Das 2010 erschienene Buch von Gunter Dueck – Aufbrechen! Warum wir eine Exzellenzgesellschaft werden müssen – liefert zahlreiche erhellende Erkenntnisse bzw. weitere Puzzelstücke die zur Transformation zur Netzwerkgesellschaft passen. Gunter Dueck war vor seiner Pensionierung Chief Technology Officer der IBM Deutschland und ist nun als Schriftsteller und Keynotespeaker tätig. Es gibt auch mehrere hörenswerte Podcasts mit ihm, wie etwa Die Welt fragt, Gunter Dueck antwortet oder auf Arbeitsphilosophen. Seine Homepage: www.omnisophie.com.

Hier einige Auszüge aus seinem Buch:

Wenn eine neue Basistechnologie in die Welt tritt, wird sie erst als großartige Möglichkeit bejubelt, die existierenden Dinge viel besser und billiger herstellbar zu machen. Die Unternehmen wittern überall Goldgruben und lösen einen Gründungsboom aus. Diesem Aufschwung folgt fast immer eine Ernüchterung und dann ein Crash. S. 14.

Die Unternehmer versuchen, an einzelnen Stellen Geld zu machen, und verstehen nicht, dass die Basisinnovation in Wirklichkeit die Welt verändert. S. 14.

Siehe dazu auch die Kondratieff-Zyklen.

Die neuen Technologien ermöglichen dramatische Einsparungen – vor allem durch das Freisetzen von Personal. S. 15.

Siehe auch Human need not apply

Wir kennen doch das Muster dieser tektonischen Verschiebungen aus der Vergangenheit, die durch neue Technologien ausgelöst wurden. Sollten wir sie nicht als Denkanstoß nehmen, um uns über unsere jetzige Situation klar zu werden und die richtigen Entschlüsse zu treffen? S. 16.

Wir leben heute an der Schwelle eines signifikanten Umschwungs. Eine alte Welt (die jetzige) neigt sich dem Ende zu. Wie der primäre Sektor (Landwirtschaft) und der sekundäre Wirtschaftssektor (Industrie) wird nun auch der tertiäre Dienstleistungssektor automatisiert und braucht nur noch wenige Arbeitskräfte. Hier herrscht nun für Jahre der ‚mörderische‘ Verdrängungswettbewerb. S. 23.

Siehe auch Third Wave (Alvin Toffler), Kondratieff-Zyklen bzw. Transformation 21 (Fredmund Malik) in Die Netzwerkgesellschaft und Krisenmanagement 2.0.

In die Zukunft will niemand schauen, die kommt von alleine und ist für viele schlimm genug. Umso intensiver wollen die Wähler, dass die überholten Infrastrukturen der Vergangenheit unter erheblichen finanziellen Mitteln gerettet oder künstlich am Leben erhalten werden. S. 28.

Das Zauberwort der Ökonomie ist schon seit Langem die ‚Effizienz‘. Hauptsächlich dreht sich das Effizienzdenken zunächst darum, die vorhandenen Ressourcen optimal auszunutzen. Danach versucht man, dieselben Arbeitsgänge mit billigeren Ressourcen durchzuführen. Später beginnt die fieberhafte Suche nach ganz neuen Ideen, wie eine vorgegebene Leistung ganz anders zu erbringen ist. Eine häufig eingesetzte Methode besteht darin, das Risiko der Nichtausnutzung von Ressourcen den schwächeren Wirtschaftssubjekten aufzubürden, also meist den Arbeitnehmern. S. 31.

Siehe auch Wenn betriebswirtschaftliche Optimierungen systemgefährdend werden bzw. Das Risikoparadox.

Wie gesagt, das liegt auch ein bisschen an Ihnen! Denn Sie bezahlen so wenig dafür, dass diese Berufe aussterben müssen. Wenn eine Hausreinigungskraft schwarz zehn Euro die Stunde bekommt, ist ihr Lohn nicht etwa 2.000 Euro im Monat, wie Sie viel zu mathematisch denken. Denn eine Putzfrau muss ja alle paar Stunden oder jede Stunde das Haus wechseln, sie bekommt nicht zu jeder Tageszeit einen Auftrag, sie allein kann ihre Auslastung gar nicht optimieren. Eine Putzkraft hat einfach keine Chance, als Schwarzarbeiter 200 Stunden im Monat zu arbeiten, weil sie viele zu viele Transferzeiten hat. S. 56f.

Die Globalisierung hat diese Krise deshalb immens verstärkt. Sie ist aber nicht der Auslöser: Der ist die Industrialisierung des Services. S. 58.

Die Wahrheit ist wohl ganz simpel die, dass eine wirklich breit zu nutzende neue Technologie erst überhaupt allen schadet, weil sie viel zu viel Altes abschafft und dadurch einen Wirtschaftsknick auslöst. Denn zunächst einmal kosten die Veränderung und der ‚Neubau‘ der Welt viel Geld und erfordern eine große Umstellung. Erst einige Jahre später nützt die Technologie allen, die es sich in der neuen Welt gut einrichten konnten. (…) Wenn die Unternehmer wüssten, dass jede Infrastrukturrevolution allen zuerst schadet, weil es eine große Krise gibt, würden sie bei radikalen Innovationen weniger gierig nach vorn preschen. S. 60.

Siehe die „Schöpferische Zerstörung“ von Joseph A. Schumpeter.

Die neue Zeit verlangt von uns selbst, dass wir eine langfristige Verantwortung für unser gesamtes Leben übernehmen. Nicht mehr und nicht weniger. Das sind wir nicht gewohnt. S. 74.

Was gerade auch im „Katastrophenschutz“ eine enorme aber unausweichliche Herausforderung wird, um strategische Schocks als Gesellschaft sinnvoll bewältigen zu können.

Da die Computer in unser Leben dringen, müssen die IT-Fachleute immer dringender etwas vom Leben außerhalb des Rechenzentrums verstehen! Sie müssen sich dort und im ‚Business‘ auskennen. Sie müssen ja die Automatisierung der Arbeit in anderen Bereichen vorantreiben und müssen deshalb die Arbeit in allen anderen Bereichen verstehen. S. 86.

Die Notwendigkeit von vernetztem Denken …

Zweiteilung der Dinge: Das Einfache erledigen wir als Kunde selbst. (…) Aber für den Rest, den wir nicht können, erwarten wir jemanden, der echt besser ist als wir selbst. S. 88.

Deutschland geht also den Weg der Standardisierung des Bildungswesens, es arbeitet nicht an dessen Aufwertung. Selbst wenn Milliarden ins System gepumpt werden, dienen sie der Investition in weitere Industrialisierungen, nicht zur Verbesserung der Vermittlung vom Kompetenzen für die Studenten. S. 104.

Mündliche Prüfungen können Kompetenzen feststellen! Diese Prüfungen aber werden abgeschafft. Deshalb werden in Prüfungen keine Kompetenzen mehr festgestellt, sondern nur Wissensstände und Kenntnisse. S. 104.

Es gibt viele Schüler, die durch Hören lernen, nicht so sehr durch Lesen. Andere lernen eher durch praktisches Tun oder auch Anschauen. Der heutige Unterricht ist aus technischen Gründen ganz auf das Geschriebene gegründet. S. 110.

Der Einheitlichkeitswahn der zentralen Prüfung führt dazu, dass nun fast nichts mehr verändert oder modernisiert werden kann, weil jede Änderung wieder durch alle Länder und Gremien muss. Einheitlichkeit ist meist mit Unflexibilität verheiratet. S. 196.

Auch in Österreich nehmen die Bildungsdiskussionen einen ähnlichen Weg.

Spiral Dynamics: Wenn es für längere Zeit finster wird, breitet sich überall Egoismus aus – bis zum Crash der verbrannten Erde. Im frühen Aufschwung arbeiten die Menschen dann wieder Hand in Hand am Wiederaufbau und mögen sich wieder als Gemeinschaft. S. 124.

Es geht nicht mehr um normales Arbeiten, sondern um das Gewinnen. Notfalls werden Fakes geliefert, solange der Kunde das nicht merkt. Inhalte und Kompetenzen werden vorgetäuscht. S. 137.

Was eine Bank früher langwierig mit Papier und Menschen erledigte, geht heute mit ein paar Mausklicks. Aber wir bezahlen alles wie früher. Nur langsam wachen wir treuherzig-naiven Schläfer auf und erkennen immer klarer, dass wir abgezockt werden. S. 138.

Wir wollen dereinst von neuen Werkstoffen, von virtuellen Welten und lebensverlängernder Wundermedizin leben, aber wir denken weiterhin in den Bahnen der Effizienz. Effizienz macht das Alte billiger und schneller. Effizienz verlagert Arbeit dahin, wo sie billiger ist. Aber das Neue können wir nicht mit diesem Geist beginnen. Wir müssen probieren und studieren. Wir brauchen helle neugierige Köpfe in der freudig erregten Stimmung, wie sie für Innovationen typisch ist. (…) Die neue Zeit soll wieder eine des Gemeinsinns und der Meisterschaft des Einzelnen werden. Solche Kulturformen basieren auf Sinn, gegenseitigem Vertrauen, Respekt, Anerkennung und gegenseitige Hilfe. S. 139.

Man merkt wohl, dass der Geist und die Kultur der Innovation andere sind als die der Rationalisierung. S. 139f.

Wir müssen damit aufhören, alles nur unter dem Gesichtspunkt der Kostensenkung, dem stressenden Antreiben der Mitarbeiter und dem Vortäuschung von Großartigkeit zu betrachten und zu managen. S. 140.

Nach Krisen geht es woandershin – nicht zurück. S. 141.

Wir einigen uns nicht, wohin wir wollen. Wir lehnen leider aber auch jeden konstruktiven Vorschlag ab, weil er nicht perfekt ist. Kein Vorschlag ist perfekt, weil wir Teile der lieben gewohnten Vergangenheit nicht in die Zukunft mitnehmen können, zum Beispiel nicht alle Berufe. Es wird Verlierer unter uns geben, die ohnehin gegen jede Zukunft sein werden. Wir sind uns so lange in größter Ambivalenz uneins, bis wir schließlich die Zukunft nehmen müssen, die ohne uns kommt. S. 158.

Das Neue steht die ganze Zeit am Pranger, das Leben durcheinanderzubringen, Man verlangt Gesetze, dass sich ‚durch die Zukunft nichts zum Schlechteren verändert‘. S. 159.

Unsere Kinder können sehr viel konstruktiver sein, weil sie das Alte nicht kennen und einfach wieder einmal neu anfangen. Lassen wir sie daher viel mehr mitbestimmen und helfen wir ihnen, dabei keine groben (uns) bekannten Fehler zu machen. S. 164.

Für den großen Wandel haben die Unternehmen kein Geld – ja nicht einmal Zeit, dem Wandel gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Der Markt wird erst nach Ingenieuren und Akademikern verlangen, wenn die neue Zeit da ist – und wenn es keine Akademiker gibt und ihre Ausbildung viele Jahre dauert. Der Markt passt sich an. Der Markt erfindet Einzelnes neu, aber er kann aus seiner Zersplitterung heraus kein Ganzes konzipieren. Insbesondere ist der Markt nur sehr schwer dazu imstande, neue Infrastrukturen aufzubauen. S. 172.

Jede der neuen Infrastrukturen, die erst in den Ballungsräumen ausgebaut werden, liefert stets neue Gründe für Landflucht. Die Megacitys saugen alles auf, obwohl sie eigentlich keiner will. S. 173.

Das Einrichten neuer Infrastrukturen ist härteste Arbeit unter dem Getümmel von Interessensgruppen. Diese Arbeit dauert mit Sicherheit länger als bis zur nächsten Wahl. Unser Staat ist deshalb eher unwillig, sich an die Arbeit zu machen. Niemand hat einen Sinn für die Dringlichkeit von Reformen. Wenn je Reformen oder neue Strukturen beschlossen werden, sehen sie wie ein Flickenteppich von Kompromissen aus – nicht aber wie eine gute Lösung für die Kunden, Bürger oder Schüler. Reformen werden nur unter höchstem Druck angepackt. Die Parteien zerreden jeden beliebigen Vorschlag, gut oder schlecht. Der Staat befasst sich allenfalls mit Strukturerhaltung oder mit dem Betreiben der Strukturen. S. 180.

Der Staat hofft bei allem Schlamassel noch immer, dass Privatinvestoren für das Problem gefunden werden können, die am Ende alles richten. S. 181.

Geht es um den Aufbau der Zukunft, versagen sowohl der freie Markt als auch die soziale Marktwirtschaft! S. 181.

Wenn aus Strukturen Zukunftsstrukturen werden sollen, müssen sie aus der Gemeinschaft kommen, oder die Strukturen existieren als sich ewig anpassendes Flickwerk vor sich hin. S. 181.

Wenn man Innovationen ohne Kunden versucht, wird alles sehr theoretisch. Und das ist bei fast allen diesen Förderprogrammen der Fall. Was sollte man tun? Statt die Unternehmen und die Forschungen einzeln zu fördern, kann man die Infrastrukturen schaffen. S. 185.

Elektroautos – für zwei Jahre ganze 500 Millionen Euro an Fördergeldern – wie wenig 500 Millionen Euro sind – Es heißt über den Opel Vectra 2004: ‚Eine Milliarde Euro Entwicklungskosten stecken in dem Auto, gebaut wird es in einer nagelneuen Fabrik in Rüsselsheim, in der Opel weitere 750 Millionen Euro investierte.‘ S. 186.

In einer kommenden Wissensgesellschaft aber ist der von innen heraus verantwortliche Mensch notwendig – zusammen mit verantwortlichen Managern, Politikern, Eltern, Erziehern und Lehrern. S. 216.

Die wichtigste Infrastruktur der kommenden Wissensgesellschaft ist die Kultur des integren selbstverantwortlichen Menschen, der einen starken Sinn für die Gemeinschaft und für Ethik allgemein mitbringt. In einer solchen Kultur wird nicht jeder Mensch zu einem von der Kultur gewünschten. Menschen sind maßgebend in dieser Kultur. S. 218.