allein in seiner individuellen Intelligenz liegt. Entscheidend sei vielmehr die Fähigkeit, in großer Zahl flexibel mit Fremden zu kooperieren.
„Die Menschen beherrschen den Planeten heutzutage nicht deshalb vollkommen, weil der einzelne Mensch viel klüger und viel fingerfertiger ist als der einzelne Schimpanse oder Wolf, sondern weil Homo sapiens als einzige Art auf Erden in der Lage ist, in großer Zahl flexibel zu kooperieren.“
Diese Zusammenarbeit beruht laut Harari auf gemeinsamen Erzählungen und abstrakten Vorstellungen. Staaten, Geld, Unternehmen, Gesetze, Religionen und politische Ideologien existieren nicht wie Flüsse oder Berge als objektive Naturgegenstände. Sie werden wirksam, weil viele Menschen an sie glauben und ihr Verhalten daran ausrichten.
Solche gemeinsamen Fiktionen sind nicht grundsätzlich nutzlos oder schädlich. Im Gegenteil: Ohne sie könnten komplexe Gesellschaften nicht funktionieren. Problematisch wird es jedoch, wenn Erzählungen die Wirklichkeit verdrängen und Institutionen ihre eigenen Annahmen gegen widersprechende Fakten verteidigen.
„Wenn offizielle Berichte mit der objektiven Wirklichkeit kollidierten, war es oftmals die Wirklichkeit, die nachgeben musste.“
Diese Beobachtung lässt sich auch auf moderne Organisationen, Behörden und technische Systeme übertragen. Kennzahlen, Modelle und Planungsannahmen können ursprünglich dazu dienen, die Realität besser zu beschreiben. Mit der Zeit besteht jedoch die Gefahr, dass Entscheidungen nur noch danach beurteilt werden, ob sie mit dem Modell oder dem Formular übereinstimmen – nicht danach, ob sie in der realen Welt funktionieren.
Die neue Gefahr: Intelligenz ohne Bewusstsein
Im letzten Teil des Buches verlagert Harari den Schwerpunkt auf künstliche Intelligenz, Algorithmen und Biotechnologie. Seine zentrale These lautet, dass sich Intelligenz künftig vom Bewusstsein abkoppeln könnte. Bislang gingen Menschen davon aus, dass komplexe Aufgaben zwingend ein bewusstes Wesen erfordern. Harari hält diese Annahme für möglicherweise falsch.
„Menschen stehen in der Gefahr, ihren ökonomischen Wert zu verlieren, weil sich Intelligenz vom Bewusstsein abkoppelt.“
Viele Tätigkeiten beruhen auf Mustererkennung, Datenanalyse und Wahrscheinlichkeitsberechnung. In diesen Bereichen könnten nichtbewusste Algorithmen Menschen zunehmend übertreffen. Das betrifft nicht nur körperliche Routinearbeit, sondern auch Berufe in Medizin, Verwaltung, Verkehr, Finanzwesen, Design und Beratung.
Die daraus entstehende Herausforderung besteht nicht lediglich darin, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Entscheidend ist vielmehr, ob neue Tätigkeiten entstehen, die Menschen tatsächlich besser ausführen können als Algorithmen:
„Das entscheidende Problem ist nicht die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Das entscheidende Problem ist die Schaffung neuer Jobs, die Menschen besser verrichten als Algorithmen.“
Sollte dies nicht gelingen, könnte eine große Gruppe von Menschen ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung verlieren. Harari spricht provokant von einer möglichen „nutzlosen Klasse“ – Menschen, die nicht nur arbeitslos, sondern für die ökonomischen Prozesse überhaupt nicht mehr erforderlich sind.
Daten, Algorithmen und der Verlust der Autonomie
Harari beschreibt darüber hinaus eine mögliche Zukunft, in der externe Algorithmen die Menschen besser kennen als diese sich selbst. Sie könnten aus Gesundheitsdaten, Kommunikationsmustern, Konsumverhalten und biometrischen Informationen Vorlieben, Ängste und Entscheidungen präziser ableiten als das menschliche Bewusstsein.
Damit gerät das humanistische Ideal des autonomen Individuums unter Druck. Wenn Algorithmen unsere Bedürfnisse zuverlässiger prognostizieren und unsere Entscheidungen effektiver beeinflussen können, könnte die Macht schrittweise von einzelnen Menschen und demokratischen Institutionen auf datenbasierte Systeme übergehen.
„Die Menschen überlassen nicht zuletzt deshalb, weil sie mit der Datenflut nicht mehr zurechtkommen, die Macht dem freien Markt, der Weisheit der Crowd und externen Algorithmen.“
Die entscheidende Ressource ist dann nicht mehr nur der Zugang zu Informationen, sondern die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden:
„In früheren Zeiten bedeutete Macht, Zugang zu Daten zu haben. Heute bedeutet Macht zu wissen, was man ignorieren kann.“
Diese Aussage ist für eine zunehmend vernetzte Infrastrukturgesellschaft besonders relevant. In komplexen Systemen kann nicht jede Information gleich wichtig sein. Wer die Auswahl, Gewichtung und Interpretation von Daten kontrolliert, beeinflusst auch Entscheidungen, Prioritäten und Reaktionsgeschwindigkeiten.
Bedeutung für Resilienz und Krisenvorsorge
Hararis Analyse lässt sich auf die Verwundbarkeit moderner Versorgungssysteme übertragen. Die moderne Gesellschaft hat ihre Leistungsfähigkeit durch Vernetzung, Spezialisierung, Digitalisierung und arbeitsteilige Abläufe enorm gesteigert. Gleichzeitig sind dadurch Abhängigkeiten entstanden, die für einzelne Akteure kaum noch vollständig überschaubar sind.
Je stärker Energieversorgung, Kommunikation, Logistik, Finanzsysteme, Verkehr und Verwaltung miteinander gekoppelt sind, desto größer wird die Bedeutung gemeinsamer Modelle, Datenströme und automatisierter Entscheidungen. Zugleich steigt das Risiko, dass Störungen nicht isoliert bleiben, sondern sich über Systemgrenzen hinweg ausbreiten.
Hararis Warnung vor der wachsenden Kluft zwischen menschlichem Bewusstsein und maschineller Datenverarbeitung berührt daher auch die Frage der Krisenfähigkeit: Technische Systeme können immer leistungsfähiger werden, ohne dadurch automatisch resilienter zu sein. Ein System, das im Normalbetrieb hochoptimiert funktioniert, kann bei Ausfällen, widersprüchlichen Daten oder unerwarteten Ereignissen besonders anfällig werden.
Für die Krisenvorsorge folgt daraus eine wichtige Konsequenz: Resilienz darf nicht allein auf Effizienz, Automatisierung und zentraler Datenverarbeitung beruhen. Notwendig sind zusätzlich dezentrale Handlungsmöglichkeiten, redundante Strukturen, menschliche Entscheidungskompetenz, robuste Kommunikationswege und eingeübte Krisenorganisation.
Schlussgedanke
Hararis zentrale Warnung lautet nicht, dass technischer Fortschritt grundsätzlich abzulehnen sei. Vielmehr fordert er dazu auf, die Voraussetzungen und Nebenwirkungen dieses Fortschritts kritisch zu prüfen. Die Menschheit besitzt heute außergewöhnliche technische Möglichkeiten, aber noch keine ausreichende Kontrolle über die komplexen Systeme, die sie geschaffen hat.
Die entscheidenden Fragen lauten daher:
„Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung?“
„Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein?“
„Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?“
Für eine resiliente Gesellschaft genügt es nicht, immer mehr Daten zu sammeln und immer leistungsfähigere Systeme zu entwickeln. Sie muss auch klären, welche Werte, Ziele und Grenzen diese Systeme bestimmen sollen – und wie Menschen handlungsfähig bleiben, wenn hochvernetzte technische, wirtschaftliche oder politische Strukturen ausfallen.
Zitate
Kapitel 1: Die neue menschliche Agenda
Es waren immer die gleichen drei Probleme, welche die Menschen beschäftigten. Ganz oben auf der Liste standen stets Hunger, Krankheit und Krieg.
Die meisten Menschen denken selten daran, doch in den letzten Jahrzehnten ist es uns gelungen, Hunger, Krankheit und Krieg im Zaum zu halten. Natürlich sind diese Probleme nicht vollständig gelöst, aber was einmal unbegreifliche und unkontrollierbare Kräfte der Natur waren, sind jetzt Herausforderungen, die sich bewältigen lassen. Wir müssen zu keinem Gott oder Heiligen mehr beten, um davor bewahrt zu werden. Wir wissen ziemlich genau, was zu tun ist, um Hunger, Krankheit und Krieg zu verhindern – und in der Regel gelingt uns das auch.
Zum ersten Mal in der Geschichte sterben mehr Menschen, weil sie zu viel essen, und nicht, weil sie zu wenig essen. Mehr Menschen sterben an Altersschwäche als an ansteckenden Krankheiten. Und mehr Menschen begehen Selbstmord, als von Soldaten, Terroristen und Kriminellen zusammen getötet werden. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stirbt der Durchschnittsmensch mit größerer Wahrscheinlichkeit, weil er sich bei McDonald’s vollstopft, als durch eine Dürre, Ebola oder einen Anschlag von al‑Qaida.
Bis vor Kurzem lebten die meisten Menschen hart an der biologischen Armutsgrenze, unterhalb derer sie an Unterernährung und Hunger leiden. Ein kleiner Fehler oder ein bisschen Pech konnten für eine ganze Familie oder ein Dorf leicht den Tod bedeuten.
Wenn das alte Ägypten oder das mittelalterliche Indien von schweren Dürren heimgesucht wurden, war es beileibe keine Seltenheit, dass fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung umkamen.
Es gibt heute praktisch keine «natürlichen» Hungersnöte mehr auf dieser Welt, sondern nur politische.
Zwar leiden noch immer Millionen von Menschen jeden Tag Hunger, aber in den meisten Ländern sterben nur recht wenige tatsächlich daran.
Im Jahr 2014 waren mehr als 2,1 Milliarden Menschen übergewichtig, während 850 Millionen an Unterernährung litten. Für 2030 geht man davon aus, dass die Hälfte der Menschheit Übergewicht haben wird.
Zweitgrößter Feind der Menschheit nach dem Hunger waren Seuchen und ansteckende Krankheiten.
Hatten im März 1520, als die spanische Flottille eintraf, noch 22 Millionen Menschen in Mexiko gelebt, so waren es im Dezember nur noch 14 Millionen. Doch die Pocken waren nur der erste Schlag. Während sich die neuen spanischen Herren eifrig selbst bereicherten und die Einheimischen ausbeuteten, wurde Mexiko von einer tödlichen Welle nach der anderen erfasst – Grippe, Masern und andere Infektionskrankheiten –, bis die Bevölkerung 1580 schließlich auf weniger als zwei Millionen Menschen geschrumpft war. Zwei Jahrhunderte später, am 18. Januar 1778, erreichte der britische Entdecker James Cook Hawaii. Die dortigen Inseln waren dicht besiedelt mit einer halben Million Menschen, die bis dahin vollkommen isoliert von Europa und Amerika gelebt hatten und folglich nie europäischen und amerikanischen Krankheiten ausgesetzt gewesen waren. Captain Cook und seine Männer brachten erstmals die Grippe, die Tuberkulose und Syphilis-Erreger nach Hawaii. Nachfolgende Besucher aus Europa hatten noch Typhus und Pocken im Gepäck. 1853 lebten nur noch 70.000 Menschen auf der Inselkette.
Insgesamt tötete die Spanische-Grippe-Pandemie innerhalb von weniger als einem Jahr zwischen 50 und 100 Millionen Menschen. Dem Ersten Weltkrieg fielen in den vier Jahren zwischen 1914 und 1918 dagegen 40 Millionen Menschen zum Opfer.
Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein starb rund ein Drittel der Kinder, noch bevor sie das Erwachsenenalter erreicht hatten, an einer Mischung aus Unterernährung und Krankheit.
Man könnte deshalb erwarten, dass wir in einer epidemiologischen Hölle leben, in der eine todbringende Seuche die nächste jagt. Doch sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität von Epidemien sind in den letzten Jahrzehnten drastisch zurückgegangen.
Heute sterben weniger als fünf Prozent der Kinder vor Erreichen des Erwachsenenalters. In den Industrieländern liegt diese Quote bei unter einem Prozent.
Innerhalb von noch einmal zehn Jahren verwandelten neue Medikamente Aids von einem Todesurteil in einen chronischen Zustand (zumindest für diejenigen, die sich die kostspielige Behandlung leisten können).
War menschliche Gewalt in antiken Agrargesellschaften noch für 15 Prozent aller Todesfälle verantwortlich gewesen, so sank dieser Wert im Laufe des 20. Jahrhunderts auf fünf Prozent und liegt Anfang des 21. Jahrhunderts weltweit bei nur noch einem Prozent. 2012 starben auf der ganzen Welt rund 56 Millionen Menschen – 620.000 von ihnen fielen menschlicher Gewalt zum Opfer (120.000 dem Krieg und 500.000 der Kriminalität). Im Vergleich dazu begingen 800.000 Menschen Selbstmord, und rund 1,5 Millionen starben an Diabetes. Zucker ist heute gefährlicher als Schießpulver.
Terror ist eine Strategie der Schwäche, die von denen genutzt wird, denen es an Zugang zu realer Macht fehlt. Zumindest in der Vergangenheit funktionierte Terror dadurch, dass er Angst und Schrecken verbreitete, und nicht, weil er beträchtlichen materiellen Schaden angerichtet hätte.
Während 2010 rund drei Millionen Menschen an Fettleibigkeit und damit verbundenen Krankheiten starben, töteten Terroristen weltweit 7697 Menschen, die meisten davon in Entwicklungsländern. Für den Durchschnittsamerikaner oder -europäer stellt Coca-Cola eine weitaus tödlichere Bedrohung dar als al-Qaida.
Indem sie ihre Gegner zu einer Überreaktion provozieren. Im Kern ist der Terrorismus reine Show. Terroristen inszenieren ein entsetzliches Gewaltspektakel, das unsere Köpfe besetzt und uns das Gefühl vermittelt, wir würden ins mittelalterliche Chaos zurückschlittern. In der Folge fühlen sich Staaten oft dazu verpflichtet, auf dieses Theater des Terrors mit einer Sicherheitsshow zu reagieren und wuchtig ein ganzes Ensemble staatlicher Gewalt zu präsentieren, etwa die Verfolgung ganzer Bevölkerungsgruppen oder den Einmarsch in fremde Länder. In den meisten Fällen stellt diese Überreaktion auf den Terror eine viel größere Gefahr für unsere Sicherheit dar als die Terroristen selbst. Terroristen sind wie eine Fliege, die einen Porzellanladen zu zerschlagen versucht. Die Fliege ist so schwach, dass sie nicht einmal eine Teetasse ins Wanken bringt. Also sucht sie sich einen Stier, setzt sich in dessen Ohr und beginnt zu summen. Der Stier gerät in Panik und Wut und verwüstet den Porzellanladen.
Wenn wir unsere Errungenschaften der Vergangenheit anerkennen, dann erwächst daraus eine Botschaft der Hoffnung und der Verantwortung, die uns zu noch größeren Anstrengungen in der Zukunft ermutigt. Angesichts der Fortschritte des 20. Jahrhunderts können wir, wenn Menschen weiterhin unter Hunger, Krankheit und Krieg leiden, nicht mehr die Natur oder Gott dafür verantwortlich machen. Es liegt in unserer Macht, die Dinge zum Besseren zu wenden und Leid noch weiter zu verringern.
Wir haben es in erster Linie dank unseres phänomenalen Wirtschaftswachstums, das uns mit reichlich Nahrung, Medizin, Energie und Rohstoffen versorgt, geschafft, Hunger, Krankheit und Krieg unter Kontrolle zu bringen. Doch genau dieses Wachstum destabilisiert das ökologische Gleichgewicht des Planeten auf vielfältige Weise, und wir haben gerade erst damit begonnen, diese Auswirkungen zu erforschen. Die Menschheit hat diese Gefahr spät erkannt und bislang wenig dagegen getan. Trotz allen Geredes über Umweltverschmutzung, globale Erwärmung und Klimawandel müssen die meisten Länder erst noch wirkliche ökonomische und politische Opfer bringen, um die Lage zu verbessern.
Werden wir uns damit zufriedengeben, uns an dem Erreichten zu erfreuen, Hunger, Krankheit und Krieg im Zaum zu halten und das ökologische Gleichgewicht zu bewahren? Das könnte tatsächlich die klügste Strategie sein, doch die Menschheit wird sie vermutlich nicht verfolgen. Menschen sind selten mit dem zufrieden, was sie haben. Der menschliche Geist reagiert auf Errungenschaften in der Regel nicht mit Zufriedenheit, sondern mit dem Verlangen nach mehr. Menschen sind fortwährend auf der Suche nach Dingen, die besser, größer, leckerer sind.
Nachdem wir ein beispielloses Maß an Wohlstand, Gesundheit und Harmonie erreicht haben, und angesichts unserer vergangenen Bilanz und unserer gegenwärtigen Werte werden die nächsten Ziele der Menschheit wahrscheinlich Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit sein.
In Wahrheit hat die moderne Medizin unsere natürliche Lebensspanne bislang nicht um ein einziges Jahr verlängert. Ihre größte Leistung war es, uns vor dem vorzeitigen Tod zu bewahren, sodass wir in den vollen Genuss unserer Jahre kommen. Selbst wenn wir jetzt Krebs, Diabetes und andere Massenmörder besiegen, würde das lediglich bedeuten, dass so gut wie jeder jetzt neunzig wird– aber es wird nicht ausreichen, um 150 oder gar 500 Jahre alt zu werden.
Als Epikur das Glück als höchstes Gut definierte, gab er seinen Schülern als Warnung mit auf den Weg, glücklich zu sein, sei harte Arbeit. Materielle Errungenschaften allein werden uns nicht lange zufriedenstellen. Im Gegenteil, die blinde Jagd nach Glück, Ruhm und Vergnügen wird uns nur unglücklich machen.
In Peru, Guatemala, den Philippinen und Albanien – Entwicklungsländern, die unter Armut und politischer Instabilität leiden – nehmen sich weniger als fünf von 100.000 Menschen jedes Jahr das Leben. In reichen und friedlichen Ländern wie der Schweiz, Frankreich, Japan und Neuseeland begehen mehr als zehn von 100.000 Menschen Jahr für Jahr Selbstmord. Im Jahr 1985 war Südkorea ein relativ armes, der Tradition verhaftetes Land, das von einem autoritären Regime beherrscht wurde.
Auf psychologischer Ebene hängt Glück eher von Erwartungen als von objektiven Bedingungen ab. Wir beziehen keine Befriedigung daraus, dass wir ein friedliches und prosperierendes Dasein führen. Vielmehr sind wir zufrieden, wenn die Realität unseren Erwartungen entspricht. Die schlechte Nachricht ist, dass sich die Lage zwar verbessert hat, gleichzeitig aber die Erwartungen förmlich explodiert sind. Dramatische Verbesserungen der Lage, wie die Menschheit sie in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, übersetzen sich eher in größere Erwartungen denn in größere Zufriedenheit.
Die Menschen macht nur eine einzige Sache glücklich: angenehme Empfindungen in ihrem Körper.
Seit unzähligen Generationen wurde unser biochemisches System dahingehend angepasst, dass es unsere Chancen auf Überleben und Reproduktion steigert, nicht aber unser Glück. Das biochemische System belohnt Handlungen, die dem Überleben und der Reproduktion dienlich sind, mit angenehmen Sinnesempfindungen. Doch die sind nur ein kurzlebiger Verkaufstrick. Wir bemühen uns, an Essen und Partner zu kommen, um unangenehme Gefühle des Hungers zu vermeiden und um in den Genuss von angenehmen Geschmackserlebnissen und glücklich machenden Orgasmen zu kommen. Doch diese Geschmackserlebnisse und diese Orgasmen halten nicht sehr lange vor, und wenn wir sie wieder erfahren wollen, müssen wir uns aufmachen und nach neuer Nahrung und neuen Partnern suchen. Was wäre geschehen, wenn eine seltene Mutation ein Eichhörnchen hervorgebracht hätte, das nach dem Verzehr einer einzigen Nuss ein dauerhaftes Glücksgefühl verspürt?
Doch wenn dem so gewesen sein sollte, dann kam dieses Eichhörnchen in den Genuss eines extrem glücklichen, aber extrem kurzen Lebens, und damit war diese seltene Mutation auch schon wieder beendet. Denn das glückliche Eichhörnchen hätte sich nicht mehr darum gekümmert, weiter nach Nüssen, geschweige denn nach Fortpflanzungspartnern zu suchen. Die konkurrierenden Eichhörnchen, die fünf Minuten nach dem Verzehr einer Nuss schon wieder Hunger verspürten, hatten deutlich bessere Chancen, zu überleben und ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Aus genau dem gleichen Grund stellen uns die Nüsse, die wir Menschen sammeln – lukrative Jobs, große Häuser, gut aussehende Partner – selten langfristig zufrieden.
Wenn ein Lebewesen nach etwas sucht, das seine Chancen auf Überleben und Reproduktion steigert (beispielsweise Nahrung, Partner oder Gesellschaftsstatus), produziert das Gehirn Empfindungen von Aufmerksamkeit und Erregung, die das Lebewesen zu noch größeren Anstrengungen animieren, weil sie so überaus angenehm sind.
Der Schlüssel zum Glück ist also möglicherweise weder der Wettkampf noch der Siegerkranz, sondern die richtige Dosierung von Erregung und Ruhe; die meisten von uns aber verfallen am liebsten direkt vom Stress in die Langeweile und wieder zurück, was dazu führt, dass sie mit dem einen so unzufrieden sind wie mit dem anderen.
Wenn Schüler unter Aufmerksamkeitsstörungen, Stress und schlechten Noten leiden, dann sollten wir dafür womöglich veraltete Unterrichtsmethoden, überfüllte Klassen und ein unnatürlich schnelles Lebenstempo verantwortlich machen. Sollten wir also vielleicht die Schulen ändern und nicht die Kinder?
Was einige Menschen zu erlangen hoffen, indem sie studieren, arbeiten oder eine Familie gründen, versuchen sich andere weitaus leichter durch die richtige Dosis an Molekülen zu verschaffen. Das bedeutet eine existenzielle Bedrohung für die Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, weshalb viele Länder einen hartnäckigen, blutigen und aussichtslosen Krieg gegen das biochemische Verbrechen führen.
Weil sich das biochemische Streben nach Glück beschleunigt, wird es auch Politik, Gesellschaft und Wirtschaft verändern und immer schwerer unter Kontrolle zu bringen sein.
Um wahres Glück zu erlangen, müssen die Menschen das Streben nach angenehmen Empfindungen verlangsamen und nicht beschleunigen.
Wenn der Geist lernt, die Empfindungen als das zu sehen, was sie sind– nämlich kurzlebige und bedeutungslose Vibrationen–, dann verlieren wir das Interesse, danach zu streben. Denn was hat es für einen Sinn, etwas hinterherzurennen, das genauso schnell verschwindet, wie es auftaucht?
Mit ihrem Streben nach Glück und Unsterblichkeit versuchen die Menschen in Wirklichkeit, sich zu Göttern zu erheben.
Bestimmte Fähigkeiten, die jahrtausendelang als göttlich galten, sind heute so alltäglich geworden, dass wir kaum noch darüber nachdenken.
Wenn es uns, zweitens, irgendwie doch gelingen sollte, auf die Bremse zu treten, wird unsere Wirtschaft samt unserer Gesellschaft zusammenbrechen. Wie ich in einem späteren Kapitel zeigen werde, braucht die moderne Wirtschaft, um zu überleben, fortwährendes und grenzenloses Wachstum. Sollte das Wachstum einmal ein Ende haben, wird sich die Wirtschaft nicht in irgendeinem Gleichgewichtszustand bequem machen; sie wird auseinanderfallen. Deshalb ermuntert der Kapitalismus uns dazu, nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit zu streben. Wir können nicht unbegrenzt viele Schuhe tragen, nicht unbegrenzt viele Autos fahren und nicht unbegrenzt oft Skiurlaub machen. Eine Ökonomie, die auf immerwährendem Wachstum gründet, braucht grenzenlose Projekte – wie eben das Streben nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit. Wenn wir nun aber grenzenlose Projekte brauchen, warum können wir uns dann nicht mit Glück und Unsterblichkeit zufriedengeben und zumindest die beängstigende Suche nach übermenschlichen Kräften aufgeben? Weil Letztere unauflöslich mit den beiden erstgenannten Zielen verknüpft sind.
So entstand die moderne plastische Chirurgie während des Ersten Weltkriegs, als Harold Gillies im Militärhospital von Aldershot Gesichtsverletzungen behandelte. Als der Krieg vorbei war, entdeckten Chirurgen, dass sie mit den gleichen Verfahren auch vollkommen gesunde, aber hässliche Riechorgane in wunderschöne Nasen verwandeln konnten. Zwar half die plastische Chirurgie weiterhin den Kranken und Verwundeten, aber ihre Aufmerksamkeit galt zunehmend der «Optimierung» der Gesunden. Heute verdienen Schönheitschirurgen ein Vermögen in Privatkliniken, deren ausdrückliches und einziges Ziel es ist, die Gesunden besser und die Reichen schöner zu machen.
Gleiches könnte im Bereich der Gentechnologie passieren. Man stelle sich den Aufschrei der Öffentlichkeit vor, wenn ein Milliardär ankündigen würde, er wolle superklugen Nachwuchs entwickeln. Aber so wird es nicht sein. Viel eher schlittern wir einen rutschigen Hang hinab. Das beginnt mit Eltern, deren genetisches Profil ihre Kinder einem hohen Risiko aussetzt, eine tödliche Erbkrankheit zu bekommen. Also entscheiden sie sich für eine In- vitro-Fertilisation und lassen die DNA der befruchteten Eizelle testen. Wenn alles in Ordnung ist, dann läuft alles ganz normal. Wenn der DNA-Test jedoch die befürchteten Mutationen nachweist– dann wird der Embryo zerstört.
Je mehr Daten wir sammeln und je besser wir all diese Daten verarbeiten können, desto wilder und unerwarteter werden die Ereignisse. Je mehr wir wissen, desto weniger können wir vorhersagen.
Wir können wissen, wie die Wirtschaft in der Vergangenheit funktionierte – aber wir haben keine Ahnung mehr, wie sie gegenwärtig funktioniert, von der Zukunft ganz zu schweigen.
Als die Menschen die marxistische Diagnose übernahmen, änderten sie entsprechend auch ihr Verhalten. In Ländern wie Großbritannien und Frankreich waren Kapitalisten bestrebt, das Los der Arbeiter zu verbessern, ihr Nationalbewusstsein zu stärken und sie ins politische System zu integrieren. Als die Werktätigen anschließend an Wahlen teilnehmen durften und in einem Land nach dem anderen Arbeiterparteien an die Macht kamen, konnten die Kapitalisten folglich weiterhin ruhig schlafen. In der Folge erfüllten sich die Prophezeiungen von Karl Marx nicht.
Das ist das Paradox historischen Wissens. Wissen, das Verhalten nicht verändert, ist nutzlos, aber Wissen, das Verhalten verändert, verliert rasch seine Relevanz. Je mehr Daten wir haben und je besser wir die Geschichte verstehen, desto schneller ändert die Geschichte ihren Lauf und desto schneller veraltet unser Wissen.
Heute wächst unser Wissen in halsbrecherischer Geschwindigkeit, und theoretisch sollten wir die Welt immer besser verstehen. Doch es geschieht das genaue Gegenteil.
Überall auf der Welt verbinden die Menschen Rasen mit Macht, Geld und Prestige. Der Rasen hat sich deshalb überallhin ausgebreitet und erobert jetzt sogar das Herz der muslimischen Welt.
Das ist der beste Grund, sich mit der Geschichte zu befassen: nicht um die Zukunft vorherzusagen, sondern um sich von der Vergangenheit zu befreien und sich andere Ziele auszumalen.
Wenn man mit einem mangelhaften Ideal beginnt, dann erkennt man seine Defizite oftmals erst, wenn es kurz vor der Verwirklichung steht.
Die Menschen haben üblicherweise Angst vor Veränderung, weil sie das Unbekannte fürchten.
I: Homo sapiens erobert die Welt
1980 gab es in Europa zwei Milliarden Wildvögel. 2009 waren davon nur noch 1,6 Milliarden übrig. Im gleichen Jahr züchteten die Europäer 1,9 Milliarden Hühner, um deren Fleisch und deren Eier zu verzehren.
Gegenwärtig sind mehr als neunzig Prozent aller großen Tiere dieser Welt (die also mehr als nur ein paar Kilogramm wiegen) entweder Menschen oder domestizierte Tiere.
Heute sind mehr als 90 Prozent aller großen Tiere domestiziert.
Ein Algorithmus ist eine methodische Abfolge von Schritten, mit deren Hilfe Berechnungen angestellt, Probleme gelöst und Entscheidungen getroffen werden können. Ein Algorithmus ist kein bestimmter Rechenvorgang, sondern die Methode, an die man sich hält, wenn man etwas berechnet.
Die Menschen beherrschen den Planeten heutzutage nicht deshalb vollkommen, weil der einzelne Mensch viel klüger und viel fingerfertiger ist als der einzelne Schimpanse oder Wolf, sondern weil Homo sapiens als einzige Art auf Erden in der Lage ist, in großer Zahl flexibel zu kooperieren. Natürlich spielten auch Intelligenz und Werkzeugherstellung eine wichtige Rolle. Aber hätten die Menschen nicht gelernt, in großer Zahl flexibel zusammenzuarbeiten, würden unsere schlauen Hirne und flinken Hände noch immer Feuersteine spalten und nicht Urankerne.
Soweit wir wissen, kann Homo sapiens auf sehr flexible Weise mit unzähligen Fremden kooperieren. Diese ganz konkrete Fähigkeit– und nicht eine unsterbliche Seele oder irgendeine einzigartige Form von Bewusstsein– erklärt unsere Herrschaft über den Planeten Erde.
Die Geschichte bietet jede Menge Belege dafür, wie wichtig Zusammenarbeit im großen Maßstab ist. Der Sieg ging fast ausnahmslos an diejenigen, die besser kooperierten– nicht nur bei Auseinandersetzungen zwischen Homo sapiens und anderen Tieren, sondern auch bei Konflikten zwischen verschiedenen Menschengruppen.
Die ganze Geschichte hindurch fiel es disziplinierten Armeen leicht, unorganisierte Horden vernichtend zu schlagen, und geeinte Eliten herrschten über die ungeordneten Massen. So kommandierten beispielsweise 1914 drei Millionen russische Adlige, Beamte und Unternehmer mehr als 180 Millionen Bauern und Arbeiter herum. Die russische Elite wusste, wie man zur Verteidigung der gemeinsamen Interessen zusammenarbeitete, während die 180 Millionen Gemeinen zu einer wirksamen Mobilisierung nicht in der Lage waren. Tatsächlich konzentrierte die Elite einen Großteil ihrer Bemühungen darauf, sicherzustellen, dass die 180 Millionen Menschen ganz unten niemals zu kooperieren lernten. Um eine Revolution anzuzetteln, kommt es nie allein auf die schiere Zahl an. Revolutionen werden üblicherweise von kleinen Netzwerken von Agitatoren in Gang gesetzt, nicht von den Massen. Wenn man eine Revolution anzetteln möchte, fragt man nicht: «Wie viele Menschen unterstützen meine Ideen?», sondern: «Wie viele meiner Anhänger sind zu effektiver Zusammenarbeit fähig?»
1917, zu einer Zeit, da die russische Ober- und Mittelschicht mindestens drei Millionen Menschen umfasste, zählte die Kommunistische Partei lediglich 23.000 Mitglieder. Trotzdem erlangten die Kommunisten die Kontrolle über das riesige russische Reich, eben weil sie gut organisiert waren.
Ceauşescu und seine Kumpanen herrschten vier Jahrzehnte lang über zwanzig Millionen Rumänen, weil sie drei Grundvoraussetzungen sicherstellten. Erstens sorgten sie dafür, dass loyale kommunistische Apparatschiks sämtliche Kooperationsnetzwerke kontrollierten, wie etwa die Armee, die Gewerkschaften und sogar die Sportverbände. Zweitens verhinderten sie, dass irgendwelche konkurrierenden Organisationen – ob nun politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Art – entstanden, die als Grundlage für eine antikommunistische Kooperation dienen konnten. Drittens setzten sie auf die Unterstützung der kommunistischen Schwesterparteien in der Sowjetunion und in Osteuropa. Trotz gelegentlicher Spannungen halfen sich diese Parteien in Zeiten der Not oder stellten zumindest sicher, dass niemand von außen seine Nase ins sozialistische Paradies steckte. Angesichts dieser Voraussetzungen waren die zwanzig Millionen Rumänen trotz aller Mühsal und allen Leids, das die herrschende Elite ihnen zufügte, nicht in der Lage, irgendwelchen wirkungsvollen Widerstand zu organisieren. Ceauşescu stürzte erst, als diese drei Bedingungen nicht mehr gegeben waren. Ende der 1980er Jahre gab die Sowjetunion ihre Schutzfunktion auf, und die kommunistischen Regime begannen, wie Dominosteine zu fallen. Im Dezember 1989 konnte Ceauşescu keinerlei Hilfe von außen erwarten. Im Gegenteil, die Revolutionen in den Nachbarländern machten der lokalen Opposition Mut. Die Kommunistische Partei selbst begann, in konkurrierende Lager zu zerfallen. Die Gemäßigten wollten Ceaușescu selbst loswerden und Reformen anstoßen, bevor es zu spät war. Indem Ceauşescu die Demonstration in Bukarest organisierte und live im Fernsehen übertragen ließ, verschaffte er selbst den Revolutionären die perfekte Gelegenheit, ihre Macht zu entdecken und gegen ihn aufzubegehren. Wie könnte sich eine Revolution schneller verbreiten, als wenn man sie im Fernsehen zeigt?
Doch als die Macht dem tollpatschigen Organisator auf dem Balkon aus den Händen glitt, ging sie nicht auf die Massen auf dem Platz über. So zahlreich und enthusiastisch die Menge auch war, so wusste sie doch nicht, wie sie sich organisieren sollte. Und so fiel die Macht genauso wie in Russland 1917 einer kleinen Gruppe politischer Akteure zu, deren einziger Vorzug gute Organisation war. Die rumänische Revolution wurde von der selbst erklärten Nationalen Heilsfront gekapert, hinter der sich in Wirklichkeit der gemäßigte Flügel der KP verbarg. Die Front verfügte über keine wirklichen Beziehungen zur demonstrierenden Menge. Sie war besetzt mit Parteivertretern der mittleren Ränge und wurde angeführt von Ion Iliescu, einem ehemaligen Mitglied des Zentralkomitees der KP und einstigen Leiter der Propagandaabteilung. Iliescu und seine Genossen in der Nationalen Heilsfront gaben sich als demokratische Politiker, sie verkündeten in jedes Mikrofon, das man ihnen vor die Nase hielt, sie seien die Anführer der Revolution, und nutzten dann ihre lange Erfahrung und ihre Beziehungsnetzwerke, um die Kontrolle über das Land zu übernehmen und dessen Ressourcen in die eigenen Taschen zu lenken. Im kommunistischen Rumänien gehörte fast alles dem Staat. Das demokratische Rumänien privatisierte rasch seine Vermögenswerte und verkaufte sie zu Schnäppchenpreisen an die ehemaligen Kommunisten, die als Einzige erkannten, was da vor sich ging, und gemeinsam ihre Schäfchen ins Trockene brachten. Staatliche Unternehmen, welche die nationale Infrastruktur und die Bodenschätze kontrollierten, wurden zu Schleuderpreisen an ehemalige kommunistische Offizielle verkauft, während das Fußvolk der Partei günstig Häuser und Wohnungen erwarb. Ion Iliescu wurde zum rumänischen Präsidenten gewählt, während seine Kollegen Minister, Parlamentarier, Bankdirektoren und Multimillionäre wurden. Die neue rumänische Elite, die das Land bis heute kontrolliert, besteht überwiegend aus ehemaligen Kommunisten und deren Familien. Die Massen, die in Timişoara und Bukarest Kopf und Kragen riskierten, mussten sich mit den Resten begnügen, weil sie nicht wussten, wie man kooperiert und wie man sich effizient organisiert, um die eigenen Interessen zu bedienen.
Ein ähnliches Schicksal wurde der ägyptischen Revolution 2011 zuteil.
Es ist jedoch eines, 100.000 Menschen auf den Tahrir-Platz zu bringen, und etwas ganz anderes, Zugriff auf die politische Maschinerie zu gewinnen, die richtigen Hände in den richtigen Hinterzimmern zu schütteln und ein Land effektiv zu regieren. Folglich konnten die Demonstranten, als Mubarak abtrat, das Vakuum nicht füllen. Ägypten verfügte lediglich über zwei Institutionen, die ausreichend organisiert waren, um das Land zu regieren: die Armee und die Muslimbrüder. So wurde die Revolution zunächst von den Muslimbrüdern vereinnahmt und schließlich von der Armee. Die rumänischen Exkommunisten und die ägyptischen Generäle waren nicht intelligenter oder fingerfertiger als die alten Diktatoren oder die Demonstranten in Bukarest und Kairo. Ihr Vorteil bestand in flexibler Kooperation. Sie arbeiteten besser zusammen als die Massen, und sie waren bereit, weitaus mehr Flexibilität an den Tag zu legen als die engstirnigen Diktatoren Ceaușescu und Mubarak.
Wie Forschungsergebnisse zeigen, kann ein Sapiens mit nicht mehr als 150 Individuen enge Beziehungen (ob feindseliger oder amouröser Art) ausbilden. Was auch immer die Menschen in die Lage versetzt, Netzwerke massenhafter Zusammenarbeit zu organisieren – enge Beziehungen sind es nicht.
Wir lehnen unfaire Angebote ab, weil Menschen, die solche Angebote klaglos akzeptierten, in der Steinzeit nicht überlebt haben.
Die Schrift erleichterte somit die Entstehung mächtiger fiktionaler Instanzen, die Millionen von Menschen organisierten und die Realität von Flüssen, Sümpfen und Krokodilen umgestalteten. Gleichzeitig machte es die Schrift auch den Menschen leichter, an die Existenz solch fiktionaler Phänomene zu glauben, denn sie gewöhnte sie daran, Wirklichkeit vermittelt über abstrakte Symbole zu erfahren.
Kein Herrscher konnte der Versuchung widerstehen, die Wirklichkeit mit einem Federstrich zu verändern, und wenn das in einer Katastrophe mündete, dann schien das Gegenmittel darin zu bestehen, noch mehr Memoranden zu verfassen und noch mehr Gesetzbücher, Erlässe und Befehle auszugeben. Geschriebene Sprache galt ursprünglich als bescheidene Möglichkeit zur Beschreibung der Wirklichkeit, doch nach und nach entpuppte sie sich als wirkungsvolle Methode, um die Realität umzumodeln. Wenn offizielle Berichte mit der objektiven Wirklichkeit kollidierten, war es oftmals die Wirklichkeit, die nachgeben musste. Jeder, der je mit den Steuerbehörden, dem Bildungssystem oder irgendeiner anderen komplexen Bürokratie zu tun hatte, weiß, dass die Wahrheit dort nicht wirklich zählt. Viel wichtiger ist, was auf ihrem Formular steht.
Wenn Bürokratien Macht anhäufen, werden sie gegenüber ihren eigenen Fehlern immun. Statt ihre Geschichten so abzuändern, dass sie mit der Realität übereinstimmen, können sie die Wirklichkeit so verändern, dass sie zu ihren Geschichten passt. Am Ende stimmen die äußere Wirklichkeit und die bürokratischen Fantasien überein, aber nur deshalb, weil die Bürokratie die Wirklichkeit dazu gezwungen hat.
Erst die Massenbildungssysteme des Industriezeitalters begannen damit, regelmäßig exakte Noten zu vergeben. Nachdem sowohl Fabriken als auch Ministerien sich daran gewöhnt hatten, in der Sprache von Zahlen zu denken, folgten ihnen schon bald die Schulen. Von nun an beurteilten sie den Wert jedes Schülers nach seiner oder ihrer Durchschnittsnote, während der Wert jedes Lehrers und Rektors sich am Gesamtdurchschnitt der Schule bemass. Kaum hatten Bürokraten diesen Maßstab übernommen, wurde die Wirklichkeit entsprechend umgestaltet.
Abraham Lincoln sprach davon, man könne nicht das ganze Volk die ganze Zeit täuschen. Schön wäre es. In der Praxis nämlich beruht die Macht menschlicher Kooperationsnetzwerke auf einem heiklen Gleichgewicht zwischen Wahrheit und Fiktion. Verzerrt man die Wirklichkeit zu sehr, wird einen das schwächen, und man kann gegen klarsichtigere Rivalen nicht mehr mithalten. Andererseits sind Menschen nur dann wirklich massenhaft zu mobilisieren, wenn erfundene Mythen im Spiel sind. Hält man sich also an nichts als die Wirklichkeit, ohne ihr irgendwelche Fiktion beizumischen, werden einem nur wenige folgen.
Gleiche geschieht, wenn das Bildungssystem erklärt, die beste Methode, die Schüler zu bewerten, seien Abiturprüfungen. Das System verfügt über genügend Autorität, um die Aufnahmebedingungen für Hochschulen und die Einstellungsvoraussetzungen für staatliche Stellen und Arbeitsplätze im Privatsektor zu beeinflussen. Die Schüler werden deshalb alles daransetzen, gute Noten zu bekommen. Begehrte Posten werden von Leuten mit guten Noten besetzt, die selbstverständlich das System, das sie so weit brachte, unterstützen. Die Tatsache, dass das Bildungssystem die entscheidenden Prüfungen kontrolliert, verschafft ihm noch mehr Macht und steigert seinen Einfluss auf Hochschulen, Regierungsposten und den Arbeitsmarkt. Wenn jemand protestiert, dieses Abschlusszeugnis sei doch nur ein Stück Papier, und sich entsprechend verhält, wird er es im Leben vermutlich nicht besonders weit bringen.
Noch heute legen US‑Präsidenten, wenn sie ihren Amtseid leisten, eine Hand auf die Bibel. Auch Zeugen vor Gericht schwören in vielen Ländern, darunter in den USA und Großbritannien, mit einer Hand auf der Bibel, die Wahrheit, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen. Die Ironie dabei ist: Sie schwören das ausgerechnet auf ein Buch, das so viele Erfindungen, Mythen und Irrtümer enthält.
Geschichte besteht nicht nur aus einem einzigen Narrativ, sondern aus Tausenden von alternativen Erzählungen. Indem wir uns entscheiden, eine davon zu erzählen, entscheiden wir uns auch, die anderen zum Schweigen zu verdammen.
Die Ursache für den Krieg ist fiktional, aber das Leid, das er verursacht, ist zu einhundert Prozent real. Und aus genau diesem Grund sollten wir darauf bedacht sein, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden. Fiktion ist nicht schlimm. Sie ist lebenswichtig. Ohne gemeinsam akzeptierte Geschichten über Dinge wie Geld, Staaten oder Unternehmen kann eine komplexe menschliche Gesellschaft nicht funktionieren.
Mithilfe von Biotechnologie und Computeralgorithmen werden diese Religionen nicht nur jede Minute unseres Daseins kontrollieren, sondern auch in der Lage sein, unseren Körper, unser Gehirn und unseren Geist zu verändern sowie durch und durch virtuelle Welten zu erschaffen. Es wird deshalb immer schwieriger, aber auch immer wichtiger werden, Fiktion und Wirklichkeit sowie Religion und Wissenschaft auseinanderzuhalten.
Die moderne Wissenschaft hat ohne Zweifel die Spielregeln verändert, aber sie hat nicht einfach Mythen durch Fakten ersetzt. Mythen beherrschen weiterhin die Menschheit. Die Wissenschaft verstärkt diese Mythen nur noch. Statt die intersubjektive Realität zu zerstören, wird die Wissenschaft sie in die Lage versetzen, die objektive und die subjektive Realität noch umfassender als bisher zu kontrollieren. Dank Computern und Biotechnologie wird sich der Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit auflösen, wenn die Menschen die Realität so ummodeln, dass sie ihren Lieblingsfiktionen entspricht.
Religion wird von Menschen und nicht von Göttern geschaffen und definiert sich eher über ihre soziale Funktion als über die Existenz von Gottheiten. Religion ist jede allumfassende Geschichte, die menschlichen Gesetzen, Normen und Werten eine übermenschliche Legitimation verschafft. Sie legitimiert menschliche Gesellschaftsstrukturen, indem sie behauptet, in ihnen würden sich übermenschliche Gesetze widerspiegeln. Religion behauptet, wir Menschen seien einem System moralischer Gesetze unterworfen, das wir nicht erfunden haben und das wir nicht verändern können.
Jede Gesellschaft erklärt ihren Mitgliedern, sie müssten sich an irgendein übermenschliches moralisches Gesetz halten, und wenn man gegen dieses Gesetz verstoße, werde das in einer Katastrophe münden.
Anhänger jeder Religion sind überzeugt, allein ihr Glaube sei wahr.
Religion liefert eine vollständige Beschreibung der Welt und bietet uns einen detaillierten Vertrag mit vorgegebenen Zielen.
Menschliche Zusammenarbeit erfordert eher feste Antworten als bloße Fragen, und diejenigen, die gegen unglaubwürdige Glaubensstrukturen aufbegehren, setzen am Ende an deren Stelle nur wieder neue Strukturen. Das gilt für die Dualisten, deren spirituelle Reisen zum religiösen Establishment wurden. Das gilt für Martin Luther, der, nachdem er die Gesetze, Institutionen und Rituale der katholischen Kirche in Frage gestellt hatte, selbst neue Gesetzbücher verfasste, neue Institutionen gründete und neue Zeremonien erfand. Das gilt sogar für Buddha und Jesus. In ihrer kompromisslosen Suche nach der Wahrheit unterwanderten sie die Gesetze, Rituale und Strukturen des traditionellen Hinduismus und Judentums. Am Ende aber wurden in ihrem Namen mehr Gesetze, mehr Rituale und mehr Strukturen geschaffen als im Namen irgendeiner anderen Person in der Geschichte.
Wir können nun ein ganzes Arsenal an wissenschaftlichen Methoden zum Einsatz bringen, um festzustellen, wer die Bibel wann geschrieben hat.
Um es kurz zu machen: Die meisten ernst zu nehmenden Untersuchungen stimmen darin überein, dass die Bibel eine Zusammenstellung vieler unterschiedlicher Texte ist, die von unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten verfasst wurden, und dass diese Texte erst lange nach den biblischen Zeiten zu einem einzigen heiligen Buch kompiliert wurden. So lebte beispielsweise König David vermutlich um das Jahr 1000 v. Chr., doch man nimmt gemeinhin an, dass das 5. Buch Mose (Deuteronomium) irgendwann um 620 v. Chr. am Hofe König Joschijas von Juda verfasst wurde, und zwar im Zuge einer Propagandakampagne, mit der Joschijas Macht gestärkt werden sollte. Das 3. Buch Mose (Leviticus) wurde noch später zusammengestellt, nämlich nicht vor 500 v. Chr. Was die Vorstellung angeht, die antiken Juden hätten den biblischen Text sorgsam bewahrt, ohne irgendetwas hinzuzufügen oder wegzunehmen, verweisen Wissenschaftler darauf, dass das biblische Judentum gar keine Schriftreligion war.
Wissenschaft bringen wir häufig mit den Werten des Säkularismus und der Toleranz in Verbindung. Insofern ist das frühneuzeitliche Europa so ziemlich der letzte Ort, an dem man eine wissenschaftliche Revolution hätte erwarten können. In den Tagen von Kolumbus, Kopernikus und Newton wies Europa die weltweit höchste Dichte an Glaubensfanatikern und den geringsten Grad an Toleranz auf.
Wer um 1600 nach Kairo oder Istanbul reiste, fand dort multikulturelle und tolerante Metropolen vor, wo Sunniten, Schiiten, orthodoxe Christen, Katholiken, Armenier, Kopten, Juden und sogar ein paar Hindus in relativer Harmonie Seite an Seite lebten. Zwar gab es auch hier Meinungsverschiedenheiten und Unruhen, doch obwohl das Osmanische Reich immer wieder Menschen aus religiösen Gründen diskriminierte, war es im Vergleich zu Europa ein liberales Paradies.
Theoretisch geht es Wissenschaft und Religion in erster Linie um die Wahrheit, und weil beide jeweils eine andere Wahrheit hochhalten, kommt es unvermeidlich zum Zusammenstoß. Tatsächlich jedoch scheren sich weder Wissenschaft noch Religion so sehr um die Wahrheit, weshalb sie unschwer Kompromisse schließen, koexistieren und sogar kooperieren können. Der Religion geht es vor allem anderen um Ordnung. Ihr Ziel ist es, eine Gesellschaftsstruktur zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Der Wissenschaft geht es in erster Linie um Macht. Sie will Macht erlangen, um Krankheiten zu heilen, Kriege zu führen und Nahrungsmittel zu produzieren. Als Individuen mag Wissenschaftlern und Priestern die Wahrheit ungeheuer wichtig sein; doch als Kollektivinstitutionen stellen Wissenschaft und Religion Ordnung und Macht über die Wahrheit. Deshalb passen sie auch so gut zusammen.
Bis zur Moderne glaubten die meisten Kulturen, die Menschen würden eine Rolle in irgendeinem groß angelegten kosmischen Plan spielen. Entworfen wurde dieser Plan von den allmächtigen Göttern oder von den ewigen Naturgesetzen, und die Menschheit konnte daran nichts ändern. Der kosmische Plan gab dem menschlichen Leben einen Sinn, schränkte aber auch die Macht der Menschen ein. Die Menschen glichen eher Schauspielern auf einer Bühne. Das Textbuch gab jedem ihrer Worte, jeder Träne und jeder Geste einen Sinn– setzte ihrer Darbietung aber zugleich enge Grenzen. Hamlet
Die moderne Kultur ist die mächtigste in der Geschichte, und sie ist unablässig damit beschäftigt, zu forschen, zu erfinden, zu entdecken und zu wachsen. Zugleich ist sie stärker als jede frühere Kultur von existenzieller Angst geplagt.
Ja, wir Modernen haben versprochen, im Austausch für Macht auf Sinn zu verzichten; aber es gibt niemanden da draußen, der uns auf unser Versprechen festnageln kann. Wir glauben, wir sind schlau genug, um alle Vorteile des modernen Deals zu genießen, ohne den Preis dafür zu zahlen.
Wenn genügend neue Unternehmungen Erfolg haben, wächst das Vertrauen der Menschen in die Zukunft, Kredite werden breit vergeben, die Zinsen fallen, Unternehmer können leichter an Geld kommen, und die Wirtschaft wächst. In der Folge haben die Menschen noch mehr Vertrauen in die Zukunft, die Wirtschaft wächst weiter, und mit ihr macht auch die Wissenschaft Fortschritte. Auf dem Papier klingt das alles ganz einfach. Warum also musste die Menschheit bis zur Neuzeit warten, ehe das Wirtschaftswachstum an Fahrt gewann? Jahrtausendelang hatten die Menschen nicht deshalb wenig Zutrauen in künftiges Wachstum, weil sie dumm gewesen wären, sondern weil es unserem Bauchgefühl, unserem evolutionären Erbe und der Art, wie die Welt funktioniert, widerspricht. Die meisten natürlichen Systeme befinden sich in einem Zustand des Gleichgewichts, und die meisten Überlebenskämpfe sind ein Nullsummenspiel, in dem der eine nur auf Kosten des anderen gedeiht.
Der Druck der Evolution gewöhnte die Menschen daran, die Welt als einen unveränderlichen Kuchen zu betrachten. Wenn jemand ein größeres Stück davon bekommt, erhält ein anderer zwangsläufig ein kleineres. Eine
Also suchten traditionelle Religionen wie das Christentum und der Islam nach Möglichkeiten, um die Probleme der Menschheit mit Hilfe der vorhandenen Ressourcen zu lösen. Und das hieß: Sie verteilten entweder den bestehenden Kuchen um oder versprachen uns einen Kuchen im Himmel. Die Moderne dagegen gründet auf der festen Überzeugung, dass Wirtschaftswachstum nicht nur möglich, sondern absolut essenziell ist. Gebete,
Die Moderne hat «mehr Zeug» zu einem Patentrezept gemacht, das sich auf so gut wie alle staatlichen und privaten Probleme anwenden lässt, vom islamischen Fundamentalismus über den Autoritarismus in der Dritten Welt bis hin zu einer gescheiterten Ehe.
Wirtschaftswachstum ist somit zu einem wichtigen Knotenpunkt geworden, an dem sich fast alle modernen Religionen, Ideologien und Bewegungen treffen. Die Sowjetunion mit ihren größenwahnsinnigen Fünfjahresplänen war vom Wachstum genauso besessen wie der rücksichtsloseste amerikanische Räuberbaron. So
Dass Modi, Erdoğan, Abe und der chinesische Präsident Xi Jinping politisch voll auf eine wachsende Wirtschaft setzen, zeigt, dass Wachstum überall auf der Welt inzwischen einen beinahe religiösen Status erlangt hat. Tatsächlich könnte man den Glauben an das Wirtschaftswachstum durchaus als Religion bezeichnen, weil er heute für sich in Anspruch nimmt, viele, wenn nicht sogar die meisten unserer moralischen Dilemmata lösen zu können.
der Kapitalismus leistete einen wichtigen Beitrag zur globalen Harmonie, indem er dafür sorgte, dass die Menschen die Ökonomie nicht mehr als Nullsummenspiel betrachten, in dem der Gewinn des anderen mein Verlust ist, sondern als Win- win- Situation, in der der Gewinn des anderen auch mein Gewinn ist. Das hat vermutlich mehr zur globalen Harmonie beigetragen als jahrhundertelanges christliches Predigen darüber, dass man seinen Nächsten lieben und die andere Wange hinhalten solle.
Die traditionelle Sicht der Welt als Kuchen mit fester Größe geht davon aus, dass es auf Erden nur zwei Arten von Ressourcen gibt: Rohstoffe und Energie. In Wirklichkeit aber gibt es dreierlei Arten: Rohstoffe, Energie und Wissen. Rohstoffe und Energie sind endlich– je mehr man verbraucht, desto weniger hat man. Wissen dagegen ist eine wachsende Ressource– je mehr man davon nutzt, desto mehr hat man. Tatsächlich kann ein Zuwachs unseres Wissensbestands dazu führen, dass wir auch über mehr Rohstoffe und Energie verfügen.
Jahrtausendelang war der wissenschaftliche Weg zum Wachstum versperrt, weil die Menschen glaubten, heilige Schriften und antike Traditionen würden bereits das gesamte relevante Wissen enthalten, das die Welt zu bieten hat. Ein Unternehmen, das der Ansicht wäre, sämtliche Ölfelder auf dieser Welt seien bereits entdeckt, würde keine Zeit und kein Geld darauf verschwenden, nach Öl zu suchen. Ähnlich wird eine menschliche Kultur, die der Überzeugung ist, schon alles Wissenswerte zu wissen, nicht weiter nach neuem Wissen streben. Das war die Haltung der meisten vormodernen Kulturen. Doch die wissenschaftliche Revolution befreite die Menschheit von diesem Glauben. Die größte wissenschaftliche Entdeckung war die Entdeckung des Nichtwissens. Sobald die Menschen merkten, wie wenig sie über die Welt wussten, hatten sie plötzlich gute Gründe, nach neuem Wissen zu streben, was den wissenschaftlichen Weg zum Fortschritt frei machte.
Die Chancen, das Problem der Ressourcenknappheit zu lösen, stehen also recht gut. Der eigentliche Angstgegner der modernen Ökonomie ist der ökologische Kollaps. Sowohl wissenschaftlicher Fortschritt als auch Wirtschaftswachstum vollziehen sich innerhalb einer fragilen Biosphäre, und wenn beide Auftrieb erhalten, bringen die Schockwellen die Ökologie ins Wanken.
gute Nachricht ist, dass die Menschheit jahrhundertelang in den Genuss einer wachsenden Wirtschaft kam, ohne dem ökologischen Kollaps zum Opfer zu fallen. Viele andere Arten sind im Laufe dieses Prozesses verschwunden, und auch die Menschen hatten eine Reihe von Wirtschaftskrisen und Umweltkatastrophen zu bewältigen, aber bislang haben wir es immer geschafft, irgendwie über die Runden zu kommen. Doch es gibt kein Naturgesetz, das garantiert, dass das auch in Zukunft gelingt. Wer weiß, ob die Wissenschaft immer in der Lage sein wird, gleichzeitig die Wirtschaft vor dem Einfrieren und die Ökologie vor dem Überkochen zu bewahren. Und da das Tempo einfach immer weiter zunimmt, wird die Fehlertoleranz immer geringer. Reichte es früher aus, einmal im Jahrhundert etwas Erstaunliches zu erfinden, so brauchen wir heute alle zwei Jahre ein Wunder. Wir sollten dabei auch bedenken, dass eine ökologische Apokalypse unterschiedliche Folgen für unterschiedliche menschliche Kasten hat. Die Geschichte ist nicht gerecht. Wenn es zur Katastrophe kommt, leiden die Armen fast immer weit mehr als die Reichen, auch wenn es zuallererst die Reichen waren, die die Tragödie verursacht haben.
Die meisten Wissenschaftler und eine zunehmende Zahl von Politikern erkennen die Realität des Klimawandels und das Ausmaß der Gefahr an. Doch diese Erkenntnis hat unser tatsächliches Verhalten bislang nicht verändert. Wir reden viel über die globale Erwärmung, doch in der Praxis ist die Menschheit nicht bereit, wirkliche ökonomische, soziale oder politische Opfer zu bringen, um die Katastrophe aufzuhalten.
In einer kapitalistischen Welt verbessert sich das Leben der Armen nur, wenn die Wirtschaft wächst. Insofern werden sie vermutlich keinerlei Schritte zur Verringerung künftiger ökologischer Bedrohungen unterstützen, die auf geringerem Wirtschaftswachstum in der Gegenwart beruhen. Umweltschutz ist eine hübsche Idee, aber denjenigen, die ihre Miete nicht bezahlen können, macht ihr überzogenes Konto weitaus mehr Sorgen als schmelzende Polkappen.
Hatten soziale und politische Systeme früher jahrhundertelang Bestand, so zerstört heute jede Generation die alte Welt und errichtet an deren Stelle eine neue.
Man wusste, dass die Menschen für sich selbst immer mehr wollten, aber wenn der Kuchen eine feste Größe hatte, hing die gesellschaftliche Harmonie von Zurückhaltung ab. Habgier war schlecht. Die Moderne stellte die Welt auf den Kopf. Sie redete menschlichen Kollektiven ein, Gleichgewicht sei viel beängstigender als Chaos, und weil die Habgier das Wachstum antreibe, sei sie eine Kraft des Guten. Entsprechend animierte die Moderne die Menschen dazu, immer mehr zu wollen, und beseitigte die uralten Zügel, welche die Gier lange Zeit im Zaum hielten. Die daraus resultierenden Ängste wurden in hohem Maße durch den Kapitalismus des freien Marktes beschwichtigt, was ein Grund ist, warum diese Ideologie so populär wurde.
Heute, im Jahr 2016, schafft es die Menschheit tatsächlich, beides miteinander zu vereinbaren. Wir besitzen nicht nur viel mehr Macht als je zuvor, sondern entgegen allen Erwartungen führte der Tod Gottes nicht zum gesellschaftlichen Zusammenbruch. Die ganze Geschichte hindurch haben Propheten und Philosophen behauptet, wenn die Menschen nicht mehr an einen großen kosmischen Plan glaubten, würden alles Recht und jede Ordnung verschwinden. Heute jedoch stellen gerade diejenigen die größte Gefahr für Recht und Ordnung im globalen Maßstab dar, die weiter an Gott und seine allumfassenden Pläne glauben.
Das Gegenmittel zu einem sinn- und gesetzlosen Dasein lieferte der Humanismus, ein revolutionärer neuer Glauben, der die Welt in den letzten Jahrhunderten erobert hat. Die humanistische Religion betet die Menschheit an und erwartet, dass diese die Rolle spielt, die Gott im Christentum und im Islam und die Naturgesetze im Buddhismus und im Taoismus spielten. Gab
Das ist das Hauptgebot, das uns der Humanismus mit auf den Weg gegeben hat: Gib einer sinnlosen Welt einen Sinn. Entsprechend bestand die eigentliche religiöse Revolution der Moderne nicht darin, den Glauben an Gott zu verlieren, sondern den Glauben an die Menschheit zu gewinnen. Das
Namen heiliger Schriften und göttlicher Gebote. Der Humanismus hat uns beigebracht, dass etwas nur dann schlecht sein kann, wenn es dafür sorgt, dass jemand sich schlecht fühlt.
Die Menschen sehen oft nur das Yang und glauben, die moderne Welt sei nüchtern, wissenschaftlich, logisch und nutzenorientiert– ähnlich wie ein Labor oder eine Fabrik. Aber die moderne Welt ist auch ein ausladender Supermarkt. Keine Kultur in der Geschichte hat menschlichen Gefühlen, Wünschen und Erfahrungen je so viel Bedeutung beigemessen.
Demokratische Wahlen funktionieren üblicherweise nur innerhalb von Bevölkerungen, die a priori über ein gemeinsames Band verfügen, etwa über gemeinsame religiöse Überzeugungen und nationale Mythen. Mit Hilfe von Wahlen lassen sich nur Meinungsverschiedenheiten zwischen Menschen beilegen, die in grundlegenden Fragen bereits einer Meinung sind. Entsprechend verband sich der Liberalismus in vielen Fällen mit uralten Kollektividentitäten und Stammesempfindungen zum modernen Nationalismus.
Mit Hilfe von Wörtern, Tänzen, Essen und Trinken fördert jede Nation bei ihren Mitgliedern unterschiedliche Erfahrungen und entwickelt ihre ganz eigenen Sensibilitäten.
Meine aktuellen politischen Ansichten, meine Vorlieben und Abneigungen, meine Hobbys und Wünsche spiegeln nicht mein authentisches Ich wider, sondern meine Herkunft und mein soziales Umfeld. Sie hängen von meiner Klassenzugehörigkeit ab und sind durch mein Wohnviertel und meine Schule geprägt. Reich und Arm werden gleichermaßen von Geburt an einer Gehirnwäsche unterzogen. Den Reichen bringt man bei, die Armen gering zu schätzen, während man den Armen beibringt, ihre eigenen Interessen außer Acht zu lassen. Selbstreflexion oder Psychotherapie werden überhaupt nichts bringen, denn auch die Psychotherapeuten arbeiten für das kapitalistische System. Im Gegenteil, Selbstreflexion wird mich vermutlich noch weiter davon wegbringen, die Wahrheit über mich selbst zu erfahren, denn sie richtet den Blick zu sehr auf persönliche Entscheidungen und zu wenig auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Wenn ich reich bin, dann komme ich wahrscheinlich zu dem Schluss, dass ich das wegen meiner klugen Entscheidungen bin. Wenn ich unter Armut leide, muss ich irgendwelche Fehler gemacht haben. Wenn ich depressiv bin, wird ein liberaler Therapeut dafür vermutlich meine Eltern verantwortlich machen und mich ermutigen, mir im Leben neue Ziele zu setzen. Wenn ich behaupte, ich sei möglicherweise depressiv, weil ich von Kapitalisten ausgebeutet werde und weil ich unter dem herrschenden Gesellschaftssystem keine Chance habe, meine Ziele zu verwirklichen, wird der Therapeut vermutlich sagen, ich würde meine eigenen inneren Schwierigkeiten auf «das Gesellschaftssystem» und ungelöste Konflikte mit meiner Mutter auf «die Kapitalisten» projizieren.
Glaubt man dem Sozialismus, dann sollte ich lieber nicht Jahre damit vergeuden, über meine Mutter, meine Gefühle und meine Komplexe zu reden, sondern mich fragen, wem in meinem Land die Produktionsmittel gehören. Was sind die wichtigsten Exporte und Importe? Welche Verbindung besteht zwischen den Regierenden und dem internationalen Bankenwesen? Erst wenn ich das sozioökonomische System um mich herum verstehe und die Erfahrungen aller anderen Menschen berücksichtige, kann ich wirklich begreifen, was ich empfinde, und nur durch gemeinsames Handeln können wir das System verändern. Doch wer kann schon die Erfahrungen aller Menschen berücksichtigen und sie fair gegeneinander abwägen? Aus diesem Grund halten Sozialisten nichts von Selbsterkundung und plädieren für die Schaffung starker Kollektivinstitutionen– etwa sozialistischer Parteien und Gewerkschaften–, deren Ziel es ist, die Welt für uns zu entschlüsseln. Während im Falle liberaler Politik der Wähler am besten weiß, was gut für ihn ist, und in der liberalen Ökonomie der Kunde immer recht hat, weiß in der sozialistischen Politik die Partei am besten Bescheid, und in der sozialistischen Ökonomie hat die Gewerkschaft immer recht. Autorität und Sinn erwachsen noch immer aus menschlicher Erfahrung– sowohl die Partei als auch die Gewerkschaft bestehen aus Menschen und bemühen sich, menschliches Elend zu lindern–, doch Individuen sollten eher auf die Partei und auf die Gewerkschaft hören als auf ihre persönlichen Gefühle.
ein isolierter kommunistischer Paria. Bei Kriegsende war sie eine von zwei globalen Supermächten und Führungsmacht eines immer größer werdenden internationalen Blocks.
Als diese Kolonialreiche zusammenbrachen, wurden sie üblicherweise entweder durch Militärdiktaturen oder sozialistische Regime, nicht aber durch liberale Demokratien ersetzt.
1970 gab es auf der Welt 130 unabhängige Länder, doch nur 30 von ihnen waren freiheitliche Demokratien, von denen sich die meisten im Nordwesten Europas ballten. Indien war das einzige bedeutende Drittweltland, das nach Erlangung der Unabhängigkeit den liberalen Pfad einschlug, aber selbst die weltgrößte Demokratie distanzierte sich vom westlichen Block und orientierte sich in Richtung Sowjetunion.
Selbst diejenigen, die Börsen und Parlamente mit heftigster Kritik überziehen, verfügen über kein brauchbares Alternativmodell, wie man die Welt regieren könnte. Zwar gehört es zum beliebten Zeitvertreib westlicher Akademiker und Aktivisten, am liberalen Paket herumzunörgeln, aber bislang haben sie selbst nichts Besseres im Angebot.
Die Geschichte wird oftmals eher von kleinen Gruppen weitblickender Neuerer als von den rückwärtsgewandten Massen geprägt.
Im 21. Jahrhundert werden diejenigen, die im Zug des Fortschritts sitzen, göttliche Fähigkeiten der Schöpfung und Zerstörung erlangen, während diejenigen, die zurückbleiben, vom Aussterben bedroht sind.
III: Homo sapiens verliert die Kontrolle
Nachdem man dieses Experiment viele Male wiederholt hatte, kam Gazzaniga zu dem Schluss, dass die linke Gehirnhälfte nicht nur der Sitz unseres Sprachzentrums ist, sondern auch ein innerer Interpret, der fortwährend damit beschäftigt ist, unserem Leben einen Sinn zu geben, indem er mittels partieller Hinweise plausible Geschichten zu fabrizieren sucht.
Das erlebende Selbst ist unser auf den Augenblick konzentriertes Bewusstsein. Für das erlebende Selbst ist ganz offenkundig, dass die «lange» Episode des «Kältedrucktests» schlimmer war. Zunächst erlebt man 60 Sekunden lang 14 ° C kaltes Wasser, was genauso schlimm ist wie das, was man im «kurzen» Teil erlebt, und anschließend muss man noch 30 Sekunden 15 ° C kaltes Wasser ertragen, was nicht ganz so schlimm ist, aber auch nicht wirklich angenehm. Für das erlebende Selbst wird die gesamte Episode nicht dadurch attraktiver, dass man einer sehr unangenehmen Erfahrung eine leicht unangenehme Erfahrung hinzufügt. Das erlebende Selbst erinnert sich jedoch an nichts. Es erzählt keine Geschichten und wird selten konsultiert, wenn es um große Entscheidungen geht. Das Abrufen von Erinnerungen, das Geschichtenerzählen und das Treffen wichtiger Entscheidungen sind allesamt Monopol einer ganz anderen Instanz in uns: des erinnernden Selbst.
Das erinnernde Selbst ist blind gegenüber der Dauer und misst der unterschiedlichen Länge der beiden Episoden keine Bedeutung bei. Wenn es also die Wahl zwischen den beiden hat, wiederholt es lieber den längeren Teil, also den, in dem «das Wasser etwas wärmer war». Jedes Mal, wenn das erinnernde Selbst unsere Erlebnisse bewertet, ignoriert es deren Dauer und hält sich an die Höchststand- Ende- Regel– es erinnert sich nur an den Moment des Höhepunkts und den Moment des Endes und bewertet das gesamte Erlebnis nach dem Mittel zwischen beiden.
Das erinnernde Selbst bildet keine Summe der Erlebnisse, sondern einen Mittelwert.
Tatsächlich sollte der Arzt aus Sicht des erinnernden Selbst ganz am Ende der Untersuchung ein paar völlig überflüssige Minuten dumpfen Schmerzes hinzufügen, weil dadurch die Gesamterinnerung weniger traumatisch ausfällt.[ 15] Kinderärzte kennen diesen Trick nur zu gut, ähnlich wie Veterinäre. Viele haben in ihren Praxen Behältnisse voller Leckereien und geben den Kindern (oder den Hunden) ein paar davon, nachdem sie ihnen eine schmerzhafte Spritze oder eine unangenehme medizinische Untersuchung verpasst haben. Wenn sich das erinnernde Selbst auf den Arztbesuch zurückbesinnt, werden zehn Sekunden Freude am Ende der Visite viele Minuten der Angst und des Schmerzes auslöschen. Die Evolution entdeckte diesen Trick schon Lichtjahre vor den Kinderärzten. Angesichts der unerträglichen Schmerzen, die Frauen bei der Geburt eines Kindes durchleiden, könnte man eigentlich meinen, dass keine Frau, die einigermaßen bei Verstand ist, nach dieser Erfahrung jemals zustimmen würde, so etwas ein weiteres Mal auf sich zu nehmen. Doch am Ende der Wehen und in den Tagen darauf sondert das Hormonsystem Cortisol und Betaendorphine ab, die den Schmerz reduzieren und ein Gefühl der Erleichterung und manchmal sogar der Euphorie erzeugen. Zudem arbeiten die wachsende Liebe zum Baby sowie der Zuspruch durch Freunde, Familienangehörige, Glaubenslehren und nationalistische Propaganda gemeinsam daran, dass das schreckliche Trauma des Gebärens sich in eine positive Erinnerung verwandelt.
In einer anderen Untersuchung wurden 2428 schwedische Frauen gebeten, zwei Monate nach der Geburt von ihren Erinnerungen an die Wehen zu berichten. 90 Prozent gaben an, die Erfahrung sei entweder positiv oder sehr positiv gewesen. Sie vergaßen dabei nicht zwangsläufig den Schmerz– 28,5 Prozent beschrieben ihn als den schlimmsten Schmerz, den man sich nur vorstellen könne–, doch das hielt sie nicht davon ab, die Erfahrung als positiv zu bewerten. Das erinnernde Selbst rückt mit einer scharfen Schere und einem dicken schwarzen Stift unseren Erfahrungen zu Leibe. Es zensiert zumindest einige Augenblicke des Schreckens und archiviert eine Geschichte mit einem glücklichen Ende.[
Wir erleben Hunger anders, je nachdem, ob wir während des Ramadan fasten, ob wir als Vorbereitung auf eine ärztliche Untersuchung nichts zu uns nehmen oder ob wir nichts essen, weil wir kein Geld haben. Die unterschiedlichen Bedeutungen, die unserem Hunger vom erinnernden Selbst zugeschrieben werden, sorgen dafür, dass die tatsächlichen Erfahrungen ganz unterschiedlich ausfallen.
Wir identifizieren uns mit dem inneren System, das aus dem wirren Chaos des Lebens scheinbar logische und stimmige Geschichten spinnt. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Handlung voller Lügen und Lücken ist und dass sie immer wieder umgeschrieben wird, sodass die Geschichte von heute der von gestern geradewegs widerspricht; entscheidend ist, dass wir stets das Gefühl haben, von der Geburt bis zum Tod (und vielleicht noch über das Grab hinaus) über eine einzige, unveränderliche Identität zu verfügen.
Je mehr Opfer wir für eine erfundene Geschichte bringen, desto stärker wird die Geschichte, weil wir diesen Opfern und dem Leid, das wir verursacht haben, um jeden Preis einen Sinn geben wollen. In der Politik kennt man das als das «Unsere Jungs sind nicht umsonst gestorben»- Syndrom.
So schwer es für Politiker sein mag, Eltern erklären zu müssen, ihr Sohn sei nicht für eine gute Sache gestorben, um wie viel schwerer ist das für Eltern, die sich das selbst eingestehen müssen– und noch schwerer ist es für die Opfer. Ein verkrüppelter Soldat, der seine Beine verloren hat, würde sich lieber sagen: «Ich habe mich für die Ehre der ewigen Nation Italien geopfert!» als «Ich habe meine Beine verloren, weil ich so dumm war, eigensüchtigen Politikern Glauben zu schenken.» Mit der Fantasievorstellung lässt es sich viel leichter leben, denn sie verleiht dem Leiden einen Sinn.
Priester haben dieses Prinzip schon vor Jahrtausenden entdeckt. Es liegt zahlreichen religiösen Zeremonien und Geboten zugrunde. Will man, dass die Menschen an erfundene Wesenheiten wie Götter und Nationen glauben, sollte man dafür sorgen, dass sie etwas Wertvolles opfern. Je schmerzlicher das Opfer ist, desto überzeugter sind die Menschen von der Existenz des erfundenen Empfängers. Ein armer Bauer, der Jupiter einen unbezahlbaren Stier opfert, wird fest daran glauben, dass Jupiter wirklich existiert, denn wie sollte er sonst seine Dummheit rechtfertigen? Der Bauer wird noch einen Stier opfern und noch einen und noch einen, nur damit er sich nicht eingestehen muss, dass die vorherigen Stiere verschwendete Liebesmüh waren.
Die gleiche Logik ist auch in der Wirtschaft am Werk. 1997 beschloss die Regierung von Schottland, ein neues Parlamentsgebäude zu errichten. Laut ursprünglichem Plan sollte das Bauvorhaben zwei Jahre dauern und 40 Millionen Pfund kosten. Tatsächlich dauerte es fünf Jahre und kostete 400 Millionen Pfund. Jedes Mal, wenn die Bauunternehmer auf unerwartete Schwierigkeiten stießen, baten sie bei der schottischen Regierung um mehr Zeit und Geld. Jedes Mal, wenn das geschah, sagte sich die Regierung: «Wir haben schon 40 Millionen Pfund versenkt und werden völlig diskreditiert sein, wenn wir den Bau jetzt stoppen und mit einem halb fertigen Skelett dastehen. Geben wir also noch einmal 40 Millionen Pfund.» Ein halbes Jahr später geschah genau das Gleiche, wobei der Druck, bloß nicht mit einem unfertigen Gebäude dazustehen, noch größer war; sechs Monate später wiederholte sich die Geschichte erneut und immer so weiter, bis die tatsächlichen Kosten zehnmal so hoch lagen wie ursprünglich geschätzt.
Nicht nur Regierungen tappen in diese Falle. Auch Wirtschaftsunternehmen versenken mit gescheiterten Vorhaben oft Millionen, während Privatleute an nicht mehr funktionierenden Ehen festhalten und in beruflichen Sackgassen verharren.
Menschen sind Meister der kognitiven Dissonanz, und wir gestatten uns, im Labor an das eine und vor Gericht oder im Parlament an etwas ganz anderes zu glauben.
Der Schutz der Menschenrechte und der menschlichen Freiheiten war moralisches Gebot und zugleich der Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum.
In vielen, wenn nicht sogar den meisten Fällen war es das ökonomische und nicht das moralische Argument, das Tyrannen und Militärregierungen von einer Liberalisierung überzeugte.
Wenn die Massen ihre wirtschaftliche Bedeutung verlieren, mögen Menschenrechte und Freiheiten weiterhin moralisch gerechtfertigt sein, aber werden moralische Argumente ausreichen? Werden Eliten und Regierungen jedem Menschen weiter einen Wert zu schreiben, selbst wenn er sich ökonomisch nicht bezahlt macht? In der Vergangenheit gab es viele Dinge, die nur Menschen tun konnten. Heute aber holen Roboter und Computer auf und könnten die Menschen bei den meisten Aufgaben schon bald hinter sich lassen.
Menschen stehen in der Gefahr, ihren ökonomischen Wert zu verlieren, weil sich Intelligenz vom Bewusstsein abkoppelt. Bislang ging hohe Intelligenz stets mit einem entwickelten Bewusstsein einher. Nur bewusste Wesen konnten Aufgaben bewältigen, die ein hohes Maß an Intelligenz erforderten, wie etwa Schach spielen, Auto fahren, Krankheiten diagnostizieren oder Terroristen identifizieren. Doch im Moment entwickeln wir neue Formen nicht- bewusster Intelligenz, die solche Aufgaben weitaus besser bewältigen können als Menschen. Denn all diese Aufgaben beruhen auf der Erkennung von Mustern, und nicht- bewusste Algorithmen dürften das menschliche Bewusstsein bei dieser Fähigkeit schon bald übertreffen.
Science- Fiction- Filme gehen in der Regel davon aus, dass Computer ein Bewusstsein entwickeln müssen, wenn sie es mit menschlicher Intelligenz aufnehmen wollen. Doch die reale Wissenschaft erzählt eine ganz andere Geschichte. Zur Superintelligenz führen womöglich verschiedene Wege, von denen nur einige durch die Straße des Bewusstseins müssen. Über Jahrmillionen segelte die organische Evolution gemächlich über die Bewusstseinsroute. Die Entwicklung nicht- organischer Computer könnte dieses Nadelöhr völlig umgehen und einen ganz anderen, viel schnelleren Weg zur Superintelligenz nehmen. Das wirft eine ganz neue Frage auf: Was von beiden ist wirklich wichtig, Intelligenz oder Bewusstsein? Solange beide Hand in Hand gingen, war eine Diskussion über ihren relativen Wert nichts weiter als ein Zeitvertreib für Philosophen. Doch im 21. Jahrhundert wird es zu einer dringlichen politischen und wirtschaftlichen Frage. Und es ist ernüchternd zu sehen, dass die Antwort zumindest für Armeen und Unternehmen eindeutig ist: Intelligenz ist unabdingbar, Bewusstsein hingegen optional. Armeen und Unternehmen können ohne intelligente Akteure nicht funktionieren, aber Bewusstsein und subjektive Erlebnisse benötigen sie nicht.
Ein gewöhnliches Bauernpferd kann deutlich besser riechen, lieben, Gesichter erkennen, über Zäune springen und tausend andere Dinge tun als ein Modell T von Ford oder ein sündteurer Lamborghini. Trotzdem ersetzten Autos die Pferde, weil sie bei den paar Aufgaben, die das System wirklich benötigte, überlegen waren. Insofern ist es ziemlich wahrscheinlich, dass es Taxifahrern genauso wie den Pferden ergehen wird.
Am 23. April 2013 knackten syrische Hacker den offiziellen Twitter Account von Associated Press. Um 13: 07 Uhr setzten sie den Tweet ab, das Weiße Haus sei angegriffen und Präsident Obama verletzt worden. Handelsalgorithmen, die ständig die Newsfeeds überwachen, reagierten prompt und begannen wie verrückt Aktien zu verkaufen. Der Dow Jones ging in den freien Fall und verlor binnen 60 Sekunden 150 Punkte, was einem Verlust von 136 Milliarden US- Dollar entspricht! Um 13: 10 Uhr stellte Associated Press klar, dass es sich bei dem Tweet um eine Fälschung handelte. Die Algorithmen legten den Rückwärtsgang ein, und um 13: 13 Uhr hatte der Dow Jones fast alle Verluste wieder wettgemacht. Drei Jahre zuvor, am 6. Mai 2010, hatte die New Yorker Börse einen noch heftigeren Schock erlebt. Binnen fünf Minuten– zwischen 14: 42 Uhr und 14: 47 Uhr– war der Dow Jones um 1000 Punkte gefallen und hatte eine Billion US- Dollar einfach vernichtet. Er erholte sich dann wieder und kehrte innerhalb von nicht einmal drei Minuten auf seinen Stand vor dem Crash zurück. Das passiert, wenn superschnelle Computerprogramme für unser Geld verantwortlich sind. Seither versuchen Experten zu verstehen, was bei diesem sogenannten Flash Crash geschehen ist. Wir wissen, dass Algorithmen schuld daran waren, können jedoch noch immer nicht mit Sicherheit sagen, was schiefging.
So diagnostizierte beispielsweise jüngst in einem Experiment ein Computeralgorithmus 90 Prozent der Lungenkrebsfälle, die man ihm vorlegte, korrekt, während menschliche Ärzte nur auf eine Erfolgsquote von 50 Prozent kamen.[ 8] Tatsächlich ist die Zukunft bereits da. CT- Scans und Mammographieuntersuchungen werden regelmäßig von speziellen Algorithmen überprüft, die den Ärzten eine zweite Meinung liefern und mitunter Tumore entdecken, welche die Ärzte übersehen haben.[ 9] Eine ganze Reihe schwieriger technischer Probleme wird freilich verhindern, dass Watson und seinesgleichen die meisten Ärzte schon morgen früh ersetzen. Doch diese technischen Probleme– mögen sie auch noch so knifflig sein– müssen nur einmal gelöst werden. Die Ausbildung eines menschlichen Arztes dagegen ist ein komplexer und kostspieliger Prozess, der Jahre dauert. Ist er nach zehn Jahren Studium und Praktika abgeschlossen, hat man genau einen Arzt. Will man zwei Ärzte, muss man den gesamten Prozess noch einmal von Grund auf wiederholen. Löst man hingegen die technischen Probleme, die Watson bislang behindern, so hat man nicht nur einen, sondern unendlich viele Ärzte, die rund um die Uhr in jedem Winkel der Welt verfügbar sind. Selbst wenn es also 100 Milliarden US- Dollar kosten sollte, bis das Ganze funktioniert, wäre es auf lange Sicht viel billiger, als menschliche Ärzte auszubilden.
So eröffnete 2011 in San Francisco eine Apotheke, die von einem einzigen Roboter betrieben wird. Kommt ein Mensch in die Apotheke, erhält der Roboter binnen Sekunden alle Rezepte des Kunden sowie detaillierte Informationen über andere Medikamente, die er gerade nimmt, und die möglichen Nebenwirkungen. Der Roboter sorgt dafür, dass die neuen Verschreibungen keine Wechselwirkungen mit irgendeinem anderen Medikament oder eine Allergie verursachen, und händigt dem Kunden anschließend das gewünschte Arzneimittel aus. In seinem ersten Jahr bearbeitete der Roboter- Apotheker zwei Millionen Rezepte, ohne einen einzigen Fehler zu machen. Apotheker aus Fleisch und Blut dagegen machen bei 1,7 Prozent der Verschreibungen einen Fehler. Allein in den USA beläuft sich das auf 50 Millionen Rezeptfehler jährlich.[ 10] Manche behaupten, ein Algorithmus könne Ärzte und Apotheker vielleicht übertreffen, wenn es um die technischen Aspekte ihrer Tätigkeiten geht, doch ihren «human touch» könne er nie ersetzen. Wenn Ihr CT darauf schließen lässt, dass Sie Krebs haben, möchten Sie diese Mitteilung dann von einem fürsorglichen und einfühlsamen menschlichen Arzt oder von einer Maschine bekommen? Wie aber wäre es, wenn Ihnen eine fürsorgliche und empathische Maschine die Nachricht mit Worten übermittelt, die genau auf Ihre Persönlichkeit zugeschnitten sind? Bedenken Sie, dass Organismen Algorithmen sind, und Watson könnte Ihren Gefühlszustand mit der gleichen Genauigkeit feststellen, mit der er auch Ihre Tumore erkennt. Indem Watson Ihre DNA, Ihren Blutdruck und unzählige andere biometrische Daten analysiert, könnte er genau wissen, wie Sie sich fühlen. Dank Statistiken zu Millionen früherer sozialer Begegnungen könnte Watson Ihnen sagen, was genau Sie in welcher Stimmlage hören müssen. Trotz ihrer vielbeschworenen emotionalen Intelligenz werden die Menschen oft von ihren eigenen Gefühlen überwältigt und reagieren kontraproduktiv. Wenn sie beispielsweise einer wütenden Person begegnen, fangen sie an herumzubrüllen, wenn sie einem ängstlichen Menschen zuhören, lassen sie den eigenen Ängsten freien Lauf. Watson wird solchen Versuchungen nie erliegen. Da er selbst keine Emotionen hat, wird er stets die Reaktion empfehlen, die Ihrem Gefühlszustand am besten entspricht.
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Der Algorithmus lauscht Ihrem Begehren, analysiert die Wörter, die Sie verwenden, und Ihrer Stimmlage und schließt daraus nicht nur auf Ihren gegenwärtigen Gefühlszustand, sondern auch auf Ihren Persönlichkeitstyp– ob Sie introvertiert, extrovertiert, aufmüpfig oder unselbstständig sind. Auf der Grundlage dieser Informationen verbindet Sie der Algorithmus mit dem Kundenbetreuer, der Ihrer Stimmung und Ihrer Persönlichkeit am besten entspricht. Der Algorithmus weiß, ob Sie eine einfühlsame Person brauchen, die sich Ihre Beschwerden geduldig anhört, oder einen nüchternen, rationalen Menschen bevorzugen, der Ihnen die schnellste technische Lösung vermittelt. Eine gute Paarung bedeutet sowohl zufriedenere Kunden als auch weniger Zeit- und Geldverschwendung beim Kundendienst.[ 12]
Die wichtigste ökonomische Frage des 21. Jahrhunderts dürfte sein, was wir mit all den überflüssigen Menschen anfangen. Was sollen bewusste Menschen tun, sobald wir über hochintelligente nicht- bewusste Algorithmen verfügen, die fast alles besser können? Historisch betrachtet, war der Arbeitsmarkt stets in drei Hauptbereiche unterteilt: Landwirtschaft, Industrie und Dienstleistungen.
Im Jahr 2010 arbeiteten nur noch 2 Prozent der Amerikaner in der Landwirtschaft, 20 Prozent waren in der Industrie beschäftigt, 78 Prozent arbeiteten als Lehrer, Ärzte, Webdesigner und so weiter. Wenn nun aber geistlose Algorithmen besser als wir Menschen unterrichten, diagnostizieren und designen können, was sollen wir dann tun?
Die Vorstellung, Menschen würden immer über eine einzigartige Fähigkeit verfügen, die für nicht- bewusste Algorithmen unerreichbar ist, ist reines Wunschdenken.
die künstliche Intelligenz noch nirgends einer menschenähnlichen Existenz nahe. Aber für die meisten modernen Jobs sind 99 Prozent der menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten schlicht entbehrlich. Damit künstliche Intelligenz die Menschen aus dem Arbeitsmarkt drängt, muss sie uns deshalb lediglich bei den begrenzten Fertigkeiten übertreffen, die unser jeweiliger Beruf erfordert.
Selbst die Manager, die all diese Tätigkeiten beaufsichtigen, lassen sich ersetzen. Dank seiner leistungsstarken Algorithmen kann Uber mit nur einer Handvoll Menschen Millionen von Taxifahrern verwalten. Die meisten Anweisungen werden von Algorithmen gegeben, ohne dass es dazu irgendwelcher menschlicher Aufsicht bedarf.[
Wenn Algorithmen Menschen aus dem Arbeitsmarkt drängen, könnten sich Reichtum und Macht in den Händen der winzigen Elite konzentrieren, welche die besonders leistungsfähigen Algorithmen besitzt, was eine beispiellose soziale und politische Ungleichheit zur Folge hätte. Heute verfügen Millionen von Taxifahrern, Busfahrern und LKW- Fahrern über einige wirtschaftliche und politische Macht, weil jeder über einen kleinen Teil des Transportmarkts herrscht. Wenn ihre kollektiven Interessen bedroht sind, können sie sich gewerkschaftlich organisieren, streiken, zu Boykotten aufrufen und als gewichtige Wählergruppe auftreten. Doch sobald Millionen von menschlichen Fahrern durch einen einzigen Algorithmus ersetzt sind, werden sich das Unternehmen, das den Algorithmus besitzt, und die Handvoll Milliardäre, denen das Unternehmen gehört, alle Macht und allen Reichtum sichern.
Glaubt man den Biowissenschaften, so ist Kunst nicht das Produkt irgendeines verzückten Geistes oder einer metaphysischen Seele, sondern von organischen Algorithmen, die mathematische Muster erkennen. Wenn dem aber so ist, gibt es keinerlei Grund, warum nicht- organische Algorithmen das nicht auch schaffen sollten.
Professor Steve Larson von der University of Oregon schickte Cope eine Aufforderung zu einem musikalischen Showdown. Larson schlug vor, professionelle Pianisten sollten nacheinander drei Stücke spielen: eines von Bach, eines von EMI und eines von Larson selbst. Anschließend sollte das Publikum erraten, wer welches Stück komponiert hatte. Larson war überzeugt, dass die Menschen den Unterschied zwischen gefühlvollen menschlichen Kompositionen und dem leblosen Artefakt einer Maschine problemlos würden erkennen können. Cope nahm die Herausforderung an. Am vereinbarten Tag versammelten sich Hunderte von Dozenten, Studenten und Musikfreunden in der Konzerthalle der University of Oregon. Am Ende der Aufführung wurde abgestimmt. Das Ergebnis? Bei EMIs Stück glaubten die Menschen, es sei ein echter Bach, das Stück von Bach, so meinten sie, habe Larson komponiert, und Larsons Stück sei von einem Computer produziert worden. Kritiker behaupteten weiterhin, EMIs Musik sei zwar technisch ausgezeichnet, aber es fehle ihr etwas. Sie sei zu glatt, sie habe keine Tiefe und keine Seele. Wenn Menschen jedoch Kompositionen von EMI hörten, ohne dass sie vorher wussten, woher sie stammten, lobten sie häufig gerade deren
Im 21. Jahrhundert könnten wir Zeugen werden, wie eine neue Nichtarbeiterklasse entsteht: massenhaft Menschen ohne jeden ökonomischen, politischen oder auch nur künstlerischen Wert, die nichts zum Wohlstand, zur Macht und zur Ehre der Gesellschaft beitragen. Diese «nutzlose Klasse» wird nicht nur beschäftigungslos, sondern gar nicht mehr beschäftigbar sein.
Das entscheidende Problem ist nicht die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Das entscheidende Problem ist die Schaffung neuer Jobs, die Menschen besser verrichten als Algorithmen.[ 20] Der technologische Boom wird es wahrscheinlich möglich machen, die nutzlosen Massen auch ohne jede Anstrengung von deren Seite zu ernähren und zu unterstützen. Aber womit werden sie sich beschäftigen, und was wird sie zufriedenstellen? Menschen müssen etwas tun, sonst werden sie verrückt. Was werden sie den ganzen Tag machen?
Nun könnte die Technologie des 21. Jahrhunderts allerdings dafür sorgen, dass externe Algorithmen die Menschheit «hacken» und viel besser über mich Bescheid wissen als ich selbst. Sobald das der Fall ist, wird der Glaube an den Individualismus zerbrechen, und die Macht wird von den einzelnen Menschen auf vernetzte Algorithmen übergehen.
All die Selbsttäuschungen, die Menschen an schlechten Beziehungen, falschen Berufen und schädlichen Gewohnheiten festhalten lassen, werden Google nichts vormachen können. Anders als das erinnernde Selbst, das uns heute kontrolliert, wird Google keine Entscheidungen auf der Basis irgendwelcher Lügenmärchen treffen und sich durch kognitive Abkürzungen und die Höchststand- Ende- Regel nicht in die Irre führen lassen. Google wird sich tatsächlich an jeden Schritt, den wir getan, und an jede Hand, die wir geschüttelt haben, erinnern. Viele Menschen werden froh sein, ihre Entscheidungsprozesse weitgehend in die Hände eines solchen Systems legen oder es zumindest konsultieren zu können, wenn sie vor wichtigen Entscheidungen stehen.
Genauso wie in Kahnemans Kaltwasserexperiment folgt das erinnernde Selbst auch in der Politik der Höchststand- Ende- Regel. Es vergisst den Großteil der Ereignisse, erinnert sich an ein paar extreme Zwischenfälle und misst jüngsten Geschehnissen überproportional viel Gewicht bei. Vier Jahre lang habe ich mich vielleicht immer wieder über die Politik der Kanzlerin beklagt und mir selbst– und jedem, der es hören wollte– eingeredet, sie werde unser aller Untergang sein. Doch in den Monaten vor den Wahlen senkt die Regierung die Steuern und gibt großzügig Geld aus. Die Regierungsparteien heuern die besten Werbeagenturen an und führen einen brillanten Wahlkampf mit einer wohlausgewogenen Mischung aus Drohungen und Versprechungen, die unmittelbar das Angstzentrum in meinem Gehirn ansprechen. Am Wahltag wache ich mit einer Erkältung auf, was meine geistigen Vorgänge etwas benebelt und mich dazu veranlasst, bei meinen Überlegungen Sicherheit und Stabilität über alles zu stellen. Und siehe da! Ich bestätige die Frau, die unser aller Untergang sein wird, für weitere vier Jahre im Amt. Ein solches Schicksal wäre mir erspart geblieben, wenn ich Google erlaubt hätte, für mich abzustimmen. Google gibt es bekanntlich nicht erst seit gestern! Zwar lässt es die jüngsten Steuersenkungen und Wahlversprechen durchaus nicht außer Acht, aber es erinnert sich auch daran, was in den vergangenen vier Jahren geschehen ist. Es weiß über meinen Blutdruck bei der täglichen Zeitungslektüre Bescheid und dass mein Dopaminspiegel in den Keller rasselt, wenn ich abends vor der Tagesschau sitze. Google wird wissen, wie es die leeren Schlagworte der PR- Agenturen überprüft. Google wird auch wissen, dass Krankheit Wähler ein bisschen «rechter» macht als üblich, und das berücksichtigen. Google wird somit in der Lage sein, nicht nach meiner momentanen Geistesverfassung und nicht gemäß den Fantasien des erinnernden Selbst abzustimmen, sondern entsprechend den wirklichen Gefühlen und Interessen der Ansammlung biochemischer Algorithmen, die man gemeinhin als «Ich» bezeichnet. Natürlich wird Google seine Sache nicht immer richtig machen. Schließlich sind das alles nur Wahrscheinlichkeiten. Aber wenn Google genügend gute Entscheidungen trifft, werden die Menschen ihm zunehmend Macht übertragen. Im Laufe der Zeit werden die Datenbanken größer, die Statistiken genauer, die Algorithmen ausgefeilter und die Entscheidungen werden noch besser ausfallen. Das System wird mich nie voll und ganz kennen und nicht unfehlbar sein. Aber das muss es auch nicht.
Wenn wir nicht aufpassen, könnte daraus ein Orwell’scher Polizeistaat erwachsen, der nicht nur all unsere Handlungen fortwährend überwacht und kontrolliert, sondern auch das, was sich in unserem Körper und in unserem Kopf abspielt.
Anfang 2016 besaßen die 62 reichsten Menschen der Welt genauso viel wie die ärmsten 3,5 Milliarden! Da die Weltbevölkerung bei rund 7,2 Milliarden liegt, bedeutet das, dass diese 62 Milliardäre zusammen über genauso viel Reichtum verfügen wie die gesamte untere Hälfte der Menschheit.[
Im 20. Jahrhundert zielte sie darauf ab, die Kranken zu heilen. Im 21. Jahrhundert ist die Medizin zunehmend darauf ausgerichtet, die Gesunden zu optimieren.
Die Optimierung der Gesunden hingegen ist ein elitäres Projekt, weil es die Vorstellung eines für alle geltenden universellen Standards ablehnt und bestrebt ist, einigen Individuen einen Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen. Menschen wollen eine bessere Gedächtnisleistung, überdurchschnittliche Intelligenz und erstklassige sexuelle Fähigkeiten. Wenn eine bestimmte Form von Upgrade so billig und gängig wird, dass jeder in ihren Genuss kommt, wird sie schlicht als die neue Baseline gelten, welche die nächste Generation von Behandlungen zu übertreffen versuchen wird. Insofern werden die Armen im Jahr 2070 medizinisch vermutlich besser versorgt sein als heute, aber die Kluft, die sie von den Reichen trennt, wird trotzdem viel größer sein.
medizinischen Fortschritts keineswegs sicher sein, dass die Armen 2070 besser versorgt sein werden als heute, denn der Staat und die Elite könnten durchaus das Interesse daran verlieren, sich um die medizinische Versorgung der Armen zu kümmern. Im 20. Jahrhundert kam die Medizin den Massen zugute, weil das 20. Jahrhundert das Zeitalter der Massen war. Die Armeen des 20. Jahrhunderts benötigten Millionen von gesunden Soldaten, und die Wirtschaft brauchte Millionen gesunder Arbeitskräfte. Folglich richteten die Staaten öffentliche Gesundheitssysteme ein, um Gesundheit und Vitalität aller zu garantieren. Unsere größten medizinischen Errungenschaften waren die Bereitstellung von Hygieneeinrichtungen für die breite Masse, die Massenimpfungen und die Überwindung von Massenepidemien. Die japanische Elite hatte 1914 durchaus ein Eigeninteresse daran, die Armen zu impfen und in den Elendsvierteln Krankenhäuser und Abwassersysteme zu bauen, denn wenn Japan eine starke Nation mit einer starken Armee und einer starken Wirtschaft sein wollte, brauchte es Abermillionen gesunder Soldaten und Arbeiter. Doch das Zeitalter der Massen und mit ihm das Zeitalter der Massenmedizin dürften vorbei sein. Nun, da an die Stelle menschlicher Soldaten und Arbeitskräfte Algorithmen treten, könnten zumindest einige Eliten zu dem Schluss kommen, dass es nichts bringt, die Gesundheitsversorgung für Massen nutzloser Armer zu verbessern oder auch nur auf dem jetzigen Standard zu halten, weil es doch viel vernünftiger wäre, sich auf die Optimierung einer Handvoll Übermenschen jenseits der Norm zu konzentrieren.
Wenn wissenschaftliche Entdeckungen und technologische Entwicklungen die Menschheit in eine Masse nutzloser Menschen und eine kleine Elite optimierter Übermenschen aufspalten oder wenn die Macht vollständig von Menschen auf hochintelligente Algorithmen übergeht, wird der Liberalismus zusammenbrechen.
So wie der Sozialismus die Welt eroberte, weil er Erlösung durch Dampf und Elektrizität versprach, so werden in den kommenden Jahrzehnten neue Techno- Religionen die Welt erobern, weil sie Heil durch Algorithmen und Gene versprechen.
Dieses Kapitel widmet sich dem konservativeren Glauben des Techno- Humanismus, der die Menschen noch immer als Krone der Schöpfung betrachtet und an vielen traditionellen humanistischen Werten festhält. So ist er zwar ebenfalls der Auffassung, dass Homo sapiens, wie wir ihn kennen, seinen historischen Lauf absolviert hat und in Zukunft nicht mehr relevant sein wird, kommt aber zu dem Schluss, dass wir deshalb mit Hilfe der Technik Homo deus schaffen sollen– ein viel höherwertiges menschliches Modell. Homo deus wird einige wesentliche menschliche Merkmale behalten, aber auch über optimierte körperliche und geistige Fähigkeiten verfügen, die ihn in die Lage versetzen werden, sich sogar gegen die ausgeklügeltsten nicht- bewussten Algorithmen zu behaupten. Da Intelligenz sich vom Bewusstsein abkoppelt und nicht- bewusste Intelligenz sich in halsbrecherischem Tempo entwickelt, müssen Menschen ihren Geist aktiv optimieren, wenn sie im Spiel bleiben wollen.
Die moderne Menschheit leidet an FOMO– der Angst, etwas zu verpassen (fear of missing out)–, und obwohl wir über mehr Wahlmöglichkeiten als je zuvor verfügen, haben wir die Fähigkeit verloren, der Sache, für die wir uns dann entschieden haben, wirklich unsere Aufmerksamkeit zu schenken.[
Wie jeder Bauer weiß, sorgt üblicherweise die schlauste Ziege für die größten Probleme, weshalb zur landwirtschaftlichen Revolution auch gehörte, die mentalen Fähigkeiten der Tiere zu beschneiden. Die zweite kognitive Revolution, von der Techno- Humanisten träumen, könnte das Gleiche mit uns machen, indem sie menschliche Verwandte produziert, die effektiver als je zuvor kommunizieren und Daten verarbeiten, aber nicht wirklich achtsam sein, träumen oder zweifeln können. Über Millionen von Jahren waren wir Schimpansen in verbesserter Ausführung. In Zukunft könnten wir zu Ameisen in Übergröße werden.
Der technische Fortschritt besitzt eine völlig andere Agenda. Er will nicht auf unsere inneren Stimmen hören. Er will sie kontrollieren. Haben wir erst einmal das biochemische System verstanden, das all diese Stimmen erzeugt, dann können wir an den Knöpfen herumdrehen, die Lautstärke hier ein wenig steigern, dort ein wenig reduzieren und das Leben viel einfacher und bequemer machen.
Man ging davon aus, dass Menschen aus Daten Informationen gewannen, Information in Wissen verwandelten und Wissen in Klugheit. Dataisten dagegen glauben, dass Menschen die ungeheuren Datenströme nicht mehr bewältigen können und deshalb Daten nicht mehr zu Informationen und schon gar nicht mehr zu Wissen oder Klugheit destillieren können. Die Arbeit der Datenverarbeitung sollte man deshalb elektronischen Algorithmen anvertrauen, deren Kapazitäten die des menschlichen Gehirns weit übertreffen. Dataisten sind also, was menschliches Wissen und menschliche Klugheit angeht, skeptisch und vertrauen lieber auf Big Data und Computeralgorithmen.
Der Kapitalismus hat den Kommunismus nicht deshalb besiegt, weil der Kapitalismus moralischer war, weil individuelle Freiheiten heilig sind oder weil Gott auf die heidnischen Kommunisten wütend war. Der Kapitalismus hat den Kalten Krieg gewonnen, weil verteilte Datenverarbeitung besser funktioniert als zentralisierte, zumindest in Zeiten beschleunigten technologischen Wandels. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei kam schlicht und einfach mit der sich rasant verändernden Welt des späten 20. Jahrhunderts nicht zurecht.
Das ist das kapitalistische Erfolgsgeheimnis. Es gibt keine zentrale Verarbeitungseinheit, die sämtliche Daten zur Brotversorgung in London monopolisiert. Die Informationen fließen frei zwischen Millionen von Konsumenten und Produzenten, Bäckern und Finanzmagnaten, Bauern und Wissenschaftlern hin und her. Die Marktkräfte bestimmen über den Brotpreis, über die Zahl der Laibe, die jeden Tag gebacken werden, und über die Prioritäten bei Forschung und Entwicklung. Wenn Marktkräfte die falsche Entscheidung treffen, korrigieren sie sich schon bald selbst, oder zumindest glauben das die Kapitalisten.
Da sich die Bedingungen für Datenverarbeitung im 21. Jahrhundert erneut verändern, könnte die Demokratie schwächer werden oder sogar verschwinden. Da sowohl Menge als auch Geschwindigkeit der Daten zunehmen, könnten altehrwürdige Institutionen wie Wahlen, Parteien und Parlamente obsolet werden – nicht weil sie unmoralisch wären, sondern weil sie Daten nicht effizient genug verarbeiten. Diese Institutionen entstanden in einer Zeit, als die Politik sich schneller entwickelte als die Technologie. Im 19. und 20. Jahrhundert entfaltete sich die industrielle Revolution langsam genug, sodass Politiker und Wähler ihr immer einen Schritt voraus blieben und ihren Verlauf regulierten und beeinflussten. Doch während sich der Rhythmus der Politik seit dem Dampfzeitalter nicht groß verändert hat, hat die Technik vom ersten in den vierten Gang geschaltet. Technologische Revolutionen laufen heute viel schneller ab als politische Prozesse, was dazu führt, dass Parlamentarier und Wähler gleichermaßen die Kontrolle verlieren.
Bis sich die schwerfällige staatliche Bürokratie zu einer Cyber-Regulierung durchringt, hat sich das Internet überdies schon wieder zehnmal verändert. Die Regierungsschildkröte kann mit dem technologischen Hasen nicht mithalten. Sie ist mit der Datenflut überfordert.
Noch nie in der Geschichte wusste eine Regierung so viel über das, was auf der Welt vor sich geht – doch wenige Imperien haben auf so dämliche Weise Mist gebaut wie die heutigen Vereinigten Staaten. Sie sind wie ein Pokerspieler, der genau weiß, welche Karten seine Gegner in der Hand haben, und es trotzdem schafft, eine Runde nach der anderen zu verlieren.
Unsere gegenwärtigen demokratischen Strukturen können die relevanten Daten schlicht und einfach nicht schnell genug sammeln und verarbeiten, und die meisten Wähler verstehen zu wenig von Biologie und Kybernetik, um sich dazu eine angemessene Meinung zu bilden. Deshalb verliert die traditionelle demokratische Politik die Kontrolle über die Ereignisse und kann uns keine sinnvollen Zukunftsvisionen mehr bieten. Die normalen Wähler spüren allmählich, dass ihnen der demokratische Mechanismus keine Macht mehr verschafft. Die Welt rings um sie herum verändert sich, und sie verstehen nicht, wie und warum das alles geschieht. Die Macht verschiebt sich weg von ihnen, aber sie können nicht sagen, wohin sie verschwunden ist. In Großbritannien glauben sie, die Macht sei an die EU übergegangen, und so stimmen sie für den Brexit. In den USA bilden sich die Wähler ein, das «Establishment» habe alle Macht an sich gerissen, und so unterstützen sie Anti-Establishment-Kandidaten wie Bernie Sanders und Donald Trump. Die traurige Wahrheit ist, dass niemand weiß, wo all die Macht hin ist. Fest steht nur: Sie wird nicht zu den gewöhnlichen Wählern zurückkehren, wenn Großbritannien aus der EU austritt oder Donald Trump ins Weiße Haus einzieht.
Der Politik fehlt es Anfang des 21. Jahrhunderts folglich an großen Visionen. Regieren ist zu bloßer Administration geworden. Man verwaltet das Land, führt es aber nicht mehr. Die Regierung sorgt dafür, dass Lehrer pünktlich bezahlt werden und die Abwasserkanäle nicht überlaufen, aber sie hat keine Ahnung, wo das Land in 20 Jahren sein wird. In mancher Hinsicht ist das durchaus eine gute Sache. Wenn man bedenkt, dass einige der großen politischen Visionen des 20. Jahrhunderts uns nach Auschwitz, nach Hiroshima und zum «Großen Sprung nach vorn» führten, sind wir in den Händen kleingeistiger Bürokraten heute möglicherweise besser aufgehoben. Die Verbindung aus gottgleicher Technologie mit größenwahnsinniger Politik würde der Katastrophe Tür und Tor öffnen. Viele neoliberale Ökonomen und Politikwissenschaftler behaupten, am besten sollte man alle wichtigen Entscheidungen dem freien Markt überlassen. Damit liefern sie Politikern die perfekte Entschuldigung für Nichthandeln und Nichtwissen, die als tiefreichende Klugheit uminterpretiert werden. Politiker glauben nur zu gerne, dass sie die Welt deshalb nicht verstehen, weil sie sie nicht verstehen müssen.
Unsere Zukunft den Kräften des Marktes zu überlassen ist gefährlich, denn diese Kräfte tun, was gut für den Markt ist, und nicht, was gut für die Menschheit oder für die Welt ist. Die Hand des Marktes ist ebenso blind wie unsichtbar, und wenn man sie sich selbst überlässt, wird sie gegen die Bedrohung durch den Klimawandel oder das gefährliche Potenzial künstlicher Intelligenz nichts tun. Manche Leute glauben, dass trotzdem jemand verantwortlich ist. Nicht demokratische Politiker oder autokratische Despoten, sondern eine kleine Clique von Milliardären, die insgeheim die Welt regieren. Aber solche Verschwörungstheorien funktionieren nie, weil sie die Komplexität des Systems unterschätzen.
Ein paar Milliardäre, die in irgendeinem Hinterzimmer Zigarren rauchen und Whisky trinken, können nicht alles verstehen, was auf der Welt passiert, und es schon gar nicht kontrollieren. Rücksichtslose Milliardäre und kleine Interessengruppen florieren in der chaotischen Welt von heute nicht deshalb, weil sie die Karte besser lesen können als alle anderen, sondern weil sie sehr eng gesteckte Ziele haben. In einem chaotischen System ist der Tunnelblick immer von Vorteil, und die Macht der Milliardäre entspricht genau ihren Zielen. Wollte der reichste Mensch der Welt eine weitere Milliarde US-Dollar verdienen, könnte er das System problemlos manipulieren, um sein Ziel zu erreichen. Wollte er jedoch die weltweite Ungleichheit verringern oder den globalen Klimawandel stoppen, wird nicht einmal ihm das gelingen, weil das System viel zu komplex ist.
Der Dataismus ist die erste Bewegung seit 1789, die einen wirklichen neuen Wert geschaffen hat: die Freiheit der Information.
wie Kapitalisten glauben, dass alle guten Dinge vom Wirtschaftswachstum abhängen, glauben Dataisten, dass alle guten Dinge – darunter auch das Wirtschaftswachstum – von der Informationsfreiheit abhängen. Warum wuchsen die USA schneller als die UdSSR? Weil die Information in den USA freier floss. Warum sind Amerikaner gesünder, wohlhabender und glücklicher als Iraner oder Nigerianer? Dank der Informationsfreiheit. Wenn wir also eine bessere Welt schaffen wollen, ist der Schlüssel dazu die Freigabe der Daten.
Wo aber kommen diese großen Algorithmen her? Das ist das Geheimnis des Dataismus. So wie viele Menschen laut Christentum Gott und seinen Plan nicht verstehen können, so behauptet der Dataismus, das menschliche Gehirn könne die neuen Masteralgorithmen nicht begreifen. Im Moment werden die Algorithmen natürlich überwiegend von menschlichen Computerfreaks geschrieben. Doch die wirklich wichtigen Algorithmen – wie etwa der Suchalgorithmus von Google – werden von riesigen Teams entwickelt. Jeder Beteiligte versteht nur einen Teil des Puzzles, und niemand begreift den Algorithmus als Ganzen so richtig. Überdies entwickeln sich mit dem Aufkommen des maschinellen Lernens und künstlicher neuronaler Netzwerke immer mehr Algorithmen unabhängig, indem sie sich selbst verbessern und aus ihren eigenen Fehlern lernen. Sie analysieren astronomische Datenmengen, die kein Mensch je bewältigen könnte, und lernen, Muster zu erkennen und Strategien anzuwenden, die dem menschlichen Geist entgehen. Der Ausgangsalgorithmus mag zunächst von Menschen entwickelt worden sein, aber wenn er heranwächst, verfolgt er seinen eigenen Weg und geht dorthin, wo noch nie zuvor ein Mensch war – und wohin ihm kein Mensch folgen kann.
Wenn es dem Dataismus gelingt, die Welt zu erobern, was wird dann mit uns Menschen geschehen? Anfangs wird es wahrscheinlich das menschliche Streben nach Gesundheit, Glück und Macht beschleunigen. Der Dataismus breitet sich gerade deshalb aus, weil er diese menschlichen Sehnsüchte zu stillen verspricht. Um Unsterblichkeit, Glück und göttliche Schöpfungskraft zu erlangen, müssen wir ungeheure Datenmengen verarbeiten, welche die Kapazitäten des menschlichen Gehirns weit überschreiten. Also werden die Algorithmen das für uns erledigen. Doch sobald die Macht von den Menschen auf die Algorithmen übergeht, könnten die humanistischen Projekte irrelevant werden. Sobald wir die homozentrische Weltsicht zugunsten eines datazentrischen Weltbilds aufgeben, könnten Gesundheit und Glück der Menschen immer weiter an Bedeutung einbüßen. Denn warum sollte man sich um obsolete Datenverarbeitungsmaschinen kümmern, wenn es bereits deutlich bessere Modelle gibt? Wir streben danach, das «Internet aller Dinge» zu entwickeln, weil wir hoffen, dass es uns gesund, glücklich und mächtig macht. Doch sobald das «Internet aller Dinge» existiert und funktioniert, könnten wir von Entwicklern zu Mikrochips und dann zu Daten schrumpfen und uns am Ende im Datenstrom auflösen wie ein Klumpen Erde in einem reißenden Fluss. Der Dataismus droht somit, Homo sapiens das anzutun, was Homo sapiens allen anderen Tieren angetan hat.
Die Menschen überlassen nicht zuletzt deshalb, weil sie mit der Datenflut nicht mehr zurechtkommen, die Macht dem freien Markt, der Weisheit der Crowd und externen Algorithmen. In der Vergangenheit funktionierte Zensur dadurch, dass der Informationsfluss blockiert wurde. Im 21. Jahrhundert bedeutet Zensur, die Menschen mit irrelevanten Informationen zu überschwemmen. Die Menschen wissen einfach nicht, worauf sie achten sollen, und vergeuden ihre Zeit oft damit, sich mit Nebenaspekten zu beschäftigen. In früheren Zeiten bedeutete Macht, Zugang zu Daten zu haben. Heute bedeutet Macht zu wissen, was man ignorieren kann. Worauf von all dem, was in unserer chaotischen Welt geschieht, sollten wir uns also konzentrieren? Wenn wir in Monaten denken, sollten wir unser Augenmerk vermutlich auf unmittelbare Probleme wie die Wirren im Nahen Osten, die Flüchtlingskrise in Europa und die Abschwächung der chinesischen Wirtschaft richten. Wenn wir in Jahrzehnten denken, spielen der Klimawandel, die wachsende Ungleichheit und der Zusammenbruch des Arbeitsmarkts eine zentrale Rolle. Wenn wir aber das Leben im Großen und Ganzen in den Blick nehmen, werden alle anderen Probleme und Entwicklungen von drei miteinander verknüpften Prozessen überschattet: 1.Die Wissenschaft konvertiert zu einem allumfassenden Dogma, das behauptet, Organismen seien Algorithmen und Leben sei Datenverarbeitung. 2.Intelligenz koppelt sich vom Bewusstsein ab. 3.Nicht-bewusste, aber hochintelligente Algorithmen könnten uns schon bald besser kennen als wir uns selbst. Diese drei Prozesse werfen drei Schlüsselfragen auf, die Sie, so hoffe ich, noch lange nach der Lektüre dieses Buches beschäftigen werden: 1.Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung? 2.Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein? 3.Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?
Zuletzt aktualisiert am 12. September 2026 um 22:09

