Resilienz, Anpassung und Robustheit

Im deutschsprachigen Raum wurde der Begriff „Resilienz“ bisher kaum verwendet, was sich jedoch seit ein paar Jahren ändert. Mittlerweile handelt es sich schon fast um ein Schlagwort, dass nirgends mehr fehlen darf. Ursprünglich wurde er in den Materialwissenschaften verwendet, wo es soviel wie, es kehrt nach starken Verformungen wieder in seinen Ausgangszustand zurück, bedeutet. Die Psychologie verwendet diesen Begriff auch schon länger, um die Fähigkeit von Menschen zu beschreiben, die sich trotz widriger Umstände nicht aus der Bahn werfen lassen bzw. sich rasch wieder erholen.

Seit ein paar Jahren wird Resilienz auch in verschiedenen anderen Bereichen verwendet, wie etwa im Cyber-Sicherheitsbereich. Meistens wird damit „Widerstandsfähigkeit“ verstanden, was jedoch deutlich zu kurz greift. Denn Resilienz bedeutet deutlich mehr als nur Widerstandsfähigkeit (siehe Bild – zum vergrößern bitte anklicken).

Die Wissenschaft spricht daher auch bereits von einem „boundary object„, das bedeutet, dass man immer hinterfragen sollte, was damit genau gemeint ist. Denn ansonsten kann man schnell aneinander vorbeireden. Daher erfolgt hier auch eine breitere Betrachtung und Einordnung.

 

Vortrag von Harald Katzmair, FASresearch, zu Resilienz und Anpassung (40:32‘ – 47:30‘) 

Damit wird klar, dass Resilienz mit Lebendigkeit und lernen zu tun hat, was für technische Systeme wohl kaum zutreffend ist. Denn lernen können nur Menschen bzw. Organismen. Technische Systeme können robust gestaltet werden und damit die Resilienz von Menschen unterstützen. Robustheit bezeichnet nämlich die Fähigkeit eines Systems, Veränderungen ohne Anpassung seiner anfänglich stabilen Struktur standzuhalten [Quelle: Wikipedia]. Eine scharfe Trennung erscheint dennoch wenig sinnvoll, da wiederum sowohl-als-auch gilt. 

Eine Unterscheidung ist auch insofern nützlich, als damit die Dinge klarer angesprochen werden können. Denn eine Gesellschaft kann nur resilient sein/werden, wenn das Individuum bereit ist, einen Beitrag zu leisten. Dies ist besonders gut beim Thema Blackout zu beobachten. Zum anderen erfordert „Lernen“ auch die Fähigkeit, überholte Dinge über Bord zu werfen bzw. zu vergessen. Hier tun wir uns oft besonders schwer. Gerade in Zeiten von Umbrüchen, wie wir sie derzeit erleben. Warum soll man auch auf etwas verzichten, dass bisher erfolgreich war und funktioniert hat? Ganz einfach. Weil sich möglicherweise die Rahmenbedingungen so geändert haben, dass das nicht mehr stimmt. 

Herbert Saurugg

„Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Systems (einer Person, Organisation oder Gesellschaft)
mit Störungen und Veränderungen konstruktiv umzugehen.“

Resilienz, United Nations International Strategy for Disater Reduction, UNISDR 2009

„Resilienz ist die Fähigkeit eines Systems, einer Gemeinschaft oder einer Gesellschaft, welche(s) Gefahren ausgesetzt ist, deren Folgen zeitgerecht und wirkungsvoll zu bewältigen, mit ihnen umzugehen, sich ihnen anzupassen und sich von ihnen zu erholen, auch durch Bewahrung und Wiederherstellung seiner bzw. ihrer Grundstrukturen und Funktionen“

Es geht dabei primär nicht um die Verhinderung von Störungen oder die Bewahrung von bisher erfolgreichem, sondern um die Fähigkeit, etwa durch Anpassung, Flexibilität, Redundanzen oder Selbstorganisation, auch unter oder nach Störungseinflüssen rasch wieder eine dynamische Stabilität herzustellen. Störungen oder Veränderungen werden dabei als Chance für die Weiterentwicklung gesehen und genutzt, um zukünftig noch besser auf die nächste (unbekannte) Störung oder Veränderung reagieren zu können („lernen!“). Resilienz erfordert daher eine Lern- und besonders eine Antizipationsbereitschaft. 

Resilienz versus Widerstandsfähigkeit

Diese beiden nachfolgenden Bilder verdeutlichen den wesentlichen Unterschied zwischen Resilienz und Widerstandsfähigkeit. Resilienz bedeutet, dass trotz der Zerstörung (Waldbrand) ein Wiederbeginn möglich ist. Der Samen war ausreichend widerstandsfähig, um die hohen Temperaturen auszuhalten bzw. wurde er vielleicht auch von extern eingetragen. Es geht weiter. Der Leuchtturm ist ausreichend widerstandsfähig, um den Sturmwellen Stand zu halten. Er ist deshalb aber noch nicht resilient. Er kann sich nicht anpassen. Sollte er zerstört werden, muss er neu aufgebaut werden. Aber er kann das nicht von sich aus. Das ist der wesentliche Unterschied zu Resilienz, bzw. warum die Betrachtung von Widerstandsfähigkeit beim Thema Resilienz zu kurz greift. Es geht vor allem um die Fähigkeit, nach Störungen weiterzuwirken. 

Resilienz versus Schutz

Resilienz bedeutet auch deutlich mehr als der vorherrschende Begriff „Schutz“ („Bevölkerungs- oder Katastrophenschutz“), wo wiederum versucht wird, Störungen zu verhindern bzw. diese beim Eintritt rasch durch professionelle Hilfe zu „bekämpfen“. Etwa bei und nach Hochwässern. Der Status quo wird erhalten, welcher dann oft durch Schutzdammbauten abgesichert wird. Eine Hinterfragung der Ursachen erfolgt eher selten. Daher eher ein starrer und nicht sehr nachhaltiger Ansatz. 

Resilienz hingegen soll im Störungsfall eine Aufrechterhaltung von wesentlichen (Grund-)Funktionen bzw. die rasche Anpassung an die neuen Rahmenbedingungen ermöglichen. Dazu gehört auch eine Weiterentwicklung und das Hinterfragen des Status quo. Siehe hierzu auch den Beitrag  Das Unerwartete managen. Wie immer gilt natürlich auch hier ein sowohl-als-auch. Es kommt auf den Kontext an.

Gerade im Hinblick auf die zu erwartenden fundamentalen Veränderungen im Rahmen der Transformation von der Industrie- zur Netzwerkgesellschaft werden wir sehr gefordert werden. Aussagen wie Menschheit steht vor dem grössten Umbruch seit der industriellen Revolution oder Die nächsten 20 Jahre werden mehr Veränderung bringen, als die letzten 100 Jahre unterstreichen dies. Daher wird nicht das Bewahren und Verharren, sondern nur eine rasche Anpassung erfolgreich sein. Moderne Gesellschaften wie unsere, die nun eine lange stabile Phase hinter sich und ein sehr hohes Wohlstandsniveau erreicht haben, tun sich mit Veränderungen und Anpassungen jedoch meist besonders schwer. Aber wie die Natur schon immer gezeigt hat, ist eine Weiterentwicklung nur durch Anpassung und Neuerfindung möglich, der Rest wird zu „stummen Zeugen“ (Nassim Taleb, Der Schwarze Schwan). Das wird wohl auch diesmal nicht anders kommen.

 

 

Anpassungszyklen

Leben verläuft zyklisch. Eine sehr anschauliche Darstellung wurde durch Simon Kneebone für Ika Darnhofer von der BOKU Wien erstellt.  Ika Darnhofer beschäftigt sich etwa mit Resilienz in der Landwirtschaft (Projekt: rethink – Farm modernisation and rural resilience) und zeigt damit auch die Universalität des Begriffes auf.

Die Jahreszeiten stellen auch einen sehr anschaulichen Zyklus dar. 

Auch die vom österreichisch/amerikanischen Ökonomen Joseph Schumpeter beschriebene „Schöpferische Zerstörung“ beschreibt diesen Zyklus:

Jede ökonomische Entwicklung (im Sinne von nicht bloß quantitativer Entwicklung) baut auf dem Prozess der schöpferischen bzw. kreativen Zerstörung auf. Durch eine Neukombination von Produktionsfaktoren, die sich erfolgreich durchsetzt, werden alte Strukturen verdrängt und schließlich zerstört. Die Zerstörung ist also notwendig − und nicht etwa ein Systemfehler −, damit Neuordnung stattfinden kann.

In diesen Anpassungszyklen sind auch die s-förmigen Wachstumsphasen wieder zuerkennen. 

Aber auch in vielen anderen Bereichen kann man diese zyklischen Entwicklungen beobachten. Vieles deutet darauf hin, dass wir uns derzeit im Tal eines neuen Zykluses – dem 6. Kondratieff-Zykluses – befinden. Aber auch, dass die Entwicklung der Netzwerkgesellschaft nun den exponentiellen Ast erreicht hat und nun eine Transformation in hoher Geschwindigkeit und Dynamik eingeleitet wird.

Wachstumsphase

„Frühling/Sommer“

Absturzphase

Herbst

Erkundungsphase

„Winter“

Re-organisationsphase

„Winter/Frühling“

Sicherheit versus Robustheit

Im Gegensatz zur Sicherheits- bzw. Risikobetrachtung erfolgt die Resilienzbetrachtung unabhängig vom Szenario und ermöglich so einen besseren Umgang mit Unsicherheiten. Dabei stehen vor allem die möglichen Konsequenzen im Vordergrund. In Zeiten von zunehmenden Unsicherheiten (siehe etwa auch VUCA) ist ein komplementäres Robustheits- bzw. Resilienzdenken erforderlich. Das bisher vorwiegende und in stabilen Zeiten auch sehr erfolgreiche Sicherheits- bzw. Risikodenken reicht alleine nicht mehr aus, um mit den Auswirkungen von systemischen Risiken sinnvoll umgehen zu können. Aber auch hier gilt wiederum ein „sowohl-als-auch-Denken„: Es wird auch weiterhin Bereiche geben, wo das bisherige lineare, monokausale Denken ausreicht und erfolgreich ist. Die Kunst besteht nun darin, zu erkennen, wo das jeweilige Konzept anzuwenden ist.