Letzte Aktualisierung am 03. August 2022.

Strompreisbildung – Merid-Order-Effekt

Quelle/Siehe weitere Details: https://www.next-kraftwerke.de/wissen/merit-order

Als Merit-Order bezeichnet die Energiewirtschaft die Einsatzreihenfolge der stromproduzierenden Kraftwerke auf einem Stromhandelsplatz, um die wirtschaftlich optimale Stromversorgung zu gewährleisten. Die Merit-Order orientiert sich an den niedrigsten Grenzkosten, also der Kosten, die bei einem Kraftwerk für die letzte produzierte Megawattstunde anfallen. Die Merit-Order ist darum unabhängig von den Fixkosten einer Stromerzeugungstechnologie. Die Kraftwerke, die fortlaufend sehr preisgünstig Strom produzieren, werden gemäß der Merit-Order als Erstes zur Einspeisung zugeschaltet. Danach werden so lange Kraftwerke mit höheren Grenzkosten hinzugenommen, bis die Nachfrage gedeckt ist.

Bei der Merit-Order handelt es sich um ein mögliches Beschreibungsmodell eines funktionierenden Strommarkts. Die Annahme hinter diesem Modell ist, dass Kraftwerksbetreiber immer ihre Kosten für die nächste produzierte Megawattstunde decken wollen, sonst würden sie nicht produzieren. Kraftwerke mit niedrigen Grenzkosten können also einen niedrigeren Preis für ihren Strom bieten und werden damit öfter bezuschlagt als Kraftwerke mit höheren Grenzkosten. Die Merit-Order versucht also zu erklären, wie die Preisbildung auf dem Strommarkt funktioniert; sie ist kein „Gesetz“, das den Kraftwerkseinsatz koordiniert.

Merit-Order-Effekt

Das zentrale Problem

Grundsätzlich hat sich das Merit-Order-Modell bewährt und in den letzten Jahren für günstige Strompreise gesorgt. Es gibt jedoch offensichtlich mehrere schwere Designfehler:

Merit-Order-Effekt ohne KKW & Kohle
  1. Es wurden offensichtlich keine Mechanismen für Krisenzeiten oder explodierende Rohstoff-/Primärenergiekosten implementiert. Das Marktmodell funktioniert zwar richtig, jedoch werden die mit den extrem steigenden Preisen ausgelösten wirtschaftlichen und sozialen Nebenwirkungen (👉 Komplexität) ausgeblendet. Und das kann rasch zum Einstürzen des Kartenhauses führen.
  2. Das Modell wurde vor rund 20 Jahren entwickelt, wo es im ENTSO-E Gebiet noch massive Kraftwerks- und Produktionsüberkapazitäten gab. Daher konnten auch die Preise gesenkt und die Effizienz deutlich erhöht werden. Diese Überkapazitäten gibt es aber nun nicht mehr, womit das Modell wieder massive negative Nebenwirkungen zeigt. Erneuerbare Energien können zwar die konventionelle Erzeugung „rechts hinausschieben“, aber wenn keine oder kaum EE-Produktion – wie fast jeden Tag in der Nacht – vorhanden ist, wird es extrem teuer. Auch, weil die billigeren Kohlekraftwerke stillgelegt werden. Nun soll auch noch Gas herausgenommen werden. Damit droht das völlige Chaos.
  3. Die tatsächliche Preisbildung ist massiv intransparent („Black Box“) und fördert daher einen Missbrauch in Engpasssituationen. Grundsätzlich ist es richtig, dass der Markt das schon selbst regeln würde. Nur hängt die gesamte Gesellschaft von diesem Markt und insbesondere von der technischen/physikalischen Umsetzbarkeit ab, da hier permanent die Balance gehalten werden muss, da ansonsten das System kollabiert.

Meldungen

03.08.22: Weitere Strompreis-Verrücktheit: Großteil des Handels wird NICHT über Börse abgewickelt. Und: Börsenpreise schwanken viel stärker als die effektiven. Und: Die Kundenpreise werden mit den BÖRSENpreisen indexiert > Börseninstabilität wird auf die tats. Preise übertragen!!!

03.08.22: Auf der Strombörse EPEX SPOT wird der Preis als Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage (stündlich) ermittelt. Die Angebote geben lt. Lehrbuch die Grenzkosten der versch. Produzenten wider. Es könnten aber ganz andere Faktoren wirken: Ein Billigproduzent (z. B. Wasserkraft) reduziert sein Angebot so, dass auch die Angebote von Teuerproduzenten (Gas) zum Zug kommen. Dann kassiert der Billigproduzent einen Preis, der zehnmal so hoch ist wie seine Kosten (und bald noch mehr). Das wäre fraglos rational (> Ökonomen) – aus Sicht von Verbund und Co.

Warum viel Gas für Strom verbraucht wird

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/erdgas-stromversorgung-101.html 

Obwohl Russland aktuell kaum noch Gas nach Deutschland liefert, wird es hierzulande weiter viel für die Stromerzeugung verwendet. Das ist ein Problem für das Füllen der Gasspeicher – und für die Strompreise.

Seit Jahren sammeln Wissenschaftler des Fraunhofer ISE in Freiburg alle von der Strombörse gelieferten Daten und bereiten sie tagesaktuell auf. In diesem Frühjahr erlebten sie dabei eine Überraschung: Während Russland die Gaslieferungen drastisch reduzierte und die Politik forderte, Gas einzusparen, und während die Gaspreise parallel dazu auf ungeahnte Höhen stiegen, erreichte die Stromproduktion aus Erdgas im Monat Mai einen historischen Höchststand. Entsprechend langsam füllten sich die Gasspreicher, und folgerichtig sind die für den nächsten Winter gesetzlich geforderten Reserven schwieriger zu erreichen. Bis heute, Mitte Juli, hat sich daran nichts geändert. Wind und Sonne liefern ähnlich viel Strom wie in früheren Jahren auch. Warum also wird für die Stromproduktion so viel Gas verwendet?

Die Ursachen dafür finden sich in Frankreich. Dort stehen 56 Atomkraftwerksblöcke, und 16 davon sind für eine übliche jährliche Wartung einige Wochen lang abgeschaltet. Zusätzlich sind aktuell aber zwölf weitere wegen Korrosion an Kühlrohren oder Verdacht auf solche Schäden längerfristig außer Betrieb. Wo Risse gefunden wurden, hofft der Betreiber EDF, das bis zum Herbst reparieren zu können. Der Konzern warnt aber schon vor möglichen längeren Stillständen. Und selbst wenn einzelne Blöcke wieder anlaufen, müssen weitere, ähnlich gebaute AKW auch auf Risse geprüft werden – und auch deutsche Kraftwerke noch lange die Lücke füllen.

Deutschland exportiert schon seit Jahren mehr Strom als es importiert. Auch dieses Jahr – wie üblich – einige Terawattstunden in die Benelux-Staaten und nach Tschechien. Ungewöhnlich allerdings: Mehr als acht Terawattstunden flossen nach Frankreich, zusätzlich gute zehn Terrawattstunden nach Österreich, mehr als drei in die Schweiz. Wobei davon ein großer Teil weiter nach Italien floss, das normalerweise auch französischen Atomstrom kauft. So liefen deutsche Gaskraftwerke eben auch, um den Ausfall maroder französischer Reaktoren auszugleichen. Auch dieser Umstand ließ Strompreise in Deutschland steigen.

Der Preise für Strom an den Börsen stieg von früher rund vier Cent auf mittlerweile mehr als 20 Cent. Allerdings: Erdgas trägt trotz allem nur rund 15 Prozent zur deutschen Stromerzeugung bei. Selbst wenn sich der Gaspreis massiv erhöht, ist eine Vervielfachung der Börsenpreise für Strom überraschend. Braunkohle wird von den Kraftwerksbetreibern selbst zu praktisch unveränderten Kosten aus dem Boden geholt; Wind, Sonne und Wasserkraft wurden eher billiger als teurer. Doch spezielle Regeln der Strombörse bescheren den Betreibern solcher Anlagen massive Gewinne.

Im kurzfristigen Handel wird zunächst geschätzt, wie viel Strom in den kommenden Stunden oder auch am Folgetag benötigt wird und wie viel davon aus Wind und Sonne gedeckt werden kann. Dann beginnt eine Auktion, bei der zunächst die billigsten Kraftwerke, meist Braunkohle, zum Zug kommen. Je mehr Strom benötigt wird, desto teurere Kraftwerke – oft Steinkohle – kommen zum Zug. Zuletzt bieten die teuersten – eben Gaskraftwerke -ihren Strom an. So weit, so logisch. Am Ende bekommen dann aber alle Erzeuger – auch die billigsten – den Preis, den das teuerste Kraftwerk erzielt hat. Und weil auch die Preise für den langfristigen Stromhandel sich an den kurzfristigen Börsenpreisen orientieren, stiegen auch dort die Preise massiv.

Weil Stromversorgungsunternehmen ihre Ware meist zum größten Teil ein bis drei Jahre im Voraus von den Erzeugern kaufen, wird sich dieser Anstieg für Endkunden erst in den kommenden Jahren zeigen. Doch Experten erwarten einen Anstieg der Endkundenpreise von heute rund 35 Cent pro Kilowattstunde auf bis zu 55 Cent im Lauf des nächsten Jahres. Für einen durchschnittlichen Vierpersonenhaushalt wäre das eine Mehrbelastung von 760 Euro pro Jahr.

Gleichzeitig steigen dann die Gewinne der Kraftwerksbetreiber um rund 60 Milliarden Euro jährlich. Auf Vorschlag von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat der Bundestag nun ein Gesetz beschlossen, mit dem Steinkohle- und Ölbefeuerte Kraftwerke, die bislang als Reserve nur in Bereitschaft standen, in den regulären Börsenmarkt zurückkehren und Erdgaskraftwerke verdrängen sollen. Der Erdgasverbrauch könnte dadurch sinken – die Preise allerdings kaum. Denn auch Steinkohle und Öl wurden bislang zu großen Teilen aus Russland geliefert und sind im Preis deutlich gestiegen.