Das Buch „Wo die Maschinen wachsen: Wie Lösungen aus dem Dschungel unser Leben verändern werden“ von Ille C. Gebeshuber bietet wieder zahlreiche interessante Denkansätze für vernetztes, systemisches Denken. Hier einige Zitate daraus:

Seite: 17 – Wir haben unsere Erde an einen Wendepunkt gebracht – von einem Tag zum anderen könnten sich die Umgebungsbedingungen rapide ändern. Wir haben etliche Grenzen unseres Planeten endgültig überschritten und verunmöglichen dadurch gutes Leben für uns, nachfolgende Generationen und die Biosphäre generell. Wir verpesten Luft, Erde, Ozeane, Flüsse und uns selbst. Unsere Art und Weise, mit natürlichen Ressourcen umzugehen, die Gewinnung der Grundmaterialien für unsere Produkte, die Herstellungsweisen, die Entsorgung – überall da müssen wir besser werden. Es reicht nicht, traurig zu sein. Wir müssen handeln.

Seite: 19 – Wir müssen alle zusammenarbeiten und unseren Egoismus und unsere Gier abstreifen.

Seite: 20 – Ich halte es für gefährlich, wenn man sich auf all seine Fragen Antworten aus dem Internet holt, ohne davor gründlich drüber nachgedacht zu haben. Man verlernt, folgerichtig zu denken, zu verknüpfen und Trends und Entwicklungen zu erkennen.

Seite: 27 – Humboldt: Sein Denken in einem umfassenden Sinn auf die ganze Welt zu richten. Sein Disziplinen übergreifendes Querdenken war immer mit auf das Ganze gerichtetem Zusammendenken kombiniert und verlor sich nicht im Messen und in der Datenerhebung zu statistischen Zwecken. Er legte großen Wert darauf, Zusammenhänge zu verstehen und sich nicht zu sehr im Detail zu verlieren.

Seite: 29 – Er war stets bemüht, komplexe Zusammenhänge möglichst einfach und in ihren Grundzügen überschaubar und nachvollziehbar darzustellen. Er verlor sich niemals in Einzelbeobachtungen, sondern suchte immer nach Gesetz und Regel – das macht seine Arbeiten auch heute noch lesbar und anregend.

Seite: 32 – Viele Spezialisten sahen in ihm eine Belastung, nicht selten wurde er verleumdet oder hinterrücks angefeindet. Häufig lag das daran, dass sie ihn einfach nicht verstanden, da sie oft nur aus dem Gesamtzusammenhang herausgerissenes Spezialistenwissen in seinen Arbeiten beurteilen konnten, das allein stehend schwer einzuschätzen war. Dies ist übrigens ein generelles Problem – auch heutzutage – von inter- und transdisziplinär forschenden Geistern, die fachübergreifend denken und arbeiten, besonders bei Gutachtern ihrer Arbeiten oder Projektanträge.

Seite: 34 – Wechselwirkungen sind zentral – und für Humboldt war in der Natur alles Wechselwirkung.

Seite: 34 – Heute gewinnt gerade sein Sinn für Gesamtzusammenhänge wieder massiv an Bedeutung, da die Aufspaltung der Wissenschaften in spezialisierte Einzeldisziplinen überarbeitet werden muss, wenn wir globale Probleme – die ja schließlich nicht in einzelnen Spezialforschungsgebieten angesiedelt sind – erfolgreich adressieren möchten.

Seite: 50 – Nanomaterialien sind nicht nur in Bezug auf das jeweilige Material giftig, neutral, unbedenklich oder gesund, sondern auch in Bezug auf Größe und Struktur. Das heißt, dass bestimmte Materialien, die in unserer normalen Makrowelt absolut unbedenklich sind, gefährlich für Leben und Gesundheit werden können, wenn sie eine bestimmte kleine Größe oder Form annehmen. Das macht die Abschätzung des Risikos und die Feststellung der Unbedenklichkeit nicht einfacher. Es gibt viele Materialien, die vom Menschen verwendet und/oder hergestellt und standardmäßig in Gefahrgutklassen von eins bis neun eingeteilt werden. Eine derartige Ordnung berücksichtigt aber nicht, dass bestimmte Stoffe, wenn sie besonders strukturiert sind oder in sehr kleinen Korngrößen vorkommen, gefährlich werden können.

Seite: 50 – Manche Materialien sind also nur dann gefährlich, wenn sie eine bestimmte Struktur oder kleine Größe haben: Silber im Großen ist beispielsweise ein relativ inertes Material, Nanosilber jedoch ist sehr gefährlich für lebende Zellen.

Seite: 52 – Prinzip »Struktur statt Material«

Seite: 52 – Herstellen könnten Organismen wahrscheinlich sehr viel mehr Materialien, als sie derzeit verwenden. Vielleicht sind viele getestet, dann aber wieder aus dem Netzwerk des Lebendigen ausgeschieden worden, weil sie sich einfach als gefährlich oder gesundheitsschädlich erwiesen haben.

Seite: 58 – Diese grundlegenden Fehler sind die menschliche Gier und die übergroße Dominanz der Wirtschaft, die das Denken, Leben und Streben der meisten Menschen bestimmen – statt eines Bewusstseins für die Zerbrechlichkeit der Biosphäre und unsere Verantwortung für das Leben im Allgemeinen.

Seite: 59 – In vielen Fällen verhindert eine Konzentration auf zu wenige Parameter den Blick aufs große Ganze.

Seite: 62 – Die finanzielle Förderung für die Entwicklung einer solchen umweltfreundlichen Technologie, also einer umweltfreundlichen Art und Weise, auf allen Ebenen Dinge zu tun, wird nur in wenigen Fällen direkt von der Industrie kommen. Zu groß und weitblickend ist dieser Zugang, zu kurzfristig und eng sind die Ziele und Erfolgsparameter der heutigen

Seite: 62 – Wirtschaft gesteckt. Hier ist Kreativität gefordert, die nur von Unterstützern möglich gemacht wird, die sich mit den Zielen identifizieren können.

Seite: 66 – Massenaussterben der Arten hervorgerufen hat. Diese betrifft nicht nur Arten wie Tiger, Elefanten und Rhinozerosse, sondern auch viele Schlüsselorganismen, die wichtige Plätze in der Nahrungskette einnehmen, und auch solche, die Nährstoffe für den Menschen oder Pflanzen erst verfügbar machen: Bodenbakterien zum Beispiel, ohne deren Hilfe Blätter nicht in Humus umgewandelt werden können, Darmbakterien, die uns helfen, gewisse Nährstoffe aufzuschließen, und Stickstoff fixierende Mikroorganismen, ohne die viele Pflanzen nicht auskommen können. Ein Massenaussterben der Arten ist katastrophal für die Menschheit und die Natur. Die Gruppe folgert in ihrer Arbeit, dass massive, effektive Konservierungsmaßnahmen nötig sind, um diesen Vorgang zu stoppen. Ob wir Erfolg damit haben, ist allerdings fraglich – es könnte schon zu spät sein. Und die Natur könnte uns auch hier überraschen – durch das schnelle Auffüllen von neu entstandenen Nischen mit sich schnell anpassenden Einzellern.

Seite: 67 – Wenn in einen Teich immer wieder Wasser mit vielen Nährstoffen eingeleitet wird, beginnen Algen vermehrt zu wachsen, aber es treten keine großen Veränderungen auf – der Teich puffert vieles ab. Aber dann, plötzlich, wenn die Belastung zu groß wird, kippt der Teich und alles stinkt faulig und stirbt ab.

Seite: 67 – Barnosky und seine Mitarbeiter betonen in ihrer Arbeit, dass die gesamte Biosphäre der Erde plötzlich und jederzeit in einen anderen Zustand kippen kann – in einen überraschenden, neuen Zustand, der eventuell nicht lebenswert ist für den Menschen.

Seite: 68 – Rockström und Mitarbeiter stellten Grenzwerte für folgende Erdsystemprozesse auf: Klimawandel, Verlust an Artenvielfalt, Phosphorkreislauf, stratosphärischer Ozonschwund, Übersäuerung der Ozeane, globaler Frischwasserverbrauch, Veränderungen in der Landverwendung,

Seite: 68 – Das Überschreiten dieser Grenzen könnte katastrophale Folgen haben, insbesondere, da die Prozesse in manchen Fällen aneinandergekoppelt sind, sich bedingen und auch gegenseitig aufschaukeln können – wir sind also nicht auf der sicheren Seite, wenn wir nur einen oder zwei dieser Werte »korrigieren«. Im Jahr 2009 waren drei der Belastungsgrenzen bereits überschritten: jene für Klimawandel, Verlust an Artenvielfalt und Phosphorkreislauf.

Seite: 72 – Eine dieser Katastrophen fand vor 2,4 Milliarden Jahren statt, als Cyanobakterien anfingen, Fotosynthese zu betreiben – das nun in der Atmosphäre frei verfügbare giftige Gas Sauerstoff verursachte das Aussterben von circa 98 % aller damals bekannten Arten.

Seite: 107 – Für die Zukunft jedoch sollte ein fast vollständiger Ersatz von Metallen durch funktionale, metallfreie Strukturen das Ziel sein.

Seite: 116 – Im Pigment Ultramarinblau zum Beispiel wird Blau reflektiert, die anderen Farben werden absorbiert. In den Pigmenten absorbierte Energie wird schlussendlich als Wärme oder Licht wieder abgegeben. In Strukturfarben jedoch wird das Licht reflektiert, gestreut und auf weitere Strukturen umgelenkt, mit vernachlässigbarem Energieaustausch zwischen dem Material und dem Licht.

Seite: 119 – Blaues Licht hat eine hohe Frequenz und wird deswegen mehr gestreut als rotes Licht mit seiner niedrigen Frequenz. Deswegen haben Magermilch (Streuung an Fettteilchen), Rauch (Streuung an Rußteilchen und anderen Komponenten) und der Himmel eine blaue oder bläuliche Farbe. Auch das Weiß der Wolken entsteht durch Streuung.

Seite: 136 – Kleider sollten beim Waschen auch keine beinahe unzersetzbaren Kleinstfasern abgeben, wie es ein Großteil unserer Kleidung aus Synthetikmaterial aktuell tut, und damit Flüsse und Meere belasten.

Seite: 153 – Kalkstein und andere fixierte Karbonate dienen als langfristige Kohlenstoffsenken. Der Ozean kann ungefähr die Hälfte des Kohlendioxids, das durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen entsteht, absorbieren. Als Konsequenz werden unsere Meere aber immer saurer und die biomineralisierenden marinen Lebewesen tun sich immer schwerer, Kalziumkarbonat herzustellen – dies hat einen potentiellen Kollaps des marinen Ökosystems zur Folge, mit unvorhersehbaren Auswirkungen auf die Biosphäre, uns Menschen mit eingeschlossen.

Seite: 166 – Derzeit ist Beton, der noch immer vielfältige Anwendungen findet, für mehr als 10 % des vom Menschen verursachten Kohlendioxidausstoßes zuständig – das ist mehr als die Emissionen durch den weltweiten Flugverkehr!

Seite: 181 – Dieser Innovationswahn führt jedoch dazu, dass wir – obwohl wir uns in einem sich ständig erneuernden Umfeld wähnen – uns in einem sich technisch kaum erneuernden System befinden. Ich möchte in diesem Zusammenhang deshalb das Wort »Innovision“ etablieren. Ich bezeichne damit das Schaffen einer Denkumgebung, die Voraussetzung ist, um Instrumente für Lösungen zu schaffen. Dieses Wort umfasst also viel mehr als Innovation.

Seite: 182 – Immer wieder hört man folgende Argumentation: Lehrinhalte, die nicht direkt

Seite: 182 – für die Wirtschaft verwertbar sind, seien uninteressant und verlängerten nur unnötig die Studienzeit. Meiner Meinung nach bleibt bei dieser Sichtweise etwas sehr Wichtiges auf der Strecke: Neugierde und Begeisterung kann man einfach nicht in Schubladen zwängen. Nicht alles ist auf den ersten Blick wirtschaftlich zu verwerten, und es besteht die große Gefahr, dass bei einer Eingrenzung der Lehre und Forschung auf sogenannte »sinnvolle« Bereiche der wichtige Blick aufs große Ganze verloren geht.

Seite: 183 – Schon evolutionäre Entwicklungen in der Natur zeigen uns, dass allzu große Spezialisierung vielleicht kurzzeitig Vorteile bringt, langfristig jedoch zum Aussterben führt.

Seite: 183 – Die geforderten Scheuklappenspezialisten, die streng nach Plan ein verschultes Studium abgearbeitet haben und die zwar in ihrem Fach recht gut sein mögen, aber denen einfach der Blick ein paar Zentimeter zur Seite fehlt. Oder aber wir wünschen uns als Mitarbeiter umfassend gebildete Allrounder, die schon im Laufe ihres Studiums die Möglichkeit hatten, die Dinge von sehr vielen, auch unkonventionellen Blickwinkeln betrachten zu dürfen. Ich bin für die zweite Möglichkeit!

Seite: 189 – Man kann zwar Einzelteile betrachten und optimieren, aber ein Gesamtsystem kann man nur dadurch verbessern, dass man die Einzelteile und ihre Interaktionen, Abhängigkeiten und Verbindungen versteht.

Seite: 193 – Wie immer in der Bionik sind die Abstraktion und das grundlegende Verständnis der Designprinzipien unabdingbare Voraussetzungen für eine erfolgreiche Übertragung in die Technik

Seite: 195 – Ich fuhr an vielen zerstörten Häusern vorbei und bemerkte, dass Instabilitäten besonders an Fensterecken aufgetreten waren. Ein Material ähnlich der Abalonemuschel hätte hier viel Schaden erspart und vielen Menschen ein Dach über dem Kopf bewahrt. Außerdem fiel mir auf, dass die meisten Holzhäuser und Bäume unversehrt stehen geblieben waren, wohingegen Ziegelbauten massive Schäden erlitten hatten. Derzeit sind natürliche Materialien in vielen Fällen den menschengemachten überlegen – intelligent angewandte Biomimetik am Bau könnte hier viel helfen.

Seite: 210 – Wir brauchen umfassend gebildete Allrounder. Menschen, die Trends und Entwicklungen erkennen und Welten verknüpfen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.

Seite: 223 – Wie funktioniert in der Natur Abbau? Wie werden Ressourcen erhalten, gespeichert und verteilt? Wie wird die Gemeinschaft erhalten? Wie wird die physische Integrität enthalten? Wie schafft die Natur? Wie verändert die Natur? Wie wird bewegt oder auf der Stelle geblieben? Wie wird Information bearbeitet?

Seite: 223 – dass wissenschaftliche Publikationen nicht länger eine Art der Kommunikation mit den wissenschaftlichen Kollegen darstellen, sondern eine Methode, um den eigenen Status zu erhöhen und Punkte für Beförderungen und die Bewilligung von Forschungsprojekten zu sammeln.

Seite: 225 – Dadurch verkommen wir zu Marktschreiern, anstatt klug abzuwägen, wo wir publizieren.

Seite: 225 – Gutachter arbeiten ehrenamtlich, mir selbst platzte einmal der Kragen, als ich dasselbe Manuskript vom vierten Journal zur Begutachtung bekam, jedes Mal völlig unverbessert – der Autor hatte alle meine guten Ratschläge und Korrekturen ignoriert und das Manuskript einfach anderswo eingereicht.

Seite: 234 – Der aktuelle Publikationsdruck in der Wissenschaft und der immense Anstieg bibliometrischer Methoden zur Beurteilung wissenschaftlicher Qualität sind lächerlich; Zahlen sagen nichts über eine Person aus, und wenn man sich auf das Zusammenschreiben kleiner, gerade noch publizierbarer Einheiten konzentriert, wird auch die Art des Denkens klein. Derartige Entwicklungen sehen wir zur Genüge in der Politik, wo nur wenige Politiker weiterdenken als bis zur nächsten Wahl. Sie vergessen dabei völlig das große Ganze, und auch die Tatsache, dass wir wichtige Fragen in unserer Welt adressieren können, sollen und müssen. Auch Wissenschaftler, die in kurzfristigen Projekten stecken und ständig Meilensteine und Resultate liefern (und dann auch darüber berichten) müssen, die ununterbrochen evaluiert werden und zu viele Publikationen mit zu wenig Inhalt zu schreiben haben, neigen dazu, das große Ganze zu vergessen.

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