Das bereits etwas ältere Buch „Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren: Anleitung zum subversiven Denken“ von Hubert Schleichert, erschienen im C. H. Beck Paperback, enthält wieder einige interessante Gedanken, die auch gut in die heutige Zeit passen. Hier daher wieder einige Zitate daraus.

Argumentieren ist der Versuch, die Wahrheit eines Satzes (im Folgenden„These“ genannt) nachzuweisen.

Beliebt bei Fanatikern aller Art ist ein Prinzip, das die Form eines Dilemmas hat: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. Der Satz verschweigt geflissentlich, daß es zumindest noch eine dritte Möglichkeit gibt, nämlich Gleichgültigkeit und Desinteresse der betreffenden Lehre gegenüber.

Die Relativierung ist eine vorwiegend destruktiv benützte Argumentationsfigur. Zu diesem Zweck wird der anzugreifenden These ein Platz in einer größeren Menge von Alternativen angewiesen und damit ihr Einmaligkeitsanspruch angezweifelt.

Jede Sekte, jede Konfession, jede Ideologie beansprucht aber, im Besitz der einen, absoluten, einzigen Wahrheit zu sein. Dem Verfechter von Toleranz kann nun vorgeworfen werden, er bestreite die Existenz einer solchen absoluten Wahrheit überhaupt, womit die ganze Religion der Beliebigkeit ausgeliefert werde.

Man argumentiert für eine These über einen strittigen Fall, indem man auf einen anderen, nach allgemeiner Meinung unstrittigen, schrecklichen hinweist, und behauptet, daß der strittige Fall nur eine Vorstufe des schrecklichen sei.„Wehret den Anfängen!“ ist eine prägnante Kurzfassung dieses Prinzips: Abtreibung gehört verboten, denn wenn man einmal damit beginnt, Leben zu zerstören, wo wird es noch Grenzen geben! Abort in der 1. Woche soll erlaubt sein, in der 30. Woche nicht, das ist inkonsequent! Und warum nicht auch Alte und Kranke töten?

Eine an sich eventuell noch tolerierbare, unangenehme Sache wird unerträglich, wenn dahinter eine umfassendere, allgemeine Gesetzmäßigkeit oder ein Plan steckt. Ein derartiges Prinzip hat viel für sich; je nachdem, ob eine Sache absichtlich, regelmäßig, geschehen ist oder aber zufällig, hat man Grund, mit ihrer Wiederholung zu rechnen oder nicht.

Das Argument, daß hinter gewissen Dingen mehr als bloß (unglücklicher) Zufall stecke, kann falsch sein. Der an Verfolgungswahn (Paranoia) Leidende deutet jedes nur erdenkliche Ereignis, das Kreischen eines Kindes, einen fehlgeleiteten Telefonanruf, einen schimmelig gewordenen Käse, als Teil einer großen Verschwörung gegen sich. (In – freilich extrem seltenen – Ausnahmefällen ist die Interpretation richtig und der leidende Mensch gar nicht paranoid.) Diktatoren, die ihre Ziele nicht sofort erreichen, vermuten überall Sabotage: Was geschehen ist, ist kein Zufall, dahinter steckt Absicht, Methode, System, ein Plan, eine Weltverschwörung – und das hat Konsequenzen; es gibt Schuldige.

Die Figur kann auch absichtlich, wider besseres Wissen benützt werden, um von Schwierigkeiten abzulenken: Wo Sabotage vorliegt, muß es auch Saboteure geben, die man suchen und aburteilen kann. Dümmstenfalls erfindet man etwa eine„Jüdische Weltverschwörung“. Auch das „Dominoprinzip“ beruht darauf, Einzeltatsachen in einen größeren Zusammenhang zu stellen. In der politischen Diskussion des Kalten Krieges benützte man die Domino-These, um zu begründen, daß der Westen jedes nicht-kommunistische Land unterstützen müsse. Der Verlust eines Landes für den Westen wäre demnach kein isolierter Einzelfall gewesen, sondern er hätte eine Kette von unerwünschten Folgen ausgelöst: Fällt ein Dominostein, so folgt der nächste usf. Niemand soll denken, ein Rückzug aus Vietnam bedeute das Ende des Konfliktes. Dieser Fall ist bloß der nächste in einer langen, nicht-enden-wollenden Entwicklung.

Die Umkehrung des vorhin angeführten Prinzips lautet: Eine mißliche Sache ist eher zu ertragen, wenn es sich um einen Zufall oder eine einmalige Entgleisung handelt, als wenn ihr Planung, Absicht, Gesetzmäßigkeit, System zugrunde liegen.

Es gibt kaum etwas, mit dem nicht Mißbrauch getrieben werden kann, also ist es problematisch, etwas nur wegen des Mißbrauchs zu verdammen.

Heikel wird es, wenn eine angeblich menschenfreundliche Doktrin im Laufe der Geschichte mit großer Regelmäßigkeit sogenannte Mißbräuche hervorbringt und kaum je die versprochenen großartigen humanitären Wirkungen.

Der freak case erzwingt ein sorgfältigeres Überdenken einer allgemeinen These, und er zeigt, daß jede noch so genaue Formulierung nie alle Probleme erfassen kann. Das wird man bei moralischen Fragen oft genug feststellen können.

Gegenangriff sein, der die Aufmerksamkeit in andere Bahnen lenkt. Das ist durchaus kein schäbiger Trick, sondern entspricht der Lage der Dinge. Wenn Verleumdungen ohne Gründe in die Welt gesetzt werden, kann man ihnen schwerlich durch Gründe ein Ende setzen.

Es ist sinnlos, für oder gegen eine These zu argumentieren, wenn keine Klarheit über den„logischen Status“ der These oder (was damit zusammenhängt) über die Bedeutung der benützten Wörter besteht.

Definitionen kann man verschieden aufbauen, bis zu einem gewissen Grad sind sie beliebig; allerdings ist eine Diskussion sinnlos, wenn die Kontrahenten sich nicht über die Bedeutung der zentralen Begriffe einig sind.

Es gibt keine gültige Argumentation für Sollen-Sätze, wenn in den Argumenten nicht ebenfalls Sollen-Sätze stehen.

Wir wenden uns jetzt der Frage zu, wie eine (verbale, versteht sich) Auseinandersetzung mit jemandem erfolgen könnte, mit dem uns keine gemeinsame Argumentationsbasis verbindet, das heißt mit jemandem, der fundamentale Prinzipien, Werte, Dogmen für richtig hält, die wir für falsch halten. Wenn wir einfach die Thesen oder Dogmen eines solchen Menschen bestreiten und negieren, so ist das keine Argumentation. Wir ersetzen bloß ein dogmatisches System durch ein anderes.

Wie kann man mit jemandem in eine Argumentation eintreten, wie kann man gegen jemandes Thesen argumentieren, wenn man mit ihm in den fundamentalen Prinzipien nicht übereinstimmt? Wie können zwei verschiedene Ideologien oder Religionen einander die Richtigkeit der eigenen Dogmen und die Falschheit der anderen argumentativ nachweisen? Sie können es nicht. Argumentieren setzt eine Argumentationsbasis voraus, und gerade um diese Basis geht der Streit. Die Verhältnisse lassen sich am knappsten durch den alten Lehrsatz der Logik wiedergeben, daß man mit jemandem, der bereits unsere Prinzipien bestreitet, nicht diskutieren könne: Contra principia negantem non est disputandum. Das ist der Normalfall im Streit zwischen zwei Ideologien. Ein argumentativer Kampf zwischen ihnen ist nicht möglich.

Auseinandersetzungen erwarten. Die Wirklichkeit ist anders. Je nach Maßgabe der realen Machtkonstellation fallen Ideologien und Religionen mit Feuer und Schwert übereinander her, oder sie existieren nebeneinander ohne nachhaltige Versuche, den Gegner zu überzeugen.

Man sollte in der Auseinandersetzung mit Fanatikern immer davon ausgehen, es mit intelligenten, konsequent denkenden Menschen zu tun zu haben, deren Handlungen keineswegs„irrational“ sind.

Das Grundprinzip des Fanatismus ist ein Satz, den man schwerlich wird bestreiten wollen: Die Wahrheit verdient einen Sonderstatus gegenüber allen falschen Lehren.

Fanatismus ist das Gegenteil von Toleranz, aber nicht aus wie auch immer zu erklärenden üblen Charakterzügen des Fanatikers, sondern aus höheren Motiven, etwa um der Wahrheit willen, zur Ehre Gottes, der Partei, des Proletariats, der Nation, der Rasse und so fort. Fanatismus ist Inhumanität im Namen hoher Ideale – und deshalb mit bestem Gewissen.

Die Höhe von Wissenschaft und Technik war niemals eine Garantie gegen Fanatismus. Deshalb sollten auch wir Mitteleuropäer uns nicht zu sicher fühlen.

Die Heiden waren fast immer religiös tolerant; davon hat das frühe Christentum profitiert. Sollte das Christentum seinerseits nicht ebenso tolerant sein? Calvin lehnt das entschieden ab. Die Heiden kannten die Wahrheit noch nicht, also war für sie Toleranz vernünftig. Die Christen dagegen kennen die Wahrheit.

Niemals schildert der Fanatiker seine Gegner als nachdenkliche, die Wahrheit suchende Menschen, immer sind es Verbrecher, Monstren, Wahnsinnige. Der Abweichler wird zum gewöhnlichen Kriminellen gestempelt, wodurch seine Verfolgung den Ruch des Außergewöhnlichen verliert.

Abweichler werden nicht einfach liquidiert, sie sollen auch moralisch vernichtet werden.

Mit der Kriminalisierung hängt das Denkverbot zusammen, das fanatisierte Ideologien so gerne erlassen möchten. Wer anderer Ansicht ist, als die intoleranten Machthaber, ist selbst ein Verbrecher, denn er steht auf der Seite der Verbrecher, auf der Seite des Bösen, er ist ein Staatsfeind.

Rein logisch scheint damit der Fanatismus unbesiegbar. Wer ihn anzugreifen versucht, ist ein Gotteslästerer. Mit ihm diskutiert man nicht, man verbrennt ihn.

Die Dreckarbeit wird immer vom Pöbel verrichtet, von den „nützlichen Idioten“, vom „weltlichen Arm“, während sich die Ideologen die Hände nicht blutig machen.

Der Fanatiker sieht sich selbst als milden, gütigen Menschen, dessen Härte nicht auf Sadismus oder Haß gründet, sondern von der heiligen Sache erzwungen wird. Keineswegs fühlt er sich als Unmensch, dem alle Humanität abhanden gekommen ist,

Alles, was geschieht, geschieht stets nur zur höheren Ehre Gottes, der Partei, des Volkes, der Reinheit der Rasse oder welche höchste Autorität man eben bemühen möchte.

Es ist das Phänomen, daß Fanatiker das genaue Gegenteil dessen tun, was sie selbst in ihrer Ideologie verkündeten und weiterhin verkünden.

Jedem Fanatismus liegt das Prinzip zugrunde, daß die Wahrheit durchgesetzt werden dürfe und müsse – wenn nötig mit Gewalt – und daß die eigenen Parteigänger im Besitz der Wahrheit seien. Wer die richtigen Dogmen (zeitweilig eher: die richtige Parteilinie) habe, werde selig, wer nicht, verdammt. Daraus folgt: Wer von der – so definierten – Wahrheit abweicht, darf und soll bekehrt oder liquidiert werden.

Der Nachweis eines inneren Widerspruches ist ein Standardinstrument der internen Kritik. Daß ein Text Widersprüche enthält, ist, logisch gesehen, der schwerste Vorwurf überhaupt. Für den Logiker (aber eben nur für ihn) ist damit der Text erledigt; aber wer einen Text für sakrosankt hält, wird durch den einen oder anderen Widerspruch noch lange nicht erschüttert.

Lasciate ogni speranza, gebt alle Hoffnung auf, wenn ihr über Glaubenssätze jeder Art argumentieren wollt. Und doch hat es derartige Versuche allenthalben und zu allen Zeiten gegeben. Missionare predigten, andere Missionare predigten etwas anderes, Kritiker bestritten die Predigt, und Aufklärer schrieben ihre Aufrufe gegen Obskurantismus und Fanatismus. So war es, und so wird es bleiben.

Nehmen wir an, ein Gedankensystem sei einigermaßen konsistent und gegen empirische Widerlegungen immun, mit einem Wort: eine Ideologie. Wie kann man ein solches System attackieren, ohne logische Fehler zu machen und ohne sich mit externer Kritik, mit der bloßen Negation der Prinzipien des Systems zufriedenzugeben? Unsere bisherigen Überlegungen haben oft genug gezeigt, daß zwischen dem Gläubigen und seinem Kritiker logisch mehr oder weniger Waffengleichheit besteht. Der Atheist wirkt in der Kontroverse ähnlich hilflos wie der Theist – eine Feststellung, die man allerdings auch umkehren darf.

Was ohne Argumente geglaubt wird, kann auch niemand mit Argumenten schlüssig widerlegen. Aber man kann es erschüttern, unterminieren, untergraben. Das ist der subversive Gebrauch der Vernunft.

Wie einer Katholik, Quäker, Hinduist, Muslim, Sozialist, Antisemit und so fort wird, ist ein offenes Geheimnis: Das übernimmt der Mensch in der Regel von seinen Eltern, lange bevor er in der Lage ist, profund darüber nachzudenken, Alternativen kennenzulernen, die Dogmatik und Praxis der betreffenden Lehre zu studieren. Später wird daran nicht mehr viel verändert. Konversionen und Bekehrungen aller Art sind bei Erwachsenen immer eine Ausnahme gewesen. Eher schon kommen bei Erwachsenen Aversionen, Abwendungen von der Religion oder Ideologie vor, die man als Kind eingetrichtert bekommen hat. Aber derlei geschieht gewöhnlich ohne großes Aufsehen.

Im großen ganzen allerdings pflegt der Mensch seine Überzeugungen im reiferen Leben, d.h. jenseits etwa des 25. Lebensjahres, nicht mehr zu ändern. Nur extreme Erschütterungen oder späte Altersweisheit führen manchmal zu Revisionen.

Also muß man auf die Menschen einwirken, solange sie im bildungsfähigen Alter sind. Deshalb legen die Kirchen auf den Religionsunterricht gerade der unverständigen Kindlein solches Gewicht.

Die subversive Argumentation hat nicht die Form einer externen Kritik der Art Was du glaubst, ist falsch; sie lautet: Ich zeige dir, an was du eigentlich glaubst. Mit der subversiven Argumentation trifft man scheinbar den „Kern der Sache“ gar nicht, sondern demonstriert Dinge, die der Gläubige und vor allem der Fanatiker zugeben, aber für nicht entscheidend halten. Und damit haben sie logisch meist auch Recht.

Daß freilich der echte Fanatiker durch Argumente welcher Art auch immer nicht zu beeindrucken ist, gehört zu seinen Wesensmerkmalen. Den Fanatiker muß man eigentlich sich selbst überlassen, aber man wird versuchen, die Gefahr, die von ihm ausgeht, zu verringern.

Ideologien werden nicht widerlegt oder besiegt, sondern sie werden obsolet, ignoriert, langweilig, vergessen.

Das ist das ganze Geheimnis der Subversivität der Vernunft: Sie beruht einfach auf einer Darstellung der zu unterminierenden Doktrin, damit letztere sich selbst zerstören kann. Die Subversivität der Vernunft beruht darauf, daß man den Gegner ernst nimmt, bitter ernst, ernster als die Masse der Mitläufer und gutgläubigen Anhänger. Den Gegner ernst nehmen heißt vor allem, seine intolerantesten, bösartigsten, extremsten Sentenzen und Programme ernst nehmen und niemals zu sagen, daß es „schon nicht so schlimm kommen wird“. Es hat sich sehr gerächt, daß man seinerzeit Hitlers Mein Kampf nicht genau genug gelesen hat.

Ein Volk freut sich über seine Siege und dankt dafür seinem Nationalgott. Daß jeder Sieg zugleich ein Abschlachten der Gegner ist, stört niemanden.

Fanatismus ist kein „blindes Wüten“. Er bereitet sich dogmatisch vor und verkündet seine Ideen offen. Später, falls eine hellhörig gewordene Öffentlichkeit sich an den Untaten des Fanatismus zu stoßen beginnt (und keine Minute früher), „bewältigt“ die zugehörige Ideologie solche Taten im nachhinein mit beeindruckenden Argumenten.

Das Wirken der Inquisition fällt vorwiegend nicht ins Mittelalter, sondern in die Neuzeit. Auch der ganze Hexen- und Teufelswahn war von der Kirche selbst verursacht worden. Ein Wort des Papstes hätte genügt, um dem Spuk ein Ende zu machen; ein solches Wort gab es jedoch nicht, vielmehr die berühmte Hexenbulle des Papstes Innozenz VIII. vom 5.12.1484, mit der das Morden erst richtig eingeleitet wurde. Die Kirchen (katholische wie bald auch reformierte) waren nicht Gefangene eines mittelalterlichen Aberglaubens, sondern dessen eifrigste Produzenten.

In Zeiten der Toleranz wird eine Ideologie nicht gerne an früheres, intolerantes Verhalten erinnert. Es gibt einige Techniken zur Bewältigung der Vergangenheit, die immer wieder benützt werden. Die simpelste ist das Verschweigen, etwas raffinierter ist die historischverstehende Verharmlosung, um nur zwei Möglichkeiten zu nennen.

Eine andere Art, mit der unangenehmen Vergangenheit umzugehen, ist das Prinzip, daß man die Dinge „historisch sehen muß“. Gerade der Aufklärer, der sich das Augenmaß bewahren will, fällt leicht auf diesen Trick herein. Das dabei benützte methodische Prinzip ist simpel. Es besagt etwa: Handlungen, die seinerzeit häufiger vorkamen, dürfen nicht den handelnden Personen zugerechnet werden, sondern den Zeitumständen. Insbesondere ist dann eine moralische Entrüstung oder Verurteilung nicht mehr erlaubt. Das Prinzip hat gelegentlich eine gewisse Plausibilität. Wenn man ein Ereignis verstehen will, wenn man begreifen will, „wie es dazu kommen konnte“, muß man berücksichtigen, unter welchen historischen Bedingungen es stattfand, in welcher Epoche, Kultur, welche speziellen Randbedingungen gegeben waren. Gelingt eine solche Betrachtung, dann lassen sich vielleicht auch Dinge erklären, vor denen man zunächst geradezu fassungslos steht. Aber man darf dieses Verstehen nicht zu einer Entschuldigung oder Billigung der Greuel umdeuten, wobei die Täter nur noch als Opfer der Zeitumstände auftreten.

„Wem nützt es, alte Bitternis wieder lebendig zu machen?“ fragen in erster Linie jene, denen man die Bitternis zu verdanken hat. Die Antwort ist einfach: Es dient der Verhütung neuer Unmenschlichkeit, wenn wir alte Unmenschlichkeiten wieder in die Erinnerung zurückrufen und ihren Zusammenhang mit gewissen Ideologien deutlich machen, Ideologien, die keineswegs verschwunden sind. Die Menschen sollen wissen, wozu politischer oder religiöser Fanatismus fähig sind.

Toleranz ist eine Tugend, die nicht auf Neigung beruht; sie ist vielmehr Bändigung einer intensiven Abneigung. Toleranz heißt jemanden dulden, aushalten, ertragen, obwohl wir ihn nicht leiden können, obwohl er uns stört, herausfordert, irritiert. Toleranz ist widernatürlich; sie verlangt Zurückhaltung, wo die natürliche Reaktion der Angriff wäre, mit dem Ziel, das Ärgernis zu beseitigen. Die klassische Toleranzidee propagiert eine friedliche Koexistenz einander widersprechender Positionen;

Wer auf der Seite der Wahrheit steht, kann davon abweichende Ansichten nicht als gleichberechtigt anerkennen, auch wenn er sie duldet. Die Wahrheit muß doch ihren Sonderstatus gegenüber falschen Meinungen behalten. Der„klassische“ Verfechter religiöser Toleranz müßte also sagen: „Es gibt nur einen Weg zur Seligkeit und zwar den meinen; alle anderen führen in die Hölle. Aber man muß tolerant bleiben und die Leute zur Hölle fahren lassen, wenn sie das wünschen.“

Die Menschen sind nicht toleranter geworden, sie haben bloß das Interesse an der Religion verloren.

Konflikte nämlich, die auf realen Problemen beruhen, lassen sich nur durch Lösung der realen Probleme beseitigen. Das gilt insbesondere für alle jene Fälle von nationalistischer, rassistischer oder auch religiöser Intoleranz, die aus der wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Benachteiligung großer Bevölkerungsgruppen entstanden sind. Stabilen Frieden erreicht man nur durch Beseitigung der Konfliktstoffe. Man sollte sich keine Illusionen machen.

Eine These, Ideologie, Position relativieren heißt, sie als einen Fall unter vielen anderen, gleichgelagerten darstellen. Man zeigt beispielsweise, wie viele Religionen und Götter es schon gab und gibt und wie viele sich für alleinseligmachend halten. Die Absicht einer solchen Relativierung ist immer, der betreffenden These ihre Einzigartigkeit oder Sonderstellung zu bestreiten.

Ideologien aller Art, besonders auch Religionen, hassen das Lachen, weil sie wissen, wie gefährlich es ist. Wer über eine Sache lacht, hat keine Angst mehr vor ihr. Deshalb wird das Lachen oder selbst das Lächeln so rigoros verfolgt und bestraft.

Die perfideste Art, einer Sache zu schaden, ist, sie absichtlich mit fehlerhaften Gründen zu verteidigen. „Fehlerhafte Gründe“ sind Argumente, die der Hörer als unzulässig oder ungehörig empfindet, womöglich geradezu als Parodie, obwohl er das Resultat der Argumentation für wahr hält.

Für den Aufklärer heißt „Vernunft“ in erster Linie dies: Niemand soll, im Namen welcher Religion, Ideologie oder Ideale auch immer, bedrängt, geängstigt, verhöhnt, materiell beeinträchtigt, seiner Freiheit beraubt, gefoltert oder ermordet werden. Dieser Satz ist allen großen Kulturen der Menschheit gemeinsam, wer ihn nicht vorbehaltlos unterschreibt, mit dem zu reden verlohnt sich nicht. Daraus folgt: Ideologien, Religionen, Schwärmereien, Visionen, Dogmen, Doktrinen, Glaube und Aberglaube, Orthodoxien, Häresien und was es dergleichen noch alles geben mag, die zu Verletzungen der Menschenrechte anleiten oder dieselben verharmlosen, soll man attackieren – auch dann, wenn sie sich im Moment lammfromm geben. Denn die Erfahrung lehrt, daß man in diesen Dingen überhaupt nicht mißtrauisch genug sein kann. Deshalb soll man sich jeden Versuch, die Vernunft verächtlich zu machen, jede Relativierung der Vernunft durch verspielte Intellektuelle genauso wie durch verbohrte Fanatiker entschieden verbitten. Die abendländische, kritische Vernunft ist kein völlig zufälliges Vorurteil. Wer im Namen irgendeiner Ideologie gequält oder verbrannt werden soll, der wird die aufklärerische europäische Vernunft allen Alternativen vorziehen. Man mag das eine Frage des Geschmacks nennen. Aber es ist ein guter Geschmack.