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Quelle: www.heise.de (Dr. Alexander Unzicker ist Physiker, Jurist und Sachbuchautor. Sein Buch „Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur – Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten“ erschien 2019 im Westend-Verlag.)

Konventionelles Risikomanagement versagt bei einem Schwarzen Schwan

Leider kann das menschliche Gehirn exponentielles Wachstum nicht intuitiv erfassen. In Ausnahmesituationen wie der Covid19-Pandemie führt dies zu katastrophalen Fehleinschätzungen von Entscheidungsträgern. Herkömmlichen Kosten-Nutzen-Abwägungen sind ungeeignet, um mit der Krise umzugehen. Sie kommen systematisch zu spät.

Gefühlte Sicherheit, errechnete Bedrohung

Betrachten wir zunächst nüchtern die Zahlen. Charakteristisch für eine Ausbreitung ist der Faktor, mit dem sich die Zahl der Betroffenen (Infizierte, Schwerkranke, Tote) jeden Tag erhöht. Mit 674 Infizierten (Stand 6.3.20 abends) ist Deutschlands Situation am ehesten vergleichbar mit Italien am 27.2.20 (650 Infizierte), wir haben etwa 8 Tage Vorsprung.

Seither stieg die Anzahl der Infizierten in Italien auf 4636 (Faktor 1,28 pro Tag), die Anzahl der Intensivpatienten von 56 auf 463 (Faktor 1,30 pro Tag). Rein rechnerisch wären damit die angeblich in Deutschland vorhandenen 30.000 Beatmungsgeräte in 24 Tagen besetzt (Log1,3 463/56 =15,9 Tage + 8Tage), wahrscheinlich das Gesundheitssystem aber schon vorher am Zusammenbruch, denn für ganz schwere Fälle gibt es um Größenordnungen weniger Plätze.

Deutschlands Infizierte steigen im Moment mit dem Faktor 1,37 (5-Tages-Mittel), die Anzahl der Intensivpatienten ist nicht bekannt. Zwar gibt es weniger Tote zu beklagen (laut Statistik bisher keiner). Es ist aber wahrscheinlicher, dass dies mit Testdefiziten und fehlender Obduktion zu tun hat als die naive Annahme, das Virus werde beim Weg über die Alpen ungefährlicher (obwohl anscheinend der Frühausbruch in Wuhan eine höhere Letalität hatte). Beunruhigende 10 Prozent der (gemessenen) Infizierten benötigen wohl Intensivtherapie, die tödlichen Fälle ereignen sich im Mittel 14 Tage nach den ersten Symptomen.

China wird die Flüge nach Europa streichen, nicht umgekehrt

Europaweit gibt es ca. 7000 Infizierte (Stand 6.3.20 abends), zahlenmäßig vergleichbar mit China am 30.01.20. Allerdings waren in China schon am 24.1. drastische Maßnahmen zur Eindämmung verhängt worden, die den täglichen Faktor schon Anfang Februar auf 1,20 drückten.

Diese Daten machen es wahrscheinlich, dass Europa von der Pandemie wesentlich stärker betroffen sein wird als China. Es könnte aber auch um Größenordnungen schlimmer werden, wenn nicht entschiedene Maßnahmen ergriffen werden. Dass es möglich ist, den Ausbruch zu stoppen, hat China (aber auch andere Länder wie z.B. Singapur) bewiesen. Jeder einzelne versäumte Tag wird jedoch die Anzahl der Toten, aber auch den volkswirtschaftlichen Schaden um etwa 30 Prozent erhöhen.

Komfortzone verlassen heißt nicht Panik

Das zentrale Problem ist, dass auf diesem Kontinent niemand die Verantwortung übernimmt, die Bevölkerung mit unangenehmen Zahlen zu konfrontieren. Die Gefahr muss aber – in sachlicher Weise – in die Köpfe. Ein verbreitetes Framing, aber völlig daneben ist es, entsprechende Warnungen als „Panikmache“ zu diffamieren.

Schädliche Panikmache wäre, in einem überfüllten Raum „Feuer“ zu rufen, so dass sich die Menschen am engen Ausgang tottrampeln. Hier geht es dagegen darum, die Leute herauszubitten, bevor es richtig brennt und für einen Notausgang zu werben. Aber die Aufforderung, sich aus der Komfortzone zu bewegen, löst bei vielen Menschen Unbehagen und berechtigte Besorgnis aus – und davor haben Politiker wirklich Angst.

Abwesenheit von Evidenz ist was anderes als Evidenz für Abwesenheit.

Nassim Taleb

Das Problem ist, dass sie vielen Menschen als übertrieben erscheinen, die eine vermeintlich rationale Kosten-Nutzen-Abwägung durchführen, die verheerende Folgen haben kann. Niemand hat das klarer ausgedrückt als Nassim Taleb, der Autor des Weltbestsellers Der schwarze Schwan. In speziellen Situationen wie der vorliegenden, in der mit kleiner Wahrscheinlichkeit ein sehr großer Schaden droht, muss man anfangs „übertrieben“ reagieren. Das Individuum erleidet dabei einen kleinen Nachteil, der kurzfristig außer Verhältnis steht, aber einen immensen Schaden von der Gemeinschaft abwendet (der am Ende natürlich wieder jedes Individuum trifft).

Dies haben die wenigsten Entscheidungsträger verstanden (obwohl Taleb dazu auch in Fachzeitscheitschriften publiziert hat, „general precautionary principle“), und daher laufen Regierungen und Behörden in solchen Fällen grundsätzlich den Ereignissen hinterher. Bei aller speziellen lokalen Inkompetenz, über die man sich aufregen kann, ist dies natürlich schon ein globales Problem.

It is definitely wiser to panic early than to panic late.

Nassim Taleb

Schwarzen Schwan vermeiden

Zu den unbekannten Unbekannten, von den Taleb spricht, gehören leider auch die Gefahren durch das Virus, das oft mit Grippe verglichen wird, was epidemiologisch und medizinisch völlig unsinnig ist. Neben der höheren Ansteckungsrate und der höheren Letalität weiß man nichts über Langzeitauswirkungen. Durchaus beunruhigend ist der Bericht chinesischer Ärzte, die durch eine Tumoroperation zufällig an Lungengewebe im Frühstadium der Sars-CoV-2-Infektion gelangt sind. Es fanden sich erhebliche Gewebeschädigungen bei noch asymptomatischen (!) Patienten. Es kann eine gute Nachricht sein, dass viele Infizierte kaum Symptome haben, aber zumindest ein Restrisiko für Folgeschäden besteht. Gerade deshalb ist alles andere als entschiedenes Handeln verantwortungslos.

Laut Nassim Taleb ist es auch klüger, sich auf den ungünstigen Fall vorzubereiten, anstatt Wahrscheinlichkeiten zu berechnen, die man typischerweise unterschätzt. Lieber die Rettungsboote dabei haben, als zu behaupten, das Schiff sei unsinkbar. Seriöse Prognosen für den Ausgang der Corona-Krise lassen sich im Moment kaum erstellen. Es kann allerdings sein, dass neben den sicher immensen wirtschaftlichen Folgen nicht nur auf nationaler Ebene Regierungen die Folgen spüren, sondern dass die Pandemie auch zu einem evolutionären Ereignis wird, das Gesellschaftssysteme selektiert. Auch deshalb sollte man sich anstrengen.

Kommentar

Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

Das Coronavirus und wir

Die Ausbreitung des Coronavirus beschäftigt und beunruhigt derzeit sehr viele Menschen. Viele widersprüchliche (ambivalente) Informationen prasseln auf uns ein. Auf der einen Seite wird von den offiziellen Stellen beruhigt und gleichzeitig werden immer massivere Maßnahmen getroffen. Viele Menschen können sich nicht orientieren und es fehlen uns die Erfahrung, wie man mit einer derartigen Situation umgehen soll. Bei einer derart hohen Emotionalität wirken Fakten kaum mehr. Trotzdem ist es notwendig, dass wir handlungsfähig bleiben und uns auch mit diesen auseinandersetzen. Denn wie bei vielen großen und neuen Ereignissen geht auch hier die größere Gefahr von den Sekundärfolgen und unüberlegtem Handeln aus! 

Sollte es wie zu erwarten in den nächsten Wochen zu einem exponentiellen Anstieg bei den Infektionen kommen, muss auch mit weitreichenden Auswirkungen auf unser Gesellschaftsleben und insbesondere auf das Gesundheitssystem gerechnet werden. Sollte sich die Infektionsrate so fortsetzen wie bisher, müssen wir Anfang April 2020 mit rund 100.000 infizierten Menschen in Österreich rechnen (siehe Simulation). Es könnte aber auch sein, dass sich die steigenden Temperaturen negativ auf das Virus auswirken bzw. dass sich hoffentlich die von der Regierung angeordneten Maßnahmen als ausreichend Wirksam erweisen. Wir wissen es nicht. Daher sollten wir uns grundsätzlich einmal auf die schlechtere Nachricht einstellen. Für die meisten Menschen wird das kaum Auswirkungen haben. Im Gesundheitssystem würde es jedoch zu massiven Belastungen kommen, die es zu vermeiden gilt.

Daher müssen wir uns alle an die neue Situation anpassen und lernen (Resilienz), um das Gesamtsystem zu entlasten. Das beginnt bei den empfohlenen Maßnahmen und setzt sich mit der standardmäßigen Eigenbevorratung fort, ohne jedoch unüberlegte „Hamsterkäufe“ zu tätigen. Versuchen Sie sich Bewusst darauf einzustellen, dass die Unsicherheiten in den nächsten Wochen und Monaten weiter ansteigen werden. Viele Auswirkungen sind noch gar nicht abschätzbar. Es wird wahrscheinlich nicht einfach so weiter gehen, wie bisher. Daher beginnt der wichtigste Schritt im Kopf und mit der Akzeptanz der neuen Situation sowie mit der Bereitschaft, die Auswirkungen bestmöglich gemeinsam zu bewältigen.

Hier noch eine einfache Modellierung. Wir befinden uns aktuell wahrscheinlich bei ca. 50 … 

Modell COVID-19

Die Eindämmungsmaßnahmen – wenn auch langfristig nicht wirksam – haben den einzigen Zweck, den Gleichzeitigkeitsfaktor zu minimieren, um die Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern! One chart, shared widely on Twitter yesterday by Carl T. Bergstrom, a University of Washington researcher and expert on fighting coronavirus misinformation, helps demonstrate the importance of fast action.

COVID-19 - Warum Eindämmung wichtig ist