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Quelle: Die Presse Am Sonntag, 20.10.19

Erst zuletzt kam es zu einer Festnetzstörung, die auch Notdienste betraf. Sind wir auf technische Katastrophen vorbereitet? Fünf Szenarien und ein Gedankenspiel.

Stellen Sie sich vor: Sie wählen den Notruf. Eine der wenigen Telefonnummern, die man auswendig kennt, denn hier bekommt man Hilfe, immer. Das weiß man schon seit der Volksschule, als man halbwüchsig die Merksprüche auswendig lernt. „144, Rettung kommt zu mir.“ Aber nicht heute. Am anderen Ende der Leitung ertönt nur das Besetztzeichen. Und dann – Stille.

Am 14. Oktober erlebten einige Österreicher dieses Szenario, das genauso gut aus einem apokalyptischen Film stammen könnte. Das Festnetz von A1 fiel teilweise aus, auch die Notrufnummern waren betroffen. Schuld an der Störung war kein Hackerangriff oder Terroranschlag. Es klingt beinahe banal: Ein Teil der Hardware ist in der Zentrale kaputtgegangen und musste getauscht werden. Es waren vier Stunden, die an die Verletzlichkeit unserer modernen Gesellschaft erinnerten.

Vorbereitet sei niemand

Die Welt wird digitaler – und damit sensibler. „Mehr Technik bedeutet eben auch, dass etwas ausfallen kann“, sagt Robert Stocker, Leiter der Abteilung für Katastrophenmanagement im Innenministerium. Ein Gespräch, das ohne Telefonnetz, Strom und GPS nicht möglich gewesen wäre, schließlich sitzt Stocker gerade nicht in Wien, sondern in Zagreb, bei einer Tagung zum Zivilschutz. „Das größte Bedrohungspotenzial birgt ein großflächiger Stromausfall“, sagt er. „Gleich dahinter kommt der Ausfall des IT-Systems.“ Zu einem tatsächlichen Blackoutszenario, also einem großflächigen Stromausfall, kam es in Österreich noch nie. „Aber wir müssen gewappnet sein.“ Vorbereitet sei aber kaum jemand, sagt Blackoutexperte Herbert Saurugg. Weder private Haushalte noch Unternehmen, Einsatzorganisationen oder die Politik.

Meine Einschätzung für ein Blackout: Hundert Prozent

Herbert Saurugg

Katastrophenmanagement ist Ländersache. „Was wir auf der Ebene der Bundesregierung machen können, sind Rahmenbedingungen festlegen“, so Stocker. Etwa mit dem Notverordnungsrecht der Bundesregierung und schnellen Beschlussmöglichkeiten im Parlament. „Die Umsetzung muss dann regional und lokal passieren, da sind die Gemeinden gefordert.“ Saurugg sieht hier das Problem: „Meiner Erfahrung nach, ist es bei kleinen Gemeinden und Großstädten das Gleiche: Man erwartet, dass die nächste Ebene die Lösung und Vorsorge hat“, sagt er. Solche großflächigen Katastrophen seien so aber kaum beherrschbar. „Wenn ich nicht mit Gemeinden kommunizieren kann, kann ich nicht koordinieren.“

Saurugg spricht nicht im Konjunktiv, wenn er solche technischen Katastrophen nennt. Die Wahrscheinlichkeit berechnen könne man schwer: „Aber meine Einschätzung für ein Blackout: Hundert Prozent“, sagt Saurugg. „Ich bin überrascht, dass es bisher noch nicht dazu gekommen ist.“ Ein Blackout, IT-Crash oder der Ausfall der Telekommunikation hängen eng miteinander zusammen. „Ein Schmetterlingseffekt“, so Saurugg. Fünf Szenarien und ein Gedankenspiel.

Der Berufsoffizier Herbert Saurugg ist Blackout-Experte. Clemens Fabry

Die Telefonnetzstörung

Der Festnetzausfall am Montag hat für Saurugg bestätigt, wie unvorbereitet man sei. „Wir haben offenbar nicht einmal die Kommunikationsketten definiert, wer wen informiert“, sagt er. Dabei sei es wichtig, rasch zu reagieren – da würden Kommunikationsmittel noch am ehesten funktionieren. Einen speziellen Notfallplan für den Festnetzausfall gab es im Innenministerium nicht. „In der Vernetzung sind wir gut vorbereitet gewesen, glaube ich“, sagt Stocker. „Ob wir zukünftig technisch besser vorbereitet sein können, wird die Evaluierung in den nächsten Tagen zeigen.“ Der erste Schritt sei das Notfallmanagement der Infrastrukturbetreiber, also A1, gewesen. Dann hätte man sich in der Abteilung im Innenministerium zu einer Besprechung getroffen und anschließend alternative Notrufnummern online aufgelistet. Außerdem wurde über Katwarn, eine Software der Behörde, die via App, SMS oder E-Mail funktioniert, eine Warnung ausgeschickt. Und wenn die Störung länger angedauert hätte? Dann hätte man bald konkretere Aussagen getroffen, heißt es von Stocker. „Solange das Internet funktioniert, kann man ja breit informieren.“

Der Stromausfall

Bei einem Blackout ist das nicht mehr der Fall. „Es funktioniert ja fast nichts mehr in unserer modernen Gesellschaft ohne Strom“, sagt Saurugg. Nur ein Viertel der Supermärkte verfügt etwa über eine Notstromversorgung, mit der man den Normalbetrieb aufrechterhalten könnte. Die offizielle Empfehlung für Haushalte: So große Vorräte zu lagern, um im Ernstfall vierzehn Tage nicht das Haus verlassen zu müssen. „Aus Untersuchungen wissen wir, dass sich nur zwei Drittel der Bevölkerung maximal sieben Tage selbst versorgen kann“, sagt Saurugg. Erst im Mai gab es in Österreich die dreitägige Blackoutübung Helios. „Das hat uns konkretere Ansätze gegeben, mit welchen Aspekten wir uns intensiver beschäftigen müssen“, so Stocker. In anderen Teilen der Welt, wie etwa Südamerika, kommt es öfter zu Blackouts. Saurugg gibt zu bedenken: „Die Infrastruktur ist dort durch die Häufigkeit viel besser vorbereitet.“

Ein Aufzug ist übrigens einer der schlechtesten Orte, um vom Blackout überrascht zu werden. Wenn Saurugg erklärt wieso, wird das Ausmaß eines Blackouts klar: „Vielleicht kann man noch den Notruf im Aufzug aktivieren und kommt in ein Callcenter durch – aber dann ist Schluss.“ Denn dort rufen nun gleichzeitig Tausende Menschen an, die in einem Lift feststecken. „Die Techniker sind über das Handynetz wahrscheinlich nicht mehr erreichbar und ein Verkehrschaos ist ausgebrochen“, sagt Saurugg. Bis man etwa alle Lifte in Wien abgehen könnte, würde es Tage dauern. Jene Leute, die die Infrastruktur wieder hochfahren sollen – also Techniker, Polizisten oder Rettungskräfte – haben dieselben Probleme wie die restliche Bevölkerung. „Und wahrscheinlich eine Familie, bei der sie sein wollen, wenn die Lage ernst wird.“

Die Einschätzung ist, dass die Stimmung nach 48 Stunden zu kippen beginnt.

Herbert Saurugg

Manche würden erwarten, dass bei einem Blackout sofort Anarchie ausbricht. „Das glaube ich nicht“, sagt Saurugg. Die Kleinkriminalität würde schnell ansteigen. Doch zuerst könne man grundsätzlich Zusammenhalt erwarten, glaubt Saurugg. „Die internationale Einschätzung ist, dass es nach 48 Stunden zu kippen beginnt – vor allem in Städten.“ In Lebensmittelgeschäften könne sich eine gefährliche Eigendynamik entwickeln. „Das darf uns nicht passieren. Sonst können Geschäfte so beschädigt sein, dass selbst wenn der Strom wieder funktioniert, zuerst alles aufwendig repariert werden müsste.“ Auch Stocker geht davon aus, dass man im Ernstfall auf Zusammenhalt bauen könne. „Dann geben hoffentlich Supermärkte Lebensmittel aus.“

Die Wasserversorgung würde ohne Strom bei Sparsamkeit noch ein oder zwei Tage reichen, schätzt Saurugg. „Hier kommt es aber wieder auf die Menschen an.“ Der offiziellen Empfehlung des Zivilschutzes, bei einem Blackout die Badewanne mit Wasser zu befüllen, widerspricht er: „Wenn das viele Menschen machen, dann ist es sofort aus mit der Versorgung. Und wenn die Wasserversorgung ausfällt, dann drohen schwere Infrastrukturschäden, die noch sehr lange Konsequenzen haben.“ In Österreich gibt es durch geografische Begebenheiten bei der Wasserversorgung einen Vorteil, sagt Stocker: „Ein großer Teil des Wassers kommt aus den Bergen.“ Auch in Wien. „Dadurch kann mit einem Mindestdruck Wasser in die Stadt fließen.“

Langfristige Infrastrukturschäden würden nach einem Blackout drohen. Imago

Information sei bei einer technischen Katastrophe ein hohes Gut, sind sich Stocker und Saurugg einig. Mithilfe von Sirenen und Radiogeräten könne man die Bevölkerung erreichen. Ansonsten würde man auf den Taxifunk und, wenn möglich, elektronische Werbetafeln zurückgreifen. Das Innenministerium arbeitet im Ernstfall mit ORF und APA zusammen. „Der ORF hat ein eigenes Notstromaggregat“, sagt Stocker. Gleiches gelte für Krankenhäuser, so Saurugg. Spitäler hätten eine Notreserve an Strom, die zwischen 24 und 72 Stunden ausreicht – zumindest für die wichtigsten Bereiche. „Die Frage ist dann, wie lange das Personal bleibt und ob noch jemand zur Ablöse kommt.“ Wenn Menschen kommen, um Schutz in Spitälern zu suchen, sei der Betrieb nicht aufrechtzuerhalten. Ein Dilemma: „Es klingt brutal, aber hier geht es vor allem um das Überleben der Infrastruktur, nicht der Menschen“, sagt Saurugg. „Sonst kollabiert der komplette Spitalsbereich.“

Der digitale Crash

Bei einem Crash der IT-Systeme hätte die Medizin ebenso massive Probleme: Die Daten in Krankenakten sind elektronisch gespeichert. Stocker gibt zu bedenken: „So ein Ausfall wirft auch soziale und ethische Fragen auf – soll ein Arzt operieren, ohne dass er die Daten des Patienten einsehen kann?“ Er empfiehlt, einen Vorrat an Medikamenten zu Hause zu lagern. „In Apotheken sind die Lagerbestände automatisiert, oft weiß nicht ein Apotheker, sondern nur der Computer geschwind, wo welche Medikamente sind.“ Einen IT-Ausfall sieht Stocker neben dem Stromausfall als gefährlichstes Szenario für Österreich. Und auch Saurugg stimmt zu: „Wenn Systeme durchgehend über Jahre laufen und dann herunterfahren, treten massive Hardwareschäden auf – das ist nicht mehr beherrschbar.“ Natürlich gebe es Sorge wegen Hackeraktionen, sagt Stocker.

Wenn das IT-System einer Pensionsversicherung wegfällt, ist da eine besondere soziale Schärfe.

Robert Stocker

Kritische Infrastruktur müsste deshalb besonders geschützt werden: 2018 wurde ein Netz- und Informationssicherheitsgesetz verabschiedet, das für kritische Unternehmen „eigene Sicherheitsvorkehrungen sichtet und vorsieht“, sagt Stocker. Ein Beispiel hierfür seien Versicherungen. „Wenn etwa das IT-System einer Pensionsversicherung wegfällt, ist da eine besondere soziale Schärfe.“ Problematisch wäre bei einem IT-Crash ebenso, wenn die Bankomaten ausfallen – große Mengen an Bargeld haben nur noch die Wenigsten zu Hause. In Abstimmung mit dem Finanzministerium hätte man für den Fall einen Krisenplan entwickelt. „Man müsste in Bankfilialen wieder wie früher Anschreiben, wenn man Geld abheben möchte.“

Der Verkehrsstillstand

Um ein Blackout zu erkennen, empfiehlt Saurugg Ö3 zu hören: „Der Sender wird bundesweit ausgestrahlt und hat den Verkehrsfunk“, sagt er. „Wenn ich höre, dass in ganz Österreich Tunnel gesperrt werden, weiß ich: Da ist was im Busch.“ Der Ampelausfall würde wohl zu einem Verkehrschaos führen. Unternehmen wie die ÖBB haben Notstrom, um Züge gesichert in den nächsten Bahnhof zu bringen. Ähnliches gilt für die U-Bahnen. Saurugg empfiehlt bei einem Blackout die Flucht aufs Land. „Aber nicht ins Blaue, man muss dort schon jemanden kennen und Vorbereitungen getroffen haben.“ Auch die Wegplanung müsse man berücksichtigen: „Zur Not mit dem Radl die Flucht ergreifen.“

Der Satellitenausfall

„Ein Satellitenausfall wäre der Overkill“, sagt Saurugg. Stromversorgung, Telefonie, IT, Tunnelsteuerung und Flugverkehr – all das ist von Satelliten und GPS abhängig. „Wenn das GPS-System gestört wird, würde die globale Versorgung zusammenbrechen.“ Um innerhalb von Europa autonom zu sein, will die EU mit Galileo ein eigenes Satellitensystem einführen – erst im Sommer ist dieses jedoch für eine Woche lang ausgefallen. Der Grund, warum Sie das wahrscheinlich nicht bemerkt haben? „Es war noch in der Testversion“, sagt Saurugg. „Ansonsten hätte das zu einem irreversiblen Chaos geführt.“