Quelle: www.deutschland-in-coronazeiten.de – Florian Chefai & Adriano Mannino

Ende 2019 wurde in der chinesischen Metropole Wuhan der erste Covid-Fall festgestellt. Als die Krankheit am 11. März 2020 von der World Health Organisation (WHO) offiziell zu einer Pandemie erklärt wurde, gab es bereits mehr als 118.000 registrierte Fälle und 4.291 Tote in 114 Ländern. Nur wenige hatten die Bedrohung durch das Coronavirus rechtzeitig erkannt und die richtigen Schlüsse gezogen. Statt auf die frühen Warnungen der ostasiatischen Expertengemeinschaft zu hören, wähnte man sich auch hierzulande in falscher Sicherheit und ließ wertvolle Zeit verstreichen. Selbst als in Italien der Katastrophenfall eintrat, wollte man den Ernst der Lage in Deutschland noch nicht wahrhaben. Italienische Führungskräfte und Journalisten hatten tagelang verzweifelt versucht, die deutsche Öffentlichkeit wachzurütteln. Vergeblich: Es verstrichen mehrere Tage, bis die erschütternden Triage-Berichte italienischer Intensivmediziner zur Kenntnis genommen wurden. Erst als Särge mit Corona-Toten in der norditalienischen Stadt Bergamo von Militärlastwagen abtransportiert werden mussten, kam die Gefahr im Bewusstsein der deutschen Gesellschaft an. Der emotionalen Bildgewalt der Leichentransporte konnte man sich – im Gegensatz zu den rationalen Mahnungen – nicht mehr ohne Weiteres entziehen. 

Die tragische Fallstudie Norditaliens, die eine Zäsur in der Corona-Krise markierte, wäre nicht notwendig gewesen. Dass die Pandemie auch für europäische Staaten eine reale Gefahr darstellt, hätte bereits klar sein müssen, als das Gesundheitssystem Wuhans im Januar 2020 kollabierte und die Provinz Hubei militärisch abgeriegelt wurde. Man wusste, dass die Welt inzwischen so vernetzt war, dass ein Virus binnen weniger Stunden um die ganze Welt reisen kann. Die Entscheidungsträger hätten daher zumindest den Flugverkehr aus China stoppen und sich sofort um den Maskenvorrat kümmern sollen. Schon vor Jahren wäre es sinnvoll gewesen, Tracing-Apps zu entwickeln und konkrete Strategien zum Hochfahren der Testkapazitäten und der Impfstoffproduktion festzulegen. Während in westlichen Ländern lange verharmlost wurde – das RKI verglich das neue Coronavirus mit der saisonalen Grippe –, haben ostasiatische Demokratien wie Südkorea oder Taiwan sofort ein effektives Maßnahmenpaket umgesetzt. Es ist daher kein Zufall, dass diese Staaten nicht nur um Größenordnungen weniger Krankheitsfälle und Todesopfer verzeichnen, sondern auch wesentlich geringere Lockdown-Bürden tragen mussten. Durch vorausschauendes und entschlossenes Handeln ist es ihnen gelungen, die Gesellschaft vor massiven gesundheitlichen und sozioökonomischen Schäden zu bewahren. Die Prävention und das Krisenmanagement westlicher Staaten waren dagegen von Versäumnissen und Zögerlichkeit geprägt. Die Kontrolle über das Infektionsgeschehen hat man damit schon ex ante fahrlässig aus der Hand gegeben und musste sich später notgedrungen um Schadensbegrenzung bemühen.

Besonders die Impfpolitik zeichnete sich durch eine erschreckende Trägheit aus. Das gesamte Krisenmanagement war darauf ausgelegt, die Bevölkerung hinreichend schnell zu impfen. Andernfalls hätte der Versuch, das Virus mit einschneidenden Maßnahmen einzudämmen (statt die Kurve bloß “abzuflachen”), strategisch keinen Sinn ergeben. Aus diesem Grund hätte eine vernünftige, vorausschauende Impfpolitik ab Frühjahr 2020 sofort dafür gesorgt, dass die Produktionskapazitäten für alle potenziell erfolgreichen Impfstofftypen massiv ausgebaut werden – auf Vorrat und weit über den tatsächlichen Bedarf hinaus, um auf Nummer sicher zu gehen. Wir konnten uns das Risiko schlicht nicht leisten, nach der Zulassung von Impfstoffen monatelang auf die Produktionskapazitäten zu warten. Doch genau das ist geschehen – und leider haben wir noch immer nicht begriffen, dass wir die Impfstoffproduktion um Größenordnungen hochfahren müssen. In Afrika und auf anderen Erdteilen sind noch kaum Impfstoffe verfügbar, was die Entstehung neuer Virusvarianten stark begünstigt. Um zu verhindern, dass die Varianten den Impfschutz durchbrechen werden, müssen die reichen Staaten den Globus schleunigst mit Impfstoffen versorgen. Studien legen nahe, dass uns jeder in die globale Impfversorgung investierte Euro mehr als hundert Euro einsparen könnte, die uns später an Schäden erwachsen werden, falls in den ärmeren Staaten eine Durchseuchung stattfindet. Unser Zögern ist strategisch und humanitär unverständlich. 

Eine massive Förderung der Impfstoffforschung und -produktion ist nicht zuletzt auch deshalb notwendig, weil uns in Zukunft noch viel schlimmere Pandemien drohen: Man stelle sich vor, die gegenwärtige Pandemie hätte 2020 mit der Delta-Variante eingesetzt. Die Katastrophe wäre perfekt gewesen. Nun sind insbesondere aufgrund von Laborunfällen oder bioterroristischen Akten aber noch viel gefährlichere Viren und Bakterien denkbar, die hunderte Millionen Menschen dahinraffen könnten. Ein entsprechendes Problembewusstsein ist gesellschaftlich noch kaum vorhanden. Wir brauchen ein Manhattan-Projekt der Impfstoffforschung und -produktion, damit wir möglichst flexibel auf Varianten des Coronavirus oder neue Pandemien reagieren können. Wissenschaftliche Mahnstimmen fordern ein solches Projekt seit vielen Jahren. Es war und ist ein risikoethischer Fehler, sie zu ignorieren.  

Zeit für eine neue Fehlerkultur

Was lernen wir aus alldem? Die vielleicht wichtigste Lehre, die wir aus der Krise ziehen können, ist eng mit unserem Selbstverständnis und dem Umgang mit Ungewissheit verbunden. Sie liegt in der Einsicht in die prinzipielle Fehlbarkeit unseres Denkens und Handelns. Sich die eigene Fehlbarkeit transparent vor Augen zu führen, ist alles andere als einfach. Schließlich fällt es niemandem leicht, vor sich selbst oder anderen schwere Fehler einzugestehen. Wer offen einen Irrtum zugibt, steht nämlich schnell in Gefahr, an Glaubwürdigkeit einzubüßen und Vertrauen zu verspielen. Dabei hätte das ehrliche Eingeständnis eines Fehlers eigentlich Respekt und Anerkennung verdient. Denn es zeugt von charakterlicher Stärke und intellektueller Redlichkeit, falsche Überzeugungen und Handlungen zu korrigieren, statt sie wider besseres Wissens zu kaschieren oder kleinzureden. 

Eine konstruktive Fehlerkultur ist vor allem dann essentiell, wenn es darum geht, politische Entscheidungen an Katastrophenrisiken anzupassen, die unsere Gesellschaft bedrohen. Selbst wenn wir davon überzeugt sind, dass eine Katastrophe nur mit geringer Wahrscheinlichkeit eintreten wird, müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, dass unsere Prognose daneben liegt. Wir müssen uns daher fragen, ob wir die Folgen einer möglichen Fehleinschätzung wirklich verantworten können. Unser Umgang mit Fehlern hat demnach auch eine ethische Dimension. Diese trat in der Coronakrise besonders deutlich zum Vorschein. So war ein frühzeitiger Shutdown schon deshalb die einzig richtige Wahl, weil nur er eine reversible Strategie darstellte. Hätte man die Verbreitung des Virus nicht hinreichend schnell gebremst, wäre man Gefahr gelaufen, sich unumkehrbar auf eine Durchseuchung festzulegen. Ein Shutdown kann gelockert und aufgehoben werden, eine exponentielle Durchseuchung mit einem Virus, um dessen Krankheits- und Todesrate man damals noch nicht genau wusste, womöglich nicht. Risikoethisch war der Shutdown als reversible Strategie daher weit überlegen, da nur er es erlaubte, mögliche Fehler zu korrigieren und unser Handeln an einen neuen Kenntnisstand anzupassen. 

Eine solche kritisch-rationale Haltung, welche die Fehlbarkeit unserer Entscheidungen berücksichtigt, hätte von Seiten der wissenschaftlichen Experten und der Politik sehr viel deutlicher kommuniziert werden müssen. Dadurch wäre klar geworden, dass wir die Maßnahmen nicht deshalb ergreifen, weil wir uns so sicher sind, sondern gerade weil wir unter hoher Unsicherheit und Zeitdruck verantwortungsbewusste Entscheidungen fällen mussten. Womöglich hätte dies auch zu einer höheren Akzeptanz der Eindämmungsmaßnahmen in der Bevölkerung geführt.

Künftige Krisen vermeiden

Unsere zunehmend komplexe, vernetzte und technologisch angetriebene Welt ist anfälliger für katastrophale Ereignisse als je zuvor. Neuartige globale Risiken entstehen nämlich insbesondere dort, wo natürliche, sozioökonomische und technologische Dynamiken in nie dagewesener Weise ineinandergreifen. Die Coronakrise hat eindrücklich gezeigt, dass wir auf plötzlich eintretende Ausnahmezustände kaum vorbereitet sind. Umso wichtiger ist es, Konsequenzen aus dieser Erfahrung zu ziehen und Korrekturen in unserem Krisenmanagement vorzunehmen.

Nachholbedarf besteht vor allem hinsichtlich der Katastrophenprävention. So ist seit Langem bekannt, dass Pandemien insbesondere aus der menschlichen Tiernutzung hervorgehen. Laut WHO lassen sich mehr als 70 Prozent der neuartigen Infektionskrankheiten beim Menschen auf einen tierlichen Ursprung zurückführen. Die Häufigkeit epidemischer Ausbrüche nimmt seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts kontinuierlich zu – parallel zur Zunahme der Tiernutzung. Die Abschaffung der Massentierhaltung und ein Verbot von Lebend- und Wildtiermärkten (die in der westlichen Hemisphäre genauso anzutreffen sind wie in der östlichen) wären geeignet, die Ursachen des Pandemierisikos zu bekämpfen.  

Doch nicht nur Pandemien werden in Zukunft weiterhin eine Bedrohung darstellen, gegen die wir gewappnet sein sollten. Auch andere Katastrophenrisiken, die beispielsweise von Cyberangriffen, der Künstlichen Intelligenz oder dem Zusammenbruch der Stromversorgung ausgehen, konfrontieren unsere Gesellschaft mit einer realen Gefahr. In der breiten Öffentlichkeit und Politik werden viele dieser Risiken leider noch kaum wahrgenommen, weshalb die notwendigen Sicherheitsabwägungen und -vorkehrungen bislang nicht erfolgt sind. Nur wenn wir solche Versäumnisse systematisch vermeiden, werden wir fähig sein, künftigen Krisen angemessen vorzubeugen. 

Stellen wir uns beispielhaft vor, was ein längerer, flächendeckender Stromausfall – ein sogenannter Blackout – bedeuten würde. Die Folgen wären verheerend: Wichtige Einrichtungen wie Krankenhäuser, Altenheime, Lebensmittelmärkte, Telekommunikationsdienste, Tankstellen, Gerichte, Gefängnisse, Stadtwerke und Verwaltungsbehörden könnten zum Erliegen kommen. Bereits nach wenigen Tagen wäre die Grundversorgung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet. Es droht dann ein Kollaps des gesellschaftlichen Lebens, da die gesamte kritische Infrastruktur von der Stabilität der Energieversorgung abhängt.

Das Eintreten eines solchen Worst-Case-Szenarios mag nach aktueller Auffassung sehr unwahrscheinlich sein – doch ausgeschlossen ist es nicht. Insbesondere der Umstieg auf volatile Energiequellen, kriminelle Attacken oder ein Sonnensturm könnten das europäische Stromnetz in den kommenden Jahren und Jahrzehnten destabilisieren. Wir dürfen daher nicht die Fehler wiederholen, die uns bezüglich des Pandemierisikos unterlaufen sind. Angesichts des enormen Schadensausmaßes, das mit einem Blackout verbunden wäre, sollten wir besser früh als zu spät wirksame Vorkehrungen treffen. So gibt es in Deutschland bislang keine spezialisierten Behörden oder permanenten Expertengremien, die sich mit der konkreten Notfallplanung für einen Totalausfall der Energieversorgung befassen. Dabei könnten diese relativ einfach geschaffen werden. 

Auch in Forschung und Lehre bedarf es einer intensiveren Auseinandersetzung mit Katastrophenrisiken. An möglichst vielen Universitäten sollten Lehrstühle eingerichtet werden, die Expertise aus unterschiedlichen Disziplinen bündeln und internationale Wissensnetzwerke aufbauen. Die Disziplin der “Pandemieprävention und -strategie” etwa hätte – als Teil der Public-Health-Wissenschaft – schon vor Jahrzehnten wissenschaftspolitisch aufgebaut und gefördert werden können.

Selten zuvor waren Politik und Gesellschaft so sehr auf das Know-how von Experten angewiesen wie heute. Die Wissenschaft spielt damit eine zentrale Rolle in der Politikberatung, kann und soll der demokratischen Politik das Abwägen und Entscheiden jedoch nicht abnehmen. Wenn es uns gelingt, unterschiedliche gesellschaftliche Teilsysteme wie die Wirtschaft, die Kultur, die Bildung, die Wissenschaft und die Politik frühzeitig über katastrophenpolitische Fragen miteinander ins Gespräch zu bringen und aufeinander abzustimmen, dann dürfen wir hoffen, dass wir auf künftige Krisen vorbereitet sein werden. Dass weitere Großkatastrophen drohen, ist angesichts der Vielzahl der Risiken zwar eine statistische Gewissheit, doch kein Grund für resignativen Fatalismus. Denn die Zukunft ist offen. Es liegt in unserer Hand, die kommende Katastrophe abzuwenden. 

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Florian Chefai ist Philosoph und geschäftsführender Direktor des Hans-Albert-Instituts, das sich für kritisch-rationales Denken in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft einsetzt.

Adriano Mannino ist Philosoph und Sozialunternehmer. Er forscht an der LMU München und leitet das Solon Center for Policy Innovation der Parmenides Stiftung. Zur Pandemie hat er die Bücher “Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit” (Reclam, mit Nikil Mukerji) und “Wen rette ich – und wenn ja, wie viele? Über Triage und Verteilungsgerechtigkeit” (Reclam) veröffentlicht.