Die Netzwerkgesellschaft

Mit der Entwicklung von Computern wurde in den 1950er Jahren eine fundamentale gesellschaftliche Transformation eingeleitet, was uns selten bewusst ist. Wie alle Entwicklungen verläuft diese s-förmig. Das bedeutet, zu beginn sehr langsam und flach. Mit der massiven Verbreitung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ab den 1990er Jahren wurde die exponentiell ansteigende Entwicklungsphase erreicht, in der wir uns nach wie vor befinden. IKT ist die Basistechnologie des 5. Kondratieff-Zykluses. 

Kondratieff-Zyklen

Mit den Kondratieff-Zyklen werden zyklische Wirtschaftsentwicklungen in der Dauer von rund 40-60 Jahren in der bisherigen Industriegesellschaft beschrieben. Im jeweiligen Zyklus war eine entsprechende Basistechnologie/-innovation für die Entwicklungen und das Wachstum ausschlaggebend. Demnach befinden wir uns aktuell am beginnenden 6. Zyklus, also in einer Umbruchphase. Ob sich diese zyklische Entwicklung in der aktuellen Transformation von der Industrie- zur Netzwerkgesellschaft wirklich fortschreiben lässt, wird sich erst in einigen Jahren herausstellen. Bislang machen wir das, was wir immer machen: Wir (unser Gehirn) vervollständigen Muster!

Extremes Wachstum in sehr kurzer Zeit

Um die Folgen der Vernetzung an einem anderen Beispiel zu verdeutlichen nützt eine Betrachtung der Zunahmen der Rechnerleistung in den letzten 40 Jahren. Hier sprechen wir von einem Faktor ~4 Millionen.

Noch viel extremer ist dieser Faktor bei der Datenübertragung. Hier sprechen wir bereits von einem Faktor 10 hoch 11, was für die meisten Menschen einfach nicht mehr greifbar ist. Dass das an uns nicht spurlos vorübergehen kann, ist nachvollziehbar. 

Ganz abgesehen von den Schätzungen die es zu den Datenzuwachsraten gibt. Hier soll sich die Datenmenge in der Welt spätestens alle zwei Jahre jeweils verdoppeln, also exponentiell ansteigen. Ob dabei auch das Naturgesetz des s-förmigen Wachstums berücksichtigt wird, wird erst die Zukunft zeigen. Bis dahin werden wir uns eher mit der linearen Fortschreibung der exponentiellen Phase begnügen.

Die Transformation von der Industrie- zur Netzwerkgesellschaft

In der bisherigen Menschheitsgeschichte lassen sich drei fundamentale Gesellschaftsformen zuordnen, welche unabhängig von der Region, Religion oder sonstigen Kategorien darstellbar ist. Wie immer handelt es sich hier auch um eine Modellannahme mit Unschärfen. Aber dieses Modell kann dabei helfen, gewisse Entwicklungen besser zu verstehen und auch die damit verbundenen Chancen besser zu nutzen. 

Gleichzeitig verursachen Phasenübergänge wie die aktuelle Transformation auch immer massive Umbrüche und gesellschaftliche Umbrüche. Ganz entscheidend ist natürlich auch, dass die Zukunft nicht vorgegeben ist, sondern von uns gestaltet werden muss. In welche Richtung auch immer, wenngleich gewisse treibende Kräfte, wie zum Beispiel die Vernetzung und die damit verbundenen Folgen (siehe Komplexität) kaum aufzuhalten sind. Daher hilft ein solches Modell auch dabei, unnötige Reibungsverluste zu erkennen und zu minimieren.  

Netzwerkgesellschaft: Häufig auch als Informations- oder Wissensgesellschaft bezeichnet. Weitere Bezeichnungen: Transformation 21 (Fredmund Malik), Zweite Moderne (Ulrich Beck), The Third Wave (Alvin Toffler) (siehe Literaturliste), „Digitalisierung“, u. a. Entscheidend ist nicht so sehr das Wissen, dass eine immer kürzere Halbwertszeit aufweist, sonder die Vernetzung dieses, um einen Mehrwert zu erzielen. Also die Kooperation und Vernetzung über bisherige Systemgrenzen hinaus.

Während die Industriegesellschaft durch

  • Standardisierung,
  • Synchronisierung,
  • Zentralisierung (hierarchische Strukturen) oder durch
  • Konzentration (Massenheere, Massenmedien, Massenproduktion, Arbeit in der Fabrik)

gekennzeichnet ist, wird die nun sich etablierende Netzwerkgesellschaft durch genau gegenteilige Kennzeichen charakterisiert. Es kommt zu einer

  • Individualisierung (Produkte, Lebensweise),
  • zur Autokoordinierung (über/durch das Internet, ad-hoc Vernetzungen),
  • zur Dezentralisierung (Energiebereitstellung, bzw. verlieren Nationalstaaten ihre Bedeutung) und
  • zur dynamischen Vernetzung statt Konzentration, was wiederum hierarchische Strukturen in Frage stellt.

Die Netzwerkgesellschaft etabliert sich neben der Agrar- und Industriegesellschaft als dritte wesentliche Gesellschaftsform. Unabhängig von der jeweiligen religiösen oder wirtschaftlichen Weltanschauung.

Erwartbare Turbulenzen

Der Transformationsprozess von der Agrar- zur Industriegesellschaft, zwischen ca. 1650 und 1750, ist nicht reibungsfrei verlaufen und hat so manches bis dahin gültige Weltbild über den Haufen geworfen. Ähnliche Turbulenzen zeichnen sich auch heute ab. Dabei wird die bisherige Agrar- und Industriegesellschaft nicht vollständig durch die Netzwerkgesellschaft abgelöst, sondern sie entwickelt sich parallel dazu, was zusätzliche Herausforderungen schafft. Konflikte haben daher häufig mit den damit verbundenen unterschiedlichen Wertemustern und Denkweisen zu tun und weniger mit den häufig vorgeschobenen Motiven, wie etwa religiöser Art.

 

Bemerkenswert ist, dass sich die abzeichnenden Lösungen und Denkweisen der Netzwerkgesellschaft viel stärker mit der Agrar- als mit der Industriegesellschaft decken, was auch mit der vorherrschenden Energienutzung zu tun hat. Die Industriegesellschaft war durch das fossile Zeitalter geprägt, was absehrbar noch weitreichende Nachwirkungen haben wird, wie etwa durch den Klimawandel. Darüber hinaus zeichnet sich ab, dass Lösungen der Netzwerkgesellschaft, beispielsweise dezentrale Energieversorgungssysteme oder Produktionsmethoden, auch zu einer positiven Weiterentwicklung in der Agrargesellschaft, etwa in entlegenen Regionen, beitragen können. Damit könnten auch wichtige sicherheitspolitische Ziele, wie die Stabilisierung vor Ort, gefördert und unterstützt werden. Wenn ein würdiges Leben vor Ort möglich ist, sinkt der Migrationsdruck bzw. das Konfliktpotential. Die durch die Industriegesellschaft geschaffenen Chancenungleichheiten oder Ressourcenprobleme könnten damit wieder reduziert werden. Auch das Ende des vorherrschenden Wachstumsparadigmas zeichnet sich damit ab, auch wenn das für viele noch unvorstellbar scheint. Aber auf einer Welt mit begrenzten Ressourcen wirkt dieses selbstzerstörerisch (siehe etwa Die nächsten 20 Jahre werden mehr Veränderung bringen, als die letzten 100 Jahre). Die wesentliche Frage ist, ob wir eine Abkehr ohne einer „Schöpferischen Zerstörung“ schaffen.

Aus dieser Perspektive erscheinen so manche Widersprüchlichkeiten und aktuelle Entwicklungen in einem anderen Licht. Etwa die Auflösung der häufig künstlich geschaffenen Nationalstaaten im arabischen Raum, oder, dass es durch eine dezentrale Energieversorgung zu massiven Machtverschiebungen kommt, die von den etablierten und konzentrierten/zentralisierten Machthabern wahrscheinlich nicht ohne weiteres hingenommen werden. Natürlich berücksichtigt das hier dargestellte einfache Ursache-Wirkungsmodell viele Aspekte nicht, die auch noch eine Rolle spielen.

Es gibt verschiedene Modelle, die aus der Vergangenheit zyklische Entwicklungen ableiten bzw. beschreiben. Gemein ist ihnen, dass sie eine große Umbruchphase für diese Dekade prognostizieren. Die Anzeichen für größere Umbrüche sind bereits deutlich wahrnehmbar und betreffen nicht nur die politische Dimension. Auch die voranschreitende Automatisierung gehört dazu. Sie wird unsere Arbeitswelt in absehbarer Zeit massiv verändern. Die tatsächliche Tragweite all dieser Veränderungen wird uns aber wohl erst im Nachhinein bewusst werden. 

Die Netzwerkgesellschaft und Krisenmanagement 2.0

Masterarbeit von Herbert Saurugg, 2013