Eine Reaktion von Franz Hein auf den Artikel Einspeisevorrang auf der Kippe
Bundeswirtschaftsminister Altmaier erwägt, bei Überlastungen des Stromnetzes zukünftig auch Ökostrom-Anlagen abzuschalten.

Wer ein Windrad auf einem beliebigen Acker in Deutschland aufstellt und mit der Stromproduktion beginnt, hat im Gegensatz zu Investoren in anderen Branchen zwei ganz entscheidende Vorteile: Er weiß genau, wie viel Geld jede produzierte Kilowattstunde Elektrizität bringen wird – denn schließlich sind die Vergütungen für Ökostrom vorab festgelegt. Außerdem können sich die Produzenten sicher sein, dass sie ihren Ökostrom auch tatsächlich im Markt loswerden. Denn es gilt der so genannte Einspeisevorrang: Die Übertragungsnetzbetreiber sind gesetzlich verpflichtet, in jedem Fall den Ökostrom abzunehmen und vorrangig in ihre Netze einzuspeisen. Erst wenn das geschehen ist, darf beispielsweise Kohle- oder Atomstrom zum Zuge kommen.

Für den Stromfluss gelten u.a. die Kirchhoffschen Gesetze, also Naturgesetze und keine „Marktgesetze“. Zudem sind die fließenden Elektronen nicht „ideologisch eingefärbt“. Es gibt keinen „Öko“-Strom. Der ideologisch geprägte Einspeisevorrang ignoriert die Physik. Die angeführte gesetzliche Verpflichtung lässt die Naturgesetze, also die physikalischen Rahmenbedingungen außer Acht.

Im Haus von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gibt es jetzt allerdings Überlegungen, den Einspeisevorrang per Gesetzesänderung zurechtzustutzen. Die Ideen dafür liefert eine neue Studie von drei spezialisierten Beratungsunternehmen. Die Experten machten sich im Auftrag des Ministeriums Gedanken darüber, wie die Stabilität des deutschen Strom-Übertragungsnetzes erhöht werden kann.
Kosten „spürbar“ verringern
Das Netz gilt als Schwachstelle der deutschen Energiewende. Es stammt noch aus einer Zeit, als ausschließlich konventionelle Kraftwerke im Land Elektrizität produzierten. Inzwischen sind die Erneuerbaren dabei, die Kohle als wichtigsten Energieträger abzulösen. Wenn viel Wind weht oder die Sonne stark scheint, ist das Netz aber oft überlastet. Dann muss es stabilisiert werden, und zwar durch das Herunterfahren konventioneller Kraftwerke.

Das bisherige Denken und die darauf aufbauenden Vorschriften und sogar auch die von Menschen gemachten  Gesetze stammen aus der Zeit, in der nur „zentrale“ und gut regelbare Kraftwerkseinspeisungen den immer schon volatilen „Verbrauch“ der Stromkunden gedeckt haben. Dazu hatten die Kraftwerke immer schon Energiespeicher zur Verfügung. Kohlekraftwerke hatten Kohlehaufen auf dem Gelände, die immer wieder z. B. durch Schiffsladungen aufgefüllt wurden. Auch alle anderen Kraftwerkstypen hatten Energiespeicher, die mit fossilen Rohenergien (Erdöl, Erdgas) gefüllt waren. Selbst die Kernkraftwerke hatten mit einer „Ladung“ an Brennstäben einen beachtlichen Energiespeicher.  Jetzt kommt „nur“ die beachtliche Volatilität der Einspeisung erneuerbarer Energien hinzu. Hier wurde aber das Speichern schlicht „vergessen“ (oder verdrängt?).

In der Studie heißt es nun, dass grundsätzlich auch Ökostrom-Anlagen und Kraftwerke, die zugleich Wärme produzieren (Kraft-Wärme-Kopplung, KWK) für das Engpass-Management im Netz herangezogen werden sollten. Die Studien-Autoren sind sich sicher, dass eine gezielte Einbeziehung von Ökostrom- und KWK-Anlagen an kritischen Punkten des Übertragungsnetzes die Kosten für das Netzmanagement „spürbar“ verringern würde.

Wir brauchen dafür kein „Netzmanagement“, sondern ein Energiemanagement. Wir brauchen endlich ein Denken, dass Energievorräte als Puffer zwischen der Energieeinspeisung und der Energienutzung ein „Atmen“ des Gesamtsystems ermöglichen. Das Netz ist dann immer noch notwendig, denn zwischen den Bevorratungsstellen (also den Speichermedien) ist ein Ausgleich der Speicherstände immer wieder notwendig. Dieser Ausgleich kann aber zu netzdienlichen Zeiten erfolgen und damit insgesamt gemeinschaftsdienlich. Ohne Regelung und ohne Energietransport kein Ausgleich.

Die Gesamtkosten der Eingriffe zur Netz-Stabilisierung summierten sich im vergangenen Jahr auf mehr als 1,2 Milliarden Euro. Nachteil einer Einbeziehung von Ökostrom- und KWK-Anlagen: In diesem Fall würde auch der Ausstoß von Treibhausgasen steigen. Dieser betrage vermutlich aber weniger als ein Prozent der Emissionen des gesamten deutschen Kraftwerksparks und sei „nicht signifikant“, heißt es in der Studie.

Der Ausgleich der Speicherinhalte, also das „Wälzen“ von Energie über die Netze (Strom, Gas, Wärme, Kälte – sogar auch unter Nutzung der Mobilität) ist zwar nicht kostenlos (jedweder Transport „kostet“ etwas Energie), aber wenn diese Verlustenergie von der eingespeisten erneuerbaren Energie „abgezweigt“ wird, entstehen daraus keine negativ wirkenden Treibhausgase.

Die Grünen warnten, den Vorschlägen der Gutachter zu folgen. Die Erneuerbaren dürften nicht zurückgedrängt werden, während gleichzeitig Kohlestrom die Netze verstopfe, sagte Parteichefin Annalena Baerbock. Der Einspeisevorrang für Ökostrom sei ein Grundpfeiler der Energiewende. Ohne ihn lasse sich nicht das Ziel erreichen, den Anteil der Erneuerbaren bis 2030 auf 65 Prozent auszubauen.

Jedem Parteimitglied, das einen solchen kompletten Unsinn von sich gibt („Verstopfen“ der Netze durch Kohlestrom), müsste der sofortige Parteiausschluss drohen. Das ist Volksverdummung im höchsten Maß und damit parteischädigend. Dazu muss gesagt werden: Unwissenheit schützt nicht vor Strafe. Das gilt auch oder sogar besonders für eine Parteichefin. Zudem sollten die Journalisten, welche solche „Fake-News“ verbreiten, Gefahr laufen, zumindest ausgegrenzt und gebrandmarkt zu werden. Es kann nicht angehen, dass so ein Schwachsinn  („Verstopfen“ der Netze durch Kohlestrom) verbreitet wird. Wo bleibt die journalistische Sorgfalt und wo bleibt das (kritische) Mitdenken?

Kommentar Herbert Saurugg

Kurzfristig könnte ein Abgehen vom Einspeisevorrang schon die Probleme reduzieren, zumindest die Symptome, wenngleich damit aber keine grundsätzlichen Probleme/Ursachen damit gelöst werden. Schon gar nicht längerfristig. Daher kann dieser Schritt kurzfristig die Gefahr eines Blackouts reduzieren. Aber wie von Franz Hein dargestellt, muss es parallel auch weitere Maßnahmen geben, damit die Energiewende gelingen kann. Wir sollten endlich beginnen, die Dinge zu Ende und ganzheitlich zu denken, ansonsten werde wir rascher als uns lieb ist, uns mit der Bewältigung eines Blackouts beschäftigen müssen. Denn wie bereits ein Schweizer Kollege das einmal ausgedrückt hat: “Das Stromnetz folgt physikalischen Gesetzmäßigkeiten und ist unerbittlich: Wenn die Maßnahmen nicht wirken, schaltet es einfach ab!”
 

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