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In diesem Newsletter geht es um das Schwerpunktthema „Lieferkettenschocks und Turbulenzen aufgrund des Iran-Krieges und der Sperrung der Straße von Hormus“. Leider ist zu erwarten, dass in den kommenden Wochen und Monaten viele Wirtschaftszweige und die allgemeine Versorgung betroffen sein werden.

Dieser Beitrag wurde von unserem Mitglied Marco Felsberger (Supply Chain & Critical Infrastructure Resilience) zusammengestellt, der sich seit Langem mit Lieferkettenrisiken befasst und beruflich laufend entsprechende Analysen erstellt.

Hier noch eine Anmerkung zu unserem letzten Newsletter: Die erwartete Gaskrise ist dank des unerwartet massiven Wetterumschwungs glücklicherweise nicht eingetreten. Aktuell gehen zahlreiche Marktakteure jedoch aufgrund des Iran-Krieges und der Preisverwerfungen davon aus, dass die Speicher bis zum nächsten Winter nicht gefüllt werden können. Damit wäre spätestens im Winter 2026/27 eine schwere Energiekrise zu erwarten. Zumindest bleiben uns einige Monate, um uns darauf vorzubereiten.

Wesentliche Punkte für eilige Leser – Botschaft für Unternehmer und Entscheidungsträger

Die Blockade der Straße von Hormus ist nicht nur ein Energieproblem. Sie hat gleichzeitig entscheidende Auswirkungen auf die Bereiche Chemie, Luftverkehr, Gesundheitsversorgung, Düngemittel, Aluminium, Halbleiter und Lebensmittelpreise. Erst in dieser Breite wird deutlich, warum die Krise in Wellen verlaufen wird und ihre wirtschaftlichen Folgen deutlich länger anhalten werden als die militärische Eskalation selbst.

Zusammenfassung der Krisendynamik

Die gravierendsten wirtschaftlichen Schäden entstehen durch die starke Asymmetrie bei den globalen Rohstoffreserven.

  • Zeitversetzte Wellen: Während die erste Welle innerhalb von drei Wochen Kerosin und Naphtha betrifft, folgen in der zweiten Welle (Tage 32–48) Helium, Dünger und Aluminium, bevor ab Woche 6 die Halbleiter- und Lebensmittelproduktion einbricht.
  • Falscher Fokus auf Rohöl: Obwohl die mediale Aufmerksamkeit auf Rohöl liegt, ist dieses durch strategische Reserven für über 90 Tage abgesichert, während kritische Stoffe wie Naphtha (21 Tage) und Helium (14 Tage) viel schneller ausfallen.
  • Verzögerte Normalisierung: Ein Waffenstillstand bedeutet nicht das sofortige Ende der Störungen. Da Sicherheitsüberprüfungen und die Wiederaufnahme von Versicherungsdeckungen erforderlich sind, wird eine kommerzielle Erholung voraussichtlich frühestens Mitte Juli 2026 möglich sein.

Zentrale Handlungsaufforderungen

Entscheidungsträger aus Wirtschaft und Politik sollten ihre Aufmerksamkeit dringend von rein diplomatischen Bemühungen auf operative Schwachstellen lenken.

  • Rohöl-Fokus aufgeben: Die Krise darf nicht länger anhand des Rohölpreises bewertet werden; stattdessen müssen Güter mit kurzen Pufferzeiten und hoher Relevanz priorisiert überwacht werden.​ 
  • Vorrangsverträge sichern: Vor allem bei medizinischem Helium müssen Krankenhäuser sofortige Lieferzusagen abschließen, bevor finanzstarke Halbleiterhersteller den Markt leerkaufen und ab Tag 62 Kontingentierungen greifen.
  • Erwartungen anpassen: Das Ende militärischer Handlungen darf unter keinen Umständen mit dem Ende der Lieferkettenstörungen verwechselt werden, weshalb Unternehmen langfristige Engpässe bei Transport und Vorprodukten einplanen müssen.
  • Breite Risikovorsorge: Die Blockade muss als branchenübergreifende vernetzte Krise verstanden werden, die neben der Energieversorgung massiv in die Chemie-, Gesundheits-, Landwirtschafts- und Elektronikbranche eingreift.

Individuelle Vorsorge

  • Stellen Sie sich mental auf ein turbulentes und schwieriges wirtschaftliches Jahr 2026 ein. Rechnen Sie mit deutlichen Preissteigerungen in vielen Bereichen und nehmen Sie Priorisierungen vor. Rechnen Sie mit Engpässen bei Flugbenzin.
  • Bevorraten Sie haltbare Lebensmittel und wichtige Alltagsgüter rechtzeitig, bevor sich Preis- und Lieferprobleme durchschlagen.
  • Rechnen Sie mit Einschränkungen im Gesundheitssystem, vor allem auch bei Medikamenten.
  • Ziehen Sie benötigte Elektronik, Ersatzteile und Reparaturen vor, solange die Verfügbarkeit noch besser ist.
  • Versuchen Sie, Ihre Abhängigkeit von langen Lieferketten und Mobilität so weit wie möglich zu reduzieren.

Drei Wellen

Wie die Hormuz-Krise Lieferketten zeitversetzt trifft – und warum ein Waffenstillstand das Problem nicht sofort löst.

Die Krise in der Straße von Hormuz trifft die Weltwirtschaft nicht auf einen Schlag, sondern in drei zeitversetzten Wellen. Einige Lieferketten spüren den Druck sofort, andere erst Wochen oder Monate später – wenn Lagerbestände erschöpft sind, Vorprodukte fehlen und sich die ersten Ausfälle durch die Industrie fressen. Genau diese Zeitverzögerung macht die Krise strukturell gefährlich: Sie wirkt in der Frühphase beherrschbar, obwohl ihre eigentliche Wucht bereits angelegt ist.

Zentrale Einsicht: Reserveasymmetrie entscheidet über Kaskadengeschwindigkeit

Rohöl verfügt über 90–250 Tage strategische Reserven (IEA-Koordinierung). Naphtha bricht nach 21 Tagen ein. Helium nach 14 Tagen. Harnstoff-Vorleistungen nach etwa 45 Tagen. Die gesamte analytische Aufmerksamkeit konzentriert sich auf Rohöl—den Stoff mit dem längsten Puffer. Die tatsächliche Kaskadengeschwindigkeit bestimmt sich durch die Kettenglieder ohne Puffer.

Ein möglicher Waffenstillstand beendet die wirtschaftlichen Störungen nicht. Selbst wenn die militärische Eskalation rasch nachließe, blieben die Folgen für Handel und Logistik deutlich länger bestehen. Zuerst muss die Route wieder als sicher gelten, dann müssen Versicherer ihre Kriegsrisikodeckungen wiederaufnehmen, erst danach können Reedereien ihre Fahrpläne schrittweise stabilisieren. Modellrechnungen über drei voneinander unabhängige Phasen kommen im Basisszenario (best case!) zum Schluss, dass eine vollständige kommerzielle Wiederöffnung erst rund 140 Tage nach Krisenbeginn – Mitte Juli 2026 – zu erwarten ist.

Die Straße von Hormuz muss nicht physisch vollständig blockiert sein, um massive wirtschaftliche Schäden auszulösen. Schon die Unsicherheit reicht, wenn Versicherer Kriegsrisiken neu bewerten, Reeder Schiffe zurückhalten und Transporte teurer oder unmöglich werden. Mehrere Schiffsversicherer setzten ihre Kriegsrisikodeckung für Fahrten im Golf und in angrenzenden Gewässern aus. Damit wurde aus einem militärischen Konflikt innerhalb weniger Tage ein globaler, wirtschaftlicher Schock, dessen Folgen noch längst nicht absehbar sind, was in komplexen Systemen normal ist. Die Krisenauswirkungen dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit die Auswirkungen der Corona-Pandemie übersteigen. 

GfKV Newsletter 19 Abb. 1 Kaskadenzeitplan

Abb. 1 — Kaskadenzeitplan: acht Lieferketten, drei Wellen. Grau: Pufferphase (Reserven/Lager). Orange: Preisschock. Rot: physische Disruption. Rohöl: Preisschock Tag 1, physischer Engpass erst nach Erschöpfung strategischer Reserven (> 90 Tage). Naphtha: 21-Tage-Inventar → Disruption ab Tag 11. Helium: 14-Tage-Händlerbestand → ab Tag 14. Tag 42: Kaskadenwendepunkt. Tag 56: Kritische Schwelle. 

Erste Welle: Preisschock, Kerosin und Naphtha (Tage 1–21)

Durch die Straße von Hormuz läuft rund 20 % des globalen Erdölkonsums und etwa 20 % des weltweiten LNG-Handels (EIA/IEA, 2024/2025)—bei letzterem korrigiert von zuvor kursierenden höheren Schätzungen. Ab Tag 1 kam es zu einem sofortigen Preisschock: Brent stieg innerhalb weniger Tage auf über 103 Dollar pro Barrel, rund 42 % über dem Vorkriegsniveau.

Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Preisschock und physischem Engpass bei Rohöl. Strategische Reserven – IEA-Mitgliedsländer koordinierten eine Freigabe von rund 400 Millionen Barrel – stabilisierten den Markt physisch für 90 bis 250 Tage, je nach Importregion. Saudi-Arabien und die VAE können zusammen 3,5–5,5 Millionen Barrel täglich über Bypass-Pipelines (Petroline, Abu Dhabi Crude Oil Pipeline) umleiten – das entspricht etwa 25–33 % der normalen Hormuz-Durchflüsse. Rohöl hat also keinen physischen Engpass in Welle 1. Was Welle 1 kennzeichnet, ist der Preisschock und der Ausfall von Stoffen ohne Reservepuffer.

Kerosin ist der erste reale Versorgungsengpass. Wenn Raffinerien in der Golfregion ausfallen oder sich die Preise massiv verteuern, steigen die Jet-Fuel-Preise auf ein Niveau, das den Airlines wachsende operative Probleme bereitet. Betroffen sind die Luftfracht, die internationale Logistik und alle Lieferketten, die auf schnelle Transporte angewiesen sind.

Besonders tückisch ist Naphtha, zentraler Ausgangsstoff der Chemieindustrie. Im Gegensatz zu Rohöl wird Naphtha von kaum einem Marktteilnehmer laufend im Bestand überwacht. Deshalb trat der Engpass ohne sichtbare Vorwarnung ein. Ab Tag 11 gingen europäische Cracker mit einem Restvorrat von rund 21 Tagen in die Disruption. Die BASF in Ludwigshafen ist doppelt exponiert, da sowohl Gas als auch Naphtha dort zusammenlaufen. Bis Tag 14 wurden zehn Notstandserklärungen aus Südkorea, Singapur, Taiwan, Indien und Thailand gemeldet.

Zweite Welle: Helium, Dünger und Aluminium (Tage 32–48)

Die zweite Welle trifft auf Stoffe, die in der öffentlichen Wahrnehmung übersehen werden, für Industrie und Versorgung jedoch unverzichtbar sind. Sie ist weniger sichtbar, aber nicht weniger folgenreich.

Helium ist der klinisch dringlichste Engpass. Katar produziert über Ras Laffan 30–33 % des weltweiten Angebots als Nebenprodukt der LNG-Verarbeitung. Nach Treffern auf die Anlage am 18. März erstreckt sich die Erholung mindestens bis Q3 2026. Händlerbestände deckten zum Zeitpunkt der Eskalation rund 14 Tage ab. Krankenhäuser mit MRT-Geräten und Halbleiterhersteller konkurrieren auf demselben Spotmarkt – Fabriken verfügen über deutlich größere Beschaffungsbudgets. Ohne gesicherte Vorrangsverträge, die bis Ende März abgeschlossen sein müssen, beginnt die Kontingentierung in klinischen Einrichtungen ab Tag 62 (Kornbluth Helium Consulting, März 2026).

Harnstoff aus dem Golfraum – aktuell bei rund 680 Dollar pro Tonne, 43 % über dem Vorkriegsniveau – trifft nicht sofort die Supermarktkasse. Die Folgen kommen zeitversetzt: erst bei der Aussaat ab Mitte April, dann bei den Ernteergebnissen im August–September und schließlich bei Lebensmittelpreisen zwischen September und Dezember 2026.

Aluminium gehört neu in die Risikobetrachtung. Die Golfregion ist nicht nur ein Energiekorridor, sondern auch ein bedeutender Produktionsstandort. Die Vereinigten Arabischen Emirate (EGA), Bahrain, Katar und Saudi-Arabien produzieren zusammen rund 5,5 Millionen Tonnen pro Jahr, der überwiegende Teil davon läuft über die Straße von Hormuz. Bereits gemeldet wurden Lieferstörungen, Produktionsdrosselungen und Ausweichrouten über Oman. Betroffen sind die Automobilindustrie, der Maschinenbau, die Bauwirtschaft, die Verpackungsindustrie und die Elektroindustrie.

GfKV Newsletter 19 Abb. 2 Gleichzeitige Disruptions Wahrscheinlichkeit

Abb. 2 — Gleichzeitige Disruptions-Wahrscheinlichkeit über 100.000 Simulationspfade. Ab drei gleichzeitigen Sektordisruptionen verstärken sich Schocks multiplikativ, nicht additiv. Tag 42: Kaskadenwendepunkt. Ab Tag 56: 100 % aller Pfade zeigen ≥3 Sektordisruptionen; 88 % zeigen ≥5. 

Dritte Welle: Halbleiter, Lebensmittel und Industrie (ab Woche 6)

Die dritte Welle trifft Branchen, die nicht sofort ausfallen, sondern erst, wenn sich mehrere Engpässe überlagern. Ab einem bestimmten Punkt addieren sich die Störungen nicht mehr, sondern sie multiplizieren sich. In 58 % der Simulationspfade geraten bis zum 10. April drei oder mehr kritische Infrastruktursektoren gleichzeitig in Disruption. Ab Tag 56 zeigen alle Pfade mindestens drei simultane Ausfälle.

Bei Halbleitern ist diese Logik besonders deutlich erkennbar. Ab Tag 64 – mit einem Erholungspfad von zwölf Wochen – geraten Chipfabriken unter Druck. Nur wenige spezialisierte Anbieter halten Quasi-Monopolstellungen bei Fotolacken und Spezialgasen, die aus Katars LNG-Strömen gewonnen werden. Schon kleinere Ausfälle bei diesen Vorprodukten bringen ganze Wertschöpfungsketten aus dem Takt. Der Kaskadenweg: Ras Laffan-Treffer → Heliumausfall → Halbleiterproduktion → Elektronikindustrie weltweit.

Für das Ernährungssystem gilt dieselbe Logik, allerdings mit einer längeren Verzögerungszeit. Aussaatentscheidungen im April wirken sich auf die Ernteergebnisse im August/September und die Verbraucherpreise zwischen September 2026 und Dezember 2026 aus. In der Frühphase wirkt die Versorgung noch stabil, obwohl die eigentlichen Folgekosten zu diesem Zeitpunkt bereits angelegt sind.

    Warum ein Waffenstillstand nicht mit Normalisierung verwechselt werden darf

    GfKV Newsletter 19 Abb. 3 Verzögerung der Wiederöffnung

    Abb. 3 — Verzögerung der Wiederöffnung: drei unabhängige, sequenzielle Phasen. Phase 1: Militärische Sicherung / Routenkontrolle (4–10 Wochen). Phase 2: Versicherungsnormalisierung (P50: 13 Tage nach Waffenstillstand; P&I-Clubs, Solvency II). Phase 3: Erholung der Reederei-Fahrpläne (6–10 Wochen). P50-Erwartungswert für vollständige kommerzielle Wiederöffnung: Tag 140 ab Krisenbeginn (Mitte Juli 2026). 

    Der entscheidende strategische Zusammenhang dieser Krise ist die Entkopplung von politischer und wirtschaftlicher Erholung: Deeskalation bedeutet nicht automatisch Normalisierung. Selbst nach einem Waffenstillstand bleiben Sicherheitsfragen, Versicherungsprobleme, Rückstaus im Schiffsverkehr und verschobene Fahrpläne bestehen. Der verbreitetste Denkfehler in Unternehmen ist: Das Ende der Eskalation mit dem Ende der Störung zu verwechseln.

    Präzisierung zur Minenräumung: Laut Pentagon gibt es bisher keine gesicherten Belege dafür, dass der Iran die Straße von Hormuz tatsächlich vermint hat. Treffender ist die Formulierung, dass nach einem Waffenstillstand eine Phase der militärischen Sicherung, Überprüfung und schrittweisen Routenfreigabe nötig wäre – unabhängig davon, ob Minen oder andere Gefahren bestehen. In Modellrechnungen dauert diese Phase 4–10 Wochen, je nach Beteiligung alliierter Streitkräfte.

    Die operative Schlussfolgerung für Entscheider lautet: Wer nur auf die Diplomatie schaut, reagiert zu spät. Entscheidend ist nicht das Datum eines möglichen Waffenstillstands, sondern wie lange Transport, Versicherung, Energieversorgung und industrielle Vorprodukte gestört bleiben. Die Versicherung ist dabei keine Begleiterscheinung der Krise, sondern ihr Schließmechanismus. P&I-Clubs und Rückversicherungskapital müssen wiederhergestellt sein, bevor sich kommerzielle Routen normalisieren können. 

    Call to action

    Wie erwartet nehmen die Turbulenzen weiter zu, auch wenn die einzelnen Ereignisse, die zu diesem Chaos beitragen, immer wieder überraschend kommen. Unsere Kernbotschaft „Lassen Sie uns also gemeinsam weiter daran arbeiten, krisenfit zu werden!“ ist damit leider aktueller denn je.

    Dabei geht es natürlich immer um den Spagat zwischen Ohnmacht erzeugen und den Kopf in den Sand stecken einerseits und andererseits darum, nach der ersten „Schockwirkung“ zu überlegen, wie die eigene Handlungsfähigkeit wiederhergestellt werden kann. Dazu gehört, das anzunehmen, was man nicht verändern kann, und trotzdem zu überlegen, wie man sich auf die kommenden Entwicklungen mit noch mehr Unsicherheiten einstellen und vorbereiten kann, ohne die Hoffnung zu verlieren.

    Sprechen Sie das Thema Vorsorge auch in Ihrem privaten und beruflichen Umfeld an und bleiben Sie, wie wir, unbequem.

    Zuletzt aktualisiert am 21. März 2026 um 22:54