Das europäische Stromversorgungsystem

Für viele Menschen kommt der Strom ganz selbstverständlich aus der Steckdose. Selten sind die dahinterliegenden Zusammenhänge bekannt. Hinter unserer sehr hohen Versorgungssicherheit steckt nämlich nicht nur ein nationales, sondern ein europäisches Verbundsystem, das nur im Gesamten sicher funktioniert. Dieses wurde für einfach berechenbare und steuerbare Großkraftwerke errichtet und bisher sehr erfolgreich betrieben. In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich jedoch viele Rahmenbedingungen erheblich geändert. So etwa der Kraftwerkspark. Nur in Deutschland alleine ist die Anzahl der Erzeugungsanlagen in den letzten 20 Jahren von rund 1.000 auf über 1,7 Millionen Anlagen angestiegen. Damit verändert sich nicht nur die Erzeugungscharakteristik, sondern auch das Systemverhalten. Denn die vielen neuen Anlagen müssen auch vernetzt und eingebunden werden, was wiederum die Komplexität des Gesamtsystems verändert. 

Fragiles Gleichgewicht

Grafik: Swissgrid

Ein Stromversorgungssystem auf Basis von Wechselstrom funktioniert nur, wenn eine permanente Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch sichergestellt werden kann. Ansonsten kollabiert das System. Der rasche Ausbau von dezentralen bzw. volatilen Erzeugungsanlagen wurde lange unterschätzt, da diese lange im Rauschen des Großsystems untergegangen sind. Mittlerweile wurde jedoch ein Leistungsniveau erreicht, das systemrelevant ist bzw. auch systemgefährdent sein kann. Volatil bedeutet dabei, dass aufgrund des Wind- bzw. Sonnendargebotes die Produktion schwankt und dass die Systemstabilität durch entsprechende Ausgleichsmaßnahmen durch andere Kraftwerke sichergestellt werden muss. Die Netzsteuerung wird daher seit Jahren anspruchsvoller und teurer, da zunehmend mehr Maßnahmen zur Netzstabilisierung erforderlich sind (siehe Auswertung Redispatching & Intradaystops).

Ursprünglich sinnvolle regulatorische Maßnahmen, wie etwa die bevorzugte Einspeisung von erneuerbaren Energien (EE), führen aber heute immer häufiger zu kritischen „Stresssituationen“ im Gesamtsystem. Hinzu kommen auch fehlende oder verzögerte Infrastrukturausbaumaßnahmen (Netzausbau), um den Strom auch dorthin bringen zu können, wo er benötigt wird. Denn die „dezentrale“ Erzeugung ist häufig gar nicht so dezentral bzw. lokal, wie man das meine möchte. Besonders die Windkraftanlagen sind sehr konzentriert und besonders in Deutschland fernab der großen Verbraucherzentren. Eine andere regulatorische Maßnahmen, nämlich das sich PV-Anlagen bei einer Frequenz von über 50,2 Hertz vom Netz trennen müssen, wurde regulatorisch wieder aufgehoben. Ob die Maßnahmen wirklich ausreichen, wird die Realität zeigen. Es ist aber sehr zu bezweifeln, da es sich nicht nur um ein deutsches, sondern gesamteuropäisches Problem handelt. Siehe weiterführend: Das 50,2 Hertz-Problem

Nach einem Blackout („Schwarzfall“):  Netzwiederaufbau

Ein Blackout wird in der Fachwelt als Großstörung bzw. Schwarzfall bezeichnet. Dabei sind nicht nur die Leitungen, sondern auch die Kraftwerke stromlos. Diese schalten sich ab einer gewissen Frequenzabweichung zum Eigenschutz vor Zerstörung ab. Ein nicht speziell für diesen Fall vorbereitetes „schwarzstartfähiges“ Kraftwerk kann nicht mehr von selbst aus hochfahren, sondern benötigt für den Start wieder eine Frequenzvorgabe von 50 Hertz durch das Stromnetz. Ein solches Kraftwerk muss darüber hinaus für den Inselbetrieb ausgelegt sein und Lastzuschaltungen in ausreichend großen Sprüngen verkraften können.

In Österreich gibt es offiziell zwei (1,5 GW), in der Schweiz vier und in Deutschland 120 (9,7 GW)  schwarzstartfähige Kraftwerke. In Österreich gibt es jedoch aus der Vergangenheit noch einige weitere dezentrale, kleinere schwarzstartfähige Kraftwerke, in der Regel Wasser- bzw. Speicherkraftwerke. Gerade Pumpspeicherkraftwerke haben eine sehr hohe Leistungsfähigkeit, was auch erklärt, warum in Österreich nur 2 und in Deutschland 120 Kraftwerke vorgehalten werden, während bei der Leistung nur ein 6,4-facher Unterschied besteht.

 Ein Schwarzstart ist keine rein technische Herausforderung. Vielmehr sind auch organisatorische und personelle Voraussetzungen für das Gelingen ausschlaggebend. Daher ist auch ein koordinierter Schwarzstart mit 120 Kraftwerken wesentlich aufwendiger und fehleranfälliger, als etwa mit 2 Kraftwerken. Gerade beim Zusammenschalten der Teilnetze können Fehler auftreten, die zum erneuten Kollaps des bereits wieder funktionierenden und verbundenen Netzgebietes führen können. Siehe dazu auch Stromkollaps im Extremwinter:

Der tägliche Stromnetzbetrieb und ein Schwarzstart lässt sich mit dem Fliegen vergleichen. Der tägliche Betrieb gleicht einem Flug. Manchmal kommt es zu Turbulenzen, dann muss der Pilot eingreifen. Ansonst kann auch der Autopilot fliegen. Der Start eines Flugzeuges braucht jedoch besondere Aufmerksamkeit und Fähigkeiten. So ist das auch bei einem Schwarzstart. Dieser kann jedoch nur am Simulator trainiert werden. Zum anderen sind dann nicht nur zwei Piloten für ein paar Minuten am Steuer, sondern viele und das über viele Stunden oder sogar Tage. Das wird also kein Spaziergang, auch wenn sich die Netzbetreiber sorgfältig auf den Tag X vorbereiten.

EU-Energiepolitik

Auf EU-Ebene wird mit großer Vehemenz ein gemeinsamer Strommarkt verfolgt, wo überall die selben Marktbedingungen herrschen sollen, Das hat aber wenig mit den infrastrukturellen Voraussetzungen zu tun, die nie dafür ausgelegt wurden. Daher trennt man auch den Strom-Markt und das Strom-Netz im Denken („Energy-only-Market“). Die Physik kann man aber nicht mit Marktregeln übertrumpfen. Ganz im Gegenteil. 

Zum anderen macht jedes Land eine eigene Energiepolitik und Energiewende. In unterschiedlichen Richtungen. Während die einen an der Atom- oder Kohlestrompolitik festhalten, oder diese sogar ausbauen wollen, wollen die anderen möglichst rasch auf erneuerbare Energien umsteigen. Dadurch prallen Denkwelten, aber auch dogmatisch verklärte Ansätze aufeinander. Ab 1. Oktober 2018 kommt auch noch ein auf komplexen Algorithmen passierender europäischer Marktplatz hinzu. 

Das generelle Mantra lautet, der Markt wird sich das schon regeln. Nur ein freier Markt bedingt, dass Teilnehmer scheitern können müssen, was im Stromversorgungssystem gefährlich werden kann. Infrastrukturprojekte benötigen oft eine jahrelange Vorlaufzeit und sind häufig auf Jahrzehnte ausgelegt. Das Widerspricht dem marktorientierten kurzfristigen Gewinnstreben. Aktuelle grundsätzlich begrüßenswerte Überlegungen Kohlekraftwerke zu schließen. übersehen häufig, dass diese mit den rotierenden Massen auch essentielle Systemdienstleistungen in Form von Momentanreserven liefern. So tun sich hier insgesamt mehrere dunkle Wolken auf. 

Das Stromnetz heute und in Zukunft

Das Video des deutschen Forschungsprojektes „KombiKraftwerk2“ beschreibt sehr anschaulich die Zusammenhänge und Herausforderungen. Das Projekt kommt unter anderem zum Schluss:

 

Für das Ziel Energiewende müssen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch einige politische, wirtschaftliche und technische Anstrengungen unternommen werden. Die Herausforderungen zum Erhalt der Netzstabilität, die der Wandel der Stromversorgung aufwirft, sind dabei weniger in den erneuerbaren Energien zu suchen, da diese die technischen Anforderungen zur Netzstabilisierung prinzipiell erfüllen. Vielmehr erfordert die neuartige Struktur der künftigen Stromerzeugung und -verteilung ein Umdenken bei der Organisation des Systems. Dabei geht es um eine Systemtransformation, die die fluktuierend einspeisenden Wind- und PV-Anlagen als tragende Säule der Stromversorgung in den Mittelpunkt stellt. Flexible Biomasseanlagen (Biogas und feste Biomasse) und Biomethananlagen sowie Speicher sind hierbei ein wesentlicher Bestandteil des Energiesystems und tragen zur gesicherten Leistung bei. Ohne einen entsprechend angepassten Ausbau des Netzes mit all seinen Komponenten, einer Anpassung der Regularien und Märkte wird der Wandel der Stromversorgung nicht gelingen. Als Lohn für diese Anstrengungen winkt eine moderne, saubere und stabile Stromversorgung.

Eine kritische und systemische Betrachtung

Bei einer systemischen Betrachtung ist rasch festzustellen, dass bei der „Energiewende“ wie sie derzeit betrieben wird, systemische Aspekte offensichtlich viel zu kurz kommen. Denn ein System ist mehr als die Summe der Einzelelemente. Entscheidend sind die „unsichtbaren Fäden“ zwischen den Systemelementen. Etwa Leitungen zwischen den Erzeugungsanlagen und den Energienutzern („Verbrauchern“), Speicher- und Puffersysteme (Energiebevorratung), um die Volatilität der volatilen Erzeugung ausgleichen zu können. Die Netzsteuerung, die in einem komplexen dezentralisiertem System anders aussehen muss, als im bisher zentralisierten hierarchischen System. Zusätzlich müssen große Zeithorizonte, von Millisekunden (Schutz), über Sekunden/Minuten (Netzregelung bzw. Ersatz der rotierenden Massen), Energiebilanz (Stunden/Tage/Wochen) bis hin zur Nachhaltigkeit (Jahre/Jahrzehnte) berücksichtigt werden. All das wird beim derzeitigen Markt- und Preisfokus kaum berücksichtigt. Hören Sie dazu auch einen Auszug aus dem SRF-Blackout-Thementag: Tag 6: Keine Normalität in Sicht – Stromhändler und Netzoperator:

Mit der steigenden Anzahl von Systemelementen nehmen auch die Wechselwirkungen in diesem System zu. Und zwar exponentiell. Entwicklungen, mit denen wir nachweislich schlecht umgehen können. Die Steuerbarkeit des Systems sinkt. Unsere bisherigen Mechanismen greifen immer schlechter und die Gefahr eines System­kollapses steigt. Dem kann nur durch ein entsprechendes lebensfähiges Systemdesign (Energiezellensystem) begegnet werden, was bisher weitgehend fehlt oder erst in Ansätzen passiert.

Die große Hoffnung liegt aktuell noch  in „Smarten“-Technologien, wobei die bisherigen Ansätze eher in eine Sackgasse weisen, als zur Lösung beitragen werden (siehe etwa dazu: Das Smart Grid im Zeitalter des Cyberwar. Die unreflektierte Vernetzung im IT-Bereich hat bisher zu immer mehr ungelösten und immer schwieriger beherrschbaren Problemen geführt. Auch wenn sich die bisherigen Probleme vorwiegend im virtuellen Raum abspielen, gibt es bereits enorme finanzielle Folgeschäden in der Realwelt. Nicht auszudenken, was passiert, wenn diese Entwicklungen auf den Infra­struktursektor überspringen und es zu Ausfällen in der Verfügbarkeit von vernetzten Infrastruktursystemen kommt, wie bereits 2015 in der Ukraine. Intelligente Technologien werden sicher einen Beitrag zur Energiewende leisten müssen. Die der­zeitigen Konzepte sollten aber aus systemischer Sicht kritischer hinterfragt werden. Denn durch Vernetzung steigt die Komplexität, was zu einem veränderten und nicht in unserem bisherigen Sinne steuerbaren Systemverhalten führt.

Hintergrundinformationen

  • Für den Bau eines neuen Gaskraftwerkes veranschlagen Experten rund acht Jahre.